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Die Stimme · 1930-01-02 · Heft 107 (2.1.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 107 (2.1.1930)
Date
1930-01-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STTMWE Nr. 107 Das Finale Die letzten Verhandlungstage der Untersuchungskommission Der letzte Tag der öffentlichen Vernehmungen Am 23. Dezember kamen wieder die Massakers 'on Hebron zur Sprache. Der sephardische Rabbiner tebbi Mair Franco sagte aus, daß er und Rabbi Slonim Kardus mitteilten, daß die Jeschiwa von Rovvdies belästigt wurde. Im Kreuzverhör versuchte Silley den Rabbi zu der Aussage zu bringen, daß er kein Zionist sei. Rabbi Franco antwortete: Wir sind alle Zionisten. Dreimal am Tage sprechen wir in unseren Gebeten von Zion und bitten wir um seinen Wiederaufbau. Jossel Kiwes, der frühere Schammasch an der Klagemauer, 70 Jahre alt, ist der erste Zeuge, der seine Aussage in jiddischer Sprache macht. Er bestätigte die Angabe des Vizebürgermeisters von Jerusalem, Chaim Salomon, daß die Juden vor vierzig Jahren vor der Klagemauer ein neues Pflaster gelegt haben, woraus hervorgeht, daß die türkischen Behörden das Pflaster vor der Klagemauer als jüdisch anerkannt haben. Die Untersuchungskommission beendete am heutigen Abend die Einvernahme aller Zeugen, die öffentlich vor ihr aussagen sollten. Zur Feststellung ’er Zeit, zu der das erste Opfer am 23. August in Jerusalem ermordet wurde, und damit zur Entsoheiiung der Frage, ob da-s erste Opfer ein Jude oder ein Araber war, wurden von jüdischer Seite Schwester Schedrowitzki, die Oberschwester des Hadassah- Hospitals, Dr. Eiges vom Rothschild-Spital und Doktor Sternberg vom Regierungsspital als Zeugen geführt. Ihre Aussagen widersprachen der arabischen Version, daß der erste Verlust auf arabischer Seite war. Preedy teilte mit, das Gesundheitsdepartement der Regierung bestreite, von der Hada’ssah die Vorbereitung von Extrabetten verlangt zu haben, woraus hervorgehen sollte, daß auf seiten der Regierung Unruhen erwartet worden wären. Sir Boyd Merriman schlug daraufhin vor, Dr. Lewontin von der Hadassah einzuvernehmen, der das Gegenteil bestätigen wird, falls die Kommission Preedys Mitteilung als richtig annimmt. Als ihren letzten Zeugen führten die Araber nochmals Subhi Bey el Khadra, der über seine Reise nach Safed und Umgebung Anfang August sprach und darauf bestand, daß es sich um eine Ferienreise handelte und daß er mit keinerlei Agitation beschäftigt war. Zwischenfall bei der Schlußrede des zionistischen Anwalts. Am 24. Dezember faßte Sir Boyd Merriman, der Hauptanwalt für die Jewish Agency, den jüdischen Standpunkt vor der Kommission in ausführlicher Rede zusammen. Er sprach siebeneinhalb Stunden. Während seiner Rede wurde er vom liberalen Mitglied der Kommission Hopkins-Morris und vom Versitzenden Sir Walter Shaw mehrfach unterbrochen, als er in scharfen Worten die Vertretung des Regierungsstandpunkt.es durch den Anwalt der Regierung, Kenelm Preedy, angriff. Sir Boyd mußte schließlich seine Rede vorzeitig abbrechen. Es war die längste der bisherigen Sitzungen der Untersuchungskommission, obgleich es Heiliger Abend war. Der Zwischenfall, der von Hopkins-Morris’ Unterbrechung Sir Boyds seinen Ausgang nahm, hat auf die öffentliche Meinung einen außerordentlich peinlichen Eindruck gemacht. Sir Boyd Merriman kündigte an, daß er Preedys