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Die Stimme · 1929-11-07 · Heft 99 (7.11.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 99 (7.11.1929)
Date
1929-11-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 99 Der Delegiertentag des VZMOe. Am 16., 17. und 22. Oktober fand im «Jüdischen Zentrum» der Delegiertentag des VZMOe. statt. Der V. Z. M. brachte es zu wege, eine Tagung zu veranstalten, die von Zionisten aller Richtungen beschickt wurde. Man sah Delegierte des «Schomer», «Zirenu», s<Blau-Weiß», «Makkabi Hazair», «Trumpeldor», der einzelnen Bezirkssektionen des Verbandes, aber auch zahlreiche Organisationen hatten ihre Vertreter zur Tagung entsandt. Dr. Tartakower begrüßte die Tagung im Namen des zionistischen Landeskomitees und gab der Hoffnung Ausdruck, daß aus dem Verbände die kommenden Führer der Bewegung hervorgehen mögen. Dr. Bukspann überbrachte die Grüße der jüdischen Studentenschaft und betonte besonders die Verbundenheit der zionistischen Hochschüler mit ce: N.i telschuljugend. Herr Leser begrüßte den Delegiertentag im Namen des Rahmenverbandes der Mittelschülerverbindlungen und Herr Weiser für die Schulgemeinde des Chajes-Realgymnasiums. Der Verband hat seine Mitgliederzahl von 220 auf 550 erhöht und Bezirkssektionen im III., V. und.XX. Bezirk geschaffen. Im Winter wurde auf die kulturelle Arbeit am meisten Wert gelegt, und zwar wurden drei Hebräischkurse, ein Kurs für jüdische Geschichte und ein zionistisches Seminar abgehalten. Außerdem fanden allwöchentlich in den einzelnen Sektionen Vorträge und periodische Zentralversammlungen statt. Im März wurde auch eine große Werbeaktion durchgeführt. Strauß referierte über die zionistische Propaganda in der Jugend. Aufgabe des V. Z. M. ist es, die weitesten Kreise der jüdischen Mittelschuljugend für die Idee zu gewinnen und zu organisieren. Auch in der Provinz müssen überall, wo es Juden gibt, Mittelschülergruppen geschaffen werden. Die Propaganda muß im Zeichen der Idee stehen und dadurch nicht nur den V. Z. M., sondern auch die Bewegung stärken. (Beifall.) R o t h f e 1 d referierte über die kulturelle Arbeit. Die kulturelle Arbeit muß sich vor allem darauf einstellen, die Kenntnis der jüdischen Geschichte zu vertiefen, um die Verbundenheit mit der jüdischen Vergangenheit herzustellen. Die wichtigste Aufgabe ist aber, die Kenntnisse der hebräischen Sprache zu etwas selbstverständlichem zu.machen. Zum Punkte «Stellung des Verbandes zu den Jugendbünden» erklärte Feuerlicht, daß der V. Z. M. kein Jugendbund, aber* auch Heine leblose Rahmenofganisation sein wolle. Deshalb muß der Verband auch auf eigenen Nachwuchs Wert legen. Weiser behandelte das Problem des Religionsunterrichtes, wobei er die gegenwärtig üblichen Methoden einer scharfen Kritik unterzog. Er forderte unter lebhaftem Beifall eine Modernisierung des Religionsunterrichtes. Donnerstag wurde die Tagung mit der Debatte fortgesetzt. Nachdem Herr Oehler im Namen der israelitischen Kultusgemeinde den Delegiertentag begrüßt hatte, ergriffen zahlreiche Delegierte das Wort, um die Forderung der Jugendbünde nach Werbemöglichkeiten zu vertreten. Die sozialistisch eingestellten Mitglieder sprachen sich auch gegen die Schulpolitik aus. Ein Delegierter des Ghajes-Realgymnasiums appellierte unter großem Beifall an die Versammlung, die jüdische Oeffentlichkeit auf den V. Z. M. aufmerksam zu machen. In der letzten Sitzung.wurden Beschlüsse gefaßt, wonach die Schaffung eines Weltverbandes zionistischer