Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 101 (21.11.1929)
- Date
- 1929-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053853--1388-3056737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 101 DIE STIMME Seife 8 Izchak Griinbaum 50 Jahre alt Am 24. November feiert der bekannte Führer der polnischen Zionisten, Abgeordneter Izchak Grünbaum, seinen 50. Geburtstag. Grünbaum, der eit drei Jahrzehnten in der zionistischen Bewegung führend aktiv ist, ist im Jahre 1879 in Warschau geboren. Sein Vater Josua, ein sehr angesehener jüdischer Bürger, gab ihm eine streng jüdische Erziehung. Noch während seiner Gymnasialstudien in Plock begründete er mit einigen Kollegen eine zionistische Studentenorganisation und publizierte schon damals eine Reihe von hebräischen und jüdischen Aufsätzen über aktuelle jüdische Probleme. Als Hörer der Warschauer Universität entfaltete er nebst der organisatorischen eine sehr vebhafte journalistische Tätigkeit. Er veröffentlichte im «Haschiloach», «Hador» und in der von Dr. Lourie herausgegebenen zionistischen Wochenschrift «Jid» Aufsätze und Abhandlungen, die einen wertvollen Beitrag zum Ausbau der zionistischen Theorie lieferten. Als Zionist schloß er sich der von Dr. Weizmann und Leo Motzkin begründeten demokratischen Fraktion an. In den Jahren 1908 bis 1910 leitete er die zionistische Organisation in Wilna und gehörte dem Mitarbeiterstab des «Hao- Iam» und der hebräischen Tageszeitung «Hasman» an. Eine Zeitlang redigierte Grünbaum das offizielle zionistische Organ «Haolam», in dem er für die Teilnahme der zionistischen Organisation an der Gegenwartsarbeit eintrat. Seiner Initiative ist auch die Einberufung der Konferenz nach Helsingfors zu verdanken, die auf Grund seiner Vorschläge das erste offizielle Programm einer zionistischen Gegenwartsarbeit beschlossen hatte. Grünbaum trat auch für die Anerkenung der jiddischen Sprache als Volkssprache in den Galuthländern mit jüdischer Maissensiedlung sowie für die Verweltlichung der jüdischen Gemeinden ein. In den Jahren 1911 bis 1912 gehörte er dem Redaktionsstabe des ersten modernen jüdischen Tagblattes «Frajnd» an. Nebstbei redigierte er auch das zionistische Wochenblatt in jiddischer Sprache «Dos jüdische Volk». Während des Krieges übersiedelte Grünbaum nach Petersburg, wo er da:s jüdische Tagblatt «Petrograder Tagblatt» redigierte und das Generalsekretariat der zionistischen Organisation führte. Zu Beginn der russischen Revolution bemühte sich Grünbaum um das Zustandekommen einer Verständigung zwischen den Juden und den in Rußland wohnhaften nationalen Minderheiten,* um im Einvernehmen mit diesen die nationalkulturelle Autonomie für die Juden zu regeln. Auf Grund dieser Forderungen kam es zwischen ihm und der offiziellen Leitung der zionistischen Organisation in Rußland zu scharfen Konflikten, da Grünbaum für die Teilung der jüdischen Gemeinde in eine religiöse und nationale eintrat und für die Befreiung Polens die Lanze brach. Dieser Konflikt kam besonders auf der ersten zionistischen Konferenz in Rußland im Jahre 1917 zum Vorschein. Ebenso verlangte er die Anerkennung der jid- Das jüdische Wien*) Wissenschaft vom täglichen Brot Erzählen wir uns etwas von oer Wirklichkeit. Dabei wollen wir selbstbewußt annehmen, daß wir beide, Sie und ich, eine zügellose Phantasie haben. Nun denn: stellen Sie sich vor, daß ich eine alte, aber gute Fee bin (wir wollen mich Schlehmilia nennen) und daß Sie vor nicht allzu langer Zeit Ihr Abitur mit Auszeichnung oder gar nur mit Verstand gemacht haben. «Es sei!» antworten Sie, Mann wie Frau. Stellen Sie »sich auch noch nach vollbrachtem Abitur auf den Standpunkt, der im Talmud folgendermaßen formuliert ist: «Wissenschaft ist mehr als Priestertum und Königswürde.»