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Die Stimme · 1929-11-15 · Heft 100 (15.11.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 100 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 100 gen der zionistischen Bewegung zu den Arabern Stellung. Ausgehend von einer Kritik der Bestrebungen des «Brith Schalom» und unter Ablehnung des Standpunktes dieser Verein:gung, stellt Griinbaum die Frage, ob diese Ablehnung einer Verständigung Kampf gegen die Araber bedeute. Er antwortet darauf, daß der Zionismus keinen Kampf gegen die Araber wolle; er verteidige nur sein Aufbauwerk, was sein Recht und seine Pflicht sei. Dies sei der beste Weg zu einem Ausgleich mit den Arabern. Man dürfe dabei nur nicht in den Irrtum verfallen, in völliger Blindheit den Widerstand der Araber zu ignorieren. Man müsse vielmehr nach Mitteln suchen, um diesen Widerstand zu verringern. Möglichkeiten hierau seien vorhanden. Es habe doch Zeitpunkte gegeben, wo die Araber eine Art Zustimmung zur Baflf our-Deklaration gegeben hätten. Der Träger der gegenwärtigen arabischen Bewegung in Palästina sei der Effendi und der Mufti. Die arabischen Bauern und Arbeiter seien von der Bewegung noch wenig erfaßt. Gewiß könnten sie gegen die Juden in Palästina aufgehetzt werden; damit werde aber der Gegensatz zwischen Fellachen und Effendis nicht beseitigt. Letzten Endes sei der Kampf der Araber gegen die Juden nur der Kampf weniger Familien von Magnaten. Für die große Masse der Araber bedeute der Sieg dieser Magnaten nur eine Verewigung ihrer Sklaverei. Diesen Teilen der arabischen Bevölkerung könnten wir uns zu nähern versuchen, zumal wir auch in dieser Richtung bereits einmal Versuche unternommen hätten. Wir hätten sie aus Furcht vor sozialen Verwicklungen .viel zu früh aufgegeben. Wenn wir Verbindungen zu der arabischen Bevölkerung Palästinas schaffen wollten, müßten wir sie bei den Fettaohen suchen, die tatsächlich durch unser Aufbauwerk profitieren. Bisher hätten wir die Verständigung mit den Arabern in einer falschen Richtung gesucht. Programmatische Verzichtserklärungen könnten, solange wir noch eine kleine Minderheit im Lande seien, nur unsere Energie und unsere Kraft verringern, ohne uns den Führern des Arabertums auch nur einen Schritt näher zu bringen. Es sei jetzt an der Zeit, den anderen Weg zu betreten. A. L. Mandel gestorben Seit einigen Jahren ist unter den Rabbinern Wiens das große Sterben eingetreten. Zuerst der unvergeßliche und unersetzliche Oberrabbiner Dr. Chajes, dann der Talmudkenner und dessen Popularisator Rabbiner Dr. Funk und jetzt der feinfühlige, gute Lehrer Dr. A. Mandel. Von Mandel sagte man, bei ihm habe der Lehrer den Prediger verdrängt. Denn selbst in der Predigt blieb er weiter der Lehrer für seine Zuhörer. Der Grundzug seines Wesens war die Verteidigung des Judentums. Aus seinen Predigten, aus seinen Lehrstunden ging der Gedanke hervor, daß das Judentum seine Bekenner glücklich und ehrlich mache. Mandel war auch Seelsorger, der tief in das Leben der ihm anvertrauten Personen hineindrang und überall beratend und helfend eingriff. Eine Mutter, die ihren Sohn unbedingt frei vom Judentum, in der Assimilation erziehen wollte, warnte er vor dem unheilvollen Beginnen. Der so irregeleitete Junge verlor sein Judentum, aber damit auch seine Liebe zu den Eltern, denen er sich vollständig entfremdete. Ein anderer ehemaliger Schüler von ihm, der heute einen sozialen Posten bekleidet, stand schon oft vor der Versuchung, sein Judentum zu verlassen, aber das Bild seines Lehrers konnte er nicht vergessen, wie er es mir einmal sagte, denn sein Herz schwoll voll Liebe für diesen schönen, alten Mann, der ihm einst in seiner sachten Betonung gesagt hatte: «Mein Freund, werden Sie uns nicht untreu!» Mandel war ein bewußter Jude. Er war ein Freund des Zionismus und der Zionisten und förderte deren Begeisterung für alles Jüdische. Er war bescheiden, so bescheiden, daß er, ein idealer Lehrer, nur seinen Schülern und seiner Gemeinde bekannt war. Seine Ideen, seine beglückende Art des Unterrichtens hätten eine größere Verbreitung verdient Auch seine Reformpläne für den israelitischen Religionsunterricht, von denen er mit mir stundenlang sprach, hätten den kommenden Lehrern eine Welt von Erfahrungen und Belehrungen geboten. Inzwischen erkrankte er schwer. Die Krankheit unserer Großen war es, die Krankheit des gebrochenen Herzens. Seine Freunde und Bewunderer litten mit ihm. So zog er, trotz seines Reichtums an Erfahrungen, trotz seiner Jugend im Wirken, denn SAMUEL SCHWAGER liest am 20. November 1929,8 Uhr abends, fm Theatsrsaal des Hotel Post, I., Fleischmarkt 24 (Eingang Drachengasse 1) Mifwlricand: flWlOII FOStel (Jüd. KOnatlerapiela) IfcARTENVORVERKAUF: Zionistische Bureaux, Wien, I., Kärntnerstraße 28, Behandlung M. Rath, II., Taborstraße Nr. 20 a, Verein Erez Israel, II., Zirkusgasse 33, Zionistische Ärganisation, XX., Jägerstraße 30, Cafe Neptun, XX., Gauß- *-■ platz 7, und an der Abendkassa. Mandel war eigentlich nie alt geworden, er konnte an Geistesfrische uns Jüngeren überlegen sein, von uns. So wie seine in Schmerz gehüllte Familie, empfinden auch wir, seine Freunde und auch seine vielen Schüler, ein untröstliches Leid. Seine Gemeinde, seine Mittelschulen, denen er mit den letzten physischen Kräften des kranken Leibes noch diente, wissen genau, daß er schwer zu ersetzen sein wird. Dr. K. K. 75 Jahre des Jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau Von David Ginsberg (Breslau). Am 3. November feierte das Breslauer Seminar das Jubiläum seines 75jährigen Bestehens. Die Behörden, die Vertreter der Breslauer Hochschulen, *) die Repräsentanten des deutschen Judentums und die ehemaligen Schüler waren erschienen, um dem Seminar die Glückwünsche zu überbringen. Im folgenden will ich kurz die Geschichte des Seminars skizzieren. Die Gründung des Seminars fällt in die Zeit des Aufschwunges der jüdischen Wissenschaft. Die Meisterwerke von Zunz waren bereits erschienen, Grätz begann gerade (1853) sein großartiges Geschichstwerk herauszugeben. Man empfand aber das Bedürfnis, auch weiten Kreisen die Ergebnisse der Forschung zugänglich zu machep, da zumal die damals wogenden religiösen Kämpfe um Neuerung und Reform auch die breiten Massen in ihren Bann zogen. Außerdem benötigten die neu entstandenen modernen Gotteshäuser solche Rabbiner, die sowohl religiöses wie profanes Wissen in sich vereinigten. Der hochherzige Jonas Fraenkel, im Jahre 1846 gestorben, hinterließ in seinem Testament neben anderen Stiftungen einen Fonds für die Gründung einer theologischen Lehranstalt. Aber erst im Jahre 1854 konnte der Gründungsgedanke durch den vvom Kuratorium berufenen Zacharias Frankl verwirklicht werden. Durch die hervorragenden Persönlichkeiten, die dort wirkten (Frankl, Grätz, Bernays, später Joel, Lewy, Horowitz, Braun) **) erwarb das Seminar den ihm gebührenden Ruhm, der auch in andere umirwraat-wiav wimwiai Unserem verdienstvollen Vorstandsmitglieds: Chawer Michael Friedler wünschen wir namens der M1SRACHI-JUGEND- ZENTRALE. WIEN, kerzlichst Masal Tow anläßlich seiner Verlobung mit Frl. Sülamith TANNE. Das Präsidium: J. Teitelbaum S. Scheuermann K~ Blum Stätten der Judenheit weit über die Grenzen Deutschlands drang. Man braucht bloß auf die grundlegenden Werke eines Frankl und auf das grandiose Geschichtswerk eines Grätz hinzuweisen, um zu erkennen, welche Bedeutung diese Stätte für die Judenheit hatte. Zahlreiche Rabbiner und Lehrer, die dort ihre Ausbildung genossen, trugen die Fackel der jüdischen Wissenschaft in die Welt hinaus. Ich nenne nur die Rabbiner Güdemapn (Wien), Perles (München), Simonsen (Kopenhagen) usw. Von bedeutenden Gelehrten erwähne ich Adolf Schwarz (Wien), Ismar Elbogen (Berlin) und Gaster (London). Das Charakteristische am Breslauer Seminar ist aber seine von Frankl geprägte Richtung***), die die Mitte zwischen dem orthodoxen Rabbinerseminar und der radikalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (beide Berlin) innehält. Dieselbe Richtung übernahmen nachher die Tochteransalten (Wien, Budapest). Obwohl das Seminar von den Orthodoxen angefeindet wurde, ging es dennoch seinen Weg weiter. Das Seminar sorgt auch für die die wirtschaftliche Lage der Hörer. Seit 1924 steigt die Zahl der ein jüdisches Wissen mitbringenden ostjüdischen Hörer, was allgemein zur Hebung des Niveaus beitrug. An einer anderen Stelle schrieb ich, daß das Seminar eine geistige Palästinakolonie ist, da in ihm Hörer aus allen Herren Ländern Zusammenkommen, um gemeinsam Wege der jüdischen Zukunft zu suchen. Es ist unmöglich, in einem kurzen Aufsatze eine Arbeit von drei Viertel eines Jahrhunderts zu würdigen. Nur streifen wollte ich und andeuten. Als Hörer dieser Anstalt, der ich so viel verdanke, und an deren Feier ich leider nicht teilnehmen konnte, rufe ich der Alma m a t e r von der Ferne zu: Möge dein Alter so schön sein wie diejugend. *) Es ift einem fchmerzlich zu Mute, wenn man die ethifch hochftchcnde Rede des dortigen Rektors ließ; und von der Eintracht zwilchen jüdifchcn und chriftHchen Studierenden lört, dabei aber an untere Zuftände denkt. **) Heute wirken M. Guttmann (Talmud), J. Hcinemann (Phüofophic des Mittelalters), A. Jewkowitz (PhiloCophic der Neuzeit), J. Rabin (Gcfchkhte und Bibel). Seit ipzp J. Zimmels, Afliftent für Gefchichte. ***) Näheres bei Elbogen, Ein Jahrhundert jüd. Wiffcnfchaft; Braun, Gefchichte des Seminars und im Sammelwerk über Abraham Geiger, von Ludwig Geiger herausgegeben. DiePalästina-Aussprache in der Mandatskommission des Völkerbundes Eine Palästina gewidmete außerordentliche Session wird geplant. Genf, 7. November. In der Eröffnungssitzung der 16. Session der Mandatskommission des Völkerbundes am 6. November behandelte der Vorsitzende, Marquis .T e o d o 1 i, die Ergebnisse in Palästina und wie« auf die Aussprache hin, dfe in der September-Sitzung des Völkerbundrates stattgefunden hat Im Namen der Kommission gab Teodoäi dem tiefsten Bedauern über die traurigen Geschehnisse und der tiefen Sympathie mit den Opfern der Unruhen und ihren Angehörigen Ausdruck. Die erste Etappe nach den Unruhen, die Wiederherstellung der Ordnung, sagte Teodoli, ist bereits erreicht worden; die zweite Etappe besteht in der Entsendung einer Untersuchungskommission durch die Mandatarmacht Die dritte Etappe wird bestehen in den Beratungen der Mandatarmacht und ihren Beschlüssen, die auf Grund des Ergebnisses der Untersuchungen erfolgen werden, alle diesbezüglichen