Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-01-02 · Heft 107 (2.1.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 107 (2.1.1930)
Date
1930-01-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053860--1468-3056822
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sefte 6 DIE STIMME Nf. 107 Der 9. tschechoslowakische Zionistentag Am 25. Dezember wurde in Brünn unter Beteiligung von 222 Delegierten aus allen Teilen der tschechoslowakischen Republik der 9. tschechoslowakische Zionlstentag eröffnet. Von den 222 Delegiertenmandaten, die verifiziert wurden, entfielen auf die allgemeinen Zionisten 95, auf die Arbeitsgemeinschaft zionistisch-sozialistischer Gruppen (Hitachduth, Hapoel Hazair, Jugendgruppen und Chaluzverband) 55, auf die Revisionisten 39 und auf die Radi kalen 29. An den Beratungen nahm offiziell ein Vertreter des Sonderverbandes «Poale Zion» teil. In seiner Begrüßungsrede wies der Vorsitzende des Landesverbandes, Dr. R u f e i s e n, darauf hin, daß am gleichen Tage in einer Reihe von Nachbarstaaten Tagungen zusammentreten, da die Ereignisse in Palästina dies notwendig machten. In der tschechoslowakischen Republik komme hinzu noch die Frage der landespoiitischen Probleme. Es wurden Telegramme der Exekutive aus London und der beiden Abgeordneten Dr. Singer und Dr. Reisz verlesen. Zum Präsidenten des Zionistentages wird Dr. S. B i r nstein gewählt, zu Vizevorsitzenden Dr. Leo S z ip e s und Dr. Paul März. Im Namen der Keren-Kajemeth-Landeskommission schlägt Ing. Aschermann vor, der Zionistentag möge beschließen, den Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, T. G. Masaryk, anläßlich seines 80. Geburtstages in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds einzutragen. Die Delegierten erheben sich von ihren Sitzen. An den Staatspräsidenten wird das nachfolgende Telegramm gesandt: «Der 9. tschechoslowakische Zionistentag hat am Beginne seiner Beratungen einstimmig beschlossen, Ihnen, Herr Präsident, seine Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig beschloß er, zum Zeichen der großen Verehrung der Zionisten und aller Juden unseres Staates und der Welt für Sie aus dem Anlaß Ihres bevorstehenden 80. Geburtstages einen Wald auf Ihren Namen in Erez Israel zu pflanzen. Wir bitten Sie, sehr verehrter Herr Präsident, diesen Ausdruck unserer aufrichtigen Ergebenheit zur Kenntnis zu nehmen. Präsidium.» Dr. Franz Kahn (Mähr.-Ostrau) erstattet den Bericht des geschäftsführenden Ausschusses. Referent berichtet über die Wirkung der Agency bei der Durchführung der Hilfsaktion und dankt den beiden nichtziomstischen Mitgliedern des Council in der tschechoslowakischen Republik, Dr. Josef Popper und Ing, Arnim Weiner, für ihre Mitarbeit. Fritz Fränkel erstattete den Bericht der Zentralen Flnanzkommission zur Ergänzung des den Delegierten vorgelegten Materials, Direktor Kurt E i s n e r den Bericht des Tarbuth-Komitees, Frau Musil den Bericht über Frauenarbeit und Keren Kajemeth. Nach diesen Berichten wurde die Generaldebatte eröffnet, m der hauptsächlich das Problem der Tarbuth-Arbeit und der Landespolitik erörtert wurde. Hierauf wurde die Generaldebatte unterbrochen und Dr. Emil Margulies erstattete sein Referat über Landespolitik und Zionismus. Er erklärte in seinem Referat nach einer Bejahung der Notwendigkeit der GaluthpoMtik, die der Palästinarbeit gleichgestellt sein müsse, daß die Zeit der Notstandsmaßnahmen m.politisch er. Hinsicht vorüber sei und eine Trennung zionistischer vom politischer Arbeit in gewissen Normen durchgeführt werden müsse. Dr. Josef Rufeisen erstattete ein Spezialreferat über die Frage der organisatorischen Loslösung der landespolitischen von der zionistischen Arbeit Nach der Wahl von sechs Kommissionen und nach einer Auseinandersetzung über die weltpolitische Lage im Zionismus wurde che Sitzung geschlossen. In der Nachmdftagssitzung vom 26. Dezember wurde nach dem Bericht der Kommissionen und nach der Wahl der neuen Exekutive, an deren Spitze der vorjährige Vorsitzende des tschechoslowakischen Landesverbandes, Dr. Josef R u f e i s e n, steht, geschlossen. Ein von den Revisionisten eingebrachtei Antrag gegen den Britli Schalom und