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Die Stimme · 1929-12-27 · Heft 106 (27.12.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 106 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DflE STWiHE Nr. 108 f tina-Atiibau mitwirkt. Wir müssen eins dien, daß die (jeniiirJc* nicht ans dem Om "de gesprengt vverfitv-; kann, weil gekürzte Bei trüge für Palästina" bewl’hgi wurden. Wenn ur? die .dejr.r>kr>tisr>en Zi:‘'";'c'm > lus diesem Grund.) einen Vorwurf machen, im eins, nichts als Demagogie. Der trostlosen der firm:*.;.£u Incin n:.;r 'Jnrcii eine große Subvention des Staates nogeboifen werden. Auch diesbezüglich maßten wir uns mi; dem UiiiOn-Klub lange anseinnndernetsen, urn ihn zu überzeugen, daß wer nui Grund des Star, tvor (ragen von Saint-Gcrmain, ricr in die Verfassung vollinhaltlich nufgenominen wurde, das Recht haben, an den Staat Forderungen zu stellen. Die diesbezüglichen Verhandlungen zwischen der Gemeinde und der Regierung finden statt, aber bei dem oft vorkommenden Wechsel der Regierungen in Oester re ich war es leider bisher unmöglich, zu einem endgültigen Resultat zu kommen. Wir, die zionistischen Mandatare, stehen auf dem Standpunkt, daß der Staat durch den Fricdensvertrag und auf Grund der Mrnderhcitsarttkel verpflichtet ist, der Kirltusgemeimie einen entsprechenden Betrag zu bew iHiigen. Nach Präsident Dr. Ehrlich, dessen inhaltsvollen md glänzenden Ausführungen von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommen wurden, ergriff das Wort als letzter Redner der Vizepräsident der Kullusgemeinde Herr Dr. Löwenherz. Seime ausgezeichnete Rede wurde mehrmals durch Zwischenrufe gestört. Einige im Saale anwesende demokratische Zionisten versuchten mehrmals in taktloses- und unquaüfizierbarer Weise die Versammlung zu stören. Sie erreichten aber nur das Gegenteil: Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden brach in einen Sturm des BeüaiHs für Dr. Löweraherz aus, welcher auf die jeder Grundlage entbehrenden Zwischenrufe der Störer eine gebührende Antwort erteilte. Dr. Löwenherz führte im wesentlichen folgendes aus: Wir sind die einzige Partei, welche während der schweren Amtsperiode mit der Wählerschaft im Koniakte blieb. Wir wollen und wir müssen Verständnis für die-Probleme in der Kultu-sgememfte wachrufen. Die Erfolge der zionistischen Mandatare in der Gemeinde sind zweifellos sehr bedeutend. Ohne uns, und gegen uns kann nicht mehr regiert werden. Knapp nach der Krise im vorigen Winter, überraschte uns die große Katastrophe der Fröste. Wir waren diejenigen, die eine erfolgreiche Notetaodsaktion angeregt haben. Ohne bureauikratische Verzögerung, ohne die Behandlung der Menschen wie Aktenstücke hat die Gemeinde, den Notleidenden geholfen. Im Spätsommer cL J. kam dann die große Palästina-Katastrophe. Wieder waren es die zionistischen Mandatare, die verlangten, daß die Kultusgemeinde eine großzügige Aktion ein leite und ihre Solidarität mit dem jüdischen Volke in Palästina bekunde. Wir wollten ein Komitee aller jüdischen Gruppen schaffen. Und fast alle jüdischen Gruppen folgten unserem Rufe. Nur eine stand abseits — die A g ud a ft, außer ihr aber leider auch eine zionistische Gruppe, die demokratischen Zionisten. ln diesem Momente beginnen die störenden Zwischenrufe der im Saal anwesenden demokratischen Zionisten. Trotz dieser Störungsversuche setzt der Redner seine Ausführungen fort und feilt unter großem Beifall der Versammlung mit, daß bis 'heute 3500 Pfund an diejewish AgencyfürdiePalästina-Opfer überwiesen worden sind. Bezüglich der Beitragslerstung des Bundes, führte Dr. Löwenherz weites* aus, möchte ich berichten, daß mit der Regierung intensive Verhandlungen geführt werden, in denen unser Standpunkt mit Mut und Stolz dargelegt