Methode der Verteidigung angreifen werde, als er zur Behandlung der Frage kam, warum die verantwortlichen Stellen bei Ausbruch der Unruhen am verhängnisvollen Freitag die Verwendung von Schußwaffen bei der Bekämpfung des Mob in Jerusalem so lange hinausgeschoben haben. An Beispielen aus dem Protokoll des Verhörs zu dieser Frage charakterisiert Sir Boyd die von ihm angegriffene Art des Regierungsai»walts. Nachdem dann Sir Boyd den Hauptpunkt seiner Argumentation, nämlich das Fehlen offizieller Sympathien für die Politik des Jüdischen Nationalheims, auseinandergesetzt hatte, kam er auf die vom Regierungsanwalt angewandte Methode des Kreuzverhörs zu sprechen. Preedys Kreuzverhör der 48 arabischen Zeugen umfaßt im offiziellen stenographischen Protokoll 39 Seiten. Obgleich ihm alle amtlichen Quellen zur Verfügung standen, wußte Preedy keine einzige Frage über die Agitation und Aufreizung von arabischer Seite zu stellen. Demgegenüber war Preedys Verfahren beim Kreuzverhör mit den jüdischen Zeugen geradezu verblüffend. Wo immer ein jüdischer Zeuge mit einem Regierungszeugen in Konflikt geraten war, legte Preedy sein Kreuzverhör darauf an, ihn als Lügner zu entlarven. An dieser Stelle unterbrach Hopkins-Morris Sir Boyd mit der Bemerkung, es sei nicht seine Aufgabe, über die Art der Vertretung der Standpunkte der Parteien zu urteilen. «Aber diese Art der Vertretung», antwortete Sir Boyd erregt, «hatte Rückwirkungen, denn wenn Herr Preedy meint, es sei seine Aufgabe, den Nachweis zu führen, daß jeder Brite hier ein Gegner des Jüdischen Nationalheims sei, dann habe er seine Aufgabe gut durchgeführt.» Hier unterbrach ihn abermals der Vorsitzende Sir Walter Shaw und stellte fest, daß Preedy persönlich nicht angegriffen werden dürfe. Sir Boyd fuhr fort, den großen Widerspruch im Verhalten von Preedy darzustellen, der «,rabische Zeugen über die vitalsten Fragen nicht verhörte, während er die jüdischen Zeugen einem peinlichen Verhör unterzog. Sir Walter Shaw unterbrach wieder. Sir Boyd verließ daraufhin diesen Punkt und beschränkte sich darauf, die Empfehlungen zu wiederholen, welche Sacher im Verlaufe seines Verhörs hinsichtlich der Schritte gemacht hatte, die unternommen werden könnten, um den Ausbruch von Unruhen in Zukunft zu verhindern: Die gegenwärtige arabische Meinung, daß Gewalt eine Aenderung bringen würde, .durch eine andere zu ersetzen; das Mandat dem Buchstaben und dem Geist nach auszuführen; die britischen Beamten über den besonderen Charakter des Palästinamandats entsprechend zu unterrichten. Der Vorsitzende Sir Walter Shaw legte an dieser Stelle Sir Boyd nahe, zur Frage der Vertretung des Regierungsstandpunktes zurückzukehren. Sir Boyd, über die vorangegangene Bemerkung Sir Walters Verärgert, kam nur noch auf das von Preedy und Sacher angestellte Kreuzverhör über die Erweiterung der Jewish Agency zu sprechen, die nach der Unterstellung Preedys die Araber erregt haben sollte, und brach damit seine Rede ab. Sir Boyd Merrinians große Schlußrede. Sir Boyd begann seine Rede, indem er die Befugnisse und Aufgaben in Erinnerung brachte, die der Untersuchungskammssion zugemessen worden sind, nämlich: «die unmittelbaren Ursachen, die zu den letzten Unruhen in Palästina geführt haben, zu untersuchen und die Schritte vorzuschlagen, die notwendig sind, um ihre Wiederholung zu verhindern». Er erinnerte ferner an den Hinweis des