Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 100 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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D?E STIMME Nr. 100 Sette 2 Kolonie oder Mandatsland— das ist die Frage (f) Seit drei Wochen tagt die englische Unlersuchungskonunission in Jerusalem und kaum sieben verantwortliche Machthaber aus dem Kreise Chancellors und Lukes wurden bisher vernommen. Sir Walter Shaw leitet die Untersuchung mit gemächlicT.er Kaltblütigkeit, doch sorgt Sir Merriman, als Vertreter der Jewish Agency, mit einer bewundernswerten Sachkenntnis, gepaart mit vehementer Wucht eines empörten Rechtsempfindens, für ein oft tagelang währendes Kreuzverhör, in dem sich die arabischen Drahtzieher und ihre kolonialen Handlanger wie zappelnde Spinnen verfangen. Saunders mußte zugeben, daß der moslemitische Rat absichtlich die Ereignisse um die Klagemauer zu einer religiösen Gefahr aufbauschte, um die Mohammedaner um so sicherer gegen die Juden aufzuwiegeln. Die Regierung wußte, daß in Hebron sich ein Gemetzel vorbereite, doch kam nach Hebron und Safed das Militär zu spät an. Ein Brief des Mufti vom 23. August kam zum Vorschein mit einer Aufforderung an die Araber, nach Jerusalem zum Kampf gegen die Juden zu ziehen und die Entwaffnung des Selbstschutzes erweist sich als dreiste Dummheit oder Böswilligkeit auf höheres Kommando. Warum sah die englische Verwaltung die herannahende Sturmflut nicht voraus? Wie war es möglich in einem Lande, das kaum so viel Einwohner zählt wie eine mittlere europäische Stadt und der entfernteste Punkt mittels Autos in drei bis vier Stunden erreicht werden kann, daß britische Schutztruppen überall hinkamen, als bereits ein Trümmerhaufen und die Leichen keiner Hilfe mehr bedurften? Aus den Fragen und Gegenfragen ergibt sich schon heute ein Bild erschreckender Indolenz und himmelschreiender Verfehlungen, die schicksalsschwer nach wie vor den Jischuw bedrohen werden, falls nicht schleunigst und gründlich mit all dem aufgeräumt wird. Und dies ist das entscheidende: nicht die politischen Richtlinien, die auf dem Wege von Colonial Office nach Jerusalem der Willkür der Mittler und Vollstrecker überlassen werden, sondern das ganze bisherige Kolonialsystem muß sowohl bezüglich der Machthaber wie auch bezüglich der Einstellung zum jüdischen Aufbauwerk geändert werden. Ansonsten sinkt der Jischuw zum Spielball herab eines Freibeutertums englischer Kulturträger nach dem bewährten Muster Bombays und Kalkuttas. Ist der Völkerbund ein realer Machtfaktor, dann darf der üeist von San Remo nicht gerade in Jerusalem zu einem Zerrbild vergattern! Ist die Balfour- Deklaration die Grundlage unseres Aufbauwerkes, dann müssen englische Kolonialbcamte als Träger und Beschützer dieser ebenso jüdischen wie englischen Magna Charta nach Palästina delegiert werden! Das Mandatsystem darf keinesfalls mit dem Kolonialsystem verwechselt werden. Hier scheint das Grundübel zu liegen. Das Ausspielen einzelner Volksstämme gegeneinander, das Großzüchten eines religiösen Fanatismus, um ein Ventil für einen ausbeuterischen Merkantilismus zu schaffen; das ewige Schüren, Patzen und Lavieren mag vielleicht dem englischen Imperialismus in Indien, Uganda oder Aegypten zweckentsprechend erscheinen — aus Palästina schafft all dies ein Chaos und einen Vulkan. Durch