Materialien werden dem Völkerbund vorgelegt werden. Professor Rappard stellte die Frage, ob nicht Großbritannien die Absicht hat, noch vor Uefeenmitt- 1-unig ihres ausführlichen Berichtes eine kurze Erklärung Über die Lage gegenüber der Kommission zu geben. Der Direktor der Mandatssektion, Katastini, erwiderte, daß eine solche Erklärung ja schon durch Henderson in der September-Sitzung des Völkerbuodrates gegeben worden sei. Der Holländer van Roos, Vize Vorsitzender der Kommission, schilug dann vor, daß die Kommission in ihrer jetzigen Session lediglich die formalen Fragen behandeln soll, die nach Eintreffen des Berichtes der Mandatarmacht aktuell werden würden. Auf Anregung von van Roos wurde sich die Kommission zunächst Uber die Prozedur einig, die nach Eintreffen des Berichtes der britischen Regierung zur Anwendung zu kommen hat. Darunter ist auch die Frage zu verstehen, ob eine außerordentliche Session einberufen werden soll. Es scheint die Entschlossenheit zu bestehen, eine solche außerordentliche Session zur ausschließlichen Behandlung der Frage Palästina kurz nach Einlangen des Berichtes der Mandatarmacht stattfinden zu lassen. (J. T, A.) Beratung der Jewish Agency- Mitglieder in Polen Gründung einer Palästina-Emigrationsbank Warschau. (J. T. A.) Die polnischen Mitglieder der Jewish Agency hielten in Warschau ihre erste Beratung ab. Dr. S. Goldflamm erstattete Bericht über die Tagung des Councils in Zürich. Den Vorsitz übernahm dann der Vizepräsident des Warschauer Stadtrates M. Maisei. Stadtrat Dr. Hindes referierte über die Verfassung der Jewish Agency. Nach einem Referat des Präsidenten der Zionistischen Landesorganisation, Leon Levite, über die Schaffung einer Padästina-Emigrationsbanik, des Dr. Goldfiamm über Organisafionsarbeit der Agency-Mitgtieder in Polen und einer eingehenden Aussprache wurde beschlossen, eine Emigrationsbank für Palästina-Auswanderer zu gründen. Ferner wurde beschlossen, eine Exekutive der Repräsentanz der Jewish Agency in Polen zu schaffen. Dieser Exekutive gehören an von zionistischer Seite Leon Levite, Abg. Farbstein, Ing. Reiß, Dr. Silberstein, Abg. Grümbaum, Abg. Dr. Reich-, Dr. Thon und Neufeld, von den Niohtzionisten Dr. Goldflamm, Stadtrat-Viizepräsident Maisei, Dr. Joseph Landau, Waolaw Wawedberg, Adv. Endelmann, Dr. Henryk Aszkenasy, adle in Warschau, ferner Dr. Emil Parnes-Lemberg und Doktor Rafael Landau-Krakau. Hebräisch in der Türkei verboten KonstanünopeL (J. T. A.) Das Schul-Departement der türkischen Regierung instruierte die Leiter der jüdischen Schulen dahin, daß Hebräisch-Unterricht in diesen Schulen nicht mehr erteilt werden darf. Diese Verordnung hat die jüdische Bevölkerung in Aufregung versetzt. Das jugoslawische Wechselgesetz berücksichtigt jüdische Feiertage Belgrad. (J. T. A.) Der jugoslawische Justizminister hat im Zusammenhang mit dem Wechsel- und Soheckgesetz, welches am 19. Dezember d. J. in Kraft tritt, eine Verordnung erlassen, laut welcher in Orten mit 10 Prozent Einwohner jüdischer Konfession auch die jüdischen Feiertage in bezug auf die Fälligkeits- und Profesttenmine berücksichtigt werden. Oberrabbiner Grünwald verstorben Budapest, (J. T. A.) Aus Sopron meldet man das plötzliche Ableben des Oberrabbiners der dortigen orthodoxen jüdischen Kultuegemeinde Emamuel Grünwald, der ein Alter von 87 Jahren erreichte und volle 57 Jahre das Rabbineramt in Sopron bekleidete. ammtmm&jj&ßSiqgjägti T -na-

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