Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 105 (19.12.1929)
- Date
- 1929-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 106 nie ctiihip nie oiiflnue 9eüe 9 OberrabbinerChajes zum Gedächtnis Der Idealjude Zum zweiten Jahrzeltstage des Oberrabbiner Dr. Chajes s. A. Von Rabbiner Dr. David Feuchtwang Zwei Jahre sind nun seit dem Tode dieses großen Mannes verstrichen. Unser Schmerz und unsere Trauer sind wohl gemildert, aber nicht gestillt. Die ihm menschlich und freundschaftlich im Leben nahestanden, empfinden den Verlust, als hätten sie ihn heute erlitten. Der denkende Teil unserer jüdischen Gemeinde fühlt heute wie damals, als ihr Chajes plötzlich entrissen wurde, daß sie einen großen Freund und Lehrer verloren haben. Eine große menschliche Persönlichkeit und geschlossene Individualität ist niemals ganz zu ersetzen. Darin liegt das Wesen der Persönlichkeit.. So war es in der Geschichte der Menschheit im allgemeinen und in der des Judentums im besonderen immer gewesen. Wohl kann an die Stelle einer solchen Persönlichkeit eine höchst wertvolle treten, dieselbe ist es nie. Für unsere jüdische Gemeinde hat das Auftreten Chajes epochal gewirkt. Man pflegt zu sagen, und das ist auch jüdische Auffassung, «jede Zeit hat ihren Mann und jeder Mann seine Zeit». Auch für Chajes gilt diese Anschauung. Er kam zu einer Zeit, die für ihn, seine Weltanschauung und seine Art, Judentum zu verstehen und zu lehren, eine günstige war. Und auch die jüdische Gemeinde in Wien trug damals die Zeichen der Zeit und deren Charakter. Ohne diese wäre es vielleicht auch diesem wahrhaft großen Manne und Menschen nicht möglich gewesen, seine große Persönlichkeit und deren Ausstrahlungen wirken zu lassen. Er war ein Typus des I d e a I j u d e n und wollte Idealjudentum schaffen. Was von seinen Gegnern — nicht Feinden — an ihm als Einseitigkeit gedeutet wurde, war in Wirklichkeit Größe und Kraft. Je tiefer sich die Spuren seiner Arbeit in den Boden der Gemeinde einprägten und je klarer sein Wille durch Taten verwirklicht erschien, um so mehr entfernten sich diese Gegner von ihm und ebenso begeistert und leidenschaftlich näherten sich ihm die vielen Tausende seiner Freunde und Ver-, ehrer. Aber auch für die Gegner verschwanden in der Entfernung die scharfen Konturen seines Wesens und die Idealgestalt des edlen Menschen und großen Juden trat um so deutlicher hervor. Warum war Chajes Zionist? Ungerecht und ungeschichtlich ist es, zu glauben, er sei'nur aus Politik Zionist gewesen. Er war es nicht nur aus persönlicher Ueberzougung, er war es als Fortsetzer einer ununterbrochenen Tradition von vielen Jahrhunderten und aus geschichtlicher Treue dem jüdischen Volke gegenüber. Er betrachtete sich als providentielle Persönlichkeit und war es. Ihm war Erez Israel, Zion, Inbegriff der Stätte, von der die sittlichen und geistigen Höchstleistungen des jüdischer! Volkes ein für allemal ausgegangen und die großen Lehren sozialer Beglückung und Befreiung der Menschheit ein für allemal geboren worden waren. Dieses Land und dieses Volk galten ihm als die klassischen Quellen, aus denen das jüdische Volk schöpft und die nie versiegen. Wußte er doch, wie jeder religiöse und die Geschichte des jüdischen Volkes begreifende Jude weiß, daß die Hoffnung auf dieses Land nicht