Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 101 (21.11.1929)
- Date
- 1929-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 101 DIE STIMME Seite 3 Tatsache aufmerksam, woraufhin Herr Stoker das Büchlein beschämt zurücknahm. * Sir Boyd verlas die Statuten des Brith Trumpeldor, aus denen hervorgeht, daß dieser Verein 250 Mitglieder zählt und sich dem physischen, ethischen und kulturellen Aufbau widmet. Aussagen der stellvertretenden Kommissare aus Nord und Süd Der stellvertretende Kommissar für den Norddistrdkt, Herr G. McLaren aus Haifa, sagte aus, er habe am Freitag, den 23. August abends, von den Jerusalemer Unruhen erfahren. Am 24. August war auch in Haifa eine geringe Erregung festzustellen. Die Juden waren in erregter Stimmung, hatten ihn aber in der Aufrechterhaltung der Ruhe unterstützt. Die gegen die Juden sich bemerkbar machende Bewegung, sagte McLaren, war nicht spontan, es sei ihm bekannt gewesen, daß Agitatoren am Werke seien und daß Flugschriften aufreizenden Inhalts unter den Arabern, verbreitet wurden. Herr Crosbie, der Vizekommissär des Siiddistriktes, schilderte die Anstrengungen, die gemacht wurden, um eine arabische Demonstration in Jaffa, die sehr gefährliche Formen hätte annehmen können, zu verhindern. Crosbie sagte weiter aus, er sei überzeugt, daß ein Massaker in Tel-Aviv dadurch abgewendet worden sei, daß Polizeioffizier Riggs gegen die auf Tel-Aviv marschierenden Araber das Feuer eröffnete. Es sei nicht wahr, daß die Erregung erst durch das Feuern entstanden sei. Wolfgang von Wcisl vor der Untcrsuchungskommission Vor der Untersuchungskommission erschien dann Dr. Wolfgang von Weis!, der Vertreter des Ullstein-Dienstes und Mitglied des Zentralrates des Weltverbandes der Zionisten-Revisionisten ist. Dr. von Weisl, der während der Jerusalemer Unruhen als einer der ersten verletzt wurde und noch heute an den Folgen dieser Verletzung zu leiden hat, erschien im Saale gestützt von seiner Gattin und einer Pflegerin. Seine Einvernahme dauerte viele Stunden lang. Er berichtete über die Geschehnisse an der Klagemauer am 16. August und in der Jaffastraße am 23. August und entwickelte auf Befragen der Anwälte die Grundsätze des Revisionismus, die, so sagte er, die Grundsätze der ersten Zionisten sind und nichts enthalten, was den Arabern Anlaß zu Befürchtungen geben könne. Am 6. August ging er zur Klagemauer, um eich die arabische Demonstration anzusehen. Er war Zeügc dessen, daß die Demonstranten Gebetbücher und Amulette aus den Ritzen der Mauer hervorholten, sie zerrissen und mit Füßen auf die Fetzen traten. An dem tragischen Freitag, den 23. August, nach 1 Uhr hörte er, daß sich in der Jaffastraße Unruhen vorbereiteten. Er eilte an das Jaffa- Tor. Die Straße entlang marschierten mit Schwertern und Knütteln bewaffnete Araber. Ein verfolgter Jude rannte auf die Polizei zu, er wurde aber, bevor er diese erreichte, niedergestochen. Fünf Minuten später wurde abermals ein Jude niedergeschlagen und der Mob lief den Bethlehemweg hinunter. Die Polizei brachte die Menge zum Stehen. Dr. von Weisl begab sich zur Jaffastraße, wo er besorgte 'Juden einander zurufen hörte: Die Araber kommen! Vor dem arabischen Demonstrationszug waren zwei Polizisten zu Pferde, hinter dem Zug fuhr ein Panzerauto in Begleitung von vier englischen Polizisten. Der Zug bewegte sich ruhig fort. Plötzlich stürzte sich ein Araber, ein Hüne von Gestalt, mit einem Knüttel auf einen Juden, fast in demselben Augenblick erhielt er, Dr. von Woisl, von zwei Arabern Schläge auf (len Kopf, sein Tropenhelm milderte die Wirkung der Schlage. Er packte einen der Angreifer und wollte ihn der Polizei übergehen, die Polizisten waren aber allzu beschäftigt. Der Festgchaltene versuchte, sich loszureißen, und während er, Weisl, mit ihm rang, fühlte er einen Stieh in den Rücken. Er sah sich um und sah, daß es ein junger Araber war, der den Messerstich geführt hatte. Er sah weiter, daß die Polizisten den Angreifer faßten, ihn aber nicht verhafteten, sondern in den Zug ' hineinstießen. Fast in der gleichen Minute wurde der Jude Eiiah Raitan von einem anderen Araber durch Messerstiche tödlich verletzt. Ebenso wurde der hebräische Schriftsteller Itmar bei Awi, der sich unweit von Doktor von Weisl befand, verletzt. Bialik wieder in Palästina Jaffa, 15. November (J. T. A.). Chaim Nach man Bialik, der mehrere Monate in Europa zubrachte und sich in Berlin einer schweren Operation unterzog, ist mm wieder nach Palästina zuriiekgekehrt. Jakob Wassermann an „Die Stimme“ Ein assimilatorisches Blatt in Wien brachte die Nachricht, daß Jakob Wassermann den bekannten Aufruf der deutschen Assimilanten gegen die Jewisli Agency nachträglich unterfertigt hat. Da wir ansonsten nirgends diese Mitteilung bestätigt vorfanden, wandte sich unser Redakteur mit einer diesbezüglichen Anfrage an den Dichter. Jakob Wassermann gehört ohne Zweifel zu den hervorragendsten Geistern der Gegenwart und es wäre unbillig, seine gegnerische Einstellung zum Zionismus mit persönlichen Invektiven erledigen zu wollen. Einer Persönlichkeit dieses Ranges kann auch aus Gründen ihrer Erziehung, Umgebung und einer abseits vom Judentum gelegenen geistigen Entwicklung die Kompetenz zur Urteilsfällung über das Judentum und insbesondere über den Zionismus ermangeln. Nichtsdestoweniger darf Wassermann nicht das Recht zur Meinungsäußerung über das Judentum abgesprochen werden. Die Antwort Wassermanns, die wir hiemit über Ermächtigung des Dichters veröffentlichen, bildet jedenfalls ein interessantes Beispiel für den Humanitätsdünkel, der im modernen Judentum längst überwunden ist. Der Brief an unseren Redakteur lautet: Sehr geehrter Herr Doktor! Obwohl ich noch immer unwohl bin und obwohl Ihre Zuschrift wie eine Aufforderung zur Rechenschafrtsabiegung klingt, zu der ich mich keineswegs verpflichtet fühle, will ich diese Zuschrift in aller gebotenen Kürze beantworten. Ich kann durohaus nicht einsehen, inwiefern das offene Bekenntnis zum Judentum identisch sein soll mit dem Bekenntnis zum Zionismus. Ich kann ferner nicht einsehen, daß das Nichtbekenntnis zum Zionismus gleichbedeutend sein soll mit Feindschaft gegen den Zionismus oder gar mit Gleichgültigkeit gegenüber dem ■ ^>1 DIREKTE LINIE mit den vorzüglichen Salonschiffen «Adria» und «Carnaro». Fnbrtdauer 5% Tage. Fahrpreise: I. Kl. l.st. 22.—. II. Kl. Lst. 15.—, III. Kl. Lst. 5.— inkl. Bett und Verpflegung. Für Chaiuzlm und YourSsfiengeseHschaften besondere Ermäßigungen* Für Einzeireisende kostet die Fahrt: nach Palästina und zurück in. der III. Klasse inkl. Kabine mid Verpflegung bloß österr. Schilling 348.—. Auskünfte Lloyd Triestino, Wien I, Kärntnerring 6 Furchtbaren, was sich in Palästina ereignet hat. Das ist es ja eben, was die Mißverständnisse ins unheilvoll Unentwirrbare vermehrt. Ich habe mich vor einigen Tagen gegen Dr. Woyda, den Herausgeber einer jüdisch-liberalen Zeitung in Berlin, in diesem Sinne geäußert und meinen Standpunkt zu erläutern versucht; um dies nicht noch einmal tun zu müssen, lege ich die Abschrift des betreffenden Briefes bei. Ich weiß, daß ich gegen Windmühlen kägipfe, aber wozu sind denn die Don Quichotes auf der Welt. Hochachtungsvoll Jakob Wassermann. Der bezogene Brief lautet: Geehrter Herr Dr. Woyda! Ich bin ziemlich unpäßlich von Berlin zurückgekehrt, verbringe noch einen großen Teil des Tages am Bett, und da die Frist, die Sie mir gesetzt haben, abläuft, bin ich nicht nur durch meinen physischen Zustand behindert, sondern muß mich auch aus letzterem Grund so kurz wie möglich fassen. Meine Situation gegenüber dem Judentum hat niemals an einer Zweideutigkeit gelitten. Ehe es noch einen Zionismus gab, habe ich, vor mehr als dreißig Jahren, im Vorspiel der «Juden von Zirndorf» diese messianische Idee dichterisch zu gestalten unternommen. Als eis noch üblich war, daß der deutsche Schriftsteller jüdischer Abkunft sich hinter einer Maske verbarg, die sein wahres Gesicht unkenntlich machte, habe ich mit Beginn meiner Laufbahn, mit diesem Versteckenspiel ein Ende gemacht und bin mit offenem Visier auf den Plan getreten. Dadurch ergab sich der Weg von selbst, den ich in meiner im Jahre 1921 erschienenen autobiographischen Schrift gekennzeichnet habe und der für viele andere Erkenntnis und Aufforderung zur Nachfolge geworden tat. Aber die wachsende Politisierung unserer Zeit hat ihr zerstörendes Gift auch in das Judentum getragen, und jene messianisch-religiöse Idee, von der ich oben sprach, sollte plötzlich Wirklichkeit werden. Ich kann und will mich über diese tragische Katastrophe einer Idee hier nicht weiter äußern, dazu ist der Raum zu, kurz und die Gelegenheit schlecht gewählt. Ich kann nicht einmal von mir und meinen traurigen Erfahrungen sprechbn, den häßlichen Anfeindungen, deren Ziel ich wurde, als ich den Trennungsstrich zwischen mir und einer mehr und mehr fanat feierten Gruppe zu ziehen versuchte, ja als ich nur auf die imanente Gefahr der Enthumanisierung hinwies, die durch ein staatenbildendes Judentum drohte, denn ich fand und finde es noch, daß das Judentum in seiner Diaspora legitimiert und durch seelisches Martyrium beinahe geheiligt durch zwei Jahrtausende, der letzte Hort der Humanität ist, ihr letzter Schutzwall vor dem Anmarsch der neuen grauenhaften Barbarei des Nationalismus. Vor einigen Tagen las ich, daß ein jüdischer Sportverein sich geweigert habe, Mitglieder aufzunehmen, die sich nicht zum Zionismus bekannten. Da haben Sie das ganze Elend, die ganze Armseligkeit, die ganze Verhetzung. Was für ein Unterschied besteht da noch zwischen diesen und der rabiaten Phraseologie unserer Völkischen? Keiner. Indem man die vorhandenen neunundneunzig Haß- und Kampfparteien um eine, die hundertste vermehrt, hat man eben aufgehört, sich zu unterscheiden, hat man aufgehört human zu sein, und wenn es irgend einen Grund zum Verzweifeln gibt, ist es der. Aber auch Sie und Ihre Freunde sollen nicht mit der Schärfe des Schwertes wüten, sondern durch das Anderssein, das exemplarische Bild und Vorbild, ich meine nicht durch Argumentation, sondern durch die sittliche Selbstverständlichkeit der Lebensgeisrtaltung und Geisteshaltung. Nur das kann uns aus dem Sumpf, dem Krieg im Sumpf, dem Haß und dem Mißverständnis herausführen. Ich bin Ihr sehr ergebener Jakob Wassermann. Palästina-Fragen im Unterhaus London, 14. November. (J. T. A.) Im Unterhaus richtete Colonel Howard Bury an den Unterstaatssekretär für die Kolonien, Herrn Lunn, die Frage, ob er in der Lage sei, Charakter und Ausdehnung der von den Juden an den heiligen Stätten der Moslims angerichteten Schäden bekanntzugeben. William Lunn erwiderte, daß die Gerüchte, wonach die heiligen Bauten der J^oslims beschädigt worden seien, vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Howard Bury: Weiß Herr Lunn, daß das Heiligtum des Jüngers des Propheten gepli's - dert und der Koran vernichtet wurde? Graf Winterton fragte, ob es nicht ratsamer sei, den Bericht der Untersuchungskommission abzuwarten, bevor solche dezidierte Beschuldigungen behandelt werden. Lunn ersuchte das Haus, sich diesen Vorschlag anzueignen. Major Ormsby-Gore, der frühere Unterstaatssekretär für die Kolonien, fragte: Will Herr Lunn, da solche Andeutungen über Entweihung des Heiligtums des Prophetenjüngers größten Schaden anrichten können, Schritte ergreifen, um diesen vollkommen irreführenden Gerüchten den Boden zu entziehen? Howard Bury: Darf ich Photographien des Grabes und des heiligen Gebäudes vorweisen, die bezeigen, daß diese Behauptung nicht ein Gerücht, sondern volle Wahrheit ist? Auf alle diese Fragen wurde keine Antwort erteilt. Die rechtlichen Probleme der Klagemaucr Howard Bury fragte, oh Herr Lunn wisse, daß die Klagemauer samt dem gepflasterten Bodenstreifen vor ihr absolutes Eigentum der moslemitischen Gemeinde sei, daß die Inkraftsetzung der zeitweiligen Verfügungen eine ernste Situation heraufbeschwört. Wann werden diese zeitweiligen Verfügungen zurückgezogen werden? Unterstaatssekretär Lunn erwiderte: Im November 1928 wurde dem Parlament ein Memorandum, betreffend die West oder Klageraauer in Jerusalem, unterbreitet, gleichzeitig wurde ein Weißbuch herausgegeben. Ich lenke die Aufmerksamkeit Howard. Burys auf dieses Weißbuch, das Statements enthält, die sich zu einer Zusammenfassung im Rahmen einer Erwiderung nicht eignen. Ich sehe durchaus die Notwendigkeit einer baldigen.und autoritativen Entscheidung, die die zeitweiligen Verfügungen ablöst. Verbot des „Dawar“ vor dem Unterhaus Major Hopkins fragte, weshalb die hebräische Arbeiterzeitung „Dawar“ in. Palästina verboten worden sei, William Lunn: Hierüber ist vom High Com-, mißsioner. noch kein Bericht eingegangen.