Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 102 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SeSte 6 DIE STIMME Nr. 102 Einweihung des Semesters an der Jerusalemer Universität Zischen und Pfeifen bei der Rede Dr. Magnes’. J e r u s a I e m, 20. November. (J. T. A.) Doktor J. L. Magnes, der Kanzler der Hebräischen Universität, weihte das neue Semester der Hebräischen Universität zu Jerusalem mit einer Ansprache ein, in der er einen Ueberblick über die Lage in Palästina gab und ausführte, wenn der einzige Weg zur Errichtung des jüdischen Nationalheims über die Bajonette eines gewissen Reiches führt, so lohnt unser ganzes Unternehmen nicht der Mühe. Dieser Teil der Rede von Dr. Magnes wurde teils mit Applaus, teils mit Zischen aufgenommen. Der dem Festakt beiwohnende Leiter des Jüdischen Nationalfonds, Herr M. M. Ussischkin, unterbrach den Redner und sagte: Wir sind hierher gekommen, um eine wissenschaftliche Ansprache, nicht aber eine politische Rede zu hören. Dr. Magnes schwieg, bis vollständige Stille eintrat. Als er seine Rede wieder aufnahm, sprach eitlen Studenten, die die Unruhe verursachten, seinen Tadel aus. Als er seine Rede beendet hatte, ertönte ein Pfeifensignal, offenbar als Zeichen für eine Demonstration, die aber ausbüeb. Sechs Polizisten bewachten den Eingang zum Lesesaal, hatten aber keine Gelegenheit, einzugreifen. Dr. Magnes führte in seiner Rede ungefähr aus: Die Universität eröffnet ihre Vorlesungen in diesem Semester unter traurigen Umständen. Ich habe die Verantwortung für die Wiedereröffnung der Universität übernommen auf Grund der Versicherung des Oberkommissars und des Polizeikommandanten, daß sie für den Schutz des Beamtenstabes, des Lehrkörpers und der Studenten sorgen werden. Ich bin nach der Züricher Tagung des Kuratoriums der Hebräischen Universität nicht nach Amerika gegangen, weil ich nicht Gelder für die Universität verlangen konnte, nachdem dieser schreckliche Aufruhr in Jerusalem und im Lande zugelassen wurde. Ich war nicht in der Lage, Menschen zu Beitragsleistungen zu überreden, ohne selbst gesehen zu haben, ob die Verhältnisse eine wissenschaftliche Tätigkeit möglich machen, ob wir unsere Häuser werden verlassen können, ohne zu fürchten, daß wir erdolcht werden, ob wir werden zur Universität gehen können, ohne zu fürchten, aus dem Hinterhalt erschossen zu werden. War doch die Hadassah-Klinik in Hebron eines der ersten Ziele des Angriffes. Ich fragte mich: Erwartet unsere Laboratorien ein gleiches Schicksal? Bis auf den heutigen Tag wartet die Universität, wartet die ganze jüdische Gemeinschaft vergeblich auf eine Antwort auf diese elementare Frage. Bis jetzt ist weder von der Regierung eine angemessene,, noch von den arabischen Führern überhaupt eine Antwort gegeben worden. Es ist eine der großen zivilisatorischen Aufgaben des jüdischen Volkes, zu versuchen, das gelobte Land nicht wie einst Joschua zu betreten, sondern Frieden und Kultur, Arbeit und Opfer, Liebe und die Entschlossenheit mit uns zu bringen, nichts, was vor der Welt nicht zu verantworten ist,' zu unternehmen. Dr. Magnes teilte noch mit, daß das laufende Budget 71.000 Pfund, also 20.000 Pfund mehr als das Vorjahr beträgt; abgesehen von 65.000 Pfund, die für den Bau des