Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 105 (19.12.1929)
- Date
- 1929-12-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DTE STIMME Nr. 105 Donnerstag, den 19. Dezember, %8 Uhr abends, Großer Konzerthaussaal, ' cnnstaitet der «Verein der Freunde dies arbeitenden Palästina in Wienseinen Abend Jüdischer MiftnsdRderlüd«« L^Rriumfc: J. fltawMfsrttewdlcl 1. Teil: Musik. jüdischer ivanmitrtftusikwerke und Klavienkom Positionen, Oefllovonträge, Gesangs vortrage. Es wirken mit: J. Rtutschewski, J. Brandmann, B. Ginvpd, Fräulein Ch. Spekter. ICfiAiiaürfacea'SscRft« KeMung: 0«rB*g<rm«l Bfircscas ll. Teil: Tanzdarbietungen. eines biblischen Zyklus «Fraueugcstalten», ausgeführt von Gertrud Kraus und ihrer Tanzgruppe. _ . gesamte Re;tH.rttag wird dem Palästina-Arbeiterfonds in Tel-Aviv überwiesen und dient vor allem dem Wiedoraufbau der anüiföch der letzten Vorfälle in Palästina zerstörten Arbeiterwirtschaften. Karfenvorverkauf: Kon/.erthauskasse, Sekretariat des Vereines, II., Tandelmarktgasse 10, Tür 0 (7 bis 8 Uhr abends), Kartenhureau «Aida;, H., Taborstraße 1, Buchhandlung Rath, H., Taborstraße 10, «Hechaluz», I., Kärntnerstralie 28. UrnirffiilmMr. UrauffiiliHmg Der Hinter der chinesischen Mauer Von Ludwig Bato Es gibt ein Land auf Erden, dessen Judenheit ''' mit einer Art chinesischer Mauer umgeben hat ''Ti mächtigen Strome des jüdischen Lebens ntriiekt ist. Dieses Land liegt nicht irgendwo in . .-lynesien oder im Amazonenrelchc, nein, es ist in unserer Nähe, seine Grenzen reichen fast bis vor die Tore Wiens, es ist: Ungarn. Woran liegt diese Abgeschlossenheit, dieses Zuriickziehcn auf sich selbst, diese Selbstausschaltung? Wohl vor ailem an der nationaüstisch-fcudalciC rückständigen Mentalität des Magyarentums, die auf alles abfärb', was in diesem Laude lebt und webt. Denn kaum sind die ungarischen Juden dieser Atmosphäre entzogen, da weitet sich ihr engbegrenzter Horizont, ihr schlummerndes Zusammengehörigkeitsgefühl erwacht, sie streifen die geistigen Fesseln ab und finden in erstaunlich kurzer Zeit zum jüdischen Volke zurück. Dies beweist die große Anzahl der im Auslände wirkenden ungarischen Juden, vor allem aber die judenheit der von Ungarn abgetrennten Gebiete, namentlich der Slowakei und Siebenbürgens, wo heute ein stark pulsierendes jüdisches Leben herrscht. Die ungarische Judenheit war nicht immer so abgeschieden von der Außenwelt. Noch Ende des vorigen Jahrhunderts zählte die Pariser Alliance Israelite Universelle, die damals den Willen zur Zusammenfassung der jüdischen Kräfte über die Landesgrenzen hinaus zum Ausdruck brachte, wohl an die hundert Mitglieder in Ungarn. Dann starben die alten Herren und ihre Nachkommen, soweit sie noch Juden waren, hatten kein Interesse an den Fragen des Weltjudentums. Sie gingen in den Problemen des Magyarentums auf und wenn sie schon für das Judentum etwas übrig hatten, so gingen sie über die Grenzen ihrer Gemeinden und Wohffahrtsvereine niemals hinaus. Eine kleine Episode bedeutete die Errichtung einer Filiale der Fürsorgeaktion des American Joint Distribution Committee nach dem Kriege, die aus begreiflichen Gründen einiges Interesse für das auswärtige Judentum erweckte. Ueberdies wird wohl an die jüdische Solidarität des Auslandes appelliert, wenn es darum geht, sie in den Dienst der Unterstützung der durch den Numerus clausus aus Ungarn vertriebenen jüdischen Studenten zu stellen. Eine politische Aktion der auswärtigen Juden gegen den Numerus clausus wird aber