Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 102 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ME STIMME N'rr^ Süden! Schenket zu Chanukah Guten Sündern Spiele des Keren Kafemeih f ■ Domino, nerdiatwlo und IVeitfrennsnfcie —... .. & , nach geartet, daß sie als theoretische Begründung für die Bekämpfung des Zionismus verwertet werden könnten. Offiziell wird daher die Gegnerschaft damit motiviert, daß der Zionismus eine im Solde des englischen kapitalistischen Imperialismus stehende gegenrevolutionäre Bewegung sei. Die mit der Führung der jüdischen Angelegenheiten in Sowjetrußlarkl betraute jüdische Sektion der kommunistischen Partei, die «Jewsekzia» (eigentlich: Jewrejskaja Sekzia), die mit allen Mitteln bestrebt ist, die Juden ins bolschewistische Lager hinüberzuleiten und daher alle positiven jüdischen Tendenzen unterdrückt, wetteifert mit der Regierung in der Bekämpfung des Zionismus. Während bei der. Behandlung der jüdischen Religion, der jüdischen nationalen Idee und der hebräischen Sprache, die Regierung ab und zu — vielleicht nur aus taktischen Gründen — für eine Milderung des Vorgehens der Jewsekzia eintritt, wird im Falle des Zionismus die Methode der letzteren durchaus gebilligt und gefördert. Die Feindschaft gegen das Jüdische und gegen die englische Macht führt nachgerade zu grotesken Erscheinungen. Als im heurigen .Sommer verhetzte Araber die jüdischen Städte und Siedlungen mordend, sengend und plündernd überfielen, fanden in Moskau Versammlungen statt, in denen die «von den jüdischen Bourgeois Und den englischen Imperialisten ausgebeuteten arabischen Proletarier» in ihrem Kampfe ermuntert und der Unterstützung der Sowjets versichert wurden. Dieser Parole folgte auch die ausländische Bolschewistenpresse, die in warmen Tönen ihrem Mitgefühle mit den Mordbrennern Ausdruck gab. Zu all’ den Beweggründen der Feindschaft dem Zionismus gegenüber kommt noch eine praktische Erwägung, die in der kommunistischen In- und Auslandspropaganda ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt. Die Sowjetregierung, einerseits gezwungen, für die verelendeten russischen Juden irgend eine Erwerbsquelle ausfindig zu machen und anderseits von der Sucht geleitet, die reichen amerikanischen -Juden und ihre Dollars für Rußland zu gewinnen, kam auf die Idee, die Juden im Sowjetreiche selbst als Bauern anzusiedeln. Nun benützt sie ihr Siedlungsprojekt dazu, es im Inlande als Gegengewicht gegen den volkstümlichen Zionismus undh Im Auslande gegen Palästina qls wirksame Gegenaktion auszuschroten. Die Folgen dieser Bekämpfung des Zionismus sind ganz verschieden. Im Auslande i>st die Kampagne vollständig wirkungslos geblieben, nur dort, wo der Sozialismus starr auf dem marxistischen Prinzip beharrt und seine Führer aus dem jüdischen Lager holt, hat sie Schule gemacht. Der Sozialismus im Westen und die jüdische Arbeiterschaft in Palästina lehnen den antizionistischen Standpunkt der Sowjetregierung auf das entschiedenste, ab. In Rußland selbst liegen die Verhältnisse naturnotwendigerweise wesentlich anders. Sämtliche zionistischen Vereine und Verbände — auch die sozialistisch gefärbten — wurden aufgelöst und jede zionistische Tätigkeit unnachsichtlich verfolgt. Tausende von Zionisten, die trotzdem — ohne irgend welche Stellungnahme gegen die kommunistische Idee oder Macht — ihrem Volke dienen wollen, schmachten ln Sowjetgefängnissen oder gehen in der sibirischen Verbannung seelisch und körperlich zu Grunde. Und nicht nur Erwachsene verfallen diesem Schicksal, auch Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 16 Jahren, die der zionistischen Pfadfinderbewegung, einer durchaus unpolitischen Organisation, angehören, teilen dasselbe Los. Infolge des allgemeinen Auswanderungsverbotes, das nur auf mächtigen Einspruch, wie im Falle der Wolgadeutschen, gelockert wird, ist die russische Judenheit außerstande, Pioniere nach Palästina zu entsenden und so ergibt sich die tragische Situation, daß unter den aus aller Herren Länder herbeigeeilten Söhnen des jüdischen Volkes die russischen Juden fehlen, die