Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 99 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 99 DIE STIMME x Seite 9 (Nachdruck verboten.) Das jüdische „Schilda** Von Hermann Blumenthal Auch die Juden fyaben ihre Schildbürger, die «Chelmer ■ Narren».. Das polnische Städtchen Chelm, östlich von Lublin, genießt überall wo Juden leben, den Ruf, die größten Narren zu beherbergen. Eine scherzhafte Redensart lautet: «Die Cheimer sind gar-keine Narren, aber nirgends in der Welt geschehen so viele Dummheiten als bei ihnen.» Die Cheimer sind zu jeder Narrheit fähig und was Wieland von den Abderiten sagt, trifft auch auf eie zu: «Gemeiniglich schlossen sie den Käfig erst, wenn der Vogel entflogen war. Dies zog ihnen den Vorwurf der Unbesonnenheit zu, aber die Erfahrung zeigt, daß es ihnen nicht besser ging, wenn sie sich besannen. Dachten sie an irgend einen dummen Streich, so kam es immer daher, weil sie es gar zu gut machen wollten. Ihre Einfälle und Streiche gaben den Spöttern viel Stoff zum Lachen.». Der Cheimer steht sowohl dem Abderiten sowie dem Schildbürger in nichts nach. Wenn in einem Bad der Ruf laut wird: «Alle Narren müssen hinaus,» dann meldet sich der Cheimer unzweif.'haft mit der Frage: «Auch ich?» Wenn man ihn nach seiner Geburtsstadt fragt, nimmt er die Frage gewöhnlich übel auf oder er gibt pickiert zur Antwort: «Meinetwegen, seid Ihr der Kluge». Die Spaßvögel und Abenteurer haben bei ihnen ein leichtes Spiel, denn die Cheimer lassen sich alles einreden. Ein Wachshändler, der seine Ware loswerden wollte, brachte sie nach Chelm und rief den Leuten, die ihrer täglichen Beschäftigung naohgingen, zu: «Habt ihr. bereits alle Vorbereitungen zum morgigen Versöhnungsfest getroffen?» Die Cheimer gerieten außer Rand und Band und machten, sich sofort daran, ihre Läden zu schließen.. «Wo nehmen wir nur Wachskerzen zum hohen Fest?» riefen sie verzweifelt aus, aber der Händler verscheuchte ihre Sorge und sein Wachs ging reißend ab. So feierten die Cheimer das Versöhnungsfest an einem gewöhnlichen Wochentag . . . Noch ist das jüdische «Laienbuch» nicht geschrie-. ben worden, aber der Vofksmund erzählt viele Narrenstreiche aus Chelm, von denen ich hier einige wiedergeben will: _Eines Tages konnte man in Chelm kein Streichholz auftreiberr. Ein Bote wurde nach Lublin zur. Besorgung von Zündhölzchen ausgesandt. Er wanderte die ganze Nacht und erreichte Lublin bei aufgehender Sonne. Sofort machte er kehrt, ohne seine Bestellung auszuführen. Als er aber in Oheim eintraf, war dort finstere Nacht. Alle wollten Streichhölzer haben, aber der Bote meinte: «Wozu — in Lublin ist heller Tag» ... Ein anderer Cheimer wanderte bei glühender Sonne nach Lobaczow. Bald iibermannte ihn die Müdigkeit. Er streckte sich mit den Beinen nach seinem Reiseziel aus und verfiel in. Schlaf. Ein Spaßvogel, der des Weges; kam, drehte ihn nach der entgegengesetzten Seite. Als der Schläfer erwachte, setzte er seine Wanderung fort. Bald erreichte er seine Heimatstadt.. Erstaunt hielt er am Marktplatz an und rief aus: «Gottes Wunder, Lobaczow sieht ganz wie Chelm aus!» Der.Gemeindeälteste von Chelm kaufte eines Tages einen lebenden. Fisch, der sich aber sehr wild gebärdete. Schließlich versetzte er dem Vorsteher mit seinem Schwanz einen Hieb ins Gesicht und sprang zu Boden. Eine wilde Jagd, an der sich die halbe Stadt beteiligte, setzte ein. Als der Fisch endlich eingefangen war, verlangten die Ratsmitglieder, daß er wegen «einer Freveltat zur .Verantwortung gezogen werde. Die Aeltesten konnten aber