Wolffsohn-Bibliotheksgebäudes und für das Gebäude des Einstein-Wattenberg-Physikinstituts verwendet werden. Es wird beabsichtigt, eine Professur für Halacha und Bibelstüdium, einen Lehrstuhl für moderne arabische Literatur, einen Lehrstuhl für Assyrisch und Babylonisch, einen Lehrstuhl für Englisch und schließlich den Weizmann-Friedenslehrstuhl zu schaffen, die Universitätsdruckerei zu erweitern' und neue wissenschaftliche Departements zu eröffnen. Dr. Magnes schloß: Wir fragen nicht nur die Regierung und unsere Nachbarn, die Araber, sondern die ganze zivilisierte Welt: Kann diese Arbeit fortgeführt werden? Die erste Bedingung ist: Wiederherstellung der Ordnung. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß die britische Kommission die Gewalttaten von gestern untersucht, wobei kein Tag ohne Gewalt und Terror vorübergeht. Viele, die gestern noch bereit waren, nach Wegen für neue Beziehungen zwischen Arabern und Juden zu suchen, schrecken heute davor zurück, Konzessionen zu machen, die als eine Prämie für die in Hebron, Safcd, Moza und Talpioth verübten Taten aufgefaßt werden könnten. Das ist natürlich und menschlich. Und doch sage Ich, daß nicht einmal Massakers uns davon zurückhalten sollen, solche Wege zu wandeln. Bevor ",wir nicht den Mut aufbringen, an die Lösung dieses ■ Problems heranzutreten, ist unser Unternehmen nicht auf jene festen Grundlagen gestellt, die es zu r seiner Entwicklung braucht. "V Keren Hajessod-Einnahmen im Oktober J e r u s a l e m, 22. November. (J. T. A.) Beim /Hauptbureau des Keren Hajessod in Jerusalem sind Während des Monats Oktober 23.156 Pfund an jßnenden eingelaufen. Anfragen im Unterhaus London, 21. November. (J. T. A.) In der Sitzung des Unterhauses fragte Herr Ormsby-Gore, ob die Regierung im Hinblick darauf, daß die Presse bereits Berichte über die Verhandlungen vor der Untersuchungskommission bringt, beabsichtige, eine wortgetreue Wiedergabe der Verhandlungen in der Form eines Blau-Buches erscheinen zu lassen. Der jetzige Unterstaatssekretär für die Kolonien, Herr Lunn, erwiderte, die Regierung wird diesen Vorschlag in Erwägung ziehen. In Beantwortung einer Frage des Konservativen R. J. O. Boothby erklärte Lunn, die britische Regierung beabsichtige nicht, das Mandat aufzugeben oder seine Bestimmungen abzuändern. Auf eine Frage des Konservativen Sir John Power teilte Herr Lunn im Unterhaus mit: Während der jüngsten Unruhen in Palästina wurden im ganzen 207 Personen getötet und 379 Personen verwundet in die Krankenhäuser eingeliefert. Auf eine Frage von Ormsby-Gore, Colonel Wedgwood und Captain Hudson im Unterhaus über den jetzigen Stand der Sicherheit in Palästina erklärte Unterstaatssekretär Lunn: Ich bin überzeugt, daß die Palästina-Regierung ihr Aeußerstes tut, um allen den Gesetzen sich unterordnenden Personen einen angemessenen polizeilichen Schutz zu gewähren. | Auf eine Frage von Kenworthy erwiderte Lunn, die transjordanische Grenzmacht habe wertvolle Dienste bei Aufrechterhaltung der Ordnung im Jordantale geleistet und zahlreiche jüdische Kolonien beschützt. Kann man dem transjordanischen Korps vertrauen? fragte Wedgwood. Ja, daran ist kein Zweifel, erwiderte Lunn. Warum wurde das Korps nicht früher eingesetzt? fragte Kenworthy. Mit diese« Frage, erwiderte Lunn, befaßt sich gegenwärtig die Untersuchungskommission. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich. Mittwoch, den 18. Dezember, 8 Uhr abends, Festsaal des Hotel Continental, II., Taborstraße 4 Mitglied d§r Zionistischen Exekutive London. Karten sind im Zionistischen Bureau, I., Kärntnerstraße 28, erhältlich. ' -: ■ ..—■ '■ r J Eine Anfrago Sir Herbert Samuels im Unterhaus London, *24. November. (J. T. A.) Sir Herbert Samuel richtete im Unterhaus an die Regierung die Frage, welchen Betrag Palästina dem britischen Schatzamt für die Ablösung der im Kriege errichteten Eisenbahnen und anderer Aktiva gezahlt hat; ferner, welchen Betrag andere Mandatsterritorien für ähnliche Ablösungen'geleistet haben. Der Unterstaatssekretär für die Kolonien Lunn erwiderte, die Palästinaregierung hat für Ablösung der Aktiva eine Million Pfund geleistet. Die Irak-Regierung hat zwar nur 648.000 Pfund geleistet, aber die Irak-Eisenbahnen verbleiben im Besitz Englands, wenn sie auch von der Irak-Regierung verwaltet werden. Der Hafen von Basra wird von einem Hafen-Trust für einen Betrag von 541.000 Pfund abgelöst werden. Die Tanganyika-Regierung ersetzte eine Summe von 162.000 Pfund dem Kriegsministerkim für Eisenbahnausrüstung. Tel Aviv hat wieder Fleisch Tel Aviv, 24. November. (J. T/A.) Die Fleisohnot in Tel Aviv, die seit.mehr als zwei Wochen bestand, weil die jüdische Gemeinde von Tel Aviv sich weigerte, im Jaffaer Schlachthaus schachten zu lassen. und die Regierung andererseits Schlachtungen in. Tel Aviv verbot, ist nun überwunden, nachdem! der Oberkommissar Sir John Chanoellor die Errichtung eines Schlachthauses in Tel Aviv, das unter Verwaltung des Tel Aviver Bürgermeisteramtes stehen soll, gestattet hat. Statt fünf Jahre nur drei Monate Gefängnis J e r u s a 1 e m, 20. November. (J. T. A.) Das Jerusalemer Gericht hat die vom Richter Litt in Haifa gegen 29 Araber des Dorfes Tireh, die einen bewaffneten Angriff auf die jüdischen Stadtviertel von Hadfa versucht hatten, verhängte Strafe von je fünf Jahren Gefängnis auf je drei Monate Gefängnis, vom Tage der Verurteilung an gerechnet, herabgesetzt. Ein Kreuz an der Klagemauer aufgemalt Jerusalem, 20. November. (J. T. A.) Von unbekannter Seite ist ein neuer Provokationsakt an der Klagemauer begangen worden: An die Steine der Klagemauer wurde in der Nacht mit weißem Kalk ein riesiges Kreuz aufgemait. Die Juden, die an« Morgen zur Andacht erschienen, wischten das Kreuz weg. Am Nachmittag aber war das Kreuz wieder da. Dr. Magnes, Hugo Bergman und Brüh Schalom Jerusalem, 22. November. (J. T. A.) Die Ansprache von Dr. J. L. Magnes bei Eröffnung des Semesters der Hebräischen Universität, in der er sich für eine entschiedene Politik der Verständigung mit den Arabern einsetzte, wird in verschiedenen Kreisen der Jerusalemer Judenheit verschieden beurteilt. In manchen Kreisen gibt man der Ansicht Ausdruck, daß solche Gedanken, wenn sie auch an sich berechtigt sind, nicht gerade zu dieser Zeit hätten ausgesprochen werden müssen. Es hieß, daß ein großer Teil der Studenten der Hebräischen Universität zum Protest gegen did von Dr. Magnes zum Ausdruck gebrachten Gefühle in den Streik treten wolle. Zum Streik kam es aber nicht, eine Kundgebung fand aber bei Beginn einer'Vorlesung