??? — «Rückhaltlos!» Sie wollen also Arzt oder Aerztin oder ich weiß nicht was werden und das zum Beispiel als ausländischer. Jude, der vielleicht zwar «Altösterreicher» ist, aber immerhin Ausländer und Jude? Ja? — «Ja, ja, ja...» ln diesem Stadium unseres Einvernehmens erscheine als der gute Geist, als der ich mich anfangs vorgestellt habe: Sphärenmusik, Großaufnahme. Ich sage zu Ihnen im landesüblichen Feenton: «Liebes Söhnchen oder liebes Töchterlein! Du willst studieren und ich will, weil du es sonst nicht könntest, dein Studium finanzieren. Auf die zweihundert Schilling, die ich dir monatlich aussetze, soll es mir nicht ankommen. Ade!» Die Wirklichkeit beginnt. #■ Den Glücksfall, daß ein jüdischer Student mit rweihundert Schilling monatlich begütert ist, muß man irgendwie erklären. Wir können ja hier nicht lang und breit ausführen, mit was für Opfern der Familie, mit welchen Entsagungen dieses Budget verbunden ist... die wirtschaftliche Krise des Ostjudentums äußert sich nicht zuletzt hier zwischen Universitätsgebäude und den Studentenquartieren... Wir nehmen also einen Glücksfall an. < Ueberlegen Sie einmal: die Miete eines Zimmers kostet allein vierzig bis fünfzig Schilling monatlich — eines solchen, in dem man nur in einer Richtung leb. . darf, weil man sich wegen Platzmangels nicht umdrehen kann. Wie ein Verhängnis stürzt sich dann der «Erste» auf das schmale Budget und die Hälfte *) Wir werden in den nächsten Nummern der «Stimme» weitere Reportagen aus dem Wiener jüdischen Leiben. zum Albdruck bringen. dlschett Sprache als einer nationalen in der Galuth, da man nach ihm von der Regierung die Anerkennung von zwei Natiomlsprachen, der hebräischen und jüdischen, nicht verlangen könne. Nach dem Kriege kehrte Grünbaum nach V/c. :hau zurück, wo er sofort mit der politischen Leiiurg betraut wurde und den Kampf um die Anerkennung der jüdischen nationalen Rechte aufgenommen hatte. Seit dem Jahre 1918 ist Grünbaum der anerkannte politische Führer des Judentums in Kongreßpolen. Er gehört auch seit dieser Zeit ununterbrochen dem Sejm an, auf dessen Tribüne er in glänzenden Reden die Forderungen der jüdischen Bevölkerung vertrat. Als Präsident des von ihm ins Leben gerufenen jüdischen Nationalrates zeichnete er der jüdischen Politik in Polen die Richtung vor und unterstützte die Arbeiten des Pariser Comifo des D&egations juives auf dem Gebiete der jüdischen Minderheitsrechte. Grünbaum nahm auch einen überaus aktiven Anteil am palästinensisch-zionistischen Leben. Bis zum Jahre 1922 war er der Präsident der zionistischen Organisation in Polen und als solcher führte er den Ausbau der Organisation durch. Trotz seiner politischen Tätigkeit hatte er stets für palästinensische Fragen großes Interesse und stand in dieser Hinsicht jederzeit der zionistischen Organisation und ihren Fonds zur Verfügung. Grünbaum, der von Beruf Rechtsanwalt ist, hat auf die Ausübung seines Berufes verzichtet, um sich der zionistischen Sache zyr Gänze widmen zu können. -J£\ y GKHHIIZTALTIROL Sehneltzugstallon Stein ich em Brenner/] Wundereehönes Skigelände mit günstigen SchneeverhWtnlssenvon Mitte Dezember bis Ende März. Skikurse, Rodelbahn, Eis-1 lagfplatz. Behaglicher Aufenthalt im TBINS 11214 m ü. d. M., In sonniger Lage, neu er* baut, modern und gediegen eingerichtet, 60 Betten, flleBendes Kalt- und Warmwasser, Zentralheizung und Bäder. Erstklassige Wiener KUehe. Pensionspreis ab Mk, 7.20. Auf Verlangen Prospekte. In Polen redigierte er einige Jahre das zionistische Tagblatt «Dos jüdische Volk» und die von ihm begründeten polnischen Wochenschriften «Glos zydovski» und «Zycie zydowskie». In den letzten