seine Tätigkeit wurde mit den Stimmen der Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Zionisten und der allgemeinen Zionisten von der Tagesordnung abgesetzt. Eine von den Revisionisten ei-ngebrachte Resolution, welche feststellt, daß da« Endziel des Zionismus im Herzischen Sinne die Schaffung einer jüdischen Mehrheit in Palästina sei und daß die zionistische Bewegung am Baseler Programm, an der Balfour-Deklaration und am unverkürzten Mandat festhalte, wurde dagegen einstimmig angenommen. Ein Mißtrauensantrag gegen die Exekutive von seiten der Opposition wurde abgelehnt, dagegen wurde im Gegensatz zu früheren Zionistentagen kein Vertrauensantrag gestellt. Abgelehnt wurde ferner ein Antrag auf Einberufung eines außerordentlichen Kongresses. Großen Lärm verursachte ein von den Unken Parteien nach der Abstimmung des Mißtrauensantrages gegen die Londoner Exekutive eingebrachter Antrag, der revisionistischen Partei wegen ihrer Haltung das Mißtrauen auszu-sprechen. Die vierzig Delegierte Zählende revisionistische Fraktion schickte sich an, den Saal zu verlassen, doch brachte der Vorsitzende den Antrag der linken Gruppen nicht zur Abstimmung. Unter den die Landespolitik betreffenden Resolutionen ist jene hervorzuheben, die feststellt, daß die Landespolitik ein organischer Bestandteil der zionistischen Arbeit sei. Bis zur Konstituierung der Jüdischen Partei, für die als Termin der 31. Dezember 1930 statuiert wurde, führt die Arbeit eine dem Zionistentag verantwortliche politische Reichskommission. Mitglieder der Zionistischen Organisation dürfen keiner anderen als der Jüdischen Partei angehören. (J. T. A.) Eine Zeitung für politische, soziale und kulturelle Angelegenheiten Einziges national-jüdisches Blatt in Ost-Kleinpolen Erscheint in polnischer Sprache und bringt beste und schnellste Nachrichten aus allen Qebleten des jüdischen und des Staatslebens in Polen Größte Verbreitung in Intelligenz-, Handels- und Kaufmannskreisen Redaktion und Administration: Lw<5w, Podwale 3 Fernsprecher 3-22, 27-68 Inseratenaufnahme: Passage Hausmann 3 Fernsprecher 28-16 Täglich reicher ökonomischer Teil und sportliche Rundschau Beilagen: Akademische, literarische, „Chwilka** für die Jugend u. a. Bestes und wirkungsvollstes Insertionsblatt Das neue jüdische Gemeindegesetz in Jugoslawien Von unserem M. A.-Bericliterstatter. Belgrad, Ende Dezember 1929. D*e ganze jugoslawische Judensobaft steht in deu letzten Tagen unter dom tiefen Eindruck der im Gange befindlichen Neuregelung der jüdischen Gemeindegesetzgebung in unserem Staate. Es ist seit langem kein Geheimnis mehr, daß das gegenwärtige Kabinett sogleich bei Uebernalirne der Regierungsgescliilfte' die Absicht hatte, die jüdische Gemeindegesetzgebung im Staate zu vereinhoitliehen mul jene Mängel zu beheben, die geeignet warea, den weiteren Aushau der jüdischen Gemeinden zu verhindern. Ip einer speziellen Kommission wurde unter persönlicher Mitarbeit des Justizministers Doktor Milan Skrsic das Material gesammelt und bearbeitet. Diese Kommission stand auoh im engsten Einvernehmen mit den führenden Persönlichkeiten der jugoslawischen .Judenheit. Am 7. Dezember fand auch unter Teilnahme des Justizministere eine Enquete mit den führenden Vertretern aller jüdischen Richtungen statt, in der noch einzelne.unklare Fragen geregelt wurden. Das neue Gesetz spricht den Juden nicht nur vollkommene Gleichstellung und Gleichberechtigung mit der Staatsreligion und SfcaatsbeVölkerung zu, sondern schafft auch entsprechende Grundlagen für eine geregelte Autonomie der jüdischen Gemeinden in religiöser und national-kultureller Hinsicht. Dieses Gesetz, das vor allem das Verhältnis der Juden zum Staate regelt, stellt ausdrücklich die Verpflichtung des Staates fest, zur Erhaltung der jüdischen Gemeiftden finanzielle Zuschüsse zu leißten. Die Höhe dieser Zuschüsse wird nach dem Prozentverhältnis der jüdischen, zur Gesamtbevölkerung festgelegt. Jeder Jude gehört automatisch der jüdischen Gemeinde seines Wohnortes au. In Zukunft können im Bereiche einer jüdischen Gemeinde keine neuen Separatgemein den gegründet werden. Infolge einiger Widerstände seitens der Führer der Orthodoxen und Sephardim mußten