Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 105 (19.12.1929)
- Date
- 1929-12-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seife* DIE STIMME Nr. 106 ttkafes -JahtxeM f Zur Vervollständigung der 5000 Bäume des Chajes-Waldes fehlen noch 500 Baume. Juden, stiftet tu 'CSkanuüa Spenden nimmt entgegen: KEREN KAJEMETH Wien, 1., Kärntnerstr. 28 Tel. R 27-4-85, R 27-4-86 ■MRMHn miliar gesehen habe, trug gerade Prof. Büchler Geschichte vor. Er las über die Entstehung des Christentums. Der Gelehrte hatte die Gewohnheit, einige Dutzend Bücher vor sich auf dem Katheder aufzuhäufen, um abwechselnd daraus zu zitieren. Von Zeit zu Zeit pflegte er ins Auditorium zu rufen: «Herr Chajes, wo kommt die Stelle im Talmud vor?» Prompt kam die Antwort. «Richtig!» sagte Büchler. Chajes kam nie in Verlegenheit und ging nie fehl. Er war sich seines phänomenalen Gedächtnisses bewußt <und spielte mit ihm wie etwa ein Athlet mit seiner Kraft. Oft kam es vor, daß er genau das Datum angab, an welchem die Kritik über irgend ein Buch vor Jahren in irgend einer Tageszeitung erschienen ist. Es hat immer gestimmt. Ich kam des Öfteren neben ihm zu sitzen, iin Seminar und in der Universität, und hatte Gelegenheit, sein Gesicht zu studieren. Er war alles eher denn hübsch. Er schielte ein wenig, stieß zeitweilig mit der Zunge beim Sprechen an und immer schief saß ihm der Zwicker auf der Nase. Aber sein Wesen atmete Güte und Geist. Er hatte als Student viel Humor. So fragte ihn einmal ein Kollege, der in der homiletischen Stunde eine Predigt hielt und zu diesem Zwecke, um äußerlich besser zu wirken, einen funkelnagelneuen Zylinder aufgesetzt hatte, wie ihm die Predigt gefallen habe. Chajes antwortete schlagfertig: «Der Glanzpunkt der Predigt war Ihr neuer Zylinder!» Chajes wurde irgendwo mit dem Vornamen «Peter» zitiert. Ein Kollege hänseite ihn deswegen und meinte, Peter sei wohl kein biblischer Name. Chajes sagte darauf: «Sie sind im Irrtum, der Name kommt in der Bibel sogar neben dem Ihrigen vor.» — «Wo?» fragte der Kollege. Chajes sagte lachend: «Peter Chamor!» Er war nie trivial und nie müssig. Ich habe kein unschönes Wort aus seinem Munde gehört, geschweige denn eine Zote, einen gemeinen Witz, eine Bosheit, Tratsch, Beredqng, Hohlheit oder dergleichen. Sein Standpunkt war nie ein Schemel, immer ein Turm. Sein Geist stand nie still. Seine liebste Beschäftigung vor einer Vorlesung waren die Konjekturen, die er versuchte, um eine schwere Bi'belstelle zu lösen. Gelang ihm eine, war er glücklich und befriedigt. Bekannt ist seine Hypothese, die aus seiner Studienzeit stammt, daß der aussätzige Simon, bei dem Jesus in Jerusalem zu Gaste war, gar nicht aussätzig, sondern fromm und bescheiden war. Der Uebersetzer des Evangeliums hat nämlich «Simon hazanua» — «Simon hazarua» gelesen. Diese Auffassung wiurde auch von der Wissenschaft akzeptiert Er war nie ein Kaffeehausbesucher, nahm zeitlebens auch als Student keine Spielkarte in die Hand, auch nicht in den Chamika'htagen und blieb jeder Gesellschaft fern, die sich die Zeit mit Nichtigkeiten vertrieb. Er war aber kein Moralist und ließ jeden nach seiner Fa$on glücklich werden. Er hatte daher unter den Kollegen nur Bewunderer, keinen Neider und keinen Feind. Die Professoren kamen ihm mit der