Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 103 (5.12.1929)
- Date
- 1929-12-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Säfe6 DIE STIMME Nf. 108 D. J. Silberbusch (Zn seinem 75. Geburtstag.) Der bekannte hebräische Schriftsteller D. J. SiTberbusch begeht seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im galizischen Städtchen Zaleszczyki geboren, bewegte sich seine geistige Entwicklung in denselben Bahnen wie die Entwicklung der meisten galizischen hebräischen Schriftsteller jener Zeit. Er widmete sich zunächst fast ausschließlich taimudischen Studien und erst in reiferem Alter begann er, in die «profane» neuhebräische Literatur sich zu vertiefen und gleichzeitig auch fremde Sprachen und fremde Literaturen zu studieren. Durch außerordentlichen Fleiß und hingebungsvolles Studieren gelang es ihm, sich rasch ausgebreitete Kenntnisse und einen ansehnlichen Grad von Wissen zu erwerben, und dank seiner starken Begabung war es ihm möglich, sozusagen im Sprunge mit in die erste Reihe der damaligen hebräischen Schriftsteller zu treten. Er debütierte im Jahre 1877 mit einer Novelle «Tumath Ahabhah», die er in der damals von Perez Smolensky herausgegc* benen hebräischen Wochenschrift «Hamabit» veröffentlichte. In rascher Aufeinanderfolge erschienen dann in den verschiedenen hebräischen Zeitungen und Zeitschriften Novellen, Feuilletons und literarische Aufsätze aus seiner Feder. Silberbusch war nacheinander ständiger und redaktioneller Mitarbeiter der angesehenen Zeitschriften «Hator», «Hajahaduth» und zuletzt des «Haschachar» und gab selbst eine zeitlang in Lemberg eine hebräische Monatsschrift heraus. Von seinen größeren Erzählungen ist der im Jahre 1888 erschienene Roman «Dimath Aschukim» wohl das bedeutendste Werk, das Silbsrbusch geschrieben; dieser Roman, dessen Handlung ln der Zeit der Judenverfolgungen in Rumänien spielt, besitzt neben seinem literarischen auch einen kulturhistorischen Wert. (Das Werk ist 1924 im ersten Band der gesammelten Schriften von Silberbusch in zweiter Auflage erschienen.) Wiewohl einer aus der alten Schule, und zwar 'der besten einer, der mit Braudes und Brandstätter ein Trifolium bildet, ist Silberbusch nicht in der alten Richtung stecken geblieben; er hat vielmehr mit bewundernswertem Geschick eine Wandlung von dei hebräischen Klassik zur Moderne durchgemacht. Von dieser Wandlung legen seine letzten Erzählungen, namentlich die mit Temperament und Jugendfrische geschriebene Kriegsnovelle «Ma’asseh b’ischah achath» beredtes Zeugnis ab. Zu erwähnen wäre ferner, daß Silberbusch auch in jiddischer Sprache eine Reihe lesenswerter Erzählungen veröffentlicht hat; die in den Kriegsjahren erschienenen «Strechalech» sind fein ziselierte Kabinettstücke jiddischer Erzählungskunst. Silberbusch ist ein glänzender Stilist, der sowohl die hebräische wie die jiddische Sprache mit außerordentlicher Fertigkeit meistert. Wie wir erfahren, ist Silberbusch mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftigt. SHberbu-sch stazwischen zwei Epochen, er hat die letzle Phase der kampferfUlRen Haskalah-Zeit im Osten und die ganze Entwicklung der jüdischnationalen Bewegung im Westen miteriebt. Er kennt die politischen, sozialen und kulturellen Strömungen im Judentum des vergangenen halben Jahrhunderts.. Er war mit Jehoschua Heschl Schorr, dem Herausgeber des «Hechaluz», befreundet, mit Rüben Ascher Braudes eng verbunden, er ist mit Perez Smolensky eine Strecke Weges zusammen gewandert, hat dann später in Wien mit Rüben Breinin gemeinsam gewirkt und hat schließlich teilnehmend u-nd mitwirkend, die ganze Entwicklung der zionistischen Bewegung von Pinsker bis Herzl durchgemach’t und miterlebt. Seine Denkwürdigkeiten werden sicher zur Kulturgeschichte