aufs entschiedenste abgelehnt. Das ist alles. Noch-vör einem Jahre, als die liberalen Gemeinden Ungarns zu emer Tagung zusammentraten, war von allen Dingen der Welt die Rede, man sprach mit Begeisterung.von der Neuerrichtung des Kirchenstaates (Glückwunsch an den Papst und Mussolini) und von der Katholikenverfolgung in Mexiko (stürmischer Protest), nur die brennendste Frage des Judentums, das Palästinaproblem, wurde mit Stillschweigen übergangen. Am Beginn dieser Tagung sprach Dr. Simon Hevesi, der leitende Oberrabbiner der liberalen Gemeinde in Budapest, ein Gebet, worin er die Mission der Juden, ihre Aufgabe, um die Verbreitung des göttlichen Wortes bemüht zu sein, verherrlichte. Wohl wenige dachten daran daß es dem Herrn Oberrabbiner übel bekommen würde, wenn er sich erkühnen wollte, die hohe Sendung in die Tat umzusetzen und für die Ideen der jüdischen Propheten im christlichen Ungarn Propaganda zu machen! Die unter diesen Verhältnissen entstandene zionistische Bewegung war viel zu schwach, um gegen die feindselige Haltung der gegen den Znonismus einmütig vorgehenden liberalen und orthodoxen offiziellen Kreise erfolgreich anzukämpfen. Immerhin ist es gelungen, die behördliche Genehmigung der Organisationsstatuten zu erwirken, und auf diese Weise die Legalität der zionistischen Tätigkeit durchzusetzen. Aber auch jetzt begegnet sie noch Schwierigkeiten, die geradezu an Rußland erinnern. Entstand da vor kurzem eine zionistische Gruppe und legte, wie es das Gesetz will, ihre Statuten der Behörde zur Genehmigung vor. Sie brauch te auf die Erledigung nicht lange zu warten, denn schon nach einigen Tagen langte ein Schreiben des Herrn Bürgermeisters herab, in dem die Genehmigung der Satzungen mit der Motivieru.ig abgelehnt wurde, daß die Judenschaft mit der betreffenden Stadt kein Interesse am Zionismus und der Verein daher keine Zukunft habe! Ein Bild idealen Zusammenwirkens magyarischer Verwaltungskunst mit jüdischer Rückständigkeit . . . Aber schließlich ist es den Zionisten — im Verein mit der Monatsschrift «Mult es Jövö» — doch gelungen, in die chinesische Mauer eine Bresche zu legen. So entstand vor wenigen Jahren unter Mitwirkung von prominenten Persönlichkeiten eine jüdische Pro-Palästina-Organisation, die für die Verbreitung der Palästina-Idee unter den ungarischen Juden wirkt. Sie hat auch zwei Vertreter in die Jewish Agency entsendet, was eine historische Tat war, weil sich das ungarische Judentum hiedurch wieder in den jüdischen Weltorganismus eingeschaltet hat. Damit war die Verbindung wieder hergestellt. Und in der Tat steht die PaLNtinn-Idcc seither ständig auf der Tagesordnung. Man kann nicht mehr mit Stillschweigen über sie hinweggehen, weil sie allenthalben in jüdischen Kreisen das heißumstrittene Tagesgespräch bildet. Baron Berthold Hatvany, Angehöriger einer der vornehmsten jüdischen Familien des Landes, hielt dieser Tage im Ungarisch- Jüdischen Kulturverein einen Vortrag über seine Reise durch Palästina, in dem er wohl für seine Person die jüdisch-nationale Idee ablehnte, sich gleichzeitig aber zum Judenstaatsgedanken bekannte und der Meinung Ausdruck gab, daß das ungarische üjdp.ntum die Pflicht habe, der neuentstehenden üdischen Nation in Palästina seine tatkräftige Unterstützung zu leihen. Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, daß dieser Vortrag und die späteren gleichlautenden Erklärungen des Baron Hatvany in der Pro-Palästina-Organisation ungeheures Aufsehen erregt haben. Nicht minder umstritten war ein Aufsatz des Ofner Oberrabbiners Dr. Arnold Kiß über «das sterbende liberale Judentum». Der Autor untersucht in diesem Aufsatz die Zustände im liberalen Judentum Ungarns und findet, daß die Entjudung bedrohliche; Dimensionen annehme. Die Religiosität in diesen Kreisen gehe immer mehr zurück, das jüdische Wissen sei so gut wie verschwunden und demzufolge werde auch das Interesse an jüdischen Dingen immer geringer. Er sehe nur einen Lichtpunkt in der. trostlosen Gegenwart: die zionistische Jugend, und glaube daher, daß es nur eine Rettung gäbe: den Zionismus. Wie wohl diese Ausführungen zum Teile großen Beifall gefunden haben, sind nicht alle Amtsbrüder RI.. Srind Biestf auf Emkidiuiriig des «Vereines Momsfochier Hochsohüler Z. P. Chajes» Dienstag, den 24. Dez-em/bor, uim 8 Uh>r im Festsaal des «Jiidisohiem Zentrum», Wien, II., Untere Augartenstraße Nr. 35, das Kwagsstiiok «(Wehmütig) Er wird nicht zainückfandion» von M. Brimd und A. Orel einig mit den mutigen Ausführungen des Dr. Kiß. In dem Assimilationsblatte «EgyenlösSg» erschien zu den hohen Feiertagen, gewissermaßen als Festgabe, das Gedicht des liberalen Rabbiners einer größeren Gemeinde im ungarischen Tieflande, worin alle, «die nach dem Osten schielen», samt ihren Kindern und Kindeskindern mit den furchtbarsten Flüchen und Verwünschungen belegt werden. Den Verfluchten ist wohl weiter nichts zugestoßen, die Verwünschung ist bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen, die ganze Art des Kampfes ist aber bezeichnend für das Kulturniveau gewisser jüdischer Kreise und ihrer Feindschaft gegenüber der Palästina-Idee. Viel energischer nahm der Oberraobiner Doktor Hevesi die Sache in die Hand. Er verzettelt sich nicht in dichterischen Flüchen, er geht aufs Ganze und ist vor allem darauf bedacht, daß auch die nicht- Jildische Oeffentlichkeit und vor allem eine hohe Regierung von seinem Verhältnis zu Palästina erfahre. Noch vor vier Jahren ist die Tagung der liberalen Gemeinden über seinen Antrag über den Zionismus zur Tagesordnung übergegangen. Heute geht das nicht mehr, jede führende jüdische Persönlichkeit ist gezwungen, Farbe zu bekennen. Am 29. November 192'J fand eine Vorstandssitzung der Ungarischen Revisionsliga, einer ultrachauvinistischen Vereinigung, statt, die die Revision der Friedensverträge und die Wiederherstellung der ungarischen Gebietsintegrität erstrebt. Da ergriff auch Seine Ehrwürden des Wort und sagte unter anderem folgendes: «So oft uns die ausländische Judenheit fragt, warum wir uns dem Zionismus nicht anschließen, erwidern wir immer, daß unsere gemeinsame Mutter, die magyarische Nation, unter dem Joche der größten Ungerechtigkeit ächzt, weshalb wir mit Leib und Seele für sie den Kampf aufnehmen müssen.» Das heißt auf gut deutsch: Meine magyarischen Freunde, warum seid ihr uns so gram? Sehet, wir verzichten selbst auf die nationalen Hoffnungen unseres Volkes, um euer Wohlgefallen zu erringen ... Wie jammervoll ist nur der geistige Habitus des Herrn Oberrabbiners, für den die zweitausendjährige Heimatlosigkeit und Leidensgeschichte des jüdischen Volkes die geringere Ungerechtigkeit darstellen, dem Friedensvertrag von Trjanon gegenüber. Die liebedienerische Erklärung des Dr. Hevesi ist aber nicht nur unjüdisch, sie ist auch unwahr. Denn mit Recht wirft das Organ der ungarischen Zionisten «Zsido Szemle» die Frage auf, warum der Herr Oberrabbiner und sein Anhang in der Zeit vor dem Trianoner Friedensschluß dem Zionismus fern geblieben