Jahren ist er ständiger Mitarbeiter der «Hajnt». Als jüdischer Politiker war Grünbaum bemüht, die in Polen lebenden Minderheiten zu einem Block zu vereinigen, um mit gemeinsamen Kräften die Realisierung der Forderungen der nationalen .Minderheiten, hauptsächlich aber die Verankerung der nationalkulturelien Autonomie in der polnischen Verfassung, durchzudes Geldes ist im Handumdrehen weg. Rechne wie du magst, fürs Essen bleiben gewöhnlioh nur so drei Schilling im Tag. Mit diesen drei Schilling Verpflegsgeld stehen Sie, der jüdische Student da — sagen wir vor dem anatomischen Institut. Halt, einen Schilling haben Sie verpraßt, verschlemmt, für Frühstück im Volkscafe. Und jetzt ist es Mittagzeit. Sie als Mediziner wissen ganz genau, daß der Mgen sich nicht hunzen läßt. Sie wünschen;sich erbittert den guten Appetit, den Sie haben... aber da erscheine ich als guter Geist auf der Bildfläche, fasse Sie an der Hand und führe Sie die AIserstraße entlang bis zum Zimmermannplatz. Da wären wir also! Hier, bitte, die mensa judaica, Mahlzeit I * ■ ■ Sie treten in ein langgestrecktes Lokal mit quergestellten, dichtbesetzten Tischen. Sie gehen durch den Trubel zur Kasse und kaufen eine Menükarte — um achtzig Groschen! Dann warten Sie, bis ein Platz frei wird. Aber wer nickt Ihnen da lächelnd zu, wer stürzt Ihnen da entgegen? — Ein lachender Mensch steht vor Ihnen — Sie sehen ihm ims Gesicht, Ihre Augen leuchten auf, Sie rufen einen Namen. Händeschütteln, Lachen und Fragen. Sie wußten nicht, daß er, ein Schulkamerad aus der Heimatstadt, hier sei, und nun habt ihr einander getroffen — merken Sie vielleicht schon, daß die Mensa etwas ganz anderes ist als ein Speisehaus? Eis ist zum Beispiel auch ein Sprachenbabel: an diesem Tisch, hörst du Leute hebräisch sprechen, von rückwärts schwirrt ein ungarischer Zuruf nach vorn, in der Nische, die mit zwei Tischen für das Ausruhen bei der Zigarette bestimmt ist, fragt ein junges Mädchen einen Studenten, der gerade Skripten durchblättert, irgendetwas in russischer Sprache. Der versteht offenbar nicht und stellt erstaunt eine Frage — polnisch. Das Mädohen schüttelt verständnislos den Kopf und dann stellt sie deutsch die schüchterne Frage: «Bitte, die Skripten, ich habe gehört, daß Sie bald fertig sind... kann ich sie dann bekommen?» Sie warten an einem Tisch auf das Freiwerden v eines Sessels. Hier sitzen sechs Leute. Fünf davon essen mit herzhaftem Appetit, der sechste aber stochert nur so im Fleisch herum, widerwillig, als würde es ihm eine ungeheure Ueberwindung kosten, ein Stück des Bratens zu verspeisen. Einer, der ihm gegenübersitzt, bemerkt dies und legt plötzlich los: setzen. Aus diesem Grunde schuf er während der Sejmwählen technische Wahlblocks, die für die Juden in wahltechnischer Hinsicht nicht ohne Erfolg geblieben sind. Infolge der Differenzen, die zwischen ihm und der zionistischen Mehrheit in der Jewish-Agency-Frage entstanden sind, legte Grünbaum das Präsidium der zionistischen Organisation in Polen nieder und schuf die Fraktion der radikalen Zioniisten, an deren Spitze er gegen die Heranziehung von Nichtzionisten in die Jewish Agency kämpfte. Diese Kämpfe sind uns allen noch in frischer Erinnerung. Grünbaum war sein Leben lang ein Fanatiker und kompromißfeindlicher Dogmatiker. Trotz seines Fanatismus und Doktrinärtums erfreut er sich bei allen Freunden und Gegnern der größten Wertschätzung, denn Grünbaum ist der ideale Typus eines kompromißlosen, ehrlichen und reinen Politikers. Obzwar ein Oppositioneller, war er stets vom Verantwortungsgefühl der zionistischen Weltorganisation gegenüber geleitet. Wenn er auch heftige Kämpfe auf rein ideologischer Grundlage führte, so hat er nie den Rahmen