Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 101 (21.11.1929)
- Date
- 1929-11-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 101 DIE STIMME Sette* . ■’ rVf ■ Däfe Thora wa-Awoda-Idee*) Soziale Veränderungen, die in den Nach- Kfiegsjahren vor sich gegangen sind, haben vor allem die Jugend getroffen und veranlaß ten sie, zu den durch diese Umwälzungen hervorgetretenen Problemen Stellung zu nehmen. Insbesondere das Problem der zukünftigen Gestaltung unseres Landes, forderte eine klare Stellungnahme. Die religiös-nationalen Chaluzim, die nach Erez-Israel gingen und sich im Hapoel Hamisrachi zusammenfanden, stellten sich mit vollstem Ernst diesem Problem gegenüber und glaubten schließlich in der Thora wa-Awoda-Bewegung seine Lösung gefunden zu haben. Es ist hier freilich kein Raum, diese Idee erschöpfend darzustellen, es soll nur der Versuch gemacht werden, auf die Art der Problemstellung hinzuweisen und die jüdische Jugend hiefür zu interessieren. Von großer Wichtigkeit für den Fortbestand und die Entwicklung der misraehistischen Jugendorganisation und das Durchdringen unseres Ideals in die Reihen der jüdischen Jugend ist die Klärung unserer Ideologie. Selbst in Misrachikreisen sind die Auffassungen über das Wesen der Thora wa-Awoda-Bewegung verschieden. Manche sind der Meinung, sie erstrebe lediglich die Produkt!vierung der Jugend und ihre Vorbereitung für Erez Irael. Wie und unter welchen ökonomischen Bedingungen die neuen Menschen dort leben, ist ihnen ganz egal. Wesenftieli anderes will aber unserer Auffassung nach die Thora wa-Awoda-Bewegung. Sie will die jungen Juden, die nach Erez Israel gehen, zu einer neuen religiös-nationalen und sozialen Gemeinschaft gestalten. Unsere Thora schreibt uns weder vor, unser Leben auf kapitalistischer, noch auf rein sozialistischer Basis einzurichten. Obwohl die Thora wichtige soziale Gesetze enthält, bezweckt sie keinesfalls die „Vergesellschaftllchung der Produktionsmittel“, was das Endziel des Sozialismus ist. Jedoch steht letzteres nicht im Gegensätze zur Thora, ist vielmehr ihrem Geiste sehr nahe. Dasjenige, was im krassen Gegensätze zur Thora steht, ist jener Sozialismus, den Marx gepredigt hat. Die Kultur wird nach der marxistischen Theorie, nicht vom Geiste diktiert, sondern die geistige Kultur selbst in ihren verschiedenen Erscheinungsformen ist auf ökonomische Bedingungen zurückzuführen. Es zweifelt niemand daran, daß einige Formen der Kultur in der äußeren Form wohl von der Wirtschaft abhängig, sind. Aber der Geist selbst mit seinen verschiedenen Erscheinungen und Wirkungen, lebt er nicht sein eigenes Leben? Und wirkt er nicht außer der Wirtschaft unabhängig vom Materiellen? Es ist unzweifelhaft irgendein nahes Verhältnis zwischen Materie und Geist vorhanden und kein Idealismus in der Welt wäre imstande, zu beweisen, daß Hunger und Rättigkeit keinen Einfluß auf die geistige Schöpfung haben. Das alles liegt aber in den Grenzen der Physiologie. Aber außerhalb dieser Grenzen hat die Wirtschaft keinen Einfluß auf unser Kultur- und Geistesleben. Daß übrigens diese marxistische Theorie die Fundamente unseres Glaubens untergräbt, ist ja klar, denn wer an einer göttlichen Lenkung der Völkergeschichte zweifelt, leugnet unsere tiefsten religiösen Ueberzeugungen. In unserer Zeit, die im Zeichen der politischen und sozialen Umwälzungen steht, und wo der Marxismus eine nicht unbedeutende Rolle innerhalb dieser Bewegungen spielt, ist man gewöhnt, jeder neuen Bewegung, die eine Ausgestaltung und Verbesserung der gegenwärtigen jämmerlichen wirtschaftlichen Lage erstrebt, *) Aus den Kreisen der misraehistischen Jugendbewegung erhalten wir diesen Aufsatz, den wir gerne bringen, als einen Ausdruck der Strömungen, welche in groben Teilen unserer nrthndnxen luirend herrschen und schon gar die der arbeitenden Menschen, mit einem Gefühl des Verdachtes entgegenzusehen. Wenn vielleicht bei ähnlichen Bewegungen