sind. Mit Dr. Hevesi und seinen Gesinnungsgenossen sind die offiziellen orthodoxen Kreise, wiewohl sie punkto Schulclian Aruch sehr auseinandergehen, in der Ablehnung des Zionismus durchaus einig. Die Welt mag fortschreiten, die jüdischen Hoffnungen werden von den Mächten anerkannt, das Volk geht daran, Palästina aufzubauen — all das geht an der ungarischen Orthodoxie spurlos vorüber. Und so versammelten sich denn auch von neuem die orthodoxen Rabbiner des Landes und brachten das Verbot (Issur) zionistischer Tätigkeit den Frommen in Erinnerung. Dieser Tage vollzog sich ein Ereignis, das das Cliquewesen der offiziellen Orthodoxie in seiner ganzen Nacktheit aufscheinen läßt. Vor kurzem versammelte sich Rabbi Koppel Reich, der die ungarische Orthodoxie im Oberhause vertrat, zu seinen Vätern und so tauchte alsbald die Frage auf, wer sein Nachfolger werden sollte. Nicht etwa im Budapester Rabbinat, das war die minder wichtige Frage. Nein, um das Oberhaus ging es. Nach längerem Kuhhandel geschah nun etwas ganz Außergewöhnliches. Der siebzigjährige Bankier Adolf Frankl, Präsident der orthodoxen Landeskanzlei, wurde — auf Geheiß der einflußreichen Familie derer von Freudiger — zum orthodoxen Oberrabbiner von Budapest gewählt, womit seine Entsendung in das Oberhaus gesichert ist. Das jüdische Volk in Ungarn kann von ihm nicht erwarten, daß er sein Fürsprecher sein und den ihm angetanen Unbill zur Sprache bringen werde. Frankl wird sich genau so wie bisher in devoten patriotischen Erklärungen erschöpfen. Bereits vor 25 Jahren erklärte er in einem Interview, daß die seelischen Beziehungen der Juden zu Zion genau dieselben seien, wie die der Christen, denn sie lesen ja dieselben Psalmen ... Aber all diese Machenschaften der führenden orthodoxen Kreise können auf die Dauer über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß es auch in den frommen Gemeinden gärt, daß die Zionsidee immer weitere Kreise zieht und daß sie namentlich die Herzen der Jugend erobert. Die chinesische Mauer beginnt zu wanken. Zwischen den Zeilen Brith Schalom vors Gericht! Wir haben keinen Staat, keine Jurisdiktion, keine Staatsanwaltschaft. Aber wir sind ein Staat unterwegs. Und wenn wir uns sonst nach Staatsanwälten nicht sehnen, diesmal tun uns Anwälte, welche die Interessen des Staates vertreten, wirklich not. Denn in Palästina geschieht etwas, was als Verrat an der Nation bezeichnet werden kann. Der Brith Schalom ist dieses Deliktes verdächtig. Mag sein, daß der Verdacht unbegründet ist, mag sein, daß den Tätern die böse Absicht fehlt, aber der Verdacht besteht. Wir haben keine Jurisdiktion und keine exekutive Gewalt. So sollen wir uns zumindest einen Ersatz schaffen. Folgendes wäre zu beantragen: ln allen Städten der Welt, wo die zionistische Organisation besteht, finden öffentliche Gerichtsverhandlungen statt. Auf der symbolischen Anklagebank sitzt der Brith Schalom. Verteidiger und Ankläger werden bestellt und ein gewähltes Tribunal fällt nach Durchführung des Beweisverfahrens das Urteil. Oeffentlieh, womöglich in einer Massenversammlung. Diese Urteile werden dann in Jüdischen Zeitungen veröffentlicht und erwachsen dadurch in Rechtskraft. Vielleicht werden wir auf diese Weise erfahren können, ob das jüdische Volk die verantwortungslose Politik einiger Utopisten akzeptiert, oder verurteilt. Vielleicht wird auf diese Weise dem ebenso schädlichen, wie würdelosen Treiben der Brith Schalom- Gruppe ein Ende bereitet. Brith Schalom — vor Gericht! Sem.