Über die Strafe, die dem Fisch zudiktiert, werden Sollte, nicht einig werden. Da meinte ein Spaßvogel, der bei der Sitzung zugegen war: «Der Fisch verdient wegen der Beleidigung, die er dem Vorsteher angetan hat, Im Wasser versenkt zu werden». Dieser Vorschlag wunde mit Beifall aufgenommen und so wurde der Fisch, im Beisein aller Ratsmitgtieder in den I Fluß geworfen ... Ein Cheimer wurde von den Gemeindeältesten mit einer Strafe belegt. Er beschloß, sich zu rächen und legte sich vor das Stadttor hin, um die Zufuhr von Lebensmitteln nach Chelm abzuschnciden. Einst wurde Chelm von vielen Mäusen heimgesucht. Zum Glück tauchte im Städtchen eine Katze auf, die einen großen Teil der Mäuse vertilgte. An einem Sabbat wurde aber dir Katze dabei erwischt, wie sie Mehlspeise des Rabbi aufnaschte. Die Aeltesten beschlossen, daß die Katze wegen dieser Freveltöt gesteinigt werden sollte. Alles bewaffnete sich mit Steinen und als man die Katze in einem Hofe erblickte» wurde das Bombardement gegen sie eröffnet. Die Kirtze aber flüchtete aufs Dach, wo sie kein Stein erreicht •konnte. Man überlegte lange, wie man der Katze deiih Garaus machen könnte, bis endlich einer ausrief: «Zünden wir das Haus an, dann wird die Katze verbrennen». Ohne Zögern wurde dieser Vorschlag zur Ausführung fjebracht. Das Haus brannte nieder, aber die Katze rettete sich auf ein Nachbardach. Flugs wurde , auch dieses Haus angezündet, aber die Katze entkam. Dafür gingert einige Häuser in Rauch und Flammen auf. TIS ill Die Memoiren seines Lebens. In neuer Bearbeitung vom Verlag herausgegeben in Verbindung mit dem bedeutendsten deutschen Napoleon-Historiker Friedrich 10. KJrcheisera. Das Wbrk umfaßt 14 Bände (Großformat) mit etwa 3500 Seiten Text. Das Leben dieses Titanen, der Europa und der ganzen Welt ein neues Gesicht verliehen hat, von ihm selbst und seinen Zeitgenossen geschildert, liest sich spannend wie ein fesselnder Roman, und wirkt ergreifend und erschütternd wie ein Drama von Shakespeare oder eine Tragödie des Sophokles. Mit Recht . nennt der große Kritiker Sainte-Beuve Napoleons Memoiren das großartigste Werk der Weltliteratur. Napoleons beispielloser Aufstieg vom unbekannten Leutnant zum Kaiser und Weltbeherrscher wäre ohne die vorangehenden großen Umwälzungen der französischen Revolution undenkbar gewesen. Sein grandioses Abenteuerleben wird uns erst verständlich, wenn wir die Zusammenhänge und Auswirkungen der Revolution kennen, deren Sohn, Bezwinger und Testamentsvollstrecker Napoleon Bonaparte gewesen ist. Deshalb bringen wir gleichzeitig mit Napoleons Memoiren die nicht minder packende und zeitgemäße;*» von Jules Michelet. Nach der Übersetzung von Richard Kuehn bearbeitet und herausgegeben von Friedrich M. Kircheisen. Umfang: 10 Bände (Großformat) mit etwa 2500 Seiten Text. Kein geschichtliches Ereignis der letzten Jahrhunderte hat die gesamte politische und soziale, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung Europas nachhaltiger und einschneidender beeinflußt als die große französische Revolution, die der berühmte Historiker Michelet mit hinreißender, unübertrefflicher Anschaulichkeit geschildert hat Dieses fürdas Verständnis der Jetztzeit grundlegende Werk erscheint in unserem Verlag zum erstenmal in deutscher Sprache. f Durch Einsendung des Tinten angefügten Abschiiittes innerhalb 10 Tagen erwirbt jeder Leser dieses Blattes das Recht auf kostenlosen Bezug unserer Ausgabe dieser beiden für das Verständnis der Gegenwart unentbehrlichen Monumentalwerke. IVur für Verpackung«- and Inseratenspesen verlangen wir eine Vergütung von?0 Groschen pro Band. Yersamd'Abteilung des CHRISTENSEN & CO. Wiera, I., Strauchg. 