die Balfour-Deklaration wurde die historische Verbundenheit des Judenvolkes mit Palästina deklariert und im Weißbuch im verstärkten Maße die Erhaltung der nationalen Eigenart der Araber garantiert. Zwischen diesen zwei Polen von geschichtlicher Tragweite muß die Entwicklung vor sich gehen. Ob wir wollen oder nicht. Was wir jedoch nicht wollen und mit aller Wucht verhüten müssen, ist, daß das Mandatnystem zum Kolonialsystem ausartet. England kommt nur als Beauftragter des Völkerbundes nach Palästina und die englischen Machthaber sind nur Vollstrecker des europäischen Gesamtwillens. Keinesfalls jedoch Beauftragte englischer Imperialisten auf ihrem Durchzugswege nach Mossul und Indien. Der historische Sinn von San Remo kann nur der sein, daß wir nunmehr verantwortliches Subjekt und nicht Objekt eigener Geschicke sein sollen und als Staatsvolk aus Palästina eine zentrale Interessensphäre des in der ganzen V/elt zerstreuten Judenvolkes schaffen. Nach Nordamerika strömte die Hefe westlicher Kultur und als sic das englische Kolonisationssystem gegen die wilden Indianerstärnme auszuspielen begann, fielen die nordamerikanischen Staaten vom Mutterland ab. Nach Erc-z Jisrael geht die Blüte eines alten Kulturvolkes und es hieße keine Lehre aus der Geschichte ziehen, wollte man sie gegen das Wildwest plündernder Beduinenstämmc, deren Drahtzieher in Mekka, Bagdad und auch irn Vatikan lauern, ausspielen. Das Kolonialsystem Englands hat in Erez Jisrael in erschreckender Weise versagt. Dies zcizt allzu deutlich schon das bisherige Ergebnis der Untersuchungskommission. Die Aenderung der politischen Richtlinie ist eine unabwendbare Notwendigkeit. Das Kolonisationssystem von Herren im Lande muß in ein Mandatssystem von beamteten Dienern der Volksinteressen übergehen. Dies ist ein Gebot von San Remo und dies muß eine Lehre sein aus dem Blutbad von Hebron und Safed. Die Arbeiten der Untersuchungskommission Die britische Untersuchungskonimission für Palästina hat nach einem Besuch in Hebron und in den Jerusalemer Vorstädten Moza und Taipioth ihre Arbeiten wieder aufgenommen. Die Vorgänge in Haifa Die Kommission setzte die Beweisaufnahme über die Vorgänge in Haifa fort. Sir Boyd Merriman kam auf den Marsch der Araber aus dem Dorfe Tireh gegen die Haifaer jüdische Vorstadt Bath Gaiim zu sprechen. Etwa 50 mit Stöcken bewaffnete Araber seien von Truppen angehalten und zerstreut worden. Es steht fest, daß der Angriff auf Bath Gaiim keine leere Demonstration gewesen war. Der Polizeiinspektor des Norddistrikts, Major Foley, stimmte dem zu. Er richtete dann an Major Foley die Frage, ob die von Arabern aufgestellte Behauptung, daß in der Haifaer Mühle, wo sich jüdische Arbeiter verborgen hielten, zahlreiche Gewehre beschlagnahmt wurden, wahr sei. Major Foley erwiderte, es seien in der Mühle vier Pistolen und etwas Munition gefunden worden. Er trat der Behauptung der arabischen Anwälte, daß britische Truppen Dutzende unbewaffnete arabische Passanten getötet hätten, energisch entgegen. Sir Boyd lenkte die Aufmerksamkeit der Kommission auf ein Memorandum der arabischen Exekutive hin, in welchem es hieß, die Juden hätten sich aller Waffengattungen, einschließlich Handgranaten, bedient. Major Foley erwiderte, er habe in einer jüdischen Vorstadt Haifas den Schall einer Explosion gehört, die von einer