Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 105 (19.12.1929)
- Date
- 1929-12-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 105 DIE STIMME Seite 7 Was Sie suchen - finden Sie bei uns! FUr den Hertel« wbÄ" Bergmann Infolge kleiner Regien spottbillig! Reichste Auswahl In Pullovers, Wollwesten, Strümpfen, Handschuhen, Trlkotagen, Damen-, Herrenu. Kinder wasche, Pyjamas, Leinenwaren, Berufsklelder etc. En gros - en detail I.» HÄRENSTEM! 3 (Ecke Seltenstettengassf.j Braude, Hoofien und Oberrabbiner Kook vor der Untersuchungskommissson Dr. Brande sagt aus Am Montag, den 9. Dezember, begann die britische Untersuchungskomniission für Palästina mit der Vernehmung der vom Anwalt der Zionistischen Exekutive Sir Boyd Merriman zitierten Zeugen. Als erster kam zu Worte der Leiter des Bureaus der Zionistischen Exekutive Palästinas, Dr. Braude, der während der Abwesenheit der anderen Mitglieder der Exekutive zusammen mit Herrn Hoofien von der Anglo-Palestine Company die Zionistische Exekutive gegenüber den Behörden repräsentiert hat. Dr. Braude brachte ein von ihm am 31. Juli aus Zürich erhaltenes Telegramm zur Sprache, in welchem mitgeteilt wurde, es bestünde keine Aussicht, eine Annullierung des Beschlusses der Regierung über die Erlaubnis zur Weiterführung der moslemitischen Bauarbeiten an der Mauer zu erwirken. Sir Walter Shaw wies auf den Inhalt des Telegrammentwurfes hin, den Dr. Braude seinerzeit mit Luke erörtert hatte und in welchem der Satz vorkommt: «Befürchte ernstlich Ausbrüche erregter Massen.» Welche Massen meinten Sie, fragte Sir Walter Shaw. Ich meinte die Juden, erwiderte Doktor Braude; die Spannung war damals im Zusammenhang mit der Ermordung des jungen Juden Misrachi sehr stark. Es kam zur Sprache, daß auch junge Mädchen an der jüdischen Klagemauerprozession teilgenommen haben, was wie Sir Boyd Merriman ausführte, ein Beweis dafür war, daß die Prozession friedlicher Natur war und friedliche Absichten verfolgte. Sir Walter Shaw sprach seinen Tadel aus gegen das Organ der arabischen Exekutive «Felestin», das beleidigende Angriffe gegen den Anwalt der Zionistischen Exekutive, Sir Boyd Merriman, richtete. Der arabische Anwalt Auni Bey Abdul Hadi fragte Dr. Braude, was die Hissung der zionistischen Fahne an der Klagemauer während der jüdischen Demonstration am 15. August zu bedeuten hatte. Dr. Braude erwiderte, die zionistische Fahne symbolisiere nicht das Streben der Juden nach dent Besitz Palästinas. Braude erzählte weiter, daß Jamal ei Busseini, der gegenwärtig in London weilende Vetter des Großmufti, ihm, Braude, während der gemeinsammen Zusammenkunft im Hause Lukes erklärt hat, das im Garten neben der Mauer während der jüdischen Gottesdienste spielende arabische Musikkapelle sei ebenso wie das Erscheinen des Muezzin auf der Mauer eine Neuerung; beide Neuerungen seien als Racheakt gegen jüdische Anmaßung in bezug auf die Mauer eingeführt worden. Dr. Braude erzählte weiter, er habe Dr. Lurie, den früheren Leiter des Unterrichtsdepartements der Zionistischen Exekutive, der an der Spitze der Begräbnisprozession schritt, ersucht, die aufgeregte Menge durch eine Ansprache zu beruhigen. Lurie war jedoch zu sehr erschüttert, als daß er die Menge hätte beherrschen können. Ich eilte, erzählte Doktor Braude weiter, zurück und sah vor dem Bureau der Zionistischen Exekutive eine große Menge Menschen versammelt. In einzelnen Gruppen führte ich die Menge von der Ansammlungsstelle fort und Sprach beruhigend auf sie ein. Ich sah, wie die Leute, einen jungen Marin auf die Schulter hoben, der sich ansohickte, eine Ansprache zu halten. Ich trat an ihn heran und förderte ihn auf, der Menge zu sagen, er sei sioher, daß die Zionistische Exekutive alles nötige tun werde. Der junge Mann, der sehr erregt war, wiederholte meine Aeußerungen Wort für Wort und beruhigte auf diese Weise die Menge. Das wird nun, schloß Dr. Braude, eine aufreizende Rede genannt. Dr. Braude schilderte den Verlauf der Zusammenkunft jüdischer und arabischer Repräsentanten im Hause des stellvertretenden Oberkommissars H. C. Luke am Morgen des 23. August, einige Stunden vor Ausbruch der Unruhen. Es handelte sich darum, daß die jüdischen und die arabischen Führer eine gemeinsame beruhigende Proklamation an die Bevölkerung erlassen. Dr. Braude erzählte, er