nur nie geschwunden ist, sondern im Gebete, in der Literatur und im Leben eine zentrale Stelle einnimmt. Auch in der Diaspora war und blieb es so. Erhaltung des Grundcharakters und Grundweseris des Judentums waren ihm und sind uns Pflicht und Aufgabe. Die Aufnahme der Kulturgüter aller Kulturvölker, in deren Mitte die Juden als treue Bürger lebten und leben, darf diesen Grundcharakter nie im Wesen ändern. Das erschien ihm nur möglich durch tiefgehendste jüdische Erziehung, die ihm gefährdet erschien und, wie unzählige Tatsachen beweisen, auch gefährdet ist. Dies trieb ihn, wie es vor ihm schon viele große Männer getrieben hat, zur Schaffung smcs von ihm selbst so genannten jüdischen Schul- und Kulturwerkes (Hebräisches Pädagogium, Jüdisches Realgymnasium, Religionsseminar usw.). Es war nichts als selbstversätndlich, daß das Hebräische für ihn nicht Sprache des Ritus und der Literatur, sondern des Lebens gewesen ist. Wie sie es neben anderen Kultursprachen, die die Juden in den verschiedenen Ländern der Welt erlernt und angenommen hatten, parallel bis in das 18. Jahrhundert bei Tausenden geblieben war. Ihm konnte und durfte Religionsunterricht in so Überaus bescheidenem Maße, in den öffentlichen Schulen erteilt, und Synagogen nicht genügen. Auch wir wissen, daß diese Pflegestätten jüdischen Geistes und der Religion vollkommen unzureichend sind. Selbst wenn sie durch Schulen, wie Bibel und Talmud-Thora-Schulen, scheinbar ergänzt werden. Bei der Entwurzelung des Judentums in einer leider so großen Zahl jüdischer Häuser, kann nur eine neue Einwurzelung desselben mit kraftvollsten Mitteln Heilung bringen. Es ist ein Grundirrtum aller jüdischen Menschen, welche sich als Kulturträger der Kultur desjenigen Volkes betrachten, in dessen Mitte sie als treue Staatsbürger leben, das vollkommene Erlernen und den Gebrauch der hebräischen Sprache als eine überflüssige Last und Bürde zu empfinden oder gar als Schädigung dieser Kultur. So war auch der große Jude Chajes europäischer Kulturmensch durch und durch, der Geist und Kultur seines Volkes mit den wertvollsten Teilen der Kultur anderer Völker harmonisch zu vereinen wußte und so durch sich selbst ein allerdings schwer erreichbares Ideal einer solchen Kultursynthese darstellte, in der der Jude die herrschende Potenz gewesen ist. So soll und muß es sein. Deshalb fehlt diese ungeheure Kraft und Wirkungsstärke der hinreißenden Persönlichkeit unseres unvergeßlichen Oberrabbiners, dem Hunderttausende in der Welt unbedingtes Vertrauen geschenkt und den sie als geistigen und sittlichen Führer betrachteten. Es ist sicher, daß das Einrücken Palästinas in die Wekpolitik der Neuzeit nach dem Kriege für Chajes ein Weckruf zur Tat gewesen ist, den er in die Welt und auch in die jüdische Gemeinde rief. Man tut, glaube ich, unrecht, ihm die Absicht zuzuschreiben, in die Gemeinde Streit und Zwietracht zu bringen, denn er war ein fanatischer Verfechter des Friedens, nicht nur im Judentum der Welt, sondern in der Menschheit, die er unendlich liebte und die er zur Höhe seiner Erkenntnis und Sittlichkeit emporführen wollte. Er glaubte mit tausenden anderen in Palästina und in der dort entstehenden neuen jüdischen Welt ein Kraftzentrum zur Schaffung eines gesunden, neuen und ganzen, ungeteilten Judentums zu besitzen. Das