Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 100 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 OIE STIMME Nr. 100 JUDE, WENN Dü AÜFSTEHST, OENKEi Der Boden in Palästina kann nicht warten! Jeder Jude placiere ZWEI NEUE BÜCHSEN des Keren Kajemeth in jüdischen Häusern 1 Das jüdische Paris Von unserem Sonderberichterstatter Dr. Jacob Rosental Al« ich vor einigen Jahren noch als Student zum erstenmal nach Paris kam, hatte ich gleich am ersten Tag meines Aufenthaltes in der französischen Metropole zwei köstliche jüdische Erlebnisse. Ich war in einem Hotel im Quartier Latin abgestiegen und verließ es alsbald, um einen Spaziergang in der mir noch ganz fremden Stadt zu machen. Ich schlenderte also den Boulevard St. Michel entlang und gelangte zur Rue de Rivoli. Ich blieb fast bei jedem Schaufenster stehen, studierte die Plakate der Litfaßsäulen, begann die Geschäftsaufschriften zu übersetzen, Preise zu vergleichen, umzurechnen usw., als ich, bei einem Schuhwarenhaua angelangt, plötzlich durch ein meinem Ohre sehr vertrautes Idiom aus meinen ersten Denkversuchen in der französischen Sprache aufgestört wurde. Vor mir war ein Herr aus dem Laden getreten und sprach mich mit folgenden Worten an: „Willt Ihr efschar a pur Schich kaufen?“ Ich war nicht wenig verdutzt ob einer solchen Anrede im „Herzen von Paris“ und wußte im Augenblick nichts, was ich ihm hätte antworten können; ich schaute bloß auf meine Schuhe, die ausnahmsweise in einem tadellosen Zustande waren, und dann auf mein gebräuntes „italienisches“ Gesicht! Freilich, ich wußte damals noch nicht, daß die Rue de Rivoli zu einer Hälfte in das sogenannte jüdische Viertel Paris4 mündet und war ich wahrscheinlich instinktiv gleich bei meinem ersten Weg in diese Hälfte geraten. Doch am Abend desselben Tages sollte ich noch etwas Köstlicheres erleben. Ich befand mich diesmal auf dem Heimweg. Ich stand noch ganz unter dem starken Eindruck meines ersten Spazierganges durch das nächtliche Paris; war vom Place de la Concorde wieder die Rue de Rivoli hinaufgegangen und wußte bereits soviel, daß ich diese Straße bei einer bestimmten Kreuzung (Boulevard de Sebastopol) unterbrechen und, um in mein Quartier zu gelangen, die Richtung zum Sara-h-Bernhardt-Theater nehmen müsse. Dies schien ich aber übersehen zu haben und mußte zu meiner Ueberraschung feststellen, daß ich mich in einem mir gänzlich unbekannten Stadtteil befinde. Ich ging also auf einen, dem Aeußeren nach dem Arbeiterstande angehörenden Mann zu und fragte ihn, welche Richtung ich nun einschlagen müsse. Dieser Herr verstand wohl meine Frage, allein er schien kein richtiges Vertrauen in meine französischen Sprachkenntnisse zu haben, denn statt mir eine Antwort zu geben, fragte er mich: „Etez vous un Juif?“ (Sind Sie ein Jude?). Und als ich ihm dies bejahte, d. h. er wartete kaum darauf, sagte er lachend: „Alors, redschet jiddisch! Ach wet es lachter fallen zim Reden, in ich well ach besser verstehn!“ Im Laufe des 3ich nun' entwickelnden Gespräches erklärte er mir in einem köstlichen Gemisch von Französisch und Jiddisch, wie ich den Weg in mein Quartier finden werde; erzählte mir, wie gerne er seine Kinder in eine hebräische „Ecole envoyer“ schicken möchte, doch sei ihm dies nicht „possible“, weil er nicht die „moyens“ dazu hätte; außerdem befinde sich eine solche Schule weit von seiner Wohnung -entfernt und man könne doch die Kleinen nicht allein die Gassen „traversen“ lassen. Ich war damals nach Paris gekommen, um meine französischen Sprachkenntnisse zu erweitern. Ich hatte befürchtet, daß diese, die ich besaß, nicht ausreichen würden, urn mich in Paris genügend verständigen zu können, doch die ersten 24 Stunden zeigten mir, daß ich mich nicht nur ganz ausgezeichnet verständigen konnte, sondern die gründliche Kenntnis der jüdischen Sprache fast ebenso wichtig ist, wie die der französischen. Doch