sei durch den von Jamal el Hussein! damals bezeugten guten Willen so sehr beeinflußt worden, daß er, Braude, eiligst die von den jüdischen und den arabischen Führern gemeinschaftlich m unterzeichnende Erklärung schriftlich fixierte. Di/Ruhe muß erhalten werden, war das einzige, was ich dachte. Das liberale Konunissionsrtiitglied Hopkins Morris und der Regierungsanwalt Kenelm Preedy befragten Braude wegen des Kommuniques der Zionistischen Exekutive und der an den Züricher Kongreß gesandten Telegramme, in denen darüber Klage geführt wurde, daß die britische Polizei bei der Auseinandertreibung der Menge, die hinter dem Sarge des jungen 'Misrachi schritt, allzu brutal vorgegangen sei. Braude erwiderte, obwohl er der Ansicht sei, daß es notwendig sei, die Menge zum Auseinandergehen zu bewegen, so könne er das brutale Vorgehen nicht billigen. Wie wäre es Ihrer Meinung nach möglich gewesen, fragte Hopkins Morris, die Unruhen zu verhindern? Braude erwiderte: eine feste Aktion seitens der Regierung hätte die Unruhen verhindert Auni Bey Abdul Hadi kam wieder auf die an der Klagemauer gehißte zionistische Fahne zu sprechen und fragte: Glauben die Juden nicht im Grunde ihres Herzens, daß diese Flagge einst die Flagge des jüdischen Staates sein wird? Ich kann nicht in die Gedanken anderer eindringen, erwiderte Braude. Auni Bey: Ist die zionistische Fahne ebenso jüdische Nationalfahne wie die französische französisch ist? Braude: Sie wollen, daß ich antworte, diese Fahne sei eine Fahne, die man einer Armee voranträgt; das ist aber nicht der Fall. Zu Beginn der Sitzung am 11. Dezember erklärte der arabische Anwalt Auni Bey, es habe eine jüdische Verschwörung zur Herbeiführung von Unruhen bestanden. Es sind, sagte er, vom Zionistenkongreß in Zürich Instruktionen einge¬ 'Mi&m, 12.t fo&vstw&ße 8 a JSJäcb Sfcrcn«e dev JCelstfunEfl/fffiltfEett fiiv mi»deme Cfualttdls-Tdiiivfte. troffen, Demonstrationen im Lande zu verantalten, um Zwischenfälle heraufzubeschwören. Auni Bey deutete an, daß Dr. Braude als der damalige stellvertretende Leiter der Zionistischen Exekutive auch für die Massenversammlungen in Tel Aviv verantwortlich war. In der von dieser Versammlung gefaßten Resolution ist von einem «jüdischen Staat» die Rede; daraus ist zu ersehen, daß die Zio-» nisten die Ambition haben, Palästina zu einem jüdischen Staat zu machen. Braude erwiderte: diese jungen Leute stehen nicht unter zionistischem Einfluß; sie haben wiederholt zionistischen Weisungen gegen Einzelaktionen nicht Folge geleistet. Aus Zürich wurde Ihnen gedrahtet, bemerkte Sir Walter Shaw, die Erregung niederzuhalteti. Die Worte «damp down» werden bezüglich eines Feuers gebraucht, von dem man wünscht, daß cs später neu entfacht wird. Dr. Braude erwiderte: nie war es unsere Absicht, ein Feuer zu entfachen. Ich habe Zürich über die hier herrschende Erregung informiert und man antwortete mir: Dämpfe die Erregung. Das Arbeitermitglied der Kommission Harry Shell wies darauf hin, daß das sich Mäßigen charakteristisch für die zionistische Haltung sei, indem die Zionistische Exekutive immer sich gegen öffentliche Demonstrationen wendet, somit passen sich die Worte «dam down» dieser Haltung an. Mehr als vier Stunden lang unterzog der Regierungsanwalt Keivolm Preedy Dr. Braude einem scharfen Kreuzverhör. Indem der Regierungsanwait sein Bestreben darauf richtete, den Vorwurf Sir Boyd Merrimans, daß die Regierung, obwohl sie mit dem Ausbruch der Unruhen gerechnet hat, keine genügenden Sicherheitsvorkenrungen getroffen hatte, zu entkräften, versuchte er auch, einen Gegonschlag zu führen und dafzutun, daß die Juden die Verantwortung für die Unruhen tragen. Dieses Vorgehen Preedys füllt um so mehr auf, als er sich während der Vernehmung der arabischen Zeugen ziemlich schweigsam verhielt. Preedy legte Uebersetzungen von Artikeln der hebräischen Presse vor, die dartun sollten, daß nicht nur «Döar Häyom», sondern auch «Davar» und «Hanretz» eine scharfe Sprache führten. Dr. Braude bestritt es, daß während der Tischa b’Aw-Prozession an der Klagemauer Juden gerufen hätten: «Die Mauer gehört uns!», «Pfui über die Rc gierung und alle, die unsere heilige Stätte entweihen!» Braude war an der Klagemauer und habe diese Rufe nicht gehört. Dagegen habe er selbst gesehen, wie britische Polizisten