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Die Stimme · 1929-12-05 · Heft 103 (5.12.1929) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 103 (5.12.1929)
Date
1929-12-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 108 DIE STIMME Leon Reich gestorben Der Liebling der Götter Er hatte lachende Augen und schritt wie ein Glückskind durchs Leben. Von Erfolg zu Erfolg — von der ersten Jugend umrauscht vom Geschmetter politischer Fanfaren und bis ans Lebensende umstrahlt vom wachsenden Ruhme eines wahren Volkstribunen. Ein Lebenskünstler und ein Volksmann in jeder Fiber. Zwei Gegensätze, die sonst zur Tragik jüdischen Führertums werden, schmolzen in dieser Individualität zur Harmonie einer überschäumenden Vitalität, eines schicksalhaften Verantwortungsgefühls und vor allem einer unstillbaren Lebensgier zusammen, die fiebrig in seinem Blute kreiste. So kostete er das Leben mit einem Heißhunger eines ewigen Globetrotters aus und blieb doch tief im Volksleben der galizischen Kleinstadt haften. Urwüchsig, einfach bei aller Kompliziertheit des ringenden Intellekts und gläubig bei aller Rabulistik eines modernen Schöngeistes. So drang sein Pathos aus den Urquellen einer Jahrhunderte geknechteten Volkseele und der Singsang seiner schmetternden Stimme gemahnte allzu oft an den Bachur, der sein Leid an der Thora Generationen hindurch in Melodien auflöste. Zwischen diesen zwei Polen wuchs Reich zusehendSjj.heran. Vom jugendlichen Enthusiasten, der in Lemberg assimilatorische Krähwinkel niederriß und im «Przyszlosc» einen Nossig und Stand nachahmte bis zum unumstrittenen Führer ostgalizischer Volksmassen, der acht Sprachen meisterte, in der jüdischen Weltpresse und von den Welttribünen in aller Herren Ländern, wo es um jüdische Interessen ging, in weiteste Kreise vordrang — führte ein steiler, schicksalsschwerer Weg. Doch merkte man nimmer an Reich die keuchende Mühsal eines Führertums, das allzu oft durch eine unendliche Pein und Aufopferung des privaten Lebens "erkauft >/ird. Eine tändelnde Leichtigkeit schwebte um sein Ringen und beinahe unmerkbar •bezwang er die Widerstände. Er hatte , ein. .messerscharfes Intellekt und doch erfaßte er eher instinkt- < mäßig das Richtige und nützte es blitzschnell für '• seine Zwecke aus. Und ließ sich nie beirren. Die einen überzeugte er durch eine eherne Logik, die anderen riß er durch sein überschäumendes Temperament mit und bald folgten ihm die Scharen, weil sie die Reinheit seines Beginnens kannten und der unerschütterliche Optimismus des sieggewohnten Führers Sie bis an den Rand ausfüllte. Wie er, umflutet vom Hauch heißer Erwartung, auf der Rednertribüne dastand, die eher kleine Statur mit dem Schwall überströmender Worte in die Höhe reckte — wie er mit der kreischenden und doch liebkosenden Stimme im Nu Tausende in seinen Bann zog; wie er zürnte und warnte, Bilder von blendender Pracht hervorzauberte und die Leidenschaft bis zur Weißglut aufpeitschte — da erstand erst der wahre Vollcsfiihrer, dem das Reden zum Priestertum und die Volkstribüne zur Warte einer hehren Mission wird. So riß er die dumpfen Seelen aus. den Niederrungen ihres, kleinlichen Alltags in dife Höhen ewiger Sehnsucht empor und ballte diese Sehnsucht zu einem Volkswillen zusammen, der in der Gallith und im Erez sich erst auszuwirken beginnt. Der europäische Stolz eines Weltmannes drang in die Kleinstadt und das trübe, brütende.Schweigen der jüdischen Kleinstadt um die Wende des Jahrhunderts verwandelte sich in deren Nachkomme in einen unbändigen 'ratendrang und eine blutwarme Lebensbejahung, die ihn stets vorwärts trieb. So gab es ein ewiges Fluten von Reich zu den Volksmassen und von diesen zum Führer, der aus ihnen herauswuchs und doch schicksalshaft mit ihnen | verbunden blieb. Wie in seiner Heimatstadt berührten sich in ihm die Extreme von Kleinstadtelend und Millionenreichtum erbohrler Naphthaschächte. Das unendliche Judenieid heftete sich an seine Fersen und doch blieb er ein Grandseugneur freien Menschentums und eines lächelnden Lebenskünstlers. * Als der junge Abiturient aus der galizischen Kleinstadt nach Lemberg kam, da wogte bereits der Kampf um die Seele des neuen Juden. Stand und Zip-! per zündeten bereits durch ihre schmetternde Beredsamkeit und Malz, Thon, Korkes und die vielen anderen verkündeten im «Przyszlosc» die Heilslehren Moses Heß, Piuskcr und zuletzt Herzls. Reich griff in diesen Kampf gleich in der vordersten Reihe ein. Wie aus dem Naphthahumus seiner Heimatstadt sprudelte aus ihm unvermittelt ein überreicher Born von Geist, Witz, Beredsamkeit und glühender Lava eines ewigen Enthusiasmus hervor. Als Jünger und Weggenosse der ersten galizischen Volksführer überragte er die einen durch die leichtere Lebensauffassung, den Mangel tiefgründiger Tüfteleien und das instinktmäß.ige Erfassen politischer Möglichkeiten, die er in Realitäten jüdischer Aufbautätigkeit umsetzte. Er zionisierte die Hochschuljugend und stürmte mit ihnön in die jüdischen Kleinstadtmassen Galiziens. Jahraus, jahrein, durch Reden, Schriften, Organisationen und Kampfaufrufe. Unermüdlich, mit einem überragenden Intellekt, dem Ernst eines Volksführers und dem sieggewohnten Lächeln eines Weltmannes. So wandelte er stets im Lichte und starb als Liebling der Götter. Auf der Höhe des Erfolges und umrauscht vom Schmerze unsichtbarer Millionen, die er zu neuem Leben erweckte. Z. F. F i n k e 1 s t e i n. Zwischen den Zeilen Ein großes Herz hörte auf zu schlagen . Sind Nekrologe eine Häufung von Phrasen und abgedroschenen Worten? Immer? Diesmal wahrhaftig nicht. Diesmal tut das Herz wirklich weh die Feder will nicht schreiben — der Schmerz ist echt. Tiefer Schmerz aller, die mit ihm und um ihn lebten und wehes Klagen der Hunderttausende, denen er ein Führer war. Ein Führer ist gestorben« Ein großer, jüdischer Führer. Ein Mann des Geistes und des Herzens, der Begabung und der Güte, der Lebensfreude und der Selbstaufopferung. < Dr. Leon Reich lebt nicht mehr. Der Toni ereilte ihn tückisch und barmherzig. Aus dem Hinterhalt überfiel er ihn und iibermannte sein großes und lebensfrohes Herz. Es hörte auf zu schlagen. Und es ist merkwürdig still geworden. Und merkwürdig leer. Und die Frage drängt sich auf: Wird siph einer finden, der das alles tragen wird, was Leon Reich auf seinen Schultern trug? Einundfünfzig Jahre wurde er alt. Nicht mehr. Doch in Wirklichkeit war er viel, viel jünger. Das wissen alle, die ihn kannten. Sie wissen: Leon Reich war ein Mann im schönsten Sinne dieses Wortes, aber doch optimistisch, enthusiastisch, froh, glücklich und glaubend, wie ein Jüngling. Und noch etwas. Er war ein Europäer. Hatte vielseitige Bildung, Begabungen, beherrschte die Lebenskunst. Man liebte ihn. Man mußte ihn lieben. Nun ist es traurig geworden und leer. Und still. Ein großes Herz hörte auf zu schlagen. Sem. Dr. Leon Reich s. A. Die Nachricht über das Hinscheiden des Führers der ostgalizischen Zionisten, Dr. *Leo Reich, ist