stets zu den besten und opferfreudigsten gezählt haben. Die Proletarisierung der russischen Judenheit hat wieder zur Folge, daß sie vollständig der Möglichkeit beraubt ist, ihr Scherflein zu dem Auf'-'* •’ der neuen jüdischen Heimat beizutragen. Die Arbeiten der Untersuchungskommission Die weitere Einvernahme Lukes. Die Aussage Ruthenbergs Sowjetrußland und der Zionismus. Von LudwigBato. Von allen jüdischen Tätigkeitssphären und Ideologien wird in Sowjetrußland aufs schärfste der Z i onismu« verfolgt. Nicht dem Wortlaute des Gesetzes nach, nein, das sowjetrussische Gesetzbuch erwähnt mit keinem Worte den Zionismus, noch viel weniger stellt er ihn unter Strafsanktion. In Wirklichkeit werden aber die zionistische Gesinnung und Betätigung mit den strengsten Strafen belegt, und was das Merkwürdige an der Sache ist, wird diese Verfolgung selbst im Auslande offen zugegeben, während die Unterdrückung der jüdischen Religion, der jüdischen nationalen Idee und der hebräischen Sprache in Aeußerungen von führenden Sowjetmännern, namentlich im Auslande, immer wieder in Abrede gestellt wird. Die Offenheit der Feindschaft gegen den Zionismus geht so weit, daß auch die ausländischen bolschewistischen Zeitungen den strikten Auftrag von Moskau erhalten haben, dem Zionismus immer und überall entgegenzuwirken. Was ist nun der wahre Grund dieser Gegnerschaft, die sich auf den ersten Blick nicht ohne weiteres erklären läßt? Die großen jüdischen Massen Rußlands sind der zionistischen Idee in ihren verschiedenen Schattierungen treu ergeben, viele von ihnen, namentlich die der Ueberlieferung ergebenen Kreise haben ihre zionistischsozialistische Ideologie geschaffen. Die Sowjetmacht erblickt daher im Zionismus den gefährlichen Konkurrenten in der jüdischen Gasse. Es liegt nun aut der Hand, daß der Kommunismus die auf sittlichtraditionellen Grundlagen beruhenden Renaissancebosirebungen des jüdischen Volkes in Rußland mit scheelen Augen betrachtet. Noch viel schwerwiegender sind aber die außenpolitischen Erwägungen, die die Sowjetregierung zu ihrer Stellungnahme gegen den Zionismus veranlassen. Der Bolschewismus hat sich während der zwölf Jahre seines Bestehens vergebens bemüht, im Westen Fuß zu fassen. Da jedoch die auf die Bolschewisierung Westeuropas gerichteten Bestrebungen vorläufig als gescheitert angesehen werden können, schränkt die Sowjetregierung ihre Anstrengungen hier ein, um sich mit ganzer Kraft auf Asien zu verlegen und versucht, die primitiven Völker des Morgenlandes der bolschewistischen Idee zu gewinnen. Dieses Streben wird in hohem Maße von einer allrussischen Idee begünstigt, von dem russischen Imperialismus, den der sonst Ueberlieferungen abholde Bolschewismus von 45 seinem Regierungsvorgänger, dem Zarismus, als heilige Erbschaft übernommen hat. Nun soll sich in Palästina, einem kulturell und verkehrsgeographisch hochwichtigem Lande des nahen Ostens, das alte Volk der Juden unter dem Schutze des Völkerbundes mit der ausgesprochenen Absicht festsetzen, auf der Grundlage seiner kulturellen Eigenart und der sozialen Gerechtigkeit die Heimat der Väter wieder aufzubauen. Mit sittlichem Ernst tritt das Volk an diese Aufgabe heran und schon horchen die Völker des Orients auf, denn eine Kolonisation ganz neuer, ungewohnter Art geht hier vor sich. An Stelle der imperialistischen Kolonisatoren, deren Sinn darauf gerichtet ist, Geld und Macht aus dem eroberten Lande herauszuholen, sammelt sich hier aus allen Ecken und Enden der Welt ein unterdrücktes Volk, um sich aufzurichten, um sich selbst und seiner Umgebung zum Segen zu werden. In dem verwahrlosten, zurückgebliebenen Orient soll aus der aus uralter Zeit herübergeretteten Kultur eine neue Lebensform, eine neue Art sozialen Zusammenlebens der Menschheit erblühen. Neue Kulturwerte will das jüdische Volk in der verjüngten Heimat schaffen, es will auf der geistigen Tribüne der Völker wieder seine Stimme erheben. Der Bolschewismus, der den Osten für sich gewinnen will, sieht nun mit Unwillen, der sich zum I Hasse steigert, daß ihm in diesem Gebiete ein gelähr- I lieber