beschloß ich tags idarauf, wenn auch ziemlich schweren Herzens, Sn Anbetracht de3 Studiumzweokes, zu dem es mir vergönnt war nach Paris zu kommen, diesen Stadtteil solange nicht aufzusuchen, bis ich meine französischen Sprachkenntnisse gefestigt haben werde. Es dauerte eine Weile, bis ich in diesem Herbst wieder hieher kam. Bei meinem diesmaligen Besuch fehlte es ebenfalls nicht an ähnlichen köstlichen Erlebnissen wie damals. Die erste Begrüßung, die mir damals entgegenkam, war ein Mann, der auf einem der grands Boulevards, im dichtesten Menschengewühl, zu Reklamezwecken für ein in der Nähe sich befindliches Gasthaus eine Riesentafel spazieren führte, auf der u. a. folgendes zu lesen war: english spoken, si parla italiano, se habla espanol, man spricht deutsch und — „men redt mamy luschen“. Dies war der Auftakt. Ich konnte also wieder feststellen, daß es in diesem Paris recht viele Juden gibt. Die Frage für mich bestand bloß darin, ob es nur „Juden in Paris“ oder ob es auch „ein jüdisches Paris“ gibt. Ich nahm.mir also vor, diesmal das jüdische Paris seinem inneren, geistigen Gehalt nach zu erforschen, und da muß ich vorweg feststellen, daß ich ein starkes, vollbewußtes Judentum fand. Der Gelegenheiten, Juden in großer Zahl zu sehen, in Massenversammlungen die Reden ihrer Führer zu hören und 6ich von. ihrer Begeisterung und starken Anteilnahme zu überzeugen, gab es gerade.jetzt genügend. Traurige Gelegenheit! Ich kam vom Zionistenkongreß. Die Trauerkundgebungen wegen der Vorfälle in Palästina sahen das gesamte französische Judentum ohne Unterschied der sonstigen Parteirichtung vereinigt; hei der Versammlung, in der Prof. Weizmann, der sich gerade auf seiner Durchreise von London nach Genf befand, gab es einen solchen Andrang, daß der Saal, einer der größten von Paris, polizeilich gesperrt werden mußte und viele, viele Hunderte überhaupt keinen Einlaß finden konnten. Ebenso war es bei der von der französischen Sektion der „Ligue Subscription Rates Davar (Hebrew Daily) & English Weekly Supplement Domestic: Annual L. P. 3.000 Semi-annual 1.500 Quarterly 0.750 Foreign:- Annual Pfund 3.0.0 Dollar 15.00 Semi-annual 1.12.0 8.00 Quarterly 0.18.0 . 4.50 English Weekly Supplement Domestic: Annual L. P. 0.600 Semi-annual 0.300 Quarterly 0.150 Foreign: Annual Pfund 0.12.0 Dollar 3.00 Semi-annual 0.6.0 1.50 Quarterly 0.3.6 0.80 Subscription Fees to he addressed to: P. 0. B. 199, Tel-Aviv, Palestine. Responsible Editor B. KAZNELSON Printed by DAVAR Press contre rAntisemitisme“ (deren Ehrenpräsident bekanntlich Albert Einstein ist) veranstalteten Kundgebung für den Freden in Palästina und die Annäherung zwischen den Juden und Arabern, die im Riesensaal de Wagram stattfänd und ihn bis aufs letzte Plätzchen füllte. Paris ist seit dem Weltkriege, insbesondere seit dem blutigen Pogromjahr 1919 in der Ukraine zu einem starken jüdischen Zentrum geworden. In der Tat verteilt sich die jüdische Bevölkerung von Paris auf fast 80 Prozent russischer, 10 Prozent österreichischer und ungarischer und dem Rest französischer Juden. Daraus erklärt sich die Tatsache, daß das treibende Element innerhalb des Judentums in Paris das russische ist. Daß durch diese lebendige Blutzufuhr zum erstarrten französischen Judentum die Verbreitung und Vertiefung der zionistischen Idee gerade hier von ungeheurer Bedeutung war und ist, braucht nicET ersl besonders hervorgehoben zu werden. Das Leben und Wirken von Persönlichkeiten, wie des ewig jungen und unermüdlich tätigen Leo Motzkin, des feurig hinreißenden Jabotinsky, des klugen Naiditsch, des vornehmen Zlatopobsky und des verstorbenen Wladimir Tiomkin (der, wie erinnerlich, noch zuletzt, obschon „mit einem Füße im Grabe“, so mannhaft im Schwarzbarth-Prozeß für die jüdische Ehre gekämpft hat), verfehlten nicht, dem jüdischen Leben in Paris ihr Gepräge zu geben. Daran hindert auch nicht die Tatsache, daß