Handgranate herrühren konnte. Sir Boyd ging im Kreuzverhör mit Foley Punkt für Punkt das erwähnte Memorandum der arabischen Exekutive durch, in dem Memorandum wurde behauptet, daß die Moslems über keine Feuerwaffe verfügten. Das ist unwahr, sagte Major Foley.. Sir Boyd: Es wird behauptet, daß drei große Autos der Ruthenberg- Werke um Haifa herumgefahren sind und auf die Leute geschossen hatten., Maier Foley: ein Auto mmmmmmm, ■■■fUMw ■ mmOBammm BÖtHSRST&BE M. 8QT83 Buchbandiung, Antiquariat, Lo hbibüothok Wt'3ih i!., Tahcrstraßo 20 a, Toi. R-43-1-58 M. RATH’S bietet Ihnen eine reiche Auswahl v^n Büchern aller Art, i;j.sbesonucre von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen BiUliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische u. Deutsch-Judaica in reicher Auswahl. Tägr r Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis u Uhr geöffnet Monatsgebühr nur S 3»— Keine Bandgebühr awwpwwwm—ji;—uwij tu uh uj .ijriiitujwMc—a——wm—■—vmtam schien der Ruihenöerg-üeseuscnaii zu geuoren. Sir Boyd: die arabische Exekutive behauptet, daß siebzig Juden in Haifa verhaftet worden waren. Foley: Im gesamten Norddistrikt sind kaum 50 Juden verhaftet worden, unter ihnen mehr als 30 allein in der Haifaer Mühle. Sir Boyd: Die arabische Exekutive behauptet, daß die Juden auch feuerten, als schon die Truppen in der Stadt waren. Foley antwortete ausweichend und sagt schließlich: am 27. August seien in Hadar Hakarmel Schüsse gefallen. Sir Boyd fordert klare Antwort. Major Foley gibt schließlich zu, daß die Schüsse von jüdischer Seite zur Abwehr eines arabischen Angriffes auf einen Teil von Hadar Hakarmel abgegeben wurden. Ist es nicht schändlich, sagte Sir Boyd zu Foley, daß Sie durch Ihre Aussage den Eindruck erwecken, daß die Juden auf schutzlose Araber geschossen hätten? Ist es aucli wahr, daß mehrere jüdische Polizisten entlassen wurden, weil sie Schüsse abgegeben haben? Foley: Das ist vollkommen unwahr, denn diese Polizisten verfügten über keine Waffen. Sie wurden entlassen, weil sie sich weigerten, unbewaffnet Dienst zu tun. Das Massaker in Safed Unter großer Sj>annung der Anwesenden ging Sir Boyd Merriman, der Anwalt der Zionistischen Exekutive, zur Behandlung der Vorgänge in Safed über. Sir Boyd wies dokumentarisch nach, daß Major Foley, dem auch Safed unterstand, der Aufforderung von Captain Faraday, Polizeiverstärkung nach Safed zu entsenden, keine Beachtung geschenkt hatte. ST Boyd (sehr erregt): Wußten Sie d^n nicht, daß in Safed entsetzliche Gefahr dr,I.T. v-~td daß HHfe dringend benötigt wurde? Foley fast unhörbar): Das wußte ich. Der Regierungsanwalt Kenelm Preedy fragte Foley: Sagten Sie, daß die Juden mit dem Aufruhr begannen, oder sagten Sie, daß die Verwundung eines Arabers durch Juden die Ursache zu den Unruhen gab? Foley: Ich habe letzteres gesagt. Preedy: Sind Sie ein Judenfeind? Foley: Nein. Preedy: Haben Sie alles getan, um die Juden zu schützen? Foley: Ja. Sir Walter Shaw: Wieviele Juden wurden getötet? Foley: sechs. Stoker: Wieviele Araber wurden getötet? Foley: Es gab 12 töte und 20 verwundete Araber einschließlich der durch die Truppen Getöteten und Verwundeten. Sir Waiter Shaw: Haben die Juden die Arabei oder die Araber die Juden angegriffen? Nach langem Zögern gab Major Foley die erste klare und unzweideutige Angabe während seines ganzen Verhörs: Die arabische Demonstration am 24. August, sagte er, hat den Aufruhr eingeleitet. Sobald die Truppen in der Stadt eintrafen und das Feuer auf die Aufytihrer eröffneten, war der Aufruhr niedergeschlagen. Die Massaker in Hebron und die Schilderungen Cafferatas. Nach ihrer Rückkehr aus Hebron trat die Untersuchungskonimission in die Behandlung der Unruhen in Hebron ein. Als erster Zeuge wurde der stellvertretende Disfriktspolizeiinspektor und Polizeichef von Hebron, Raymond 0. Cafferata, vernommen, dem bekanntlich für sein «tapferes Verhalten» während der Unruhen in Hebron das Viktoria-Kreuz verliehen wurde, obwohl die Judenschaft von Hebron gegen ihn die schwere Beschuldigung erhob, daß er durch Entwaffnung der Polizei und Duldung der arabischen Hetze die Massaker mitverschuldet hat. Cafferata war der einzige Brite in einer Stadt mit 20.000 Moslems und nur 600 Juden, in der die Polizei aus 39 Arabern und einem einzigen Juden bestand und die von einem arabischen Distriktsbeamten verwaltet war. Ungeheuere Spannung herrschte, als Cafferata die tieftragischen Ereignisse in Hebron im einzelnen schilderte. Der arabische Anwalt Stoker versuchte, aus geringfügigen Tatsachen eine Mitschuld der Juden zu konstruieren. Seine Bemühungen waren so quälend und undurchsichtig, daß sich das liberale Mitglied der Kommission, Herr Hopkins Morris, bewogen fühlte, an ihn die Frage £U richten: Was wollen Sie eigentlich beweisen? Ich will zeigen, sagte Stoker, daß der Mangel an Disziplin unter den Juden die Unruhen mitververschuMet hatte. Stoker wies auf den polizeilichen Bericht hin, ln welchem cs heißt, daß die aus Amerika stammenden Studenten der Slabodkaer Jeschiwa sich unruhig verhielten. Es stellte sich aber heraus, daß mit dem Worte «unruhig» das Verhalten der amerikanischen jungen Leute charakterisiert war, die darauf bestanden, daß ihnen eine telephonische Verbindung mit dem amerikanischen Konsul in Jerusalem gewährt werde. Sir Walter Shaw, der Vorsitzende der Kommission, bemerkte dazu in scharfem Tone: Sie haben nicht das Recht, Menschen zu töten, nur weil sie versuchen, zu telephonieren, Die Aeltesten eines Dorfes in der Nähe von Hebron, fuhr Cafferata in seiner Schilderung fort, haben ihm am 23. August mitgeteilt, der Mufti von Jerusalem habe ihnen unter Androhung der Auferlegung von Geldbußen befohlen, nach Jerusalem zu kommen. Cafferata gelang es, sie zu beschwichtigen und zu veranlassen, in ihr Dorf zurückzukehren. Viscount Erleigh fragte, warum so viel kostbare Zeit vergehen mußte, bevor die Polizei die Erlaubnis erhielt, von den Schußwaffen Gebrauch zu machen. Cafferata erwiderte, er habe befohlen, im Ernstfälle zu feuern. Der Korporal fragte, ob in die Luft geschossen werden soll. Er mußte also seinen Befehl wiederholen, und schließlich sah er sich gezwungen, die Polizei zurückzuziehen. Nicht ein einziger Araber in Hebron wurde von Juden getötet. Der Regierungsanwalt Kenelm Preedy lobte das Verhalten Cafferatas. Als eine Menge von 700 Arabern am Freitag die jüdischen Häuser mit Steinen bombardierte, da konnte Cafferata der Lage nicht mehr Herr werden. Am Samstag morgen, heißt es in Cafferatas Bericht weiter, wurden zunächst zwei Studenten der Jeochiwah auf bestialische Welse vor seinen, Cafferatas, Augen ermordet. Die jungen Leute klammerten sich an die Rücken der Pferde von