war Inhalt seines Lebens und seines Schaffens. Ohne seine Kraft und ungeheuren Fähigkeiten und Kenntnisse der engeren Gemeinde zu entziehen. Der Zauber seiner Persönlichkeit wirkte auf alle, die ihn sahen und hörten. Nichts an ihm war Schein, alles Ernst und Wahrheit. Er hatte eine Gefolgschaft hier und in der Welt, wie eie nur wahrhaft Große zu haben pflegen. Und seine Güte überschritt alle Grenze«. Er glaubte, alle überzeugen zu können und begriff nicht, wie man ihn mißverstehen konnte. Darin irrte er; denn jeder wahrhaft Große muß wissen, daß Größe »ur von wenigen verstanden, wen« auch von vielen gefühlt wird; von vielen mißverstanden und von wenigen begriffe« werden kann. Auch er war sicher von Irrtümern befangen, aber von Irrtümern, die seiner Idealität entsprungen waren und seiner lestiosen Hingabe an die Lebensaufgabe, die er sich gestellt hat. Was er getan und empfunden hätte angesichts der furchtbaren Ereignisse im Heilige« Lande, die wir erlebten und erlebe«, d*s wissen wir nicht. Wir wissen aber gewiß, daß er sich treu geblieben wäre, und daß er der kleinmütigen Stimmung und der Ausnützung des scheinbaren Mißlingens der ungeheuren Arbeit für Palästina Herr und Meister geworden wäre. Er besaß die heldenmütige Kraft der Ausdauer und Geduld, die ein Ausfluß seiner Weisheit waren. Einer Weisheit, die er aus Geschichte und Wissenschaft schöpfte; denn die Wissenschaft des Judentums, deren Forschung und Pflege waren ihm heiliges Gebot. Geist und Leben des jüdischen Volkes und der jüdischen Gemeinde, deren Oberrabbiner er gewesen ist, gesunden "zu lassen, war seine heiße Sehnsucht. Auch die Ideale seines Lebens, wie eines jeden Menschenlebens, haben sich nicht erfüllt, weder in seiner Gemeinde noch in seinem Volke. Man braucht seinem Beispiele nicht ganz zu folgen; seinen Weg nicht bedingungslos zu gehen; er mußte ihn gehen, weil er sonst nicht dieser einzige und einzigartige Chajes gewesen wäre. Wir fühlen, daß er nicht mehr ist. Wir müssen suchen, ihn nach unserer Art und Ueberzeugung, wenn auch nur teilweise, zu ersetzen. Er war ein großer Jude, ein großer Mensch. Nicht zu reich sind wir gesegnet mit großen Juden und großen Menschen. Wir trauern um ihn zwei Jahre nach seinem Tode ebenso wie an dem furchtbaren Tage, an dem er uns entrissen worden ist. Trauern wir nicht tatenlos, denn Inhalt seines Lebens war die jüdische Tat. Der Student Chajes Erinnerungen von Dr. David R o t h b 1 u m Als ich im Jahre 1897 nach Wien gekommen bin, um mich an der israelitisch-theologischen Lehranstalt auf den vielersehnten Rabbinerberuf vorzubereiten, waren es vornehmlich zwei Hörer, auf die ich besonders neugierig war: Z. P. Chajes und Jehuda Leib Landau. Der Letztere hatte unter uns jungen hebräisch schreibenden Schriftstellern einen klingenden Namen. Er war nämlich trotz seiner Jugend der Einzige, der sich stolz und sicher auf das Gebiet dramatischer Dichtung begab, wiewohl ihm der erste Versuch nicht gut bekommen hat. Frischmann hat ihm nämlich in einem vielgelesenen Jahrbuch eine arge Lektion erteilt und sein Drama «Bar-Kochba», das ohne Zweifel als Jugendwerk viel Talent verrät, so verrissen, daß dem armen Dichter für lange Zeit die Lust verging, sich in Theaterstücken wieder zu versuchen. Wir jungen Literaten mit den großen Sternen