die bereits bestehenden Separatgemeinden unangetastet bleiben. Fs Ist traurig, daß die führenden Männer dieser Richtungen für eine Vereinheitlichung der bereits bestehenden Gemeinden nicht gewonnen werden konnten und aus kleinlichen separatistischen Gelüsten auf der Erhaltung der bereits bestehenden Separatgemeinden beh-arrten. Das Gesetz sieht sogar das Recht des Zusammenschlusses dieser Separatgemeinden zu eigenen gleichberechtigten unabhängigen Landesverbänden vor. Für die Zukunft wurde wenigstens weiteren Absplitterungen durch die früher erwähnte Bestimmung, vorgebeugt. An der Spitze sämtlicher Gemeinden steht der jüdische Gemeindebund, der gemeinsam mit einer aus sechs Rabbinern bestehenden Rabbinersynode die Gesamtangelegenheiten des jugoslawischen Judentums autoritativ regelt. (§ 13 bis 20). Besondere Bestimmungen enthält das Gemeindegesetz über den Religionsunterricht, die auch in dem neuen Volkssohulgesetz verankert wurden (§ 21, 22). Demnach ist der jüdische Religionsunterricht obligat. Das jüdische Schulwesen wird ebenfalls geregelt. In einer, ganzen Reihe von Artikeln wird der Aufgabenkreis der Gemeinden umschrieben. Die Separatgemeinden und deren eventuellen Landesverbände müssen dem Gemeindebund angehören. Durch diese Bestimmung wurde wenigstens in der Spitzenorganisation die Einheitlichkeit der jüdischen Gemeinschaft gesichert. Sämtliche finanziellen Beiträge vom Staate und von den j politischen Verwaltungsgemeinden, die in ihrem I Budget ebenfalls ständige Unterstützungen für die jüdischen Gemeinden versehen müssen, werden im Wege des Gemeindebundes erteilt. Alle Institutionen und Organisationen der jüdischen Gemeinden, genießen Steuer- und Portofreiheit. Fallweise kann der Staat die Ausgaben der Gemeinden und der Verbände kontrollieren. Das geistige Oberhaupt der Juden ist der Großrabbiner, der in Belgrad seinen Sitz hat und in seinem Range sowie in seinen Bezügen, die vom Staate gelejstet werden, den christli(5hen Beschöfen gleichgestellt ist. Der Großrabbiner ist der Vorsitzende sowohl der orthodoxen, als auch der neologen Babbinersynode, deren Mitglieder von den Rabbinerversammlungen gewählt werdeu. Dieses Judengesetz hat somit den Status der jüdisohen Gemeinden, der bisher nicht einheitlich geregelt gewesen ist, geordnet und die Grundlagen der jüdisohen Autonomie verankert. Es ist daher kein Wunder, daß das neue Gemeindegesetz, das bereits vom König unterzeichnet wurde, von allen jüdischen Kreisen mit Befriedigung aufgenommen wurde. Man erwartet schon in der allernächsten Zeit die Inangriffnahme der Schaffung des Gemeindebundes, der als Spitzenorganisation die Leitung und Führung der Gesamtjudenheit unseres Staates innehaben wird. Zwischen den Zeilen Zwei Jahre „Stimme“ Am 5. Jänner 1928 erblickte unser Zeitung das Licht der Druckerschwärze-Welt. Nun ist die «Stimme» zwei Jahre alt geworden. MH der heutigen Nummer begeht sie ein kleines, bescheidenes Geburtstagsfest. Mühselig waren die ersten beiden Jahre ihres Lebens. Schwer mußte sie kämpfen, unter Anwendung aller Kräfte mußte sie um Ihr Dasein ringen. Die Tücke des Schicksals hat sich gegen sie verschworen. Anfeindungen und Schwierigkeiten verschiedenster Art mußte sie standhalten. Sie ließ sich nicit besiegen. Sie hat durchgehdien. Sic erfüllte Ihre jüd^clw Fflicht. Sie lebt und entwickelt steh weiter. Und heute — zu Beginn ihres dritten Jahrganges — kann ste hoffnungs und zuvusichtsvoll in die Zukunft blicken. Sie hat Freunde, Gönner, treue Anhänger in den schwersten Tagen ihres Pa:einkampfes um sich zu rcharen gewußt. Ihre Stimme wird in breiten Kreisen der Judenheit unserer Republik und auch im jüdischen Auslande gehört. Und ihre Stimme wird immer stärker. Und sie dringt immer weiter. Sem. Eine Jüdin — russischer Volkskommissar Moskau, (J, A. T.) Zum Volkskommissar für Finanzwesen in Sowjetrußland wurde die Jüdin Wera Jakowlewna ernannt. Landeskonferenz der Poale Zion in Deutschland Berlin, 27. Dezember., (J. T. A.) Am 4. und 5. Jänner 1930 findet ln Berlin die 7. Landeskonferenz der jüdischen Sozialdemokratischen Anbei terorganisation PoaJe-Zion in Deutschland statt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.