Mittelschüler, eines Territorialverbandes der zionistischen Jugend Oesterreichs und einer Berufsberatungsstelle für die jüdische Jugend gefordert werden. OHBBBMI Der Tänzer Agadati Zuin Tanzabend am 18. November (Vorabdruck aus der demnächst erscheinenden Schrift «Baruch Agadati, Zum Wesen der jüdischen Tanzform» von Oskar R o s e n f e 1 d.) Man kann behaupten, daß Agadati kein Tänzer im Sinne, der schematischen Tanzideologie ist. Qft scheint der tanzende Körper in einer gewissen Passivität verhaftet zu sein: das ist der Ausfluß des Gedankens, dem sein Körper unterworfen ist im Ablauf der Emotionen, die das Motiv seines Tanzes sind, im Ablauf seelischer Erregungen, die nicht durch äußere Bewegung, ■sondern durch eine nach innen gerichtete Verhaltenheit geformt werden. Agadati ist überall jüdisch. Vielleicht, daß gerade der Jude der geeignetste Mensch ist, den Tanz zum Ausdruck der Seele zu machen. Der Jude hat keinen Volkstanz, weil ihm Jahrhunderte hindurch ein eigenes materielles Leben gefehlt hat. Dre Juden, die die Bewegung lieben, haben keinen eigentlichen jüdischen Tanz geschaffen, auch nicht in sozialer Geschlossenheit. Ihre Tänze bergen keinen nationalen Tanzwert in sich, auch die sie begleitende Musik ist entlehnt. Der Volkstanz verlangt Unmittelbarkeit. Der unmittelbare Ausdruck für Gefühle ist die körperliche Bewegung, die Impulsivität des menschlichen Charakters drückt sich in der Bev/egung aus, ebenso wie die Musik ihre Reflexe in der Bewegung findet. Die Reflexe der Volksseele steigern sich zu einer individuellen Kunst. Aber selbst die unmittelbaren Reflexe der Seele auf die Bewegung, wie sie in der Galuth-Zusammenpferchung erscheint, stehen unter Kontrolle, unter einer sezierenden Selbstkritik, die zur Selbstverneinung, zur Entäußerung führt. Kann ein solcher Jude aus seiner körperlichen Selbstverneinung heraus, um seine Gefühle durch Bewegung zu dokumentieren. Er kann Entsagung leisten, trauern, denn die Trauer ist nach innen gerichtet; sie läßt wenig aktive Bewegung zu, kaum in der Melodie, die die Emotion begleitet. Der ukrainische «Hopak» wandelt sich in einen jüdscheni «Frejlach», der französische «Contredance» in eine «Horah» — fremdes Element wird zu eigenem gestaltet durch Aenderung der Rhythmik und durch Aenderung der Taktbetonung. Derart ist der jüdische Volkstanz, soferne er existiert, ein Reflex von Geistigem, von Vernunft, im Gegensatz zur hemmungslosen Impulsivität der anderen Völker. Hier liegt also die Grundlage zu einer Kunst, zu einem Versuch, zu einer nationalen Tanzform zu gelangen durch individuelle Erkenntnis. Selbst wenn eine Volkskunst dagewesen wäre, will jemand sie neu produzieren? Sehnt jemand sich nach ihr zurück? Wissen wir denn nicht, daß die naive, vom Strom der Erkenntnis nicht berührte Kunst des «Volkes» im Tanz längst zugrundegegangen ist und einem bewußt gestaltenden Willen Platz gemacht hat? Wer für Agadati vorhanden ist, die Materie — die hat er studiert und verdaut und versucht nun aus seinem eigenen Körper, das Gelebte optisch und dynamisch hinzustellen, mit der Weisheit des Erkennens, mit der Herrschaft des Ausdrucks bedacht. Als Agadati von dem Drang nach einer jüdischen Tanzkunst übermannt würde, in Rußland, unter den Chassidim, ging er von der Erkenntnis aus, daß er in Ermangelung jüdischer Tanzformgrundlagen den Tanz aus der jüdischen Bewegung und aus der jüdischen Geste und aus jedem jüdischen Charakterreflex erst konstruieren müsse, ln dieser Einsicht fand er im Juden