im Herzen hielten die Kritik Frischmanns als den Ausdruck des Neides des russisch-hebräischen Schriftstellertums gegen die galizi sehen Talente, da ein gewisser Antagonismus zwischen den Schriftstellern dieser beiden Länder in der Haskalahzeit bestand. Gegen den Vorwurf ungerechter Kritik galizischer Autoren mußte sich sogar Josef Klausner vor etwa dreißig Jahren öffentlich verteidigen. Landau war daher unser Stolz und ich brannte vor Ungeduld, die Bekanntschaft dieses Jünglings zu machen, der himmelan strebend im Anschluß an Jesajas sich den literarischen Namen Helel ben Schachar beilegte. Chajes aber war für mich eine vollends legendäre Gestalt. Mit Ausnahme eines Gedichtes, das er, ein Knabe noch, in Sokolows «Hazefirah» veröffentlicht hatte, las ich von ihm nichts. Dafür aber war von ihm umsomehr zu hören. Er lebte in Brody, ich in Krakau. Für galizische Verhältnisse eine recht große Entfernung. Und doch drang sein Ruhm bis an die Weichsel. Ich kann mich an die Gelegenheit, bei der der Name des jungen Mannes zum ersten Male fiel, ganz genau erinnern. Es war eine schneeweiße Wiinternacht, im Beth-Hamidrasch, da nahm mein Talmudpartner eine Anmerkung von Chajes Großvater zur studierten Stelle zum Anlaß, um dem Gedächtnisse des Verfassers der «Hagahoth Hasch as» seine Bewunderung aunzudrtioken. Ein alter Mann am langen Tisch mischte sich ins Gespräch. Er sagte: Edn Enkel ist da, dessen Gedächtnis noch größer, noch schärfer ist, wiewohl er kaum 16 Jahre zählt. Wir sahen einander ungläubig an. Der Greis fügte hinzu: Er ist bereits in der Welt bekannt. Kurze Zeit darauf kam ein Brodyer in den Beth- Hamidrasch. Die studierende Jugend umringte ihn: Kennt Ihr auch den jungen Chajes? Er lächelte: Herschele Chajes? Ob ich ihn kenne? Wer kennt nicht den Uuj Herecbefc Chajes? Die Jünger forschten weiter: Ist die Mär von seinem sagenhaften Gedächtnisse wahr? Der Fremde antwortete: «Wahr, wahr, mehr wahr als man glaubt. Er kann den babylonischen und den jerasalemtschen Talmud auswendig!» Wir waren verblüfft Wir konnten nicht genug hören. Ein solches Phänomen! Ein neuer Gaon! Kurze Zeit darauf begann ich mich fürs Gymnasium vorzubereiten. Ich nahm geheime Fühlung mit Hochschülern, von denen ich Winke und Weisungen für die neuen Studiengebiete dankbar entgegennahra. Einer von Ihnen stammte aus Brody und konnte hebräisch. Es lag auf der Hand, nach Chajes zu fragen. Die Antwort lautete phantastisch. Chajes sei ein wandelnder Bücherschrank. Hauptwerke der deutschen Literatur, wie z. B. den «Faust» sage er mühelos auswendig her. Nur wer die Haskalahperiode aus eigenem Erleben kennt, weiß, welche Achtung, ja Bewunderung ihre Jünger dem Wissenden und Gebildeten zollten. Was galten irdische Güter gegen geistige Errungenschaften? Daß Rothschild edn Jude sei, war nicht uninteressant, aber es fiel beileibe niemandem in Beth- Hamidrasch ein, auf ihn stolz zu sein, wohl aber auf die Magnaten des Geistes. So zitterte Ich dem Augenblick entgegen, Chajes kennen zu lernen. Als ich ihn zum ersten Male im Se- Das zionistische Landeskomitee veranstaltet anläßlich der Wiederkehr des Todestages unseres Führers OBERRABBINER Dr. CHAJES s.A. EINEN GANG ZU SEINEM GRABE Treffpunkt: Sonntag, 22. Dezember, 11 Uhr vorm, vor dem Zentralfriedhof, I. Tor (Israelit. Abteilung)