wird; denn wir verlangen nur unser Recht und keine Gnadervgabe. Andere mögen die Spalten ihrer Zeitung mit Artikeln über Gespräche mit dein Bundeskanzler Schober füllen —, wir wollen positive Arbeit leisten und verzichten auf diese wenig geschmackvolle Selhstreklame. Auf dem Gebiete der Erziehung der jüdischen Jugend, da« kann mit besonderer Genugtuung hervorgehofoen weiden, wurde sehr viel geleistet Es wurden letztens drei Brbetschulen im 11. Bezirk, je öi ne Bibel schule im 1., XV. und XIII. Bezirk, 3 Bi'belschulun für Mittelschüler (mit zirka 200 Teilnehmern) und ein Talmud-Kurs errichtet. Wir vertreten auch den Standpunkt, daß die Gemeinde die theologische Lehranstalt, an deren Spitze ein so bedeutender Gelehrte wtie Hofrat Dr. Schwarz steht, nicht nur zu subventionieren, sondern auch zu erhalten hat. (Zwischenruf: Was ist mst dem Pädagogium?) Diesen Zwischenruf beantworte ich sehr gerne. Nach dem Tode des Obfcrrabbiners Dr. Chajes übernahm ich die Sorge für das Pädagogium, und nach langwierigen Bemühungen gelang es mir, in den letzten zwei Jahren das Budget dieser Lehrstätte voll und ganz zu sichern. Nicht minder warmherzig wurde auch unser C h a j e s - R e a 1 g y m n a s i u m, auf das wir so stolz sind, gefördert. Es Ist mir gelungen, für das Gymnasium auch vom Ausland eine Subvention zu erlangen. Bei Kaffeehaustl'schen läßt steh leicht kritisieren, es i«t auch nicht schwer, in öffentlichen Versammlungen demagogische Zwischenrufe zu machen, aber wir laseen uns nicht beirren und erfüllen nur unsere Pflicht. Ein Wiener Wochenblatt bat es nicht verabsäumt, m-rrr: Tilt^'ke.'t id* Vizrrp dis ident der Kultue-gemcir de lyrzug^Mrn. D:-7u möchte Ich fügendes berichten: Auf dem Gebiete des Unterricht sw o s <? n s wurden an letzten Jahre 75 Institutionen, darunter 4 Lehranstalten, 29 Bibel- und hebräische behüten, 9 wisscnscftä-ftltefos Institute, 9 Stodenfenve reine und 15 Jugend verbände und Turnvereine subventioniert. Im Kapitel K u i tus 54 Bethäusrer, darunter viele kleine, für dfe wir besonders kämpften, weil uo<*{ der ostjüdische Geist herrscht, im Kapitel Fürsorge erteilte die KuDusgerneinde Subventionen an -13 InsfHuiicnrn. Auch auf Wissenschaft!! c h n 43 Institutionen. Auch auf wissenschaftlichem G ebiete. Gl dte Kulfnsgernelnde tätig, im Jahre 1930 werden zwei wertvolle historiscJ):: Publikationen zur Geschichte der W.tener Juden er.ochcr.neni. Wie groß muß dte Verantwortungslosigkeit diese« Wochenblattes sein, wenn es gegen besseres Wissen behauptet, daß die -Unterschrift des zionistischen Vizepräsidenten auf den abweisenden Schriftstücken der Gemeinde praiTgi-, und daß dieser die Institutionen der Kulhjtsgememele verdorren läßt». Dasselbe Blatt fragte: «Was macht die Kultusgemeinde, um der Verarmung des Mittelstandes entgogenzutreten?» Unsere Antwort hierauf lautet: Wir machen, was wir können. Wir smd bestrebt, die bestehende jüdische Kreditkarte, an deren Spitze Herr Börsenrat Glück steht, auszubauen. Im Einvernehmen mit ihm habe ich Verhandlungen mit dem «Joint» und mit dem Finanz refe reft tan der Gemeinde, Regterurrgsrat Dr. Oppenheim., geführt und es ist zu hoffen, daß in der allernächsten Zeft der Kreditkasse größere Beträge für neue Darlehen zur Verfügung stehen werden. Andere Herren begnügen sich damit, ins Gremium der Kau Heute ein geladen zu werden und dort, wo auch Herr Kun&chak als Vortraigender genannt wird, Vorträge zu halten. Objektive Ausländer aber, die unsere Anstalten besuchten, zollten der von der Gemeinde geleisteten sozialen und organisatorischen Arbeit nur Bewunderung und Anerkennung. Zu bedenken ist, daß unsere Gemeinde über beschränkte Mittel verfüge und daher nicht im der Lage ist, größere Beträge auezuwerfen. Bei ometn Vergleich mit der Berliner Gemeinde