größten Hochachtung entgegen und behandelten ihn wie ihresgleichen. Er wohnte gemeinsam mit dem eingangs erwähnten Dichter Landau, der gegenwärtig Oberrabbiner in Johannesburg ist. Den Kollektivmahlzeiten der Theologen blieb er aber ferne. Er war mitteilsam und bei aller Freude, »ich zu unterhalten, doch eine verschlossene Natur, die ihr Innerstes sorgsam vor Dritten verborgen hA. Er war allen gut, wenigen Freund, ganz gegeben hat er sich wohl keinem. Die Schwingen des Todesengels über seinem Haupt haben seine feinen Ohren schon in der Studentenzeit rauschen gehört. Er sagte mir einmal in der Dämmerung, als sich das Gespräch utn die Studentenzeit bewegte, daß er oft um Mitternacht, bevor er die Augen zum Schlafe schloß, noch rasch einen kleinen Zettel auf das Nachtkästchen gelegt hatte, auf dem geschrieben stand: «Wenn ich tot aufgefunden werde, so bitte ich utn einen Herzstich. Er war nicht nur ein Welser, er war auch ein Ahner. Seinesgleichen wird es wohl kaum mehr geben. Es ist schwer zu sagen, was in ihm vollkommener war, der Mensch oder der Jude. Die Erinnerung an ihn ist erhebend und beglückend. Der Gedanke, ihn besessen zu haben, mit ihm gewesen zu sein, macht den Alltag mit seinem Schmutz und seiner Niedertracht erträglich. Fast vier Millionen Pfund Keren Hajessod-Eingänge Jerusalem, 12. Dezember. (J. T. A.) Gemäß einer Mitteilung des Hauptbureaus des Keren Hajessod in Jerusalem waren bis zum 1. Oktober 1929 an Spenden für den Keren Hajessod Insgesamt 3,965.200 Pfund eingegangen. 2,190.239 Pfund kanten allein aus den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Jean Fischer gestorben Aus Antwerpen erhalten wir die telegraphische Nachricht, daß der bekannte belgische Zionistenführer und das langjährige A. C.-Mitglied Jean Fischer im Alter von 58. Jahren an einer angina pectoris gestorben ist. Mit Jean Fischer ging einer der noch wenigen Veteranen des Herzischen Zionismus dahin. Der Verstorbene, der im Jahre 1808 in Krakau geboren ist, wanderte in seiner Jugend nach Belgien aus, wo er sich mit Diamantenschleiferei beschäftigte. Dank seiner ungewöhnlichen kommerziellen Begabung gelang es Fischer, sich emporzuarbeiten, so daß er in den letzten drei Jahrzehnten zu den bedeutendsten Diamantenhändlern in Belgien zählte. Schon in seiner Jugend war Jean Fischer ein begeisterter Anhänger des Zionsgedankens. Er schloß sich dem Herzischen Zionismus an, für den er in Belgien, Nordfrankreich und Holland große Werbearbeit leistete. Als ein überzeugter Anhänger des politischen Zionismus und Freund Max Nordaus, mit dem ihn Bande inniger und treuer Freundschaft verknüpften, trat Fischer auch nach dem Tode Herzls für die politische Richtung in der zionistischen Weltorganisation ein und bekämpfte auf mehreren Kongressen gemeinsam mit Marniorek, Nordau die praktische .Arbeit in Palästina. Vor und nach clem Kriege war er einer der wenigen Verfechter des politischen Chanukah-Feier der Zionistischen Fraisengtuppe II. Originelle Ueberraachungtn. Elntrittspreiss S 1-20 für Kinder uaid Erwachsene, Restliche Karten in der. Bücherstube Rath, 11., Taboitetraüe 20, bei Josef Sänger, Tabors tmaße 25, und Adolf Horowitz, Tafoörstraße 5 sowie bei allen Kormifoeedömen. Zionismus und versuchte auf den Kongressen, wie in A. C., der