Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-11-15 · Heft 100 (15.11.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 100 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053852--1374-3056722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 100 10JXHRIGE JUBILÄUMSFEIER DES CHAJIS«RIALGYMNASIUM Hebräisches Konzert GROßER KONZERTHAUSSAAL SONNTAG, 15. DEZEMBER 1929 KARTEN SIND ERHÄLTLICH Zion. Bureaus, I, Kämtnerstraßc 28, Telephon R 27-4-85/86 Jugendverein Erez Israel. II, Zirkusgasse 33. Telephon R 49-8-98 Chajes-Gymnasium. II, Castellezg. 35. Telephon R 48-2-85 Konzerthaus, 111., Lothringerstraße 20 REG1NN HALB 8 UHR ABENDS Mitwirkend: Kamm ersänger 10SEF MA N O WA RDA (Staatsoper) „Zionismus, Judenfrage und Sozialismus“ Von Jaakow Singer Der «Austromarxismus» scheint es sich zur Ehre mzurechnen, als fast die einzige sozialdemokratische Gruppe von Bedeutung, unerbittlich und konsequent gegen deji Zionismus Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme ist ihr allerdings in den letzten Jahren weniger leicht gefallen. Die Gründe dafür waren: die Fortschritte, die unser Aufbauwerk gemacht hat, die Anerkennung, die unsere Arbeit und unsere Bewegung in allen europäischen Kulturkreisen, besonders auch in den sozialistischen, gefunden hat; das Bekenntnis, das führende Männer in der Internationale zum Zionismus wiederholt bekundet haben, — wobei sie, soweit sie Juden waren, dieses Bekenntnis als Juden und nicht nur als Sozialisten abgelegt haben. Es schien denn auch für eine Weile, daß der Austromarxismus, — ich will nicht sagen, bekehrt wurde, jedenfalls aber, daß er seine offenen Angriffe eingestellt hat. Einige führende Männer der österreichischen Sozialdemokratie begannen sich sogar mit unseren Problemen näher bekannt zu machen. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß die Wiener Poale Zion sich redlich bemüht hat, immer weitere Kreise der österreichischen Arbeiterschaft für unsere Bewegung zu interessieren und daß ihr dabei manches auch gelungen ist. Aber die letzten traurigen Vorfälle in Palästina waren für manche Austromarxisten, — ich will betonen, daß ich mich dieser Bezeichnung nicht bediene, um ihr jenen unbehaglichen Unterton zu geben, der ihr von Gegnern des Sozialismus beigelegt wird; es ist für mich lediglich ein technischer Ausdruck — das Signal, aus ihrer Reserve — ich möchte fast sagen: aus ihrer Resigniertheit — herauszutreten und von Neuem zu zeigen, wie Recht sie doch mit ihrer Gegnerschaft zum Zionismus gehabt haben. Der Artikel Kautskys in der Wiener Arbeiterzeitung wurde bereits in der «Stimme» einer gebührenden Kritik unterzogen. Wir wollen uns heute mit einer weiteren Publikation befassen. Es ist das ein Artikel von Raphael Abrahamovicz im Novemberheft des «Kampf» (er wußte, wo er seinen Kampf mit Erfolg kämpfen wird). Dieser Abrahmowicz ist ein Jude. Wenn wir noch hinzufügen, daß er ein «Bundist» ist, so wissen wir schon, was wir von einem solchen zu erwarten haben. Es wiederholt sich das widerliche Schauspiel, daß Juden aufstehen, die für das Judentum nichts übrig haben, um zu beteuern: wir, die wir es doch besser wissen müssen, wir sagen Euch das als Juden. Es sind Juden, die längst der Assimilation verfallen sind und die ihr Judentum entdecken, wenn es gilt, es zu