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Die Stimme · 1929-11-21 · Heft 101 (21.11.1929) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 101 (21.11.1929)
Date
1929-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Beilage: Pie Stimme der Jugend || V. b. b Preis 35 Groschen Geltung vom Verleger versendet lournal expedte par r&Htettr Abonnementpreise: Für Oesterreich: Monati. S 1 -50, viertelj. S 4,20, ganzj. 16.— 7 Deutschland: Monati. Goldmark 1.—, viertelj. Goldmark 3.— / JüdistAe Zeitung Ertdielntf feden Donnerstag Polen: Monati. Zloty 2.30, viertelj. Zloty 6.50 / Ungarn: Monati. Pengö 1.50, viertelj. Pengö 420 / Rumänien: Monati. Lei 45.—, viertelj. Lei 125.— / Bulgarien: Monati. Lewa Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 10.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährlich Dinar 40.— ^2edaldion und Advninistvofion: 'Wien, V., ^tauAenstefn^asse 1 — del. R 20-S-Sh 30.—, viertelj. Lewa 80.-7 Belgien: Monati. Belga 2.—, viertelj. Belga 5.— / Uebriges Ausland: Monati. Schweizer Franken 1.50 2. Jahrgang Wien, .21. November 1929 (19. March. 5690) Nummer 101 Luke vor der Untersuchungskommission 4m 15. November begann die Einvcrnalmie des Stellvertreters des Oberkommissärs für Palästina,-Herrn Luke, durch die Untersuchungskommission. Luke erklärte, daß die Stellungnahme der Regierung zur Zeit der Augustereignisse ihren Grund nicht in Feigheit oder Schwäche, sondern in der Staatsraison (?) hatte. Er gestattete die jüdische Demonstration bei der Klageipauer am 15. August, erlaubte aber nicht, daß im Zug Fahnen getragen werden. Als Tags darauf die Araber eine Gegendemonstration veranstaltet haben, fürchtete er, einen Befehl auf Auflösung der Demonstration zu geben, da an diesem Tage — es war der Vorabend des Mahomed-Geburtstagsfestes — viele Mohammedaner aus dem ganzen Lande in Jerusalem sich befanden (!). - '' ■ ■ : , v , , Auf die Frage, warum er das jüdische Anbot wegen der Mobilisierung von 500 Freiwilligen nicht angenommen hatte, erwiderte Luke: Ich hoffte, daß größere!-Militäräbteilungen bald nach Palästina kommen werden und außerdem versicherten mich die Polizeikommandanten, daß sie. die Lage beherrschen. " Hontag, den 18. November, wurde die Einvernahme Lukes fortgesetzt. In seinen Ant- .worton kann man eine schlecht maskierte'Feindschaft gegenüber Juden herausspüren. Luke cntschiagt sich einigemal der Aussage, als ihm Sir Merriman im Kreuzverhör Fragen stellt. Ein Wortgefecht zwischen Luke und Merriman entsteht, als von der arabischen Gegendemonstration vor der Klagemauer gesprochen wird. Die Araber — behauptet Luke — waren wegen der in Zürioh beschlossenen Resolutionen sehr aufgeregt. Merriman: Was für eine Resolution war es? Luke wird verwirrt, antwortet zuerst in nichtssagenden Phrasen und dann verweigert er die Antwort auf diese Frage. Er muß auf Befragen Merrimans zugeben, daß die antijüdische Stellungnahme des Großmufti in seinem Briefe an die „Times“ vom 27. August unbegründet war. Merriman: Wissen Sie, wie in diesem Falle eine; Regierung starker Hand gehandelt hätte? Sie würde um keinen Preis eine Gegendemonstration gestatten. Luke (fast schreiend): Nein, um keinen Preis, Sir Merriman. Luke erzählt weiter, daß er dem Kolonial amt berichtete, daß die Entwaffnung der Juden (sehr unangenehm war und sich sehr schwierig gestaltete. Er mußte aber diese Maßnahme im Interesse der Juden selbst durchsetzen (?). Er gibt zu, daß der Bezirkskommissär von Jerusalem unvernünftig handelte, indem er das Wegschaffen des Paravents bei der Klagemauer am Jom-Kippur befahl. Die Aussagen Lukes wirkten sensationell. Antisemitische Hochschulkrawalle in Prag Nach Wien, Berlin, Krakau — Prag. (Eigenbericht der „Stimme“.) . Prag, 19. November. Die Unruhen, welche noch in der vorigen Woche an der medizinischen Fakultät , der tschechischen Universität in Prag begonnen haben und welche vor allem gegen ausländische Juden gerichtet waren, fanden diese Woche ihre Fortsetzung auf den deutschen Hochschulen in der tschechischen Hauptstadt. Am Montag fanden an der deutschen medizinischen Fakultät wüste Vorgänge statt. Es kam zu; Schlägereien, bei welchen einige jüdische Studenten verletzt wurden. Die Polizei verhielt sich in Prag nicht so „neutral“ wie in Wien, denn sie scheute sich nicht, den akademischen Boden, und zwar das Vorhaus des tschechischen Institutes zu betreten, um den widerlichen Prügelszenen ein Ende zu bereiten. Die deutschen Hakenkreuzler und die tschechischen Faschisten, welche sonst wenig gemeinsames haben, handelten diesmal solidarisch. Bei einem Ueberfall auf ein Studentenheim, in welchem viele Juden wohnen, nahmen sowohl die einen als auch die änderen teil. Zum Glück war im entscheidenden Moment ein starkes Polizeiaufgebot zur Stelle, welches die Ordnung bald wieder herstellte. Zu würdigen ist die Stellungnahme der Rektoren der deutschen Universität und der deutschen technischen Hochschule, welche die Exzesse aufs schärfste verurteilten. Die beiden Hochschulen wurden bis auf weiteres geschlossen. Das Unterrichtsministerium stellte in seiner Kundgebung fest, daß der Staat ein Interesse habe, ausländische Hörer in. die Tschechoslowakei zu ziehen. Im jüdischen Rathaus fapd am 19. November e|ue Protest Versammlung der zionistischen Studentenschaft statt. Kommunisten versuchten die Versammlung zu sprengen, was ihnen aber dank dem raschen Eingreifen der Polizei nicht gelang. In Brünn fanden am Dienstag Straßendemonstrationen von Studenten statt, wobei Rufe gegen die Juden und für die Einführung des Numerus clausus laut wurden. Ueberfall auf „Nasz Pirzeglad“ (Eigenbericht der „Stimme“.) Warschau, 19. November. Samstag, den 16. November, abends überfiel eine Gruppe von polnischen Huligans die Redaktion und die Administration der polnischen Zeitung „Nasz Przeglad“. Ein Beamter der Administration wurde verletzt. Als die Polizei herbeigerufen wurde, ergriffen die Huligans die Flucht. Der Ueberfall ist auf die Hetze der antisemitischen Boulevardpresse zurückzuführen. Ein bundisti$cher Angriff auf die Warschauer Kultusgemeinde (Eigenbericht der „Stimme“.) Warschau, 19. November. Als Sonntag, den 17. November, eine Sitzung des Vorstandes der jüdischen Kultusgemeinde in Warschau stattfinden sollte, organisierte eine Gruppe von Bundisten einen Ueberfall-auf das Gebäude, welches sie mit Steinen bombardierten. Viele Scheiben wurden zertrümmert. Einige Angreifer stürmten in den Saal und verlangten eine Subvention für das bundistische Schulwerk. Die Nachricht, wonach der Angriff von Zionisten organisiert wurde (!), entbehrt jeder Begründung. Die außerordentliche Tagung des Waad Leumi. Jerusalem, 17. November (J. T. A.). Der Waad Leumi hat in einer soeben abgehaltenen außerordentichien Sitzung beschlossen, den Oberkommissar Sir John Chancellor dahin zu informieren, daß die jüdische* Bevölkerung den jetzigen Zustand der Anarchie im Lande auf die Schwäche der Regierung zurüokführt. Der Oberkommissar wird auf gefordert, strenge Maßnahmen zur Unterdrückung des Terrors und zur Wiederherstellung der Sicherheit im Lande zu ergreifen. In einer zweiten Resolution wird dagegen protestiert, daß seitens der Regierung oder Privatpersonen Besprechungen mit arabischen Führern über die Errichtung eines Parlamentes gepflogen werden. In der Resolution wird erklärt, daß Konzessionsangebote als eine Prämie für Pogrome angesehen werden müßten. Der Waad Leumi hat einen Aufruf an den gesamten jüdischen Jischuw erlassen, in welchem dieser aufgefordert wird, Disziplin zu wahren und keinerlei gesonderte politische Aktion zu unternehmen. Zum Präsidenten des Waad Leumi wurde Pinchas Ruthenberg wiedergewählt. Ein Beschluß des Waad Leumi lautet dahin, daß zur Weiterführung des jüdischen Aufbauwerkes eine zentrale Finanzinstitution geschaffen werde, deren Direktorium sich aus Persönlichkeiten der Jewish Agency und des Waad Leumi zusammensetzen solle. Dr. Tichos Gesundheitszustand gebessert Jerusalem, 15. November (J. r A.) Das Oberrabbinat ordnet an, daß in allen Synagogen für die Wiedergenesung des von einem Araber durch Messerstiche schwerverletzten berühmten Augenarztes Dr. Tioho gebetet wird. Wie es heißt, hat sich der Zustand Dr. Tichos etwas gebessert.

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