in der Nähe des Postamtes auf Juden, die dem Sarge des erstochenen Misrachi folgten, mit Stöcken losgeschlagen haben. Der Regierungsanwalt Kenelm Preedy richtete an Dr. Braude die Aufforderung, entweder die in seinen nach London gesandten Telegrammen gegen die Palästina-Regierung erhobenen Klagen zu erhärten oder hier vor der Kommission zu erklären, daß er die Klagen zurückziehe. Darauf erwiderte Braude: Ich kam hierher, um auszusagen, nicht um zu klagen; aber wenn Sie darauf bestehen, so klage ich. Im Verlauf der weiteren Vernehmung zeigten sich auch die Mitglieder der Kommission bestrebt, bei Herrn Braude, dem ersten offiziellen zionistischen Zeugen, mindestens eine Milderung der zionistischen Beschwerden zu erreichen. Dr. Braude verharrte jedoch bei seiner Meinung, daß 1. die Regierung die an sie gerichteten Warnungen unbeachtet gelassen, die Panzeraiitos erst am späten Nachmittag des verhängnisvollen Freitags kommen ließ, daß das Feuer gegen die Angreifer erst am Samstag vormittags eröffnet wurde; 2. daß die Polizei keine Gewehre mit sich führte; 3. daß nicht für genügend Truppen gesorgt wurde; 4. daß es nicht einmal genug Polizisten gab. Preedy ging alle von Braude nach London gesandten Telegramme durch und verlangte Beweise für die Behauptungen über die Schwäche der Regierungsmaßnahmen, die zaudernden Methoden der Regierung und den offiziellen Betrug bei Verlautbarung der Verlustziffern. Waren Sie sich, fragte Preedy emphatisch, dieser Tatsachen vollkommen sicher, bevor Sic sie der zivilisierten Welt bekannt gaben? Dr. Braude erwiderte, die Regierung selbst habe zugegeben, daß die Streitkräfte unzureichend waren, daß sie nicht in der Lage war, eine Polizeieskorte für das Säuglingsheim im Montefiorcviertel zu stellen, wodurch die Pflegerinnen gezwungen wurden, die Säuglinge unter einem Kugelregen fortzubringen. Das Mä.dchenwaisenhaus im Musraraviertel flehte vergebens um Schutz und mußte schließlich ebenso wie die Lemel-Schule geräumt werden. Auf die Fragen Preedys gab Braude das eine zu, daß man während der Zusammenkunft im Hause Lukes am Vorabend der Unruhen das Gefühl hatte, daß die Lage leichter geworden sei. Der Polizeikommandant hat mit den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Truppen sein bestes getan, um der Lage Herr zu werden. Er müsse aber dabei bleiben, daß die Engländer gleich den Arabern die Tötung einer arabischen Familie in Jaffa durch Juden benutzt hatten, um auch die vorherigen arabischen Greueltaten zu entschuldigen. Preedy fragte: Glauben Sie noch immer, daß die Polizei unzureichend und ohne Wirkung war? Ja, erwiderte Braude; man sieht ja, sie hat die Unruhen nicht stoppen können. Während der ganzen Sitzung herschte eine gereizte Stimmung, zwischen Preedy und Merriman kam es wegen geringfügiger Dinge zu ernsten Auseinandersetzungen. Der Vorsitzende, Sir Walter Shaw, mußte immer wieder begütigend eingreifen. « Hoofien vor der Untersuclumgskommission. Als zweiter zionistischer Zeuge erschien vor der Untersuchungskommission Herr Hoofien, Direktor der Anglo-Palestine Bank, der mit Dr. Braude und Dr. Horowitz in den Unruhetagen die aus Palestina abwesenden Mitglieder der Zionistischen Exekutive vertrat. Hoofien kaum auf die jüdisch-arabischen Wirtschaftsprobleme zu sprechen und führte aus, die Juden haben 45 Millionen Pfund nach Palästina gebracht und in der Wirtschaft des Landes investiert. Allein die zionistischen Institutionen Keren Hajessod und Keren Kajenieth haben bis jetzt 6Ve Millionen Pfund hier investiert. Aus dem Einströmen des Geldes, sowie dein durch ihn bedingten wirtschaftlichen Aufschwung haben die Araber materiell Gewinn gezogen. Viel jüdisches Geld ist in arabische Hände geflossen. Die jüdische Einwanderung war also für die arabische Bevölkerung von großem Nutzen. Hier lachte der arabische Anwalt höhnisch auf. Hoofien aber fuhr fort: Die Juden haben den von ihnen in Benutzung genommenen ländlichen und städtischen Boden voll bezahlt; sie kauften den Arabern Waren ab, leisteten ihnen ansehnliche Summen Kredit u. a. m. Der Anwalt der Araber, Silley, der an Stelle des wegen Krankheit abwesenden Stoker das Kreuzverhör mit Hoofien führte, führte aus, die Juden erstreben in Palästina die Errichtung eines jüdischen Staates; aus taktischen Gründen vermeiden sie es aber, dies