bekämpfen. Wir wissen natürlich, daß wir es hier mit einer psychologischen Situation zu tun haben; diese aber macht eine sachliche Gegnerschaft einfach unmöglich. Der Zionismus stellt den einzelnen Juden vor eine Frage, auf die es nicht viele Antworten gibt. Und die Juden, die keine Zionisten sein wollen oder nicht sein können und die es ernst meinen mit der Ablehnung, — sie müssen den Zionismus bekämpfen. Das ist die einfache Erklärung dafür, daß gerade dort, wo Juden eine führende Rolle spielen, — in der österreichischen und polnischen Sozialdemokratie — das Judenproblem behutsam zur Seite geschoben wird. Das ist natürlich. Und «naturgemäß», wie Abrahmovicz in einer Fußnote entschuldigend meint, haben die Vorfälle in Palästina die Diskussion über den Zionismus nur verschoben, die in Anbetracht der Konzentration des Prozionismus in der Internationale anläßlich der Schaffung der «Sozialistischen Liga für das arbeitende Palästina» nur selbstverständlich wäre, — von seiten der Gegner des Zionismus. Das ist unrichtig. Erst die Vorfälle in Palästina haben sie bewirkt, haben ihr zumindest den Charakter aufgeprägt. Und der traurige Mut, von dem sie mit einem Male besessen sind — alle — läßt mit überraschender Plötzlichkeit eine gemeinsame Linie aufleuohten, die von der Jewsekzia über den Bund bis zu den deutschen Israeliten mit ihrer berühmten Erklärung führt. Und nun zu den «Darlegungen» Abrahamovicz’ zunächst: Er appelliert an den marxistischen Spießer, für den die Tatsache, daß die «erdrückende» Mehrheit des ostjüdischen Proletariates nicht der Poale Zion angeschlossen ist, der «überwältigende» Beweis für die Aussichtslosigkeit des Zionismus darstellt. Man wundert sich: Seit wann darf ein Sozialist den Wert einer Idee daran ermessen, wie viel Anhänger sie im Augenblick hat. Ist der Kampf denn schon zu Ende, geht er denn nicht unvermindert weiter, ist er nicht gerade jetzt auf dem Höhepunkt? Bei all dem verkennt man Folgendes: Der Zionismus richtet sich an den jungen Menschen, an ihn tritt er heran. Damit steht auch im Einklang, daß jetzt nach den Vorfällen in Palästina in der ganzen jüdischen Welt ein Erslarken der Chaluzbewegung zu verzeichnen ist. Und in Polen, im Lande der «erdrückenden Mehrheit» des jüdischen Proletariates, das vom Zionismus nichts wissen will, sind jetzt junge Menschen aus dem «Bunde», Verbündete also des Abrahmovicz, dem Hechaluz beigetreten. Nachdem er also das unumstößliche Argument von der erdrückenden Mehrheit losgelassen hat, kommt er mit den zionistischen «Fünfjahrplänen», die er analog den Stalinisohen Fünfjahrsplänen betrachtet. Und er höhnt, daß sie das gleiche Schicksal mit diesen teilen. Man wundert sich wieder über die sonderbare Art einer solchen marxistischen Betrachtungsweise. Wie viel z. B. wollte die Arbeiterschaft nach dem Kriege erreichen und wie viel ist von den Errungenschaften dieser Zeit zurückgeblieben? Ist deshalb der Kampf um das Endziel aufgegeben worden? Ist das nicht gerade Ansporn zu neuem Streben?! Und wenn wir heute die Einwanderung nicht in dem Ausmaße durchführen können, wie wir es wünschen würden, — woran liegt es? Nicht an uns und nicht in der Zionistischen Bewegung, nicht — und das muß rot und dick unterstrichen werden — an der wirtschaftlichen Lage Palästinas. Genaue und zuverläosige