die Befürchtung des Mündens ins marxistische Fahrwasser besteht, bei unserer Bewegung ist dies unmöglich, zumal, da wir uns — wie der Misrachi — vollständig im Rahmen der geschriebenen und überlieferten Thora bewegen. Und die Thora ist mit Marxismus wahrlich unvereinbar. Die Wege, die zur Verwirklichung unseres Ideals führen, unterscheiden sich wesentlich von denen des Marxismus. Wir sind gegen Klassenkampf sowie gegen jede durch Gewalt und Blutvergießen herbeigeführte Umwälzung. Der Klassenkampf stützt sich auf Kampf und die Revolution,“ sät Haß unter den Menschen und werden hierdurch nur die rohen Instinkte wachgerufen. Dies entspricht gewiß nicht dem Geiste unserer Thora und der Mentalität unserer Propheten. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Durch Kampf und Zerstörung kann v" neue Gemeinschaft nicht aufbauen. Vic: . . I eine stufenweise Evolution nötig, die wir durch Erziehung und Intellektualisierung der Jugend bewirken werden. Durch Thora wa-Awoda wob len wir die Jugend zu freien Menschen erziehen, wobei wir unter wahre Freiheit nicht das Befreien von Thora und Religion verstehen, denn dadurch wird der Mensch erst recht zum Sklaven seiner Triebe. Frei von allen Fehlern und Ausartungen der Gallith soll die neue Generation heran wachsen. Isaak Teitelbäum. Unser Preisausschreiben Auf unser erstes Preisausschreiben «Mein Heimabend m a t e r i a 1» erhielten wir eine Reihe von Einsen-, düngen, die einen äußerst klaren Blick in die Arbeit der Wiener jüdischen Jugend gruppen geben. Nachstehend bringen wir das Ergebnis: Mein Heimabendmaterial i. Preis: Stelly Hilfreich. Das jeweilige Arbeiten des Führers in der Gruppe hängt natürlich vom Alter der Geführten fowie vom Durchfchnitt ihrer Reife ab. Meine Mädels find im Alter von ix bis 13 Jahren. Ein günftiges Alter, da ein Mädel von 13 Jahren zu denken anfängt. Beim Entflohen der Gruppe ging mein Hauptaugenmerk natürlich darauf hin, die Leute zufammenzuhalten und die Vermehrung der Gruppe zü fördern. Im Heimabend ift es notwendig, auf perfönliche Dinge des Einzelnen einzugehen und zu zeigen, daß Anteil an ihnen genommen wird. Dadurch ift die „perfönliche Bindung“ hergeftellt. Es ift ein Stück Arbeit, Kinder, deren Milieu ein halbaßiiiiiliertes, weftliches, ift, zum felbftvcrftändlich Jüdifchen, fagen wir: unbewußt bewußtem; Judentum zu führen. Ich fchlage ein Thema an: „W as heißt, jüdifchfei n, j ü d i f di lebe n?“ Ich bekomme die verfchiedcnften Antworten zu hören, wie z. B.: „Wenn ich mich nicht fchäme, jüdifdi zu fein", oder: „Ein frommer Jude“ ufw. — Martin Bub er bringt diefes Thema in feinem Zwiegefpräch: „J ü d i f ch leben“ fehr fchön. Obwohl diefes etwas fchwer ift, habe ich es mit den Mädels durchgenommen. — Es. ift gut, den Kindern Jüdifches in Form von Erzählungen zu bringen. Schalom Afcb und Perez haben eine Menge von Erzählun-, gen, die packen können. Ebenfo bringe ich S di o 1 e m Alechem, Zangwill, Blumental und Sagen von G u r i o n. Eine vorgelefene Gefchichte hat man nicht glatt an die Zuhörenden herunterfließen zu laffen. Es find oft kleine Gedanken darin, die ich herausgreife, um ein Thema daran zu knüpfen. Wir lafen eine Gefchichte von Hermann Blumental, dieeinen kleinen Jungen darftellt, der für fein Volk ftirbt, um es zu crlöfen. Handgreiflich war der Vergleich mit Juda Makkabi. B i a 1 i k hat in feinen Gedichten eine nur kleine Auswahl folchcr, die Dreizehnjährige verliehen. Audi Z u ck e rm a n n will ich fpäter mit ihnen lefen. Der Dichter felbft wird natürlich befprochen. H e r z 1, der als Schriftfteller und Zionift wichtig ift, begeiftert die Dreizehnjährigen mit feinen Kinderfeuilletons. Politik zu betreiben, oder gar nach irgend einer Seite hin einzuimpfen, würde ich für lächerlich finden; wohl aber wißen fie die Grundbegriffe der zxoniftifdxen Welt- und Landesorganifation, die fie, wie alle Ereignifle und momentanen GefdiehnifTe in