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Die Stimme · 1929-11-07 · Heft 99 (7.11.1929) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 99 (7.11.1929)
Date
1929-11-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite« DIE STIMME Nr. 99 haben wir ein Menschenleben vor der Versumpfung gerettet, vor clem Bettlertum bewahrt. Der Irre in der Anstalt, um den sich die Angehörigen nicht bemühen, desen Angehörige oft bedroht erscheinen. Der Sträfling in seiner Zelle. Der Untersuchungshäftling oft in seiner Hilflosigkeit. Ihre Angehörigen, die oft gar nichts dafür können und wegen der Verfehlungen des einzelnen schwer und hart büßen müssen. Gefährdet erscheint auch das jüdische Kind, wenn es erziehungsbedürftig ist. Die jüdische Jugend, die oft betört, vom Judentum sich abwendet, von Abtrünnigen verleitet, Schaden an der Seele nimmt. So führt der Weg von der Fürsorge, wenn sie als Judentum betrieben wird, zur Erziehungsarbeit, zum Thema der jüdischen Erziehung. Vom jüdischen Studium, von den jüdischen Hochschulen und Rabbinerseminaren soll der Strom sich ergießen. Dort sollen die künftigen Rabbiner ihr soziales Gefühl vertiefen und ihre soziale Ausbildung erhalten, um dann im Golus und im Lande der Sehnsüchte und der Wünsche das höchste Ziel des Judentums zu erlangen, das ist Religion und Menschenliebe. Jehuda Halevi nannte einst das Judentum das Herz der Menschheit. Unser jüdisches Herz aber fühlt einen tiefen und verehrenden Dank für das Dasein des unsterblichen Judentums. Sechs Juden im Parlament der Tschechoslowakei, 2 Nationale Prag. (J. T. A.) Auf die Polnisch-jüdische Liste wurden insgesamt 102.694 Stimmen abgegeben. Bei den Parlamentswahlen des Jahres 1925 entfielen auf jüdische Listen 115.288 Stimmen. Berücksichtigt man, daß von den erwähnten 102.694 Stimmen etwa 25.000 polnische Stimmen abzuziehen sind, so ergibt sich gegenüber 1925 ein Minus von mehr als 37.000 Stimmen. Als gewählt erscheinen diesmal von jüdischer Seite auf Grund der Liste Dr. Ludwig Singer-Prag und Dr. Julius Reisz-Bratislava. Endgültig entscheiden wird über die Besetzung der jüdischen Mandate die für den 1. November nach Mährisch-Ostrau oinberufene Sitzung des Zentralwahlkomitees der jüdischen Partei. Die Polen haben durch das Zusammengehen mit den 'Juden ihre Mandatszahl von eins auf zwei erj höhen können. Auf den Listen nichljüdischer Parteien wurden die folgenden Juden in das Parlament gewählt: der ehemalige tschechoslowakische Justizminister Dr. Alfred Meißner (tschech. Sozialdemokrat), Robert Klein (tschech. Sozialdemokrat), Hugo Bergmann (tschech. Nationalsozialist), Senator Jakob Polach (deutscher Sozialdemokrat). Bei den Wahlen in den Senat konnte die polnisch-jüdische Liste, die freilich nur in wenigen Wahlkreisen aufgestellt war, mit 27.823 Stirn ni v. i ’ kein Mandat erringen. Die Regierung der Sowjetunion und der Plan einer jüdischen Republik in Biro-Bidsckan Moskau, 31. Oktober. (J. T. A.) Die von der .merikanischen Gesellschaft JCOR nach Biro- Bidschan entsandte wissenschaftliche Kommission, an deren Spitze Prof. Harris steht, hatte vor ihrer Abreise aus Moskau an den Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion, Herrn Rykow, die schriftliche Anfrage übermittelt, ob die Regierung geneigt sei, auf Grund de? Empfehlungen der Kommission das Ko’onisationstempo in Biro-Bidschan zu beschleunigen und in diesem Rayon schon jetzt eine Industrie zu entwickeln; ferner ob die Sowjetregierung Biro-Bidschan in ihren für fünf Jahre berechneten Kolonisitionsplan einschließt und bereit sei, Biro-Bidschan als autonome jüdische Republik zu erklären. Auf (fiese Fragen hat das Oberhaupt der russische!1* Regierung Rykow nunmehr die folgenden Antworten erteilt: Die S»?wjetregiernng ist außerstande, außerordentliche Summen für Biro-Bidschan zu bewilligen; ^iro-Bidschan ist in dem fünfjährigen Arbeitsplan eingeschlossen, es ist die Ansiedlung von 12.000 jüdischen Familien in den nächsten fünf Jahren in diesem Rayon vorgesehen. Die Frage der Proklamierung von Biro-Bidschan als autonome jüdische Republik ist davon abhängig, weit dieses Gebiet erfolgreich durch 'Juden besiedelt werden wird. Sühne für antisemitische Ausschreitungen Moskrm, 31. Oktober. (J. T. A.) Das Kreisgericht Id, Uomel hat gegen fünf Arbeiter und drei Arbeiterinnen der staatlichen Papierfabrik vGeroj T?wdau in Dobrusch, die sich fortgesetzter Verfolgungen und Peinigungen dreier jüdischer Arbeitsgenossinnen, junger Mädchen, schuldig gemacht haben, das Urteil gesprochen. Der Führer der antisemitischen Bande in der Fabrik, Tolkow, wurde zu acht Jahren Gefängnis und späterer Deportation, die übrigen sieben Angeklagten zu zwei bis vier Jahren Gefängnis verurteilt. UniversifiUskurse über Ursprung des Antisemitismus Moskau, 27. Oktober. (J. T. A.) Die Verwaltung der Universität in Smolensk hat beschlossen, mit Beginn dieses Lehrjahres spezielle Kurse über Geschichte und Ursache des Antisemitismus einzuführen. Aus Palästina Die Untersuchungskommission und die Presse Jerusalem. Nach einer Rücksprache mit den Anwälten der Regierung, der arabischen Exekutive und der Zionistischen Exekutive beschloß die Kommission, vier Pressevertreter, u. zw. je einen Repräsentanten der arabischen, der hebräischen, der englischen und der auswärtigen Presse, zu den Verhandlungen zuzulassen- Andauernde Boykottpropaganda. Jerusalem, 1. November. (J. T. A.) Unter dem Druck einer arabischen Menge, die vor dem Magistratsgebäude demonstrierte und die Annullierung des Abkommens mit der Ruthenberg- Gesellschaft wegen Lieferung von elektrischem Licht und Kraft forderte, beriet der Stadtrat von Jaffa über die Annullierung dieses Abkommens und beschloß, die Straßen durch Gas, statt durch Elektrizität beleuchten zu lassen. Die Führer der Boykottpropagandä forderten alle Ortsverwaltungen Palästinas, die mit der Ruthenberg-Gesellschaft einen Vertrag w'egen Lieferung von Elektrizität abgeschlossen haben, auf, diesen Vertrag zu lösen. 200 jüdische Ladeninhaber in der Altstadt von Jerusalem überreichten ejem Oberkommissär ein Memorandum, in welchem sie darauf hin- ’Avlche denuillchvst eine Konzert-Tournee in die Tschechoslowakei, Jugoslawen, Deutschland und Rumänