Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 107 (2.1.1930)
- Date
- 1930-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«La, -5 DIE STIMME Nf. 10? Delegiertentag der deutschen Zionisten Weizmann lehnt die Politik des Brith-Schalom ah — Berl Katzenelsons Ansprache — Die Haltung der„|tidischen Rundschau“ — Bemerkenswerte Rede Qoldmanns — Mißtrauensvotum gegen Red. Dr. Robert Weitsch abgelehnt. — Blumenfeld wieder gewählt Von unserem Sonderberichterstatter Dr. Israel Taubes Jena, am 29. Dezember 1929. Der von der gesamten zionistischen Öffentlichkeit mit Ungeduld erwartete XXIII. Delegiertentag der deutschen Zionisten wurde heute, 11 Uhr vormittags, in Anwesenheit von 150 Delegierten und einer riesig großen Anzahl von Gästen und Vertretern aus Dänemark, Holland, Erez Israel, Oesterreich und Südafrika vom Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, mit einer längeren Ansprache eröffnet, in der er auf die Bedeutung und die Wichtigkeit der auf der Tagesordnung stehenden Probleme hinweist. Die jetzige Situation beanspruche die ganze Kraft der zionistischen Bewegung. Das jetzige Geschlecht habe die Aufgabe, unser von ewigen Kräften getragenes Ziel zu verwirklichen. Die ewige Kraft des jüdischen Volkes wird den Sieg herbeiführen. An der Konferenz nimmt der Präsident der Jcwish Agency, Prof. Dr. Chaim Weizmann, teil, dem der Degiertentag bei seinem Erscheinen in dem Saal nicht endenwollende Ovationen bereitete. Zur Tagung sind auch das Mitglied der Zionistischen Exekutive, Felix Rosenblüth, der Direktor des Keren Hajessod, Doktor Hantke, sowie Dr. Alexander Goldstein erschienen. Ueber Antrag Dr. Landsbergs wurde nachstehendes Präsidium gewählt: Kurt Blumenfeld als Vorsitzender der Tagung, Beliiowsky (Revisionist), Benzion Fett (Radikaler), Dr. Kalmus (Unabhängiger Zionist), Dr. Moses (Linkes Zentrum), Dozent Dr. Rabin (Misrachist) und Dr. Wolfsheim (arbeitendes Palästina). In der Vormittagssitzung hielt Präsident Prof. Weizmann seinen Bericht über die politische Lage. In seiner großangelegten Rede, die oft durch Beifali auch seitens der Opposition unterbrochen wird, führt Prof. Weizmann folgendes aus: «Ich freue mich, daß es mir möglich war, in dieser schweren Zeit an Ihrer Tagung teilzunehmen und die Debatte über die Hauptragen einleiten zu können. Das ist das erstemal seit den traurigen Ereignissen, daß ich, abgesehen von einer kurzen Ansprache, die ich vor einigen Tagen in London hielt, öffentlich spreche. Und es ist nicht leicht, zu sprechen. Es ist itm so schwerer zu sprechen, als die Kommission zur Untersuchung der letzten Ereignisse in Palästina ihren Bericht noch nicht erstattet hat Diese Kommission sollte sich nicht mit den grundlegenden politischen Fragen beschäftigen. Der Bericht wird sich daher nicht auf die Fragen der großen Politik beziehen, und infolgedessen kann man diese Fragen nicht als sub judice betrachten. Die Ereignisse in Erez Israel hatten nicht nur materiellen und moralischen Schaden, aber noch einen anderen Effekt hervongerufem Wenn auch die Instruktionen der Kommission beschränkte gewesen sind, so steht heute die ganze Frage des Zionismus, des nationalen Heimes, und all die Probleme, die dazu geführt haben, beute offen vor dem Tribunal der Welt Wir müssen heute nochmals vor der ganzen Welt unsere Stellung klarlegen, unsere Rechte unterstreichen und unsere Methoden abermals darstellen. Die Epoche der Balfour-Deklaration und die von San Remo war wohl schicksalsschwer und kann mit der heutigen verglichen werden. Damals mußten wir vorder Weit unsere Sache vertreten und auch heute müssen wir es nochmals tun. Aber es gibt doch einen Unterschied zwischen San Remo und der jetzigen Zeit Die Welt war damals eine andere, aufgebracht durch all das, was im Kriege geschah, waren die Köpfe und die Herzen offen und zugänglich für große und neue Ideen. Jetzt ist die Welt erstarrt und icli darf wohl hier an das Wort eines großen englischen Staatsmannes erinnern, der uns nach San Remo sagte: ^Nun habt Ihr die Chance, an Euch ist, sie auszunützen. Ihr werdet schwere Zeiten haben. Denn nach ein oder zwei Jahren wird die Welt aussehen wie das Baltische Meer. Das Meer wird zu einem Eisblock erstarren und Ihr werdet Eure Köpfe in diesen Eisblock einrennen müssen. Verzaget aber nicht, tuet Eure Pflicht.» Heute versteht uns die Welt anders. Aber wir haben hinter uns eine Leistung in Palästina, die mehr ist als Deklarationen und Proklamationen. Die Leistung steht heute als politischer Machtfaktor da; wenn diese Leistung nicht vorhanden gewesen wäre, vielleicht wäre kein Angriff gegen uns gekommen, weil wir einfach nicht da wären. Dieser Angriff hat uns gerade in einer Zeit erfaßt, die von unseren Gegnern sehr gut und in taktischer Weise außerordentlich klug bemessen wurde. Denn wir waren gerade stark genug, um auf die Welt Eindruck machen zu können. Aber zu schwach, um uns voll und ganz verteidigen zu können. Es geht heute um drei Probleme: 1. Unser Verhalten zur Mandatarmaoht, 2. zu den internationalen Organen (Völkerbund), 3. zu den Arabern. Unser Recht auf Palästina und, um ganz genau zu sprechen, unser Recht, ein nationales Heim ln Palästina aufzubauen, ist heute unerschüttert, genau so, wie es vor zehn oder vor hundert oder vor tausend Jahren war. Die Gründe, die die Großmächte und die fortschrittliche Meinung der Welt dazu geführt haben, uns dieses Recht anzuerkennen, sind heute nicht schwächer geworden, sondern stärker. Das Judenproblem in der Welt äußert sich heute in schärferen Formen als vor zehn Jahren. Die Welt wird morgen oder übermorgen zu der Einsicht erwachsen müssen, daß es nicht angeht, wenn zehn Millionen Juden zermürbt und zermalmt werden, und wenn die Welt, was die Juden betrifft, eingeteilt wird in zwei Kategorien, in Länder, in welchen die Juden nicht leben können, und in Länder, in die man Juden nicht hinehüäßt Keine Zivilisation kann ruhig Zusehen, wie eine große Nation, ein Volk, das seinen Beitrag zur Menschheitskultur geleistet hat, verurteilt bleibt, zermürbt und zermalmt zu werden, in einem Zeitpunkt, wo ein Teil dieses Volkes darnach strebt, an die Stelle dieses Lebens der Zermürbung und Kräftevergeudung eine neue Produktivität zu setzen, indem in dem Lande, wo das Volk seine Kultur, seinen großen Beitrag zur Menschheitskultur geschaffen hat, wieder eine Gesellschaft aufgebaut wird. Das ist unser Recht, das haben die Völker vor zehn Jahren verstanden und trotz aller Angriffe müssen sie das auch heute verstehen. Wir haben den Mut und das moralische Recht, vor der Welt dafür eirczutreten. Wir sind in Erez Israel in unserem Recht und niemand kann uns das wegnehmen. Nach Palästina kamen Juden lange vor der Balfour-Deklaration, weil sie alle fühlten, es ist ihr Recht hinzukommen, dort zu bauen und ein neues Leben zu schaffen. Dieses Recht — und es ist traurig, daß ich es In einem zionistischen Milieu wiederholen muß — ist das einzige, wofür wir kämpfen, es ist in der Präambel des Mandates verkörpert, es steht, wenn auch alles andere fällt. Und wenn heute auch manche das noch nicht verstehen, so werden Zeiten kommen, wo es verstanden werden wird — wenn wir es fortwährend betonen und unterstreichen. Und nur von diesem Standpunkt aus können unsere Verhandlungen, sei es mit dem Völkerbund, sei es mit der Mandatarmacht, weitergehen. Glücklicherweise finden wir — und ich sage das im vollen Bewußtsein der Verantwortung, die auf mir lastet, daß diese Hauptfrage, was die Mandatarmacht betrifft, nicht zur Diskussion steht. Die britische Regierung hat durch den Mund ihres Premierministers und ihres Außenministers bei den verschiedensten Gelegenheiten, in Genf, beim Völkerbund, zuletzt in Brighton bei der Tagung der Labour Party, erklärt und das Kolonialamt hat es mehrfach betont, daß die Politik der britischen Regierung, sofern sie den Aufbau des Nafcionalheims betrifft, sich :;icht geändert hat und sien nicht ändern wird Die Regierung hat der Untersuchungskommission begrenzte Instruktionen erteilt, um nicht in der Welt den Eindruck entstehen zu lassen, daß die britische Regierung die Grundfesten dieser ganzen Politik irgendwie in Frage stelle. Es gibt in England Teile der öffentlichen Meinung — ihr spezifisches Gewicht kann ich nicht absohätzen, — die darauf drängen, man solle das Mandat aufgeben, sich aus Palästina zuTÜckziehen. Tagaus, tagein hämmert diese Stimme auf die öffentliche Meinung ein, aber ich bin überzeugt, kein verantwortlicher Staatsmann und kein verantwortlicher Engländer wird sich von ihr beeinflussen lassen. Sie haben erst neulich einen