Palaftina, intcrefliercn. Viel hören fic denn von Paläftina, willen, was ein Chaluz ift, was eine Kolonie ift und wie fie entlieht. Für midi ift die Paläftina-Geographie und die jüdifche Gefchichte ein wichtiger Faktor. — Was fie praktifdi bei der Wanderung erleben, ift ihnen im Heimabend in Form von Scouting gegeben. — Ich fraage: „Warum wandert man“ und will fie dadurch aauf die neue Lebensform eines Wander-, Jugend-, jüdifchen und zioniftifchen Bundes bringen. Eine Gruppe muß Leben haben; kleine Leute verlangen danadi und fie tanzen und fpielen mit Leidenfdxaft (Horah und Singfpiele). Acniter find zweckmäßig und gut. Das Axnt des Keren-Kajemeth-KafTierens ift natürlich etwas Großartiges. Es wird kein Heimabend gefchloßen, ohne daß jede etwas in unferc Blau-Büdife geworfen hat, deren Zweck fie wißen und fehätzen. In Vorbereitung habe ich einen praktifchen Erfte- Hilfe-Kurs mit Anfchluß an Körperbau. — Die Kinder felbft halten die Heimabende in einem von ihnin geführten Heimtagebuch feft. Es wäre wünfehenswert, wenn jeder Bund fein Führertagebuch hätte, in dem jeder einzelne Führer fein Erleben und Arbeiten mit feiner Gruppe fcfthielte. * Den zweiten Preis erhielt Berta Teller. Den dritten Preis erhielt Manfred Wcinft e i n. ' * In den Einfendungen find befonders die Paläftina- Ereigniße und anfchließend daran, je nach den Altersftufen der Gruppen, Erzählungen über die Entwicklung der Kolonifation, über jüdifche Helden, bezw. Diskußionen über politifche Fragen, über Chaluzim und über Aufbauproblemc enthalten. — An Diskußionsthemen find befonders folche politifchcr Natur, über aktuelle Fragen, meift im Anfchluß an Preßereferatc, hervorgehoben. Referate, die in den Gruppen der „Aelteren“ (17 bis 20 Jahre) gehalten werden, führen in alle Gebiete mcnfdjlichen Wißens (Weltliteratur, orientalifche Kunft, Marxismus, englifche Gefchichte, Gemeinfchaftsleben in der Tierwelt, Rechtsbegriffe, Verfaßungsfragen u. v. a.). Einen großen Umfang nehmen natürlich die Gebiete jüdifchen Willens ein (Jüdifche Gefchichte, Propheten, Talmud, zioniftifchc Gefchichte, Paläftina-Kundc, jüdifche Strömungen in alten Zeiten ufw.). Auf Scouting, Körperkultur, Hygiene wird auch viel Gewicht gelegt * Unfer neues Preisausfchrcibcn. Die „Stimme der Jugend“ wird fernerhin beftrebt fein, die einzelnen Gebiete in ihren Preisausfchreibcn hervorzuheben, und bringt ihr nächftcs Preisausfchreiben: Mein Bücherzettel. Es ift für alle jüdifchen Jugendlichen gedacht und foll die in letzter Zeit gelefenen wertvollen Bücher jüdifchen und nichtjüdlfchen Inhaltes und bei jedem Buch eine kurze Erläuterung bringen, was den Wert des Buches ausmachc. Die Einfendungen follen hödhftcns 50 Druckzeilen umfaßen. Einfendungstermin bis Samstag, 30. November. Die bellen drei Arbeiten werden mit Büchern prämiiert. Die Einfendungen find einfeitig zu fdircibcn. Generalversammlung des Jüd. Akad. Technikerverbandes Bei der am 9. November stattgefundenen Generalversammlung des Jüd. Akad. Technikerverbandes führte der Obmann folgendes aus: Der Jiid. Akad. Tccjrnikerverh-nd hat dieses Jahr unter der Ungunst der Verhältnisse , besonders au leiden gehabt. In seinem Lokal in der Nähe der Technik sei er gekündigt worden und habe bisher noch immer kein endgültiges Lokal gefunden, da der Verein kein laufendes Einkommen habe und auf Subventionen angewiesen sei. Wie bedauerlich dies sei, haben die Studentenkrawalle wieder einmal bewiesen. Wenn nun keine geschlossene jüdische Organisation habe, sei man bedingungslos diesen Haken kreuz-Rowdies ausgesetzt. Daß es. noch immer viele Juden gibt, die dem Verband nicht angehören, sei bedauerlich. Um den Uebergriffen auf den Hochschulen entgegenzutreten, hätten die jüdischen Studenten cten Selbstschutz geschaffen, der schon jetzt über 120 Mitglieder verfüge. Bei der Wahl wurden folgende Herren in A." Ausschuß gewählt: Goldsehläger. Markovits, Kat/. Spitz, Friedman n, Schindler und Feigenbaum