von Professor Dr. Hugo Bergman, Bibliothekar der Hebräischen Universität, statt, weil Dr. Bergman einer der Führer der Gesellschaft Brith Scljalom ist, jenes jüdisch-arabischen Freundschaftsbundes, der für die Umwandlung Palästinas in einen binationalen (arabisch-jüdischen) Staat eintritt. Dr. Bergman hat auch in ZeitungsauFsätzen erklärt, zuerst sei man Palästinenser und in zweiter Reihe erst Jude oder Araber. Zum Zeichen der Nichtübereinstimmung mit diesen Ansichten verließen die Studenten bei Beginn der Vorlesung von Dr. Bergman den Lesesaal. Zwischen den Zeilen ] Brith Schalom Der Direktor1-der jüdischen Nationalöibliothek ist zum Mitarbeiter der arabischen Zeitung «Falastin* avanciert. Der Rektor der Jerusalemer Universität versucht hinter dem Rücken der Zionistischen Organisation eine «Verständigung» mit den geistigen Urhebern der Judenmetzeleien herbeizufähren. Große Worte werden vom Skopnisberge geschleudert, schwülstige Phrasen in manchen Jüdischen Redaktionen Europas geschrieben: «Binationaler Staat», «Parlament in Palästina», «Hand in Hand mit dem arabischen Bruder...» Und von irgendwo sickert in der Form eines Gerüchts sogar das unglaublichste durch: «Wir sollen\ auf die Balfour-Deklaration verzichtenh Was ist das? Defaitismus? Hätten wir einen Staat, müßten wir diese Verantwortungslosigkeit, scharf und unzweideutig brandmarken: Verrat/ Denn wer den Kampfwillen des Jüdischen Volkes Im Momente der höchsten Gefahr abzuschwächen versucht, wer vor unseren geschworenen Feinden einen freiwilligen Rückzug antritt, wer so wenig Ehrgefühl hat, daß er mit den Anstiftern der gräßlichen Gemetzel, zu jedem Kompromiß bereit, sich an einen Tisch setzen will — ist Verräter der jüdischen Sache. Einer der größten Männer Europas, Clemenceaa, ist vor einigen Tagen gestorben. «Solange der Krieg dauert«— darf man nicht vom Frieden reden» — war ein Ausspruch dieses Mannes, welcher aufrecht lebte und aufrecht auch begraben wurde. Der Krieg, den wir führen, ist kein imperialistischer Weltkrieg. Uns geht es um kein Elsaß-Lothringen. Uns geht es nur ums Atmen. Man läßt uns aber nicht atmen und zwingt uns deshalb einen Krieg auf. Und da korrifnen kleinmütige Menschen und predigen Nächstenliebe für diejenigen, die uns auch den Atem rauben wollen. Deserteure, die vom Stolz, vom Mut des greisen «Tigers» nicht eilten Tropfen .in .ihrem lauen Blute haben. V er rät er / Sem. Emir Abdullah verleumdet ... J e r u s a 1 e m, 20. November. (J. T. A.) Emir Abdullah von Transjordanien sandte ein Schreiben an Sir John Charicellor, den Oberkommissar für Palästina und Transjordanien, in welchem er ihm mittellt, es werde schwer sein, die Araber Transjordaniens davon zurückzuhalten, ihren palästinensischen Brüdern zu Hilfe zu kommen, wenn nicht die Einschmuggelung von Waffen nach Palästina durch Zionisten unterbunden wird. Einwanderung nach Chile« Paris, 22. November. (J. T. A.) Wie’ dem Hauptbureau von Hias-Jca-Emigdirect aus Valparaiso mitgeteilt wird, wird das Parlament von Chili demnächst über ein neues Einwanderungsgesetz beraten, das die Einwanderung produktiver Elemente begünstigen soll. In Chile existiert bereits eine kleine jüdische Gemeinde; dieses Land lenkt immer mehr die Aufmerksamkeit jüdischer Auswanderer auf sich. - }