des Judentums, insbesondere aber zur Geschichte der Juden in Galizien' und Altösferreleh wertvolle Beilrüge liefern. f(.. dtrkt desselben aufgezeigt werden. Die Funktion der erstgenannten Auseinandersetzung innerhalb einer marxistischen Untersuchung ist klar: Otto Bauer geht von der Assimilation als einer naturnotwendigen Wirkung der objektiven Bedingungen des jüdischen Lebens aus, und hält jede auf Erhaltung des Judentums gerichtete, ja mit ihr auch nur rechnende Bewegung als utopisch; demgegenüber sucht Singer die Sonderstellung der jüdischen Arbeiterbewegung mit der Darstellung der spezifischen und eigenartigen Lage der Ostjuden einerseits, andererseits mit einer optimistischen Prognose über die Zukunft des Ostjudentums zu rechtfertigen. Daß nun das Ostjudentum gegenwärtig noch eine einheitliche Kultufgemeinschaft ist, daß es — wie der Verfasser auf Arbeiten von Borochow, Heller und Locker fußend, zeigt — eine spezifische Wirtschaftsstruktur aufweist, ist unbestreitbar; ob aber der Verfasser bezüglich der Assimilation nicht zu optimistisch sieht, wenn er die These aufstellt, daß die objektive Entwicklung des jüdischen Volkes innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nicht zur Assimilation führt? Es ist ein großes Verdienst Mendel Singers, die Tatsachen der Konzentrationstendenz der Siedlungsbewegung innerhalb des Ostjudentums und der Entfaltung des jüdischen Schulwesens einem der jiddischen Fachliteratur unkundigem Publikum vor Augen geführt zu haben; wir glauben aber, daß der Verfasser die volkerhaltende Wirkung dieser Erscheinungen doch überschätzt. Die Konzentration der Juden in den Städten bedeutet ja nicht nur eine Verdichtung der jüdischen Verkehrsgemejnschaft, sondern auch die Eingliederung der Juden in eine städtische nichtjüdische Kultur, die ihnen iim Gegensatz zu der ländlich-kleinstädtischen, wie die Tatsachen zeigen, nur zu leicht als höherwertig erscheint und der anzupassen sie sich leichter entschließen, um so mehr, als diese Anpassung auch im Ökonomischen Interesse de?, Einzelnen liegt. Spricht die Tatsache, daß sich in Polen nach Ruppin der Prozentsatz der Jiddisch Sprechenden von 97 auf 74 verringert hat keine, sehr deutliche Sprache? Gewiß ist die Entwicklung des weltlichen jüdischen Schulwesens im Osten eine Tatsache, aus der wir Hoffnung und Mut schöpfen dürfen, aber es sind eben nur die Elementarschüler, deren Hälfte die jüdischen Schulen besucht; nehmen wir das gesamte jüdische Schulwesen in Betracht, befanden sich 1925/26 nach Ruppin nur noch 22 Prozent aller jüdischen Schüler in jüdischen Schulen, die übrigen 78 Prozent besuchte die allgemeinen Schulen. Wir glauben nicht nur dem Verfasser, sondern auch unserer gemeinsamen Sache die Aeußerumg dieser Bedeken schuldig zu sein, denn Unterschätzung einer Gefahr der ASsimi’ation — führt nur zu leicht zur Schwächung des Willens,, ihr zu begegnen. So erscheint uns denn die Erhaltung des Judentums in der Galuth nicht in so hohem Maße gesichert wie dem Verfasser, wir sind aber mit ihm darin einig, daß der Zionismus der Weg zur Rettung des Judentums vor seinem Untergang ist. Von wesentlichster Bedeutung aber ist es, daß Singer darüber hinaus die zionistische Bewegung aus der abnormalen Oekonomik des jüdischen Volkslebens erklärt und zeigt, wie jetzt schon die soziale Struktur des Judentums in Palästina normalisiert ist und Erez Jsrael die Hoffnung, die wir an seinen Aufbau knüpfen, schon jetzt erfüllt hat Das Buch Mendel Singers sucht der einseitig rationalistischen Einstellung weiter Kreiße jüdischer Sozialisten Rechnung zu tragen und den Zionismus als ökonomische Notwendigkeit darzustellen; er ist sich aber auch des irrationalen, im Willen zum Dasein unseres Volkes wurzelnden Sinnes der zionistischen Bewegung alter Prägungen bewußt und von diesem Geist ist auch sein Buch erfüllt, wenn es sich mit folgendem Aufruf an die Jugend wendet: «Gehet ln Euch, erkennet die Halbheit, die Unfruchtbarkeit der Bestrebungen der Anpassung an die andern Völker und lehnet Euch gegen Euer gegenwärtiges Leben auf!» Möge dieser Ruf von der sozialistischen Jugend jüdischer Abstammung gehört werden! Dr. Max Pfizer* Oer Weg des jüdischen Aibelters zum Sozialismus Der Historiker der zionistischen Bewegung im Westen wird als das wesentlichste Merkmal ihrer Gestaltung ln der Nachkriegszeit ihre Differenzierung feststeilen müssen: während im Osten schon vor dem Kriege der sozialistische Zionismus historische Tatsache war, ist es im Westen erst in der neuesten Zeit zu dieser ideologischen und organisatorischen Synthese gekommen. Ausdruck und Werkzeug dieser, wie wir glauben, für den realpolitisch gewordenen Charakter 'des westlichen Zionismus symptomatischen Entwicklung ist die Herausgabe einer poalezionistischen ■Bücherei, auf deren ersten Panel «Der Weg des Jfi d d s c h c ft Arbeite.^ ..am Sozialismus» tft» M. Sfatgef, wir. den Leser aufmerksam machen jüptlett. ira Wesentlichen sietzt sich der Verfasser dre! die auf die Erhaltung und Erneuerung des [‘Judentums eingestellte jüdische Arbeiterbewegung soll ^gegenüber der Asslmiiatlonstheorle, wie sie ln der sozialistischen Literatur, insbesondere von Otto Bauer vertreten wird, theoretisch gesichert wei* 'den, der deutsche Leser soll mit den Grundtatsachen des jüdischen soziaWculturelien Lebens 4m Osten ver- und der Zionismus als natürliches Pro- Die Erlösungsversuche der Klagemair- Von Simon Ernst, Im Zusammenhang« mit den letzten blutigen Ereignissen in Erez Israel, die bekanntlich Ihren sichtbaren Ursprung in den Zusammenstößen bei der Klaigemauer haben, wird es interessieren, zu erfahren, ob jemals ernste Schritte unternommen worden waren, das geheiligte Ueberbleibsel des Tempels käuflich zu erwerben und somit zu erlösen. Der erste, der den Gedanken faßte, die ganze Umgebung der «Mugrebier» (marokkanische Mohammedaner) um die «Mauer» zu erwerben, war Moses Montefiore. Bei seinem letzten Besuche im Lande im Jahre 1875 machte auf ihn die traurige Verlassenheit der Gegend, die krummen, dunkeln, übelriechenden Oäßchen und die Reste der Mauer selbst ln Schutt und Oede einen niederschmetternden Eindruck. Montefiore wandte sich an die Spitzen der Jerusalemer Gemeinde und schlug vor, die nötige Summe zum Ankauf der Gegend aufzinbieten. Aber diese konnten da« Geheimnis nicht wahren. Ein Jude plauderte darüber mit einem arabischen Hausbesitzer, und die Kunde von der verwegenen Initiative schreckte Fanatiker auf* die Montefiore mit Drohbriefen überschütteten, als einen Attentäter auf den «Al Burak». Der zweite Versuch wurde von einem der Atlianceführer, Albert Cohn, unternommen. Dank seiner Freundschaft mit dem Sultan Abdul Hasls gelang es Ihm, einen «Firmen» (Regterungserlaß) zu bekommen, nachdem die heilige Mauer mit der Umgebung den Juden Jerusalems gehört. Sofort nach diesem wichtigen Gelingen wandte sich Albert Cohn an die reichen Juden in der Welt, um die Gelder zu sammeln. Leider erfolglos! Der «Firmen» ging daher in den Besitz der «Board of Ddputies« in London und lag dort im Archiv, bis ihn Baron Rothschild entdeckte und nach Palästina im Jahre 1885 mitgenommen hatte. Der Baron hat durch die Vermittlung der Leiter der AHianceschule in Jerusalem, Nlssim Bechar, eine Eingabe an den Pascha von Jerusalem gerichtet mit dem Vorschlag, alle Gebäude um die Klagemauer abzukaufen und dafür ihren Besitzern andere, unvergleichlich schönere und wertvollere in anderen Vierteln der Stadt anzuweteen. Dafür wurden von Baron Rothschild 740 Tausend Goldfrancs, eine für die damaligen Verhältnisse ungeheure Summe, geboten. Die Kunde darüber drang in die Kreise der jüdischen Bevölkerung und löste Begeisterung aus. In der Zeitung «Hazewi» schrieb Elieser ben- Jehuda: «Mit großer Freude teilen wir unseren Lesern mit, daß der Pascha unserer Stadt die Bitte des Barons durch dje Vermittlung von Ntesim Bacher angenom- , men hat.» Aber auch diesem Plan wurde nicht beschieden, Wirklichkeit zu werden. Diesmal ging der Widerstand von den Frauen aus. Der Pascha zog seine Einwilligung zurück aus Angst vor dem ernsten Widerstand der Fanatiker. Außer diesen beiden großen Versuchen, die Klagemauer zu erlösen, sind auch andere Versuche bekannt geworden. Der Schriftsteller Eliazar Friedmann erzählt in seinen «Memoiren» (erschienen in Tel-Aviv, 1926), daß er im Namen des russisch-jüdischen Millionärs Brodsky Verhandlungen führte, um die Mauer abzukaufen, diesmal nur für 200.000 Francs. Und zuletzt schilug der frühere englische Gouverneur Jerusalems, Storrs, der Zionistischen O ganisation vor, die so heißumslirittene Gegend für 60 Tausend Pfund abzukaufen. Dieser Be- I war nicht zu haben . . . Die heilige Mauer wartet noch?- ’ - auf ihre Erlöser ... «Wieviele Juden müssen noch getötet werden?» London, 28. November, (J. T. A.) Im Unterhaus fragte der bekannte Araberfreund Colonel Howard Bury, welche Schritte das Kolonialamt oder die Palastina-Regferung zu ergreifen gedenke, um die Besorgnisse der Araber von Transjordanlen, Syrien und Irak hinsichtlich der jetzigen Lage in Palästina zu beschwichtigen, daß Arabern wie Juden in Palästina die gleiche Behandlung zuteil wird. Das Unterhausmitglied Böothy unterbrach den Fragesteller durch den Zurui «Wieviele Juden müssen noch getötet Werden?» Unferstaatssekretär Lurrn erwiderte auf die Frage Burys, die Regierung habe das Bestreben Araber wie Juden vollkommen gleich zu behandeln. Eine New Yorker Jüdin spanischer Handelsrat New York. (J. T. A.) lucie Goldsmith-Shore aus New York, Inhaberin der Goldsmith-Shore Company, die sich mit der Ausfindigmachung ausländischer Absatzmärkte für amerikanische Produkte befaßt, wurde vom spanischen Regierungschef General Primo d- Revers zum spanischen Handelsrat ernannt. Ein Maearyk.Wald In Palästina Prag, 28. November. (J. T, A.) Die Lamte«*teMe de« Keren Kajemeth ln der Tschechoslowakei hat den Beschluß gefaßt, Zur Ehrung des Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, Thomas O. Masaryk, gayMmuimi ii n'|i> mi'■.im Paneuropäische Jugendversammlung Die paneuropäische Jugendo ganisation hatte für 26. November die Vertreter aller Jugendbewegungen zu einer Aussprache und einer Stellungnahme zum Paacuropagedanken eingeladen. Fqr die zionistische Jugend sprach Weiser vom V. Z. M. Er stehe dem Paneuropagedanken sympathisch gegenüber, müsse aber die jüdische Jugend davor warnen, dabei ihr Judentum nicht zu vergessen. Der Redner hob hervor, er unterscheide sich von den Vorrednern dadurch, daß er sich voll und ganz zum nationalen Judentum bekenne. — Der Eindruck dieser Worte wurde durch Störungsversuche einer Gruppe von Radauäntisemtten erhöht, die alle Im Saale anwesenden Juden, ohne Unterschied Ihrer Gesinnung veranlaßten, demonstrativ -sich hinter den zionistischen Redner zu stellen. Es sprachen außerdem Vertreter der kommunistischen, demokratischen, sozialdemokratischen, deutschnationalen, katholischen und paneuropäischen Jugend. Die zionistische Jugend hat sich bei dieser Versammlung zweifellos viele Freunde gewonnen. Hoffentlich ist schön der Augenblick gekommen, da die zionistische Jugend aus ihrer Reservation hinaustritt, um für die Idee za werben. Der Bericht über die Sondertagting des Keren Kafemeth wird wegen Raummangels erst in der n.lcbstwöchig’en Nummer erecheineiv