Impulse des Tanzes, aber nicht eine Form, die man als geschlossene Tanzform ansehen könnte. Gewiß gab es im Altertum typisch-jüdische Tänze, Andeutungen und Hinweise in. der Bibel sind vorhanden, aber die Form dieser Tänze ist verschollen. Er war daher gezwungen, die Tänze, wie sie im heutigen Judentum bei den Chassidim im Osten und bei den Yemeniten in Palästina leben, als . Ganzes beiseite zu schieben und den Individuellen Weg zu gehen: die für den Juden typischen Impulse und Gefühlswerte sich widerzuspiegeln und in die Bewegungssprache zu übersetzen, für sie eine Grammatik zu schaffen, in der die T ät i gkeitsform nicht hinter dem statischen Hauptwort zurücksteht. Hermann Unger gestorben Prag, 29. Oktober. In einem Prager Sanatorium ist der,, jüdische Dichter Hermann Ungar an den Folgen einer Blinddarmoperation plötzlich gestorben. Die jüdische Dichtung verliert mit Hermann Ungar einen ihrer bedeutendsten schaffenden Menschen, und besonders aus dem Prager Kreis jüdischer Dichter geht unerwartet und in der vollen Blüte seiner Jugend ein Künstler weg, dessen vergangenes Schaffen noch Bedeutendes für die Zukunft erwarten ließ. Hermann Ungar ist am 2. April 1893 in Boskowitz in Mähren geboren und stammt aus einer frommen jüdischen Familie. Sein Erstlingswerk, «Knaben und Mörder», das im Jahre 1920 erschien, zu einer Zeit, da Hermann Ungar 27 Jahre alt war, erregte Aufsehen. 1922 erschienen «Die Verstümmelten» und später die psyohoanalytische Monographie eines armen Lehrers, der von Verfolgungswahn geplagt wird und vergebens versucht, sich im leeren und sinnlosen Leben zu verankern. Besonderes Aufsehen erregte die 1927. erschienene «Klasse und .das Schauspiel «Der rote General». In der letzten Zeit arbeitete Hermann Ungar an einem Theaterstück «Die Gartenlaube». Hermann Ungar begleitete die jungjüdische und zionistische Bewegung mit starker Sympathie. Die letzten Ereignisse in Palästina und die namentlich in einem Teil der deutschen Presse zutage getretene schiefe Darstellung und Auffassung derselben haben in dem Dichter den Entschluß reifen lassen, mit einem Kreis anderer Schriftsteller sich nach Palästina zu begeben, um die Lage zu prüfen und dann die Ooffentlichkeit -und die Presse richtig zu informieren. Sein früher Tod hat diesem Plan, wenigstens für seine Person, ein Ende gesetzt. Hebräisches Konzert, Der Jugemdverein «Erez Israel» veranstaltet gemeinsam mit dem Hilfskomitee dies Chajes- Realgymnasiums anläßlich des zehnjährigen Bestandes des von Oberrabiner Dr. Z. P. Chajes s. A. gegründeten Realgymnasiums ein hebräisches Konzert, welches am Sonntag, den 15. Dezember 1929, um )48 Uhr abends im großen Saale des Konzerthauses, III. L,pthringerstraße 20, stattfindet. Die künstlerische Leitung des Konzertes hat in liebenswürdiger und uneigennütziger Weise Herr Professor Artur Wolf übernommen. Das genaue Programm wird in der nächsten Nummer der «Stimme» bekanntgegeben. Das Reinerträgnis dieser Veranstaltung fließt dem Chajes-Gymnasium und dem Chajes-Walde zu. Karten Vorverkauf siehe Annonce. Filmrubrik der „Stimme“ Neue Filme Wolga-Wolga. Der Russe W. T u r j a n s k y, Regisseur vieler Großfilme, konnte in seinem neuesten Film «Wolga- Wolga» so recht seine künstlerischen Intentionen zur Ausführung bringen. Es gelang ihm auch diesmal ein Werk zu schaffen, das überall restlose Anerkennung errang. Hans Ad. Schlettow als Stenka Rasin, Lilian H a 11 - D a v i s und Rudolf Klein- R o g g e bieten ausgezeichnete Leistungen als