es keine einheitliche zionistische Organisation gibt. Die Federation Sioniste ist zersplittert und arbeitet nur sehr schleppend. Wohl verzeichnet man in Paris eine ziemlich große Anzahl zionistischer Vereine, allein auch hier fehlt die einheitliche Führung. Die einzig wirklich gut und fest organisierte zionistische Vereinigung, die vollste und produktivste Arbeit leistet, ist der „Keren Kajemeth Lejisrael“, der hier unter der hingebungsvollen Führung seines Präsidenten Marcel Mirtil und der überaus rührigen und aufopferungsvollen Arbeit seines Sekretärs J. Fischer (aus Jerusalem) steht. Die Agenden des Keren Kajemeth beschränken sich hier durchaus nicht auf das .Geldsammeln allein, sondern gehen über den Rahmen der eigentlichen Keren- Kajemeth-Aufgaben wesentlich hinaus. Indessen ist seine Aufgabe nicht gerade leicht. Stützt er sich doch in der Hauptsache auf die russischjüdische Bevölkerungsschichte, die ihm größtenteils wohl nur in ideeller Beziehung Gefolgschaft zu leisten imstande ist. Denn diese rekrutiert sich zum größten Teil aus Arbeitern und Kleingewerbetreibenden, die nicht in der Lage sind, materielle Opfer zu bringen; der Zutritt zu den gutsituierten französischen Juden ist aber noch immer sehr schwer. Der Keren Kajemeth gibt ein selbständiges Organ heraus, „La terre Retrouvee“, das in einer Auflage von 5000 Exemplaren einmal im Monat erscheint. Der Stab der Nationalfondsmitarbeiter, die ihre Tätigkeit in ganz Frankreich und in den Kolonien (da ja Algier und Marokko auch in den Wirkungskreis des Pariser Zentralbureaus fallen) ausüben, zählt 500. Sehr rege und überaus fruchtbringend arbeitet auch noch die Poale Zion unter der Führung von Marc Jarblum. In diesem Zusammenhang sei auf das besonders herzliche Verhältnis zwischen den französischen Sozialisten, insbesondere ihres Führers Leon Blum, zu den. Poale Zionisten hingewiesen, und zwar nicht.nur wegen ihres guten und ehrlichen Sozialismus, sondern.aus Achtung und Verehrung für ihre zionistische Ueberzeugung. Das erhellt auch dief bekannte Tatsache, daß Leon Blum der Vertreter des französischen Judentums in der Jewish Agency ist. Alles in allem: die zionistische Idee lebt und wirkt hier stark und mächtig, es lebt und w:rkt hier ein etafker jüdischer Geist: der Geist Nordaus und Herzls. Paris, im September 1929. Zwischen den Zeilen Wien macht Schule Und zwar in Berlin. Gestern fanden dort antisemitische Krawalle an der Universität statt. Die Hochschulexzesse sind wie eine Epidemie. Die Krankheitserreger des Rassenhasses vermehren und verbreiten sich mit einer erschreckenden Geschwindigkeit. Ein Funke, der vom Wiener Hochschulfeuer stammend, nach Berlin hinübergeflogen ist, hat auch dorthin vandalische Barbarei und niederträchtigen, blindwütigen Haß verpflanzt. Jüdische Studenten wurden aus den Fenstern hinausgeworfen, jüdische Studentinnen insultiert. Und hakenkreuzbeschmückte Inielligenzteutonen schrieen: «Juden hinaush Fast wie in Wien. Wien kann stolz sein. Es macht Schule. Der Wiener Rektor allerdings nicht. Sein Berliner Kollege hat nicht gescheut, die Polizei herbeizurufen, damit sie auf dem «heiligen akademischen Boden* Ordnung mache. Armer Qleispach —• wie wirst Du Dich kränken ., S e m. Drei Juden in Astrachan zum Tode verurteilt Moskau. (J. T. A.) Unter den 14 Personen, die vom Gericht in Astrachan wegen wirtschaftlicher Konterrevolution zum Tode verurteilt wurden, befinden sich die Juden Jakob Bloch, Aaron Wisch nepolski und Chaskel Saslowski. Schändung eines jüdischen Friedhofes in Unterfranken Berlin. (J. T. A.) Auf dem Israelitischen Bezlrksfriedliof in Rödelsee, Unterfranken, wurden elf Grabsteine umgeworfen und acht davon zertrümmert. Unter den zertrümmerten Steinen befindet sich auch das Grabdenkmal des Rabbiners Thalheimer von Maintoernheim. Es ist innerhalb kurzer Zeit das zweite Mal, daß diese* Friedhof geschändet wurde.