fällt es in däe Augen, daß dort bei einem Budget von 10 Millionen Reichsmark an Steuern allein 6 MfiffMonen Reichsmark eingenommen werden, wogegen in unserer Gemeinde dje Steuern unter Berücksichtigung des 20prozenlägen Zuschlages Suche ihr meine Tochter ein äußerst wktschaftLcJies, bescha'daroesj »dir gut: erzogenes Mädchen mit Mitgift, und herröcher Ausstattung passende« Bewerber, womöglich Geschäftsmann oder Sictrerairg es teUfen aus gute»« jlkitsclfen Heuse. Antworten erbeten an die Administration and Redaktion des Blattes unter «Bewerber über 30 Jahre». bei einem Budget von 6 Millionen ScftÄng zweie/mbalb Millionen Schilling ausmachen. Während bei uns der höchste Steuerzensus 6000 Schilling beträgt, ist dieser in Berlin unbegrenzt. Steuefleistungen von über 300.000 Reichsmark gehören dort nicht zu EiuzelfäHen. Die Ausführungen de6 Herrn Dr. Löwenfterz fanden die Zustimmung dier ganzen Versammlung und wurden mH einem nicht errdemvollenden Beifall ausgenommen. Zwischen den Zeüen Die Wahrheit der „Wahrheit“ Es gibt in Wien ein assimilatorisches Winketbtättchen, das sich von Zeit rät Zeit eingehender mit dem Zionismus beschäftigt. Seinen Namen sollt ihr nie erfahren: Es heißt — wohl des Paradoxes wegen —: Die «Wahrheit». Auch in seiner letzten Nummer beehrte es uns mit einem großmächtigem Aufsatz, betitelt: «Die Krise im Zionismus». Die kWahrheit» ist schadenfroh: Der innerzionistische Kampf in Oesierreich hat scheinbar erschreckende Formen angenommen, wenn der cVerband der demokratischen Zionisten» eine «geharnischte Erklärung gegen die offiziellen Zionisten ergehen ließ*. Die «Wahrheit» triumphiert: Der Präsident des Delegicrtentages selbst hat in seiner Ansprache die Mißstände in der Organisation kritisiert. Und die «Wahrheit* kann zwischen den Zeilen lesen: So hat sie zum Beispiel herausgefunden, daß die Worte des Herrn Dr. Friedmann vom schweren Schiffbruch eines Zeitungsunternehmens sich auf die «Stimme* beziehen. Allerdings hat sie schlecht gelesen, denn diese Worte beziehen sich — wie jedermann weiß — auf eine heute nicht mehr erscheinende jüdische Tageszeitung. So schaut die Wahrheit in der «Wahrheit* aus. Außerdem verspricht uns dieses Blättchen, auf die politische Resolution, die auf dem Delegiertentage angenommen wurde, zurückzukommen. Werden es wieder vier Spalten werden7 Bebenden Herzens und angsterfüllt harren wir der weiteren Angriffe des Blättchens, das einst den «Emes* im Titelkopf führte, dann aber aus unbekannten Gründen auf die hebräische Uebersetzung des deutschen Wortes WahrheiH verzichtete. $ e m. Oberrabiner Chajes und die zionistische Studentenschaft Betrachtungen anläßlich der Enthüllung seine.- Bümc in der «Lese- und Redeha'le von Dr. Leo Koppel. K. .'ruße Mann ist eine lebendig e Q u eil. des Lichts. Ihr nahe zu sein, tut wohl. Es i*t das Licht, das die Dunkelheit der Welt erleuchtete.» Mit diesen Worten lud »kr englisch*: SitthlpWo- $opi Thomas C n r 1 v 1 c cDs innerste Wesen oesern bloßgelegt, was wir als P c r s ö n I i e h k e i <-• zu r. - zeieftuen pflegen. «Ihr nabe zu sein, tut woliD. mcnif Caviyle. t.i-’ot er damit nicht auch unseren Gefühlen einen beredten Ausdruck, den Gefühlen der zionnistischen Studentenschaft, als Oberrabbiner Chajes in unserer Mitte weilte? Wie fühlten wir uns. geborgen, als er in unserem Kreise mit überlegten Worten voller Klarheit zu uns sprach., Uns galt seine Sorge in hohem Maße, derart, daß wir ihn mit Recht als den «Vater der Studentenschaft» bezeichnen durften. Der zionistischen Studentenschaft galt sein Trachten, der Studentenschaft — weil sie Trägerin der Kultur sein sollte, der zionistischen Studentenschaft — weil sie Träger der jüdischen Kultur ab zu geben hätte, und beides lag ihm doch so sehr am Horzeu, weil