Berechnungen, die vom Arbeitsamt der Histadrut angestellt worden sind, beweisen, daß eine Alijah von 10.000 Menschen erforderlich ist, um die Arbeitsmügüchkeiten, die gegeben sind, zu erschöpfen. Es gibt aber im Laufe der Entwicklung gewiß Rückschläge, die man nicht voraussehen kann. Das Tempo einer Entwicklung kann nicht diktiert werden, verschiedene Umstände wirken mit, auf die man keinen Einfluß hat — all das sollte ein geschulter Marxist wissen. Aber sein Wissen scheint dort Halt zu machen^ wo es gilt, auf den Zionismus Anwendung zu finden.- Bleiben wir noch bei der Frage der Einwanderung. — Solange man noch mit Tatsachen operiert, ist ein ' Einwand erlaubt. Auch der eines Gegners. Afber, was soll man dazu;sagen, wenn man Märchen vortgesefzi' bekommt. Und wenn es keine Märchen sind, so’ sind es böswillige Verdrehungen oder heuchilerfeohes Ve'r-‘ kennen. Einsolches Märchen ist das von den 6000- Arbeitslosen (im Jahre 1929), ein gleiches von der ' Bereitwilligkeit der englischen Verwaltung, eine unbeschränkte' Einwanderung zuzulassen. Ja, ist nicht aller Welt bekannt, daß gerade das Gegenteil davon wahr ist, weiß denn nicht alle Welt, welchen Kampf die Zionistische Exekutive gerade zu dem Zwecke führen muß, eine größere Einwanderung zu erwirken? Der Artiikelsohreiber hält dann der geringen Minderheit der «Zionisten», die um jeden Preis nach Die Belagerung Von Jakob T . . . i Nachdem wir mit Hilfe der Engländer mit vereinten Kräften die Angriffe der Araber zurückgeschlagen hatten, hielten es unsere „Bundesgenossen“ für richtig, daß wir die Kolonie verlassen sollten. — Wir baten sie: „Tut uns das nicht ah! Ohne Euch werden wir dem Ansturm der raubgierigen, rachesüchtigen Gegner nicht standhalten können.“ — Die Antwort lautete: „Natürlich werdet Ihr das nicht können. Und deshalb sollt Ihr die Siedlung verlassen.“ Dieser Rat war niederschmetternd für uns. Man kann ja leicht sagen „verlassen“. Aber was bedeutete denn dieses Wort für uns? Hieß das nicht, wahnwitzigen Mördern die unbegrenzte Möglichkeit geben, alles in Rauch aufgehen zu lassen, was wir in Leid und Freude, voll Mühe und voll Liebe gebaut . . . Nein, Herr Kommandant, wir werden diesen Platz nicht verlassen; der jüdische Jischuw auf dem Boden des Keren Kajemeth soll nicht vom Boden weggewischt werden ... — „Well, dann bleibt,“ entschied der Kommandant kühl, „wenn Militär kommt, kehren wir zurück“. „Aber bis dahin wird nichts übrig bleiben, was man retten könnte!“ „Sehr bedauerlich. Aber wir gehen weg, und mit uns gehen alle Bewohner dieser Siedlung, — außer Euch! Es wurden Automobile gobracht und alle Bewohner stiegen ein. Schwer war die Trennung; das Sausen der Kugeln war vielen angenehmer, als der Lärm der „rottenden“ Automobile. — Ich habe gesehen, wie eine Frau mit solcher Inbrunst die Mesusah küßte, als wollte sie all die Mühe herausnehmen, die sie in dieses Haus gelegt. Und ihr greiser Gatte ging indessen von einem Einrichtungsstück zum andern, streichelte, wischte den Staub und nur wie ein! schmerzvolles Seufzen entrang sich bisweilen seiner Kehle: „a nu, nu, a nu, nu!“ . . . — Ein Mädchen sprang in ihren Garten und pflückte Blumen mit beiden Händen mit den Worten: „Wenigstens eine Erinnerung von all meiner Mühe!