Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 102 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 102 Seife 7 mm stimme Was Sie suchen - finden Sie bei unsl rar den Herbfl Warenhaus Bernhard infolge Hfelneraeglen spottbillig I Reichst« Auswahl In Pullovers, Wollwesten, StrÖmpfen, Handschuhen, Trikotegen, Damen-, Herren* u. Kinder wSsche, Pyjamas, Leinenwaren, Öerufsklelder etc. En groe - en detail I«« ÄABiNSTIIQ 3 (Ecke Seltenstettengass«) Bergmann George Cletnenceau Auch wir Juden haben die Pflicht, dem Andenken d cses Mannes einige Zeilen der Erinnerung zu widmen. Ciemenceaus Name ist für ewige Zeiten mit einer der erschütterndsten Judentragödien des vorigen Jahrhunderts, in dessen Mittelpunkt der unschuldige Dreyfus gestanden ist, eng verbunden. Als die Dreyfus- Affäre die breitesten Kreise des damaligen Frankreich voll und ganz beherrschte und den Anschein erwecken konnte, als ob das Dreyfus in die Schuhe geschobene Verbrechen des Hochverrates von ihm tatsächlich begangen worden wäre, waren es zwei Männer, Emile Zola und Georges Clemenceau, die eine heftige Anklage gegen die damalige französische Gesellschaft erhoben und für die Befreiung des unschuldigen Dreyfus eintraten. Clemenceau war es hauptsächlich, der in seinem «L’Aurore» den wahren Hintergrund der Dreyfus- Affäre, den kämpferischen Klerikalismus und die Korrumpierung des französischen Generalstabes mit heissender Ironie ans Tageslicht zerrte und auf Dreyfus als den «gewählten Sündenbock» hinwies. Ihm ist es auch zu verdanken, daß die damaligen besten Geister Frankreichs sich auf die Seite Dreyfus stellte. Clemenceau, dessen Bruder Albert ein Schwiegersohn des bekannten jüdischen Herausgebers des «Wiener Tagblatt» Szeps gewesen ist, hatte Gelegenheit, sich oft mit der Judenfrage zu befassen. Von welchem Interesse für ihn das jüdische Leben war, beweist sein Buch über die Reise nach Galizien. In den letzten Jahren war Ciemenceaus Hauptbestreben, das seiner Ansicht nach an Frankreich im Jahre 1870 begangene Unrecht der Lostrennung von Elsaß-Lothringen wieder gutzumachen. Dieser Gedanke beherrschte auch seine ganze Politik bis zum 6. Mai 1919, an welchem Tage er als Sieger den zentralen Mächten den Versailler Frieden diktierte. Ob und inwiefern Clemenceau die jüdischen Bestrebungen während der Friedenskonferenz nach Verankerung der Minderheitsrechte in den Friedensverträgen und Zuerkennung Palästinas an das jüdische Volk im Sinne der Balfour-Deklaration unterstützte, ist leider mangels der Publizität der Friedenskonferenz nicht ganz genau bekannt. Eines ist aber sicher, daß .Clemenceau, der in der Dreyfus-Affäre gegen jedwedes .Unrecht kämpfte, sich nicht entzog, die berechtigten Forderungen unseres Volkes zu fördern. Mit seiner Zustimmung erfolgte die Erklärung des französischen Außenministers Pichon an: Nahum Sokolow, in der er sich für die jüdisch-nationale Heimstätte in Palästina aussprach. Als Vorsitzender der Friedenskonferenz empfing Clemenceau, die aus Professor Weizmann, Nahum Sokolow und Ussischkin bestehende zionistische Delegation, die der Konferenz die Forderungen der Juden nach einer eigenen Heimstätte in Palästina unterbreitete. Nicht unerwähnt soll auch ein denkwürdiger Brief bleiben, den er an den polnischen Ministerpräsidenten Paderewski im Jahre 1919 in Angelegenheit der jüdischen Minoritätsrechte in Polen richtete. Vielleicht werden seine Memoiren so manches interessante Detail über seine Schritte zur Unterstützung der Juden ans Tageslicht fördern. g- Gründung eines Verbandes jüdischer Studenten polnischer Staatsbürgerschaft Seit Wochen bereitete ein Organisationskomitee die Gründungsversammlung eines Verbandes jüdischer Studenten polnischer Staatsbürger vor, welche am Sonntag, den 24. d. M. stattfand. Die Vollversammlung — gegen 200 jüdische Studenten waren anwesend — zeigte vor allem, daß die jüdischen Studenten sich zur jüdischen Nation bekennen und daß sie Zionisten sind. Da nicht alle jüdischen Studenten aus Polen im Gesamtverband «Judäa» organisiert sind, glaubte man, daß die nichtorganislerten außerhalb des jüdischnationalen Lagers stehen. Dies erwies sich erfreulicherweise als nicht zutreffend. Obwohl einige Bundisten, Kommunisten «große Vorbereitungen» für die Vollversammlung trafen — zeigte doch die Gründungsversammlung, daß die jüdischen Studenten kein Verständnis für unjüdische Bewegungen haben. Nach den Referaten der Kollegen Rath.mann und Dr. Kohlberg über den Kongreß in Warschau und Uber Ziele und Aufgaben des Verbandes, kam es zum ersten Meinungsstreit mit den Bundisten und Kommunisten. Diese verlangten, daß der Verband nicht den Namen «jüdische Studenten», sondern nur «Studenten» tragen soll — das Bekenntnis zur jüdischen Nation soll in den Statuten gestrichen werden. Der Verband darf sich ihrer Meinung nach mit jeder Literatur beschäftigen, nur nicht mit der hebräischen. Sie führten Argumente an, die heute nur noch ln Rußland gebraucht werden. Bel den Abstimmungen brachten die Bundisten und Kommunisten mit Mühe und Not - 4 (vier) Stimmen auf, Zu scharfen Auseinandersetzungen kam es, als die Frage des Anschlusses zur «Judäa» besprochen wurde. Wie überall, versuchten auch hier die Bundisten-Kommunisten die Einheit der jüdischen Studentenschaft in Wien zu sprengen. Es kam zu sehr erregten Szenen und nur den Bemühungen des Vorsitzenden Dr. K o h 1berg ist es zu verdanken, daß es nicht zu Tätlichkeiten kam. Nachdem die Statuten 4ür den neugeschaffenen Verband angenommen wurden, wählte man folgenden Ausschuß: Präsident: Kollege R a t h m a n n, ferner die Kollegen Hauser, Sehorr, Josef Franke 1, Lieblich, Patron, Spindel, Schindler und L i k w o r n i k. Zuletzt sprach Kollege Josef Fränkel über den Abgeordneten Izchak Grün bäum, dessen 50. Geburtstag in diesen Tagen von den Juden Polens gefeiert wird und sprach den Wunsch aus, daß Grünbaum auch weiter mit derselben Energie für die Rechte der Juden kämpfen solle. Nach Absingung der «Hatikwah» wurde die erste Generalversammlung jüdischer Hochschüler polnischer Staatsbürger geschlossen. Pressesdiau Zur politischen Lage Im «!'• oel Hazair» vom 11. November untersucht M. B e i 1 i u s o n die bisherigen Ergebnisse der Verhandlungen der Untersuchungskommisson in bezug auf das Verhalten der Regierung und kommt zu dem Ergebnis, daß diese bisherigen Verhandlungen nicht nur den Mitgliedern der Kommission, sondern sogar uns eine Ueberraschung bereitet haben, indem auch wir uns das Maß der Schwäche der Regierung nicht derart vorgestellt hätten, wie es sich aus diesen Verhandlungen ergeben hat. Für die Regierung freilich könne diese Untersuchung nichts Neues gebracht haben, da es ja ausschließlich ihre Beamten waren, die bisher die Aussagen machten. Noch wichtiger aber sei es, jetzt die Frage zu stellen, ob die Regierung etwas gelernt habe, und d-a müsse klar und deutlich gesagt werden, daß auch ihre gegenwärtige Politik durch dieselbe Schwäche gegenüber den Arabern charakterisiert sei. Der Verfasser führt dafür viele Beispiele an: die ar ab‘sehe Presse, die selbst vor den Unruhen nicht fdhuA ©in Sa Wien, 2., &a&orstraßc 3>ie Grenze dev JCeMundt/dAltffteflf fUr moderne (ÜuolMdls>f<ftwAe. einen solchen Ton angeschlagen habe wie heute, den Boykott propagiere, offen gegen die Juden neue Ausschreitungen und gegen die Regierung den Abfall verkünde; die Tatsache, daß die Regierung nichts zur Entwaffnung der Araber täte, die sich in aller Oeffentlichkeit rühmten, sich immer weiter zu bewaffnen; die Tatsache, daß die Verordnung über die Kollektivstrafen nicht angewandt werde. Demgegenüber könne man nur die einzige Tatsache anführen, daß eine Reihe von Todesurteilen ausgesprochen worden seien, Beilinson betont, daß er gegen die Vollz ehung dieser Todesurteile sei, sowohl als grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe als auch deshalb, weil die Vollziehung in der gegenwärtigen Lage im Lande als Provokation wirken würde. Beilinson erinnert dann an einen Vorgang in der Untersuchungskommission, der symbolisch die ganze Regierungspolitik charakterisiere. Preedy sagte, daß die Regierung die arabischen Bauten an der Klagemauer nicht verboten habe, um den schrecklichen Eindruck zu vermeiden, den ein solches Verbot auf die «mohammedanische Welt» gemacht hätte. Der Vorsitzende habe darauf gefragt, von welcher mohammedanischen Welt der Anwalt spreche, ob vom Wakf, von dem mohammedanischen Rat öder der arabischen Exekutive und Preedy sei darauf gezwungen gewesen, zu antworten, mit dem Ausdruck «arabische Welt» habe er die neben der Klagemauer wohnenden Mohammedaner gemeint. Diese angebliche mohammedanische Welt sei es, die die Politik der Palästina-Regierung bestimme und die es bewirke, dab etwa bei dem Briefwechsel zwischen dem Emir Abdallah und dem Oberkommissär der Eindruck erweckt werde, als ob der letztere demütig um Entschuldigung bitten müsse und nicht, als ob der Vertreter des britischen Weltreiches spreche. Das gefährliche Spiel vom Monat Aw gehe heute weiter. Die Konsequenzen könnten für uns und für Großbritannien verhängnisvoll sein und der Oberkommissär werde dann zu jenen Politikern gehören, die. mit eigenen Händen eine Bewegung großgemacht hätten und nachher die Herrschaft über sie verloren hätten. Die falschen Zeugen Im «Haaretz» vom 6. November erörtert der Tel- Aviver Rechtsanwalt Hohigmann die in den Strafprozessen der letzten Wochen immer wieder zutage tretende Tatsache, daß die Araber über «professionelle Zeugen» verfügten, die organisiert vor Gericht aufträten, Juden beschuldigten oder Araber entlasteten, ln einer Reihe von Fällen haben die Gerichte Juden freigesprochen und im Urteil ertdärt, daß den Aussagen der arabischen Zeugen kein Glauben geschenkt werden dürfe. So war es z. B. bei den beiden in Jaffa vorhandenen Prozessen gegen die Juden Awadis und Danach, die beide wegen Mordes angeklagt waren Und freitesprechen wurden. Besonders in dem letzteren Verfahren sei die ganze Organisation dieser falschen Zeugen aufgedeckt worden, mit ihrem Führer. Hassan Daracha, an der Spitze. Dr. Honigmann und, im «Haaretz» vom 8. November M. G. (Glücksohn), stellen fest, daß die Polizei bisher so gut wie nichts getan habe, um gegen diese falschen Zeugen vorzugehen und es sei z. B. fast unmöglich gewesen, den vom Te!-Aviver Richter ausgegangenen Verhaftungsbefehl gegen Hassan Daracha zu vollstrecken, weil dieser erklärt habe, ihn dürfe man nicht verhaften. Er sei erst bescheulener geworden, als ihn der Richter daran erinnert habe, daß er erst vor kurzem von ihm wegen Diebstahls bestraft worden sei. Der Waad Leumi an die Araber Der Waad Leumi verbreitet in ganz Palästina in arabischer Sprache ein Flugblatt, das in englischer. Uebersetzung im «Palestine Weekly» vom 8. November wiedergegeben wird. Das Flugblatt widerlegt einige der gegen Juden verbreiteten Verleumdungen, wobei zur Widerlegung offizielle Dokumente verwandt werden. Folgende Beschuldigungen werden widerlegt: 1. daß die Juden die Omar-Moschee angegriffen oder gar zerstört hätten, widerlegt durch die Erklärung des Präsidenten der arabischen Exekutive, Musa Kasim Pascha, vom 10. September; 2. die Behauptung, die jüdische Gebetausübung an der Klagemauer beeinträchtige die Rechte der Mohammedaner an ihren heiligen Stätten, widerlegt durch die Erklärung der Zionistischen Exekutive vom 6. November 1928 und clic Erklärung des damaligen Staatssekretärs für die Kolonien, Amery, vom 12. November 1928 im Unferhause; 3. die Behauptung, Juden hätten vergiftetes Obst und vergiftete Süßigkeiten auf die Straße geworfen, widerlegt durch das zeitweise Verbot arabischer. Zeitungen, die dies verbreitet hatten; 4. die Behauptung, jüdische Läden hätten vergiftete Lebensmittel feilgeboten, widerlegt durch eine Erklärung des Gesundheits-Departements der Palästina-Regierung, sie habe die angeblich vergifteten Nahrungsmittel geprüft und festgestellt, daß von Vergiftung keine Rede sein könne; 5. die Behauptung, Juden hätten Araber angegriffen. Das Wesen der arabischen Bewegung Der Artikel von M. B. (B e i 1 i n s o n) im «Kuntres» vom 13. November wendet sich gegen diejenigen Kreise, die den Versuch machen, die Bewegung der letzten Monate als eine planmäßige nationale Freiheitsbewegung der Araber und den Mufti und seine Freunde als den wahren Führer dieser Bewegung hinzustellen. Dieser Darstellung, die in unserem Lager eine Panikstimmung zu verbreiten geeignet sei, müsse entschieden entgegengetreten werden. Es sei nicht richtig, daß im arabischen Lager volle Einigkeit herrsche und jede Opposition verstummt sei: gerade in letzter Zeit mache die Opposition sich wieder stärker bemerkbar, und wenn sie nicht hervortrete, so liege das daran, daß nur die Führer das notwendige Geld zu öffentlicher Propaganda besäßen. Man weise auf die eindrucksvollen Symbole der arabischen Nationalbewegung hin, ihre Streiks, Demonstrationen und schwarzen Fahnen; seltsam sei nur, daß diese zionistischen Kreise, die* diese Symbole so bewunderten, ähnliche Erscheinungen bei uns als äußerlich und schreierisch ablehnen. Mau werfe dem «Davar» vor, daß er von den arabischen Führern in Anführungsstrichen schreibe. Aber seien sie denn wirkliche Führer? Niemand von ihnen sei demokratisch gewählt, denn die Wahlen zur arabischen1 Exekutive könne man doch gewiß nicht als Wahlen in unserem Sin- I1® ^ezf*c^nen* Und was hätten diese Führer bisher für ihr Volk geleistet, für sein wirtschaftliches oder kulturelles Weiterkommen? Sie seien in Wahrheit eine Ausbeuterclique, Man behaupte weiter, dies seien dte Führer, weil ihnen die Massen folgten. Aber trotz skrupellosester Verwendung der wirkungsvollstell Parolen (Zerstörung der Omar-Moschee diurch die Juden), der Wahl des günstigsten Zeitpunktes (Luke an der Spitze der Regierung und die zionistischen Führer außerhalb des Landes) seien nur wenige tausend Araber dem Ruf gefolgt und unter Urnen noch