Hauptdarsteller dieses Films. Der Sträfling aus Stambul. Betty A m a n n, die so rasch zu Starruhm Avancierte, hat in dem neuen Ufa-Film «Der Sträfling aus Stambul» eine Rolle so recht nach ihrem Typ. Sie verführt einen Levantiner (von Heinrich George glänzend verkörpert) nach allen Regeln der Kunst und bringt ihn schließlich dazu, ihretwegen Bigamie zu begehen und sie zu heiraten. Ein Film, der durch seine abgerundeten Leistungen und zielbewußte Regie auffällt. Großstadtschmctterling. Ein junges Mädchen aus dem Reiche der Mitte wird nach Paris verschlagen und muß dort viel Schlechtes erleiden, ehe es zum Happy-end kommt. Anna May-Wong spielt die Hauptrolle dieses von Richard Eichberg temperamentvoll inszenierten Films sehr eindringlich und glaubhaft, Fred Louis L e r c h ist ihr angenehm auffallender Partner. «D a s H o c h z e i t s s c h i f f», ein Paramountschwank mit Ruth Taylor und James Hall. — «Heißes Blut», ein Abenteurerfilm nach einem Roman von Jack London. — «Das Geheimnis des Brandstifters», ein Sensationsfilm mit Buck Jones. — «Lady Hamilton», der Eröffnungsfilm des Apollo, ist nun auch in anderen Wiener Kinos zu sehen. Die Hauptrollen spielen die schöne Carinne G r i f f i t h und Viktor V a r k o n y. Das Land ohne Frauen. Samstag erscheint im Zirkus-Busch-Kinb der erste deutsche abendfüllende Tonfilm «D a s Land ohne Frauen» mit ConradVeidt in der Hauptrolle. . Kommende Filme Frau im Mond. Am 18. d. M. bringt die Ufa einen aifs ihrer F r i t z-L a n g-Produktion stammenden Großfilm «D i e F r a u i m M o n d» heraus, dessen Hauptrollen Gerda Maurus und Willy Fritsch spielen. Für diesen Film wurde bekanntlich unter Assistenz des bekannten Forschers Prof. Oberth ein Raumluftschiff gebaut, dessen Höhe 42 Meter betrug. Es ist gewiß, daß ein solch gewaltiger Film dem größten Interesse des Publikums begegnen wird. Die Sünden der Väter. Dienstag, den 12. d., erscheint in den Wiener Kinos ein neuer Emil-Jannings -Film, der die erschütternden Schicksale eines Deutschamerikaners schildert. Jannings Partnerin ist Ruth C h a 11 e rton. Das Spiel um den Mann. Dieser in Wien vor einigen Monaten hergestellte Film mit Liane Haid und Fred Louis Lerch in den Hauptrollen wird ab Freitag, den 15. November, in den Wiener Kinos zu sehen sein. Tonfilme Nun hat sich auch in Wien der Tonfilm durchgesetzt. Al J o 1 s o n feiert nach wie vor mit seinem kleinen Partner Sonny-boy (David Lee) in «Singin g; f o o 1» in Lustspielkino Triumphe und ist nun auch im Flottenkino seit einigen Tagen zu sehen und zu hören. Der Metro-Goldwyn-Tonfilm «W eiße Schatten» läuft schon seit zweieinhalb Monaten im Schwedenkino und doch ist kaum ein Nachlassen der Besucherzahl zu registrieren. Das «Apollo» bringt F. W. Murnaus «Vier Teufel» mit der reizenden Janet G a y n e r in den Hauptrollen. Außerdem sind in zwei Lichtspieltheatern (Ufa-Ton- und Maria-Theresien-Kino) ständig als Vorprogramme zu stummen Filmen Ton- und Sprechfilm -Einlagen zu hören und zu sehen. Als neue Tonfilmtheater werden demnächst das Colosseum-Kino uncl das Busch-Kino eröffnet. Wiener Filmarbeit Was der Wald erzählt. Im Listo-Atelier in der Gumpendorferstraße haben unter der Regie von Julius v. Szöreghy die Aufnahmen zu einem Film «Was der Wald erzählt» begonnen, in dessen Hauptrollen Szöreghy die bekannte Wiener Charakterdarstellerin Clementine P1 e s s n e r, Albert K e r s t e n und einige tschechische Künstler beschäftigt sind.

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