Herzischen Konzeption Eingang zu verschaffen. In den Jahren 1919—1927 stand er in scharfer Opposition zur Zionistischen Exekutive. Er, der in den zionistischen Kreisen als der «ewig Oppositionelle» bezeichnet wurde, war in der besten Absicht bemüht, für die Durchführung des Maximalprogramms des Zionismus einzutreten. Erst in den letzten Jahren gab er seine oppositionelle Haltung auf. Fischer, der zu den markantesten Figuren der zionistischen Weltorganisation zählte und auf den Kongressen eine führende Rolle spielte, war in allen Kreisen sehr geachtet und beliebt, ln Belgien, wo ei eine starke zionistische Landesorganisation ausbaute, war er auch für die praktische zionistische Arbeit sowie für den Keren Hajesscr* sehr aktiv tätig. Fischers Verdienst ist es auch, den bekannten belgischen SözialfstenfÜhrer Vandervelde für unsere Sache gewonnen und veranlaßt zu haben, Erez Israel zu besuchen. In ihm verliert die zionistische Welt eine überaus ergebene und mit großen Führerqualitäten ausgestattete Persönlichkeit. Friede seiner Asche! Ein Heimwehrüberfall Vorigen Mittwoch veranstaltete ein Heimwehrtrupp auf das Kaffeehaus Produktenbörse, ln dem sieh der Sitz des Verbandes der demokratischen Zionisten befindet, einen pogromähnlichen tJeberfall, bei welcher Gelegenheit einige Mitglieder des genannten Verbandes verletzt und Einrichtungsgegenstände, Fensterscheiben und Spiegel ln vandalischer Weise zertrümmert wurden. Da die Polizei zu spät erschienen ist, konnten nur einige Heimwehrieute verhaftet werden. Es erübrigt sich wohl, zu betonen, daß dieser pögromartigo Ueberfall aufs Schärfste zu verurteilen und daß es bedauernswert ist, daß die Polizei zu spät erschienen ist, um derartige Exzesse der Heimwehr rechtzeitig zu verhindern. Geradezu unerhört ist das am nächsten Tag im «Neuen Wiener-Journal» und ir. der «Freiheit» veröffentlichte Kommunique der Leitung der Heimwehr, ln dem versucht wird, den antisemitischen Charakter der Heiniwehr zu leugnen und der Oeffentlichkelt vorzuspiegeln, daß dieser Ueberfall von einigen angeheiterten Studenten in Szene gesetzt wurde. Der jüdischen Oeffcntlichkcit ist es bereits seit langem klar, daß die Heimwehr trotz der Enunziationen ihrer Bundesleittlhg nicht nur «antlsemitelt», sondern offenkundig unter den vers'.'fvedcnütnn Dcckmän (eichen eine ausgesprochen antisemitische Hetze treibt Dr. Wolfgang Weist in Wien Am 14. d. M. fand ein von der Union der Zionisten-Revisionisten veranstalteter Presseempfang statt, bei welchem Heinrich York-Steiner gegen die seitens mancher jüdischer Kreise propagierte Idee eines Parlaments in Palästina sprach. Anwesend war auch der vor einigen Tagen aus Palästina zurückgekehrte Revisionistenführer und Berichterstatter des Ullstein-Konzerns, Dr. W o 1 f g a n g W e i s 1, der bekanntlich beim Ausbruch der Unruhen in Jerusalem durch einen Messerstich schwer verletzt worden ist. Dr. Weisl, der in einem österreichischen Gebirgsort als Rekonvaleszent einige Monate verbringen wird, leidet noch sehr an den Folgen seiner Verletzung. Nichtsdestoweniger ist er — wie er sich in einem Gespräch mit unserem Mitarbeiter äußerte^— in bezug auf die Zukunft unserer Arbeit in Palästina sehr optimistisch gestimmt. Die letzten Unruhen haben im gesamten Jtechuw eine Einheit hervorgerufen