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Die Stimme · 1929-11-21 · Heft 101 (21.11.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 101 (21.11.1929)
Date
1929-11-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sfiüe 2 HIE STIMME »»«Ml* Nr. 101 Friede oder Selbstverleugnung Die Friedensschalmei des «B r i t h S c h ai o m» hören so manche gerne, doch fehlt uns der Glaube. Umsoweniger, als sic gerade jetzt unzeitgemäß ist und allzusehr an Selbstverleugnung grenzt, — wenn sie auch von professoraler Weisheit aus dem Skopusberg oder der Schwärmerei einiger Hypergerechten in Berlin und Prag getragen wird. Es gibt eherne Gesetze der Wirtschaft und nationaler Bewegungen, die aus egoistischen Urtrieben der Menschheit hervorquellen und nur durch die Macht des kollektiven oder individuellen Wettbewerbes überwunden werden. Der Wille zum nationalen Leben oder nationalen Erneuerung kann sich nur im Kampfe freier und freiwerdender Energien äußern. Die gewaltige Umkehr in der sozialen, geistigen und nationalen Struktur des jüdischen Volkes seit drei Generationen kann nur durch einen historisch tragischen Kampf mit dem letzten Aufwand übriggebliebener Triebe der Selbsterhaltung nach innen und aiußen ausgefochten werden. Auf der Piipulistik des in ferner Zukunft liegenden Friedens die Existenz eines um das Dasein ringenden Volkes aufzubauen, bedeutet den aufkeimenden Erneuerungswillen durch eine überwundene Missionsidee in Illusionen aufzulösen. Der Humanitätsdünkel des assimilatorischen Judentums der Neuzeit und die Illusion der Auserwähltheit seit der Diaspora brachte uns fast an den Abgrund vollkommener Vernichtung. Gilt es nicht endlich aus der Geschichte zu lernen und in der entscheidenden Schicksalsstunde den Sinn für reale Lebensbedingungen und reale Lebenspostulate zu erwecken?! Gilt es nicht endlich ein nicht normales Volk statt auf Abwege hypotrophischer Gerechtigkeit, einer überschwenglichen Friedensrabulistik und eines tragischen «ata bechartanu» auf einen tagtäglich und stündlich bevorstehenden Kampf um die nationale Eigenart in der Galuth und in Palästina vorzubereiten und seinen Willen darauf zu lenken?! An dieser Verkettung des Illusionismus krankt auch die Friedenskonzeption des «Brith Schalom». Aus dem überwundenen Humanitätsdünkel und einer Hypertrophie prophetischer Gerechtigkeit postuliert er einen Frieden zwischen Juden und Arabern, der ein Endziel sein kann undmuß,aberunzeitgemäßundkünstlich herbei gezerrt, unsere nationale Energie in gefahrdrohender Weise lähmt. Unser Wille zur Seßhaftigkeit und Staatlichkeit in Palästina prallt nun mal mit den ehernen Realitäten eines faktischen Besitztums der Araber zusammen. All der erhabene Wortschwall über unseren Friedenswilen, Demokratie, binationalen Staat und Höchstmaß jüdischer Gerechtigkeit hilft uns nicht über den gewaltigen Damm von Hunderttausenden Arabern hinweg, deren Besitztum indessen historisch geworden ist und deren triebhaftes Leben primitiv ist, und erst allmählich sich aus dem Mittelalter emporschwingt. Jede mystische Faselei von absoluter Gerechtigkeit erhöht nur die Widerstände und schwächt unsere nationale Front. Die Balfour-Deklaration ist ein Ausfluß höchster Gerechtigkeit, aber auch diese muß allzeit durch Machtfaktoren erzwungen werden, ohne an sittlichem Gehalt irgendwas einzubüßen. Das Streben nach der Verwirklichung der Balfour-Deklaration in Palästina muß notgedrungen von einem äußeren und inneren Kampfe begleitet werden. Die Gerechtigkeit ist keinesfalls ein absolutes Ding an sich. Sie ist, wie so manches andere, ein relativer Begriff, und im sozialen Zusammenleben von Individuen und Völkern ist allzuoft die absolute Gerechtigkeit ein relatives Unrecht. Unser Friedenswille in Palästina ergibt sich aus der Natur der Dinge, bleibt jedoch ein lebloses Schema, wenn er vom Blutrausch, Haß und Veruichtungswilleri seitens der anderen umwölkt wird. Haben wir erst heute die Araber in Palästina entdeckt, daß wir prompt auf das Blutbad von Hebron und Safed mit Friedensglocken erwidern? Sind die Araber in Palästina ein derart homogener und auch kulturell majorenner Volksstamm, daß sie heute schon verhandlungsfähig sind? Wer sind eigentlich ihre Wortführer und Repräsentanten? Ftwa der Großmufti oder die Effendis oder gar die Wölfe im Schafspelz, die in Bagdad, Irak und Jemen nach Jerusalem schielen? Das Ethos der Hypergerechten vom «Brith Schalom» ist nur ein Ausfluß einer ghettohaften Ueberheblichkelt, die aus einer, in mystischer Phrasenwolke schwimmenden Begriffsverwirrung und aus Mangel an gesundem Volksinstinkt hervorgeht. Es rächt sich da« Sklavenerbe im Blut! Wir sind kein Idealvolk und verwerfen jede hehre Missions- Idee für die Erlösung der Menschheit, solange wir gebrochen und zerbröckelt um den letzten Rettungsanker der nationalen Existenz kämpfen müssen. Den überdimensionalen Gerechtigkeitssinn überlassen wir satten und gesunden Völkern. Vorderhand erstickt unser Wille zum Leben in schreiender Ungerechtigkeit der ganzen Welt uns gegenüber und vorderhand müssen wir in Palästina das Minimum geschichtlicher Gerechtigkc. durch ein gewaltiges Ringen gegen Land und Menschen erkämpfen. Weltfremde Missionsjuden und literarisierende Piipulisten müssen noch für eine lange Weile mit ihrer naiven Friedensschalmei von der kämpfenden Front des nationalen Judentums zurücktreten! Z. F. Finkeistein. Arbeiten der Untersuchungs* kommission S. O. S. in Safed Der Polizeikommandant von Safed Faraday schilderte die grauenvollen Ereignisse in Safed und teilte mit, er habe selbst zwei Araber erschossen, als diese den Petroleumladen des Juden Klinger in Brand gesteckt hatten. Sir Boyd Merriman fragte, wie es kommt, daß der erste offizielle Bericht über die Safedunruhen dahin lautete, daß ein arabisch-jüdischer Zusammenstoß erfolgt war, wo es sich doch in Wirklichkeit um eine Abschlachtung friedlicher jüdischer Einwohner gehandelt hat. Captain Faraday erwiderte, er habe in seinem ersten Bericht nur geschrieben, daß der lang erwartete Aufruhr damit begann, daß die Moslems in das jüdische Viertel eindrangen und jüdische Männer, Frauen und Kinder äbschlachteten. Sir Boyd Merriman erwähnte, daß Captain Faraday S. 0. S.-Rufe hinaussandte, aber vergebens um Verstärkungen bat, obwohl zur Zeit der Katastrophe in Safed bereits britische Truppen von auswärts Palästina besetzt hatten. Auffallen muß es, daß sich die Polizei im unteren Teil des jüdischen Viertels von Safed befand, wenn der Mob im oberen Teil wütete, BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S Neueröffnete Leihbibliothek bietet ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische u. Deutsch-Judaica in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr nur S 3.— Keine Bandgebühr und daß später die Polizei sich im oberon Teil aufhielt, als gerade der Mob im unteren Teil sich befand. Während die Aufrührer in dem jüdischen Viertel wüteten, waren ein Polizeioffizier und aeht Polizisten damit beschäftigt, ein von Juden bew ohntes Haus nach Waffen zu durchsuchen. Faraday schilderte die arabische Demonstration in Safed. Scheich Issa hielt in der Moschee eine aufreizende Rede, woraufhin sich 800 Moslems in Bewegung setzten. Der Mob rief: Wir brauchen keine Juden in Palästina! Nieder mit dem Zionismus! Wir wollen eine arabische Regierung! Faraday forderte die Menge zum Auseinandergehen auf und drohte, andernfalls von den Waffen Gebrauch zu machen. Daraufhin hatten einige Araber ihre Brust entblößt:' Wir wollen den Tod! Die Juden Safeds sprechen arabisch und kleiden sich wie ihre arabischen Nachbarn. So konnte es geschehen, daß die Polizei den ersten in Safed tödlich verletzten Juden, der arabisch sprach und wie ein Araber gekleidet war, für einen Araber hielt. Faraday sagte dann: Wenn wir das Feuer eröffnet hätten, so hätten die Kugeln die fliehenden Juden ebenso getroffen wie die sie verfolgenden Moslems. Sir Boyd fragte Faraday, ob die von der arabischen Exekutive aufgestellte Behauptung, daß ein Beduine in Safed von Juden getötet wurde, wahr sei. Das ist nicht wahr, erwiderte Faraday. Sir Boyd: Haben überhaupt Juden auf Moslerniten geschossen? Captain Faraday: Nein! Sir Boyd: Ist es wahr, daß die Juden bewaffnet, die Araber dagegen unbewaffnet waren und daß die Feuersbrunst durch die Juden verursacht worden sei, wie dies in dem Bericht der arabischen Exekutive behauptet wird? Faraday: Diese Behauptung ist lächerlich. Die blutigen Ereignisse in Jaffa Die Untersuchungskommission vernahm dann den Polizeilnspektor des palästinensischen Süddistriktes, Herrn P. E. Quigley. Quigley sagte zunächst über die Ereignisse in Jaffa aus. Viscount Erleigh verlas Auszüge aus den in Tel-Aviv erscheinenden Tageszeitungen „Haarez“ und „Dawar“ aus der den Unruhen unmittelbar vorangegangenen Zeit, aus denen hervorgeht, daß der Aufstand vorbereitet war. Arabische Führer hatten Gerüchte über angebliche jüdische Ueberfälle auf Araber verbreitet; in Jaffa wurden diese Gerüchte besonders auch durch Hamdi Husseini unterstützt. Quigley erklärte darauf, Hamdi Husseini sei der Führer einer kleinen Gruppe arabischer Kommunisten. Dieser Hamdi Husseini habe jede Gelegenheit ausgenutzt, um unter religiösem Deckmantel Unruhen im Lande hervorzurufen. Alle Moslems von Jaffa wurden aufgefordert, sich am 28. August in den Moscheen zu versammeln. Die Polizei sah darin ein Zeichen sich vorbereitender ernster Unruhen. Jaffa, fuhr Quigley fort, hat eine leicht erregbare Bevölkerung und die Hauptbeschäftigung der Polizei war es, die Araber Jaffas von einem Eindringen in die jüdische Stadt Tel-Aviv zurückzuhalten. Der Hauptangriff der Araber, erzählte Quigley, ereignete sich am 25. August. An diesem Tage geschah es auch, daß eine Gruppe von Juden aus Tel-Aviv unter Führung von Benjamin Goldberg sich an einen Punkt zwischen Tel- Aviv und Mikwah Jisrael begab, wo sich zwei Juden in ungeschützter Lage befanden, um diese Juden zu retten. Die Araber eröffneten das Feuer auf die Gruppe, wobei Goldberg und drei seiner Genossen getötet wurden. Später wurde in einem Hause, aus dem die Schüsse angeblich abgegeben wurden, eine arabische Familie ermordet aufgefunden. Viscount Erleigh erklärte, er wolle die Ermordung der arabischen Familie nicht verteidigen, man müsse sich aber vor Augen halten, daß ganz in der Nähe des Hauses dieser Familie die Tötung der Juden aus Tel-Aviv geschehen war. Herr Kokach, der damals das Bürgermeisteramt in Tel-Aviv leitete, hat sofort nach Bekanntgabe der Ermordung der arabischen Familie im Namen der Juden seinem Abscheu Ausdruck gegeben. . Der Anwalt der Araber Stoker fragte, ob die Juden im Besitz von Waffen und Handgranaten waren. Quigley erwiderte: Wir haben in einem jüdischen Haus an der Grenze zwischen Jaffa und Tel-Aviv vier Flinten und zwei Revolver beschlagnahmt, sonst wurden bei Juden keine Waffen gefunden. Von Tel-Aviv, wo seitens der Juden eine Straßenkungebung, in der umflorte zionistische Fahnen getragen wurden, veranstaltet wurde, begaben sich Demonstranten nach Jerusalem. Sir Walter Shaw bemerkte dazu: dies habe den religiösen Zwist zwischen Arabern und Juden verstärkt. Polizeiinspektör Quigley bestritt entschieden, daß hinter der Erregung der Juden im Zusammenhang mit der Klagemauer irgendein kommunistischer Einfluß wirksam gewesen sei. Ueber die Haganah (Jüdischer Selbstschutz) wisse er nichts Genaues, er glaube, sie sei ein Teil der allgemeinen Arbeiterorganisation. An dieser Stelle der Aussagen überreichte einer der Sekretäre der arabischen Exekutive dem Anwalt Stoker ein hebräisch geschriebenes Büchlein, in welchem angeblich die Tätigkeit der Haganah geschildert und Bilder über Paraden der Haganah enthalten sind. Es herrschte allgemeine Verblüffung. Diese Leute sehen wie Soldaten aus, sagte Quigley mit Bezug auf die Bilder. Sofort aber lenkte der Korrespondent der Jüdischen Tolegraphen-Agentur, Herr Agronsky, die Aufmerksamkeit des Anwalts der Zionistischen Exekutive, Sir Boyd Merriman, darauf, daß das Büchlein, wenn auch in Tel- Aviv gedruckt, doch von nichts andern handelt als von der Tätigkeit des jüdischen Selbstschutzes in der Ukraine zur Zeit der Pogrome vor zehn Jahren. Auch die Bilder beziehen sieh nur auf den ukrainischen Selbstschutz. Sir Boyd machte die Kommission auf diese

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