1. Vorläufig weder Geld noch Marken einsenden. ABSCHNITT "Einsender dieses Abschnittes wünscht sich gratis „Napoleons Memoiren“ und „Die Geschichte der französischen Revolution“. Name: .;... Straße:...... Wohnort:..... - 72 Poststation:. Theater Große Erfolge des jüdischen Bvikarester Theaters in Wien. Nach «Habiinah» hat die jüdische Künstlertruppe aus Bukarest, die derzeit in der Jüdischen Bühne, 11., Taborstraße Nr. 12, gastiert, die größten Erfolge hier errungen. So wurde Rakovs Lebensbild «Vergessene Kinder» nicht weniger als zehnmal vor ausverkauftem Hause aufgeführt. Großen Erfolg holte sich Frau Rosa Siegler, die die jüdische Mutter glänzend darstellte. Besonderes Lob verdienen die Damen Sevilla Pastor, Erna Siegler und die Herren M. Siegler, M. Pastor, Waldberg und Reißmann. Vergangenen Montag wurde die in Wien so beliebte Komödie «Dus Chasendl» mit Sevilla Pastor in der Titelrolle neuinszeniert zur Aufführung gebracht. Sevilla Pastor, die im New Yorker Jüdischen Theater unzäliiigemale in dieser Rolle mitwirkte, zeigt gerade in diesem Stück ihr großes Können. Lora Glücksmann hat sich einer Auslandstournee verpflichtet und wirde dies Saison in Wien nicht auftreten. jüdischer Schauspielerverein in Wien. Die in Wien lebenden jüdischen Schauspieler halben sich zu einem «J üdischen Sc h a u s p i e 1 e r v er e i n» zusammengeschlossen, der bereits seine Tätigkeit begonnen hat. In kulrzer Zeit wurden 10.000 Bausteine ä 10 Groschen abgesetzt und die nötigen Vorkehrungen getroffen, um ein Heim zu schaffen. Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, die jüdische Kultur zu fördern und das jüdische Theater auf eine höhere Stufe zu bringen. In den Vorstand wunden gewählt: M. Siegler (Obmann), N. B r e j tm a n n (2. Obmann), M. Pastor (Sekretär), I. V a 1 b c r g (1. Kassier), O. Horowits (2. Kassier), M. Herschkowits (Revisor), A. Weismann (Beisitzer). In der ersten Sitzung wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt die Herren Dr. Glanz, E. Hirschei, D. Mauer (Warschau), Geltner, Dr. Desider Friedmann, M. Maier, Dr. B. Kinsbrunner, Julius Krupnik, I. L. Pipeisber.g, Dr. L. Plaschkes, Oberbaurat R. Stricker, Dr. Radoj (russischer Konsul), Dr. Oskar Roscufeld, Dr. Israel Waldmann, Jacques und Heinrich Singer. — Die gegenwärtig tri Rumänien und in der Tschechoslowakei gastierenden Truppen werden biemit awfgefordert, ihre alten Legitimationen einzusenden, damit diese gegen neue eingetauscht werden können. — Herr J. G o 1 d f 1 i e ß hat dem Jüdischen Schauspiielerverein die Lokale der «Jüdischen Kü n s 11 e r s p i e 1 e» als provisorischen Sitz zur Verfügung gestellt. II., Praterstraße 34 (Cafe Reklaw ). Die langen Winterabende sind du und liul.en wieder die Familie um den häuslichen Herd versammc-ir. besonderes Interesse finden in allen jüdischen Häusern, die alten Liturgien und Tempclgesänge. Die Spreclmiaschine wird fleißig in Bewegung gesetzt und alt und jung erfreut sich au den lieb gewordenen Melodien und insbesouders an den herrlichen Stimmen der ganz Großen, wie Jossele Rosenblatt, Sawel Kwarfcin, Sirota Herscbmanu und viele, viele andere. Neu herausgekoinmeii und erhältlich im Musikhaus Excelsior, Wien, I., Adlergasse 5, sind außer Häjom aras oloni und Nislunaß sowie Matowo insbesouders afrikanische Aufnahmen, welche aus Raummangel und speziellen Gründen nicht angeführt werden können, aber-unverbindlich vorgefiihrt werden.