seiner Landesorganisation gesprengt, sondern stetis in überaus mustergültiger Disziplin die Fahne der einheitlichen zionistischen Organisation hochgehalten. Diese seine Haltung hat ihm daher trotz gegenteiliger Anschauungen die Liebe und Achtung aller Zionisten eingebracht. Sein 50, Geburtstag bietet auch den Zionisten Polens aller Schattierungen Gelegenheit, um ihm Beweise der großen Anhänglichkeit und Liebe, der er sich bei allen erfreut, entgegenzubringen. Möge es Grünbaum noch recht lange beschiedeii sein, in der zionistischen Organisation in führender Stellung tätig zu sein. t Warschau. Anläßlich des bevorstehenden 50. Geburtstages von Izchak Grünbaum haben seine Freunde eine Aktion eingeleitet, um ihm ein Volksgeschenk in der Form eine «Nachiah» in Palästina darzubringen. Diese Aktion hat in allen zionistischen und jüdischen Kreisen Polens große Sympathien gefunden. . Beginn der Tagung der politischen Kommission der Jewish Agency London, (J. T. A.). Am Dienstag, den 12, November, begann in London die Tagung der politischen Kommission der Jewish Agency. Den Vorsitz führte der Präsident des Council der Jewish Agency Lord Melchett. An der Beratung nehmen Teil Baron James de Rothschild, Direktor Oscar Wassermann, Prof, Chaiin Weizmann, die Mitglieder der Zionistischen Exekutive in London und die englischen Mitglieder der Jewish Agency. In der ersten Sitzung wurde die gegenwärtige Lage in Palästina eingehend durchgesprochen. «Sagen Sie, Kollege, schmeckt Ihnen das Essen hier nicht?» Der andere blickt verduzt empor und sagt dann nervös: «Nein!» Alle werden aufmerksam. Der Frager fährt fort: «Ich halte das Essen für vorzüglich! Sind Sie vielleicht unzufrieden?» «Das nicht,» tönt nervös die Antwort, «aber...* «Aber?» «Ich steige morgen zur Prüfung und das verschlägt mir den Appetit!» Gelächter, der appetitlose Prüfling verzieht das Gesicht, aber schon ist die Grimasse ein Lächeln. Er legt sich herzhaft ins Zeug — die Speisen machen es ihm nicht schwer — und ißt sich Mut an. Es ist eine Atmosphäre von Kollektivität — im Ton, in der Institution als solcher und in ihrer Basis. Daß der Mann, dem ich anfangs Zweihundert inj Monat ausgesetzt habe, damit wirklich existieren kann, ist ein Verdienst der Institution, ein Verdienst derjenigen, die sie erhalten. Es sind dies: die Bnei-Brith-Loge «Wahrheit», die Kultusgemeinde, die israelitische Alliance,, es sind private Spender, unter denen sich auch viele befinden, die einst als Studenten in der Mensa gegessen haben. Aber darüber hinaus bat die Institution eine andere, als nur eine rein wirtschaftliche Bedeutung. Sie hat eine kulturell-soziale Funktion, indem sie die wichtige Grundlage der Existenz des ostjüdischen Studenten in Wien ist — hier erleichtert sie, die Brücke zwischen Oist und West zu schlagen. Und wenn der Gewinn für den Westen allein das jüdische Volkslied wäre, das zum Beispiel zu Pesach in der Mensa feierlich zelebriert wird — es wäre Gewinn genug. Aber dies ist es nicht allein: daß der Westen es den fortschrittlichsten Elementen der ostjüdischen Jugend ermöglicht, die Mensa in die glückliche Lage eines Defizits zu versetzen denn dieses ist selbstverständlich —, kann dem einen Genugtuung an sich sein. Wem die Tatsache keine Genugtuung bereitet, wer sich nicht allein damit zufrieden gibt, daß die Mensa täglich 300 bis 400 jüdischen Intellektuellen Nahrung u nter dem. Herstellungspreis bietet, der möge vielleicht bedenken, daß die Förderung der jüdischen Studentenschaft jetzt, wo an der Wiener*Universität für die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation geradezu die Prügei-1 strafe ein geführt ist, mehr denn je ein Gebot der Stunde und des Gewissens ist. Elbe..