“ Die Engländer trieben die Bewohner zur Eile an. Alle fast hatten die Automobile bestiegen; nur eine Frau saß auf einem Gemüsebeet im Garten und weinte: „Ich gehe nicht weg von hier, hier will ich sterben auf meinem Boden!“ Ein Engländer sprang hinzu und mit rauhem Griff riß er sie fort. Schließlich saßen alle in den Automobilen. Da kam ein Jude aus Warschau zu mir und sagte: „Freundchen, ich tauge nicht mehr zum Kampf; aber mein Junge, der wird auch für mich kämpfen; ich übergebe ihn Deinem Befehl. Jetzt gehört er Dir und dem Volke Israel!“ — Dann ging er an seinen Platz zurück und der Sohn blieb mit uns. Die Automobile fuhren ab. „Auf Wiedersehen“ rief man uns entgegen. „Auf Wiedersehen“ antworteten auch wir. Aber so mancher dachte auch daran: „Wer weiß, ob es ein Wiedersehen gibt.“ Noch war ioh in Gedanken versunken, da höre ich „Schalow“, und wie aus dem Erdboden taucht vor mir ein „Minjan“ Juden auf, die Aeltesten der Kolonie. — „Ja, wo seid Ihr denn die ganze Zeit gewesen?“ wandte ich mich an sie. — „Wir dachten, daß Ihr schon längst abgefahren seid. Was wollt Ihr jetzt anfangen? Wo nehmen wir Automobile her, um Euch in die Stadt zu schicken?“ — „In die Stadt? Warum sollen wir in die Stadt? Wir wollen mit Euch.bleiben. Wir haben uns absichtlich vor den Engländern versteckt, damit wir in (1er Siedlung bleiben können!“ — „Aber Freunde, versteht doch, daß wir in Lebensgefahr sind.“ Bei diesen Worten zeigte ich auf die Berge, auf welchen Haufen von Fellachen und Beduinen sichtbar wurden, die sich wieder sammelten, um nach dem Abzug der Engländer uns zu überfallen. „Worin sind wir schlechter als Ihr jungen Leute,“ meinten die Alten. „Ihr setzt Euer Lehen aufs Spiel und wir Alten sind nicht weniger dazu verpflichtet.“ — Und ein zweiter Greis fügte hinzu: „Ich bin schon des Fürchtens überdrüssig. Dort im Galuth mußte ich vor jedem Schandbuben zittern. Hier will ich keine Furcht mehr, kennen. Und wenn es mir bestimmt ist zu sterben, dann mag meine Seele mit den Philistern untergehen.“ Bei diesen Worten zeigte er ein Messer, das er unter seinem Ueberrock verborgen hatte. Wir sahen ein, daß wir keinen Grund hatten, uns über dieses „Reserve-Bataillon“ zu ärgern und beschlossen, sofort an die Arbeit zu gehen. Zuerst sollte die Synagoge befestigt werden. Hier konnten wir standhalten, bis das Militär kommen würde. Ich verteilte meine „Soldaten“ in zwei Gruppen, Wächter und Arbeiter. Die Alten brachten Säcke; die Arbeiter gruben und die Alten füllten die Säcke mit Erde und Sand, und schleppten dieselben zu zweit bis zur Leiter, wo sie von den oben Stehenden in Empfang genommen und placiert wurden. — In Totenstille, aber überaus schnell wurde die Arbeit verrichtet. Nur einmal wurde das Schweigen durch einen Seufzer unterbrochen aus dem Munde eines der Alten, die die Säcke schleppten: „65 Jahre bin ich alt geworden, und habe auch nicht die: leichteste Arbeit am Sabbath verrichtet, und jetzt . . .“ — „Nun vielleicht ist die Heiligkeit des Landes der Heiligkeit des Sabbath ebenbürtig,“ erwiderte der andere und fügte nichts mehr hinzu. Und der Sack wurde an seinen Platz gelegt. Nach einer Stunde beendeten wir die Befestigung der Synagoge. Nun mußten noch Nah- ^igra^ägfewifi"',r'~"rTfinHirinfjfiiiiin»i1TTiili'ii111r i ~ ■f WsmS&afmmmt* ..«—---.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.