Widersacher entsteht. Denn es besteht die Gefahr, daß die Völker des Morgenlandes in Anlehnung an das Beispiel des jüdischen Volkes ihre alte Kultur, ihre alten Ueberlieferungen wieder lebendig gestalten und dem von Juden erstrebten sozialen Ideal nachstreben werden. Es besteht die Gefahr, daß unter dem Einflüsse des altneuen Judenvolkes dem Orient eine Wiederbelebung winkt. Wenn das eintritt, so hat der Bolschewismus auch hier, wie im Westen Europas, das' Spiel verloren. Dieser Erkenntnis gesellt sich noch der Umstand hinzu, daß sich der Wiederaufbau der jüdischen Heimat auf England stützt, das das Mandat über Palästina ausübt. Nun, die Gefühle der Sowjetregierung gegenüber Großbritannien, das den bolschewistischen Expansionsbestrebungen im Westen sowohl wie im Osten gebieterisch den Weg sperrt, sind allgemein bekannt. %lAM diese Erwägungen sind natürlich nicht dar- BUCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S Neueröffnete Leihbibliothek bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische u. Deutsch-Judaica in reicher Auswahl Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr RUF S 3.— Keine Bandgebühr Zensurierung von Telegrammen an die Zionistische Exekutive. Sir Boyd Merriman brachte zur Sprache, daß Herir Baude von der Zionistischen Exekutive in Jerusalem ein Telegramm an die Zionistische Exekutive in London entworfen habe, in welchem die moslemitische Demonstration an der Klagemauer am 16. August geschildert wird, welches Telegramm aber von der Regierung in einer Weise abgeändert worden war, daß die Ereignisse als wenig wichtig dargestellt erscheinen. Der neue Entwurf des Telegramms wurde Herrn Braude in der Handschrift des stellvertretenden Chefsekretärs Mills ausgehändigt, Herr Luke erklärte, er könne sieh nicht im geringsten an den Verlauf seiner damaligen Unterhaltung mit Herrn Braude erinnern, Sir Boyd brachte weiter folgendes vor: Am 17. August hat Braude Herrn Luke mitgeteilt, daß die Moslemiten an der Klagemauor jüdische Gebetbücher und andere religiöse Utensilien verbrannt haben; er legte Herrn Luke den Entwurf eines für die Zionistische Exekutive bestimmten Telegrammes vor. Herr Luke zeigte ihm den Entwurf des Regierungskommuniquös über die jüdische und arabische Demonstration. Herr Braude erhob Einwendungen gegen das Regieriingskomimunique, das die arabische Ausschreitung bagatellisiere. Herr Luke erklärte, das Kommunique hätte den Zweck, Übertriebenen Darstellungen entgegenzutreten. Luke behauptete nochmals, sich nicht erinnern zu können, das Telegramm an die Zionistische Exekutive gesehen zu haben* Entlarvung der ersten Regierungsbulletins. — Luke kann sich nicht erinnern. — Sir Boyd stellt gefälschte Tatsachen richtig Im Verlauf der weiteren Einvernahme des Chefsekret&rs der Palästina-Regierung, H. C. Luke, brachte Sir Boyd Merriman die von der Palästina-Regierung in den ersten Unruhetagen herausgegebenen Tagesbulletdns zur Sprache, in. denen, wie Sir Boyd sagte, versucht worden ist, den Eindruck zu erweoken, daß es sich nicht um einen Angriff von Arabern auf Juden, sondern um Kämpfe zwischen zwei Teilen der Laadeebevölkerung handelt. Luke erwiderte, er selbst habe .die Bulletins nioht redigiert, aber er könne sagen, daß nicht die Absicht bestand, einen irreführenden Tatbestand zu vermitteln. Er könne sich nicht daran erinnern, daß die Zionistische Exekutive Palästinas gegen die Regierungekommuniquös Einwendungen erhoben habe. S4t Boyd fragte, warum der arabische Angriff auf Tel Aviv in (lom Kommunique so daargeetellt wird, daß „eine Gruppe in dem Manshieh-Viertel in eiinen Konflikt mit der Polizei geriet, wobei drei Personen getötet und 24 verwundet wurden“? Luke gab keine Antwort. Sir Boyd wies auf den offiziellen Bericht über die Kämpfe in Haifa bin, in welchem es hieß, daß „in Hadar Hakannel Araber und Juden in Konflikt miteinander gerieten und von der Polizei auseinandergetrieben wuxden4*. Auch darauf erfolgte keine Ant wort. Warum wurde die Abschlachtung von Juden in Hebron ebenfalls als Kampf dar gestellt? Luke erwiderte, die Regierung hatte nicht di#