er erkannte, daß «das jüdische Volk nur kraft seine: moralischen Bedeutung sich behaupten karvn.» «Ich habe Ihnen immer und immer wieder davon gesprochen, daß Sie vtei zu wenig das Kulturelle im Judentum pflegen», hatte Chajes öfters bei unseren Tagungen wiederholt, und daß er es wiederholt sagen mußte, ist ein beschämendes Zeichen für die zionistische Studentenschaft der Gegenwart. Ein.Wendungen, wie wirtschaftliche No!, schwer« Zeiten usf., ließ Chajes mit Recht nicht gelten. Konnte er doch atrf die unbestrittene Tatsache hin weisen, daß dte jüdische Studentenschaft vor mehreren Jahrzchuten ■trotz der Not auf kulturellem Gebiete .sehr viel geleistet hatte. «Ich bin der Ansicht, meine lieben Freunoe — meinte Chajes—, daß, so bedauerlich auch dies« Notlage ist, Ihr Euch aas diesem Elend her ausreißen müßt durch die Kraft höherer geistiger Ziele, durch die geistige Vevbitri'dutig von Gegenwart und Vergangenheit. Wenn ihr die große Teilnahme an unserem unermeßlichen. Leiden und am unseren großen Hoffnung;-it für die. Zukunft empfinden werdet, so werdet ihr auch die Kraft finden, die böse Zeit zu übertauchen.» Diese Mahnungen und Wt-.gweisungcn fanden jedoch bei der zionistischen Studentenschaft ein taubes Ohr, was Chajes besonders schmerzte. «Es ist schon seit einigen Jahren Brauch, daß ich hier als Klagender stehe», ruft er bei edner Studententagung sebmerzerfüllt aus. «Das Traurige an der jüdischen Jugend von heute ist, daß sie selbstzufrieden ist und keine revolutionären Fragen kennt und uns, die Alfen, in keiner Weise an- oder aufregt.» Kulturarbeit forderte Chajes von der jüdischen Studentenschaft. Aber kein geräuschvolles Getue, sondern stille Tätigkeit forderte er von der Studenter*- seftaft. Denn mit der kulturellen Arbeit verhält es sich wie mit dem Charakter einer Frau — sagte einmal scherzhaft Chajes —, «von der man sagt, daß sie am besten sei, weon man am wenigsten von fihr spricht.» Aber nicht nur Mahnungen richtete Ghajes an die zionistische Studentenschaft, sondern er hat auch Maßnahmen getroffen, um auf diie Dauer die kulturelle Tätigkeit zu fördern. Er wollte mit neuen Menschen, mit jüdisch erzogenen Menschen die Studentenschaft durchdrungen und neu beleben. Zu diesem Zwecke schuf er das jüdische Realgymnasium. Wie sehr er gerade dieser Institution eine Bedeutung von bleibendem Werte zu-spradi, bezeugen seine Worte wenige Tage vor seinem Tode. «Wenn irgend einmal, wenn ich nicht mehr am Leben bim, von meiner Tätigkeit m Wien gesprochen wird, so wird diese meine Leistung, die Schaffung des jüdischen Realgymnasiums, sicher als die von bleibendem Wert hervorgclioben werden. Jedenfalls wenden eine Anzahl von Menschen, die diese Schule verlassen, etwas feisten und erwerben und auch in die Studentenschaft das bringen, was dort in den letzten Jahren leider so schmerzlich vermißt wurde. Wir müssen Kräfte finden, die sich nicht nur dazu behelfen, das Alte horvorzuheben, sondern neue Wege zu ebnen und neue Werke zu schaffen, damit das Judentum bereichert werde. Seit Jahrhunderten war cs Euer Privilegium, neue Werke zu schaffen. Sie haben die Möglichkeit, nicht nur das Alte zu erhalten, sondern Neues zu schaffen. Sic müssen mithelfen, eine Zukunft fite uns und die Menschheit zu bauen.» Das warnen die letzten Worte des Oberrabbhiors Chajes an die zionistische Studentenschaft, ssihi letzter Wunsch, sein Testament. Wird die ztonistisehe Studentenschaft dieses Testament befolgen? Die Zeft drängt, d&e Aufgaben sind.groß und schwer. Möge mit der Büste des Verstorbenen auch sein Getet ln <fce Mitte der Stuftentensohal't einzieheii, möge sia ihrer Aufgabe bewußt werden. Damit wird sie dem Querrabblner Chajes das schönste Denkmal setzen.

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