Oberrabbiners Kook, daß die Kommission im Lande sei, um zu untersuchen, warum wehrlose Juden getötet worden sind. Es steht außerhalb jeder Diskussion, daß ein arabischer Angriff auf die Juden stattgefunden hat. Das gilt für das ganze Land, außer Vielleicht für Haifa. Hinsichtlich der Frage, wann das erste Opfer in Jerusalem getötet worden ist, vertrat Sir Boyd Merriman den Grundsatz, daß nicht der Zeitpunkt des ersten Mordes von Bedeutung ist, sondern die Aufeinanderfolge der Ereignisse Waren die Ausschreitungen durch einen unmittelbaren Ausbruch der Volksleidenschaft verursacht, oder das Ergebnis systematischer Organisation und Verhetzung? Trifft das letztere zu, dann ist zunächst die Frage nach der Verantwortlichkeit zu stellen. Unter Berufung auf die Aussagen der Polizeibeamten, daß alle Unruhen in diesem Lande auf religiöser Grundlage beruhen, konzentrierte sich Sir Boyd im Fortgang seiner Rede auf die Rolle, die der Großmufti spielte. Er behauptete, das Motiv des Großmufti sei die Absicht gewesen, die Moslems, einschließlich derer, die seine scharfen Gegner sind, organisatorisch zu konsolidieren zu dem Zwecke, um sein Amt zu befestigen. Er stellte* die organisierte Kampagne dar, die vom Großmüfti seit dem Jom Kippur 1928 geführt worden ist und durch die die Klagemauer als mohammedanisches Heiligtum reklamiert und populär gemacht werden sollte. Der Gedanke der Heiligkeit des Pflasters vor der Klagemauer für die Moslems ist neu gestaltet, und mit Gründen gestützt worden, die an den Haaren herbeigezogen sind. Privatrechtlich gehört dieses Pflaster der mohammedanischen Kirche, aber ihr Besitzrecht ist von der Art, daß religiöse Ansprüche ihm voran* gehen. Sir Boyd erinnerte die Kommissioe an die Aussage des Oberrabbi Kook, der zufolge die Wiedererrichtung des Tempels den Juden eine messianische Hoffnung ist und sie den materiellen Besitz des Teippelgebietes nicht erstreben. Er wies alle von mohammedanischer Seite gemaohten Behauptungen, daß die Juden sich in den Besitz des Tempelgebietes setzen wolten, als völlig haltlos zurück und erweckte allgemeine Heiterkeit durch die Bemerkung, daß die Türken nie daran Anstoß genommen haben, daß in englischen Kirchen die Hymne «Jerusalem, mein glücklich Heim,» gesungen wurde. Sir Boyd ging dann das gesamte» durch die Zeugenaussagen gewonnene Bcweismateriai durch und wies eine starke Bewegung der arabischen Agitatoren im ganzen Lande vor Ausbruch der Unruhen nach. Uebergehend zu der Frage der palästinensischarabischen Exekutive legte Sir Boyd nahe, daß ihr Versuch, politische Umstände als unmittelbare Ursachen der Unruhe in den Vordergrund zu schieben, Licht auf ihren eigenen Anteil an den Ereignissen wirft. Sir Boyd verlas dann ein ausgedehntes Verzeichnis von Zeugen aus dem ganzen Lande, durch die bezeugt wird, daß es Aufreizung gegeben hat. Das Memorandum der arabischen Ex, live, mit dem gegen die vom High Commissioner nach seiner Ankunft in Palästina erlassene Proklamation protestiert wurde, ist ein von Anfang bis zu Ende verlogenes Dokument. Alle in ihm enthaltenen Behauptungen über die Haltung der Juden sind von den informierten Beamten kategorisch widerlegt worden. Die arabische Zumutung, daß die zionistischen Führer vorbedacht die Zwischenfälle verursacht haben, um Geld und Sympathien zu werben, ist eine Behauptung, so teuflisch, daß man sie nirgends anderswo als in der Hölle erwarten würde. Im weiteren Verlauf seiner Rede kam Sir Boyd auf die Verantwortlichkeit der Regierung zu sprechen. Nachdem er seine Beschuldigungen gegen Luke persönlich wiederholt hatte, sprach Sir Boyd im einzelnen über die RegierungskommuniqUees und die Kabelberichte an das Kolonialamt während der Unruhen und über die wichtigen Interviews, die Luke erteilt hat und von denen er nun behauptet, daß er sich ihrer nicht mehr erinnere. Die Beschuldigungen gegen die Regierung faßt Sir Boyd in den folgenden fünf Punkten zusammen: 1. Man hat es unterlassen, sich mit der Aufhetzung durch die Presse zu beschäftigen, die im Jänner begann, als die Zeitungen einen heiligen Krieg wegen der Klagemauer propagierten. 2. Man hat, es unterlassen, in einer Regierungserklärung die Behaup hing zurückzu weisen, daß die Juden Angriffe auf islamitische Heiligtümer beabsichtigen. 3. Durch die Bewilligung der Tischa b’Aw- Demonstration an der Klagemauer hat die Regierung die Verantwortung für diese Demonstration auf sich genommen. Durch die Bewilligung der Demonsrtatipn, so führte er aus, war diese der Kompetenz der zionistischen Exekutive entzogen. 4. Den übereinstimmenden Warnungen der jüdischen Repräsentanten an allen Orten des Landes wurde zu wenig Beachtung geschenkt, als alle Berichte einschließlich der hebräischen Presse in der Befürchtung einig waren,, daß am Freitag grauenvolle Dinge geschehen würden; 5. Unter Mißachtung der Warnungen hat die Regierung keine Verstärkungen herangeholt, keinen angemessenen Gebrauch von den verfügbaren Schutzkräften gemacht und ließ das Feuer auf die Angreifer in Jerusalem nicht eröffnen. In Jaffa und Nablus, wo die Truppen feuerten, breiteten sich die Unruhen nicht aus. Eine Kundgebung an die Bevölkerung Palästinas. Nachdem die Anwälte der Zionistischen Exekutive, der arabischen Exekutive und der Regierung den Standpunkt ihrer Parteien zusammenfassend dargestellt haben, und nachdem noch in nichtöffentlicher Sitzung die letzten Zeugen, darunter Dr. Arthur Ruppin einvernommen waren, hat die Untersuchungskommission den ersten Teil ihrer Aufgabe erledigt. Die Mitglieder der Kommission haben bereits ihre Rückreise nach London angetreten. Vor ihrer Abreise erließ die Kommission eine Abschiedskundgebung an die palästinensische Bevölkerung, in der sie zum Ausdruck bringt, daß ihre zu Anfang ihrer Tätigkeit ausgesprochene Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, volle Unterstützung von seiten derjenigen zu finden, die die wahren Ursachen der beklagenswerten Augustereignisse festgestellt zu sehen wünschten. Nach Beendigung des ersten Teiles ihrer Aufgabe, der Untersuchung im Lande selbst, stehe die Kommission nun vor der schwierigeren Aufgabe, die Gründe des Ausbruches zu bestimmen, und ihre Empfehlungen für die Zukunft zu formulieren. Bei der Erfüllung dieses Teiles der Aufgabe werden wir durch den Gedanken ermutigt sein, daß alle, mit denen wir es im Laufe der Untersuchung zu tun hatten, bereitwillig mitgearbeitet haben, und wir werden uns unserer Aufgabe in dem vollen Glauben zuvvanden, daß sie mit der gleichen Bereitwilligkeit an der Ausführung der zukünftigen Politik dieses Laudeis gemäß der Richtlinien mitarbeiten werden, die Seiner Majestät Regierung nach Prüfung unserer Empfehlungen festzulegen sich entschließen wird. XJ. T. Ki

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