Brief gelesen, der von drei Männern unterzeichnet ist, die damals, 1917, die Politik des Nationalen Heimes durchdacht, veranlaßt und durchgeführt haben, Balfour, Lloyd George, General Smuts, einen Brief, in dem sie nochmals darauf hinweisen, daß diese Politik zu Recht besteht, ja, daß jetzt die Zeit gekommen ist, zu prüfen — nicht ob das Mandat durchgeführt werden soll, sondern wie das Mandat durchgeführt werden soll. Gerade die Anregung dieses Briefes ist von der ganzen großen englischen Presse, von einem wichtigen Teil der öffentlichen Meinung sehr begrhßt worden, als der wirklich notwendige Versuch, heute, im Lichte der Erfahrung von zehn Jahren noch einmal die Situation zu überblicken und eine administrative Maschine aufzubauen, die uns die Garantie gibt, daß das Mandat dem Geist und dem Wortlaut nach durchgeführt wird. Ich zweifle nicht daran, daß die Anregung in irgend einer Form, sei es durch eine zweite Kommission, sei es durch eine andere Institution, verwirklicht werden wird. Wir werden noch einmal alles, was vor sich gegangen ist, prüfen und ein praktisches Programm im Einvernehmen mit der britischen Regierung für die nächsten fünf bis zehn Jahre festzulegen haben. Ich sagte schon: alles das ist nur dadurch möglich geworden, daß wir eine Leistung aufzuweisen haben, die den Respekt der Welt, die Achtung der nichtjüdisohen wie der jüdischen Welt erzwungen hat und die heute als ein Faktor dasteht. Und darum war es notwendig, sich in diesen vergangenen zehn Jahren vor allem auf die wirtschaftliche Arbeit zu konzentrieren. Es war mir und meinen Kollegen in diesen zehn Jahren klar, daß die Mandatarmaoht, besonders ihre Vertretung in Palästina, nicht alles getan hat, was dem Sinn und dem Geist und dem Wortlaut des Mandates entsprochen hätte. Man hätte einen Kampf gegen die Mandatarmaoht und die Administration führen können. Aber wir sagten uns, die Mandatarmaoht hat eine schwere Aufgabe und auch wir tasten im Dunkeln, wir haben etwas zu leisten unter Bedingungen, die in der Geschiohte der Menschheit einzig dastehen. Zehn Jahre sind eine sehr kurze Frist, um einen Weg, einen Ueberbl-ick über alle Schwierigkeiten zu finden, ein endgültiges Programm aufzubauen. Deswegen haben wir manches ertragen, wogegen man vielleicht hätte ankämpfen können, haben wir unsere Kräfte auf uns selbst konzentriert. Und ich stellte mir die Aufgabe, das jüdische Volk zu entdecken, und es wurde entdeckt und es hat etwas geleistet und deswegen können wir heute mit der Mandatarmacht und der Welt in einer anderen Sprache sprechen, als wir es vor zehn Jahren konnten. Und wir erwarten, daß jetzt eine Einigung über Politik und Arbeit, über ihre Pflichten und unsere Pflichten zustande kommt, die dazu führt, daß in unseren Tagen die Grundfeste des nationalen Heimes aufgebaut werden. Wenn das geschieht, und ich hoffe, es wird geschehen, so ist vielleicht der Preis, den wir gezahlt haben — und ich unterschätze ihn nicht — nicht zu hoch gewesen. Nun ein Wort über das delikateste Problem, über das so viel geredet und geschrieben wurde. Unsere Situation, die Stellung derjenigen, die Sie auf verantwortliche Posten gestellt haben, .ist dadurch nicht leichter geworden. Es sind Retter des jüdischen Volkes in allen Winkeln der Erde aufgestanden, vor allem in Jerusalem. Man wollte das jüdische Volk retten — auf Kosten des jüdischen Volkes. Wir wurden durch sie -in eine Zwangslage versetzt, wi r ko n nt-en -s 1 e nicht desavouieren, und wir konnten sie nicht akzeptieren. Wir wollten nicht den Schein aufkommea lassen, als ob wir gegen Verhandlungen mit unseren Gegnern wären. Wir sind dafür, aber zur rechten Zeit und im rieh* tigen Geist. Die Grundlage unserer Existenz ist das Recht, in Erez Israel unser nationales Heim aufzubauen. Ein Recht, das uns verbrieft Ist seit Jahrtausenden und nicht erst durch die Balfour-Deklaration. Es Ist das Recht, das entstanden ist durch die Verheißung von Gott an Abraham, und das wir mit uns getragen haben durch die ganze Welt, durch eine sehr bunte Karriere. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, nach 2000 Jahren, als die Komplett! Waldes das Ziel der Ctianukahaktlon! Baumspenden (ä S 10 50) nimmt entgegen; Keren Kajemeth, Wien, 1,, KärntnerstraBe Nr. 28 ESRSSBi Telephon R-27-4 85 und R-27-4 86