und alle zur äußersten Anstrengung und mutiger produktiver Tätigkeit angespornt. Mit Ausnahme einer kleinen defätistischen Gruppe des «Brith Schalom* hegen heute alle Juden Palästinas die Hoffnung, daß unsere Idee den endgültigen Sieg davontragen wird. Ueber seine Ansichten über die Arbeit der Untersuchungskommission befragt, äußerte sich Doktor Weisl (der von der Untersuchungskommission als Zeuge einvernommen wurde), daß die Mitglieder der Kommission grundehrliche, objektive Menschen sind. Allerdings ist es heute unmöglich, vorauszusehen, welche Folgen die Arbeit der Kommission zeitigen wird. Dr. Wolfgang Weisl betonte auch die Widersinnigkeit des Gedankens, unsererseits ein Parlament in Palästina zu verlangen und kritisierte heftigst die bereits unseren Lesern bekannte Stellungnahme des Dr. Magnes. Zur Charakteristik des Herrn Philby Von Herrn Prof. Dr. A. Batscha erhalten wir im Zusammenhang mit dom in der letzten Nummerder «Stimme» abgedruckten Artikel «Wer ist John Philby?» folgende interessante Mitteilung: . Während meines Aufenthaltes in England un August di. J., also noch vor dien Unruhen in Palästina, hatte ich zufällig Gelegenheit, einem Vortrag, den er, über den Mittleren Osten vor einem nichtjUdlschen Publikum hielt, beizuwohnen. In bezug auf Palästina sagte er wortwörtlich folgendes: «Die Juden haben keinen großen Wohlstand in das Land gebracht, da sie bloß ganz geringe Teile des Landes kultiviert haben. Sie haben auch nicht den Wohlstand der arabischen Bevölkerung gefördert, Im Gegenteil, sie haben den Arabern geschadet, als sie die englische Regierung veranlaßten, die zollfreie Einfuhr von Mehl zu gestatten. Die Juden werden die Hoffnung aufgeben müssen, Palästina zu einem rein jüdischen Land zu machen, ebenso wie die Araber sich den Gedanken aus dem Sinn werden schlagen müssen, daß Palästina einmal ein rein arabisches Land werden soll«. Am ehesten könnte das schwierige Palästina-Problem durch ein Kondominium gelöst werden, d. h. durch eine gemeinsame Regierung der drei am Lande interessierten Völker, der Araber, Juden und Engländer, mit gleichen Rechten für jeden Teil. Vielleicht werden eines Tages Araber und Juden zu einem endgültigen Einvernehmen gelangen und den dritten Partner überflüssig machen.* _ Eine Zeitungsente Im Warschauer «Hajnt» vom 1Ö. Dezember veröffentlichte dessen Wiener Korrespondent, Herr üroß- Zitnmerm&nn, einen Wiener Brief, in dem mttgeteilt wird, daß Herr Max Delfiner, der Besitzer der Seidenfabrik in Tel-Avlv, beim Haager Internationalen Schiedsgericht gegen England eine Klage einge?eicht habe und in dieser Hinsicht von der österreichischen Regierung unterstützt werde. Wie wir nun von einer gut unterrichteten Seite Informiert werden, hat Herr Delfiner beim Haager Schiedsgericht überhaupt keine Klage eingereicht. Herr Delfiner konnte auch keine diesbezügliche Klage erreichen, well solche nur von Staaten erhoben werden können. In dieser Angelegenheit hat er weder mit der österreichischen Regierung Verhandlungen geführt, noch wird er von ihr in dieser Hinsicht unterstützt. Herr Delfiner, der in der allernächsten Zelt seine Fabrik ln Tel-Avlv eröffnet, hat kein Interesse, irgendwelche Schritte gegen England oder die Palästina- Regierung auf gerichtlichem Wege cinzuleiten.