kaum faßbar, leider aber wahr. Erst vor einigen Wochen hatten wir Gelegenheit, ihn in Wien zu sprechen; damals hätte man kaum glauben können, daß er bereits ein Totgeweihter war. Erst jetzt nach dem Tode wurde es bekannt, daß Leo Reich seit Monaten schwer herzleidend gewesen ist. Trotz seiner Krankheit arbeitete er mit dem ihm eigenen Temperament an seinen zukünftigen politischen und zionistischen Plänen. Mit Leo Reich ist ein Führertypus von großem europäischen Formet dahingegangen. Seit seiner frühesten Jugend stand er in den ersten Reihen der aktiv kämpfenden Zionisten und nichts war ihm wertlos, wenn es galt, eine zionistische Position zu erringen oder auszugestalten. Geboren am 11. Juli 1879 in Drohobycz, genoß er im Hause seines wohlhabenden Vaters eine überaus ’ sorgfältige Erziehung. Schon als junger Gymnasiast schloß sich Leon Reich der zionistischen Organisation an, die damals unter Führung Adolf Stands, Gerschon Zipper, Osias Thon, David Malz, die Judenheit Galiziens für den Herzlichen Zionismus zu gewinnen begann. Wegen Gründung eines zionistischen Studentenvereines wurde er sogar aus der dritten Gymuasialklasse relegiert, und mußte dann seine Studien als Externist beendigen. Nach Absolvierung des Gymnasiums kam Reich auf die Lemberger Universität und begann j hier mit überaus großem Eifer für die Zionisierung der akademischen Jugend zu wirken. Er begründete den ersten akademischen Verein in Lemberg, «Emunah», und nach einem hartnäckigen Kampf mit der polnischassimilierten Studentenschaft gelang es ihm, den «Rigorosantenverein» und das akademisch© Zentrum «Ognisko» zu erobern. Nebst seiner rein organisatorischen und propagandistischen Tätigkeit widmete sich Reich der Journalistik und zählte jahrelang zu den besten Mitarbeitern der, Studentenrnonatsscbrift «Moriah» und des offiziellen zionistischen Organs «Wschod». Seine überaus temperamentvoll geschriebenen Artikel begeisterten die jüdische Jugend und gewannen sie für die zionistische Sache. ß Nach Erlangung seines Doktorats begibt sich Reich nach Paris, wo er die «Ecole des Sciences politiques» mit einer Dissertation über «Ferdinand Lassalle und das Judentum» absolvierte. .Während seines Pariser Aufenthaltes steht Reich in engster Verbindung mit Max Nordau und Mamorek. Hier bereitet er den von Htm später herausgegebenen «Almanach Zydowskb vor, der dank den wertvollen Beiträgen seiner Mitarbeiter zu den besten literarischen Erzeugnissen in der jüdischpolnischen Literatur zählt. Nach seiner Rückkehr nach Lemberg übernimmt er die Chefredaktion des «Wschod» und widmet sich politischen Arbeiten. Er nimmt an den Vorbereitungen zu den Parlamentswahlen im Jahf» 1911 teil und wird von der Partei im Wahlkreis Stryj- Drohobycz kandidiert. Schon damals ragte er als glänzender Volksredner hervor und verstand es, die jüdischen Volksmassen für den politischen Kampf zu gewinnen. In den Jahren 1911 bis 1914 nimmt er als Mitglied des Galizischen Zentralkomitees an allen zionistischen Aktionen führend teil. Er wird stets zu den Kongressen delegiert, 1913 entsendet ihn die galizlsche Landsmannschaft auf den Wiener Kongreß als einen ihrer Vertreter in das Zionistische Aktionskomitee, dem er seit diesem Zeitpunkte bis zu seinem Tode ununterbrochen amgohörte. Selbst während des Krieges ist e* bestrebt, zionistisch tätig zu sein. Der Umsturz erreichte ihn in Lemberg, in welcher Situation er die politische Führung der zionistischen Organisation in Galizien übernimmt. Die damaligen politischen Ereignisse und der polnisch-ukrainische Krieg führen es dazu, daß. er zusammen mit Dr. Ringel, Dr. Hausmann und RedU M. A. Tennenblätt. von den Polen verhaftet und in Ba>| ranow interniert wurde. Erst über Intervention den Zionistischen Exekutive in London wurden sie befrei!*, vom Interniertenlager begibt sich Reich nach Wien, um mit der inzwischen hier eingesetzten Delegation des Jüdischen Nationalstes für Ostgalizien den weiteren politischen Arbeitsplan eingehend zu behandeln, •.Gemeinsam mit Dt. Ringel, Dr. Tennenbaum und dem verstorbenen Dr. Max Rosenfeld wird Reich als Vertreter des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien zur- Friedenskonferenz in Paris delegiert. Hier hat er einen he*- vorragenden Anteil am Zustandekommen des' Comitd des Delegation« juives, in dessen Präsidium er gewählt wurde und bis Ende 1919 sehr aktiv tätig gewesen ist. .■ Der zukünftige Historiker wird auf Grund des über*» aus reichhaltigen Archivs des oberwähmten Comite Gelegenheit haben, die historische Rolle, die Reich beim Zustandekommen der Minderheitsrechte spielte, zu schildern. Nicht unerwähnt soll Reichs mutiges Auftreten für die national-kulturellen Rechte der ostgalirischen Juden vor der polnischen Suibkommission der Friedenskonferenz unter Führung des amerikanischen Friedensdelegierten Prof. Lord bleiben. Im Aufträge des Comite gab auch Reich in französischer Sprache eine Sammelschrift über die Minderheitsrechte der Juden in Osteuropa heraus, die modi heute zu den wertvollsten literarischen Beilagen auf diesem Gebiete zählt. In diesem Zusammenhänge mögen auch seine von weitem politischen Horizont getragenen Berichte über die Tätigkeit der jüdischen Vertreter bei der Friedenskonferenz auf dem Gebiete der Minderheitsrechte und der Zuerikennuing Palästina» als jüdisch nationale Heimstätte, erwähnt werden, die sicherlich dem zukünftigen Darsteller der Judenfragq auf der Pariser Friedenskonferenz als eine überaus wertvolle historische Quelle dienen werden. Seine Arbeit in Paris erweiterte seinen politischen Gesichtskreis und führte ihm klar vor Augen, daß es sein© Aufgabe sei, die Führung der galizischen Judenschaft zu übernehmen, die infolge des polnisch-ukrainischen Konfliktes politisch als auch wirtschaftlich Unsägliches zu leiden hatte. Ueber Aufforderung der zionistischen Instanzen übernahm nun Reich das Präsidium der, zionistischen Organisation in Ostgalizien, das er bis zu seinem Tode mit großem politischen Erfolg innehatte. Ihm gelang es, die zionistische Organisation öt Galizien zu der einzigen führenden jüdischen Bewegung zu gestalten«. Trotz der größten Bemühungen unseren Gegner, sowohl von assimilatorischer als auch agtucftstischer Seite, ist es ihnen nicht gelungen, irgendwelche politische Position im Leben der ostgalizischen judenheit zu erreichen. Seiner unermüdlichen Tätigkeit Ist es zu danken, daß die zionistische Organisation, in Ostgalizien die faktische Führung der jüdischen Masse« innehat. Trotz der politischen Betätigung vergaß Reich ste an seine zionistischen Pflichten. Mit demselben ßifetf, und Elan betätigte er sich im rein zionistisch-palästinensischen Sinne. Er scheute keine Mühe und keine Arbeit, wenn es galt, für die zionistische Sache einem* treten. So konnte er auf eine wachsende Organisation mit großen Scharen jugendlicher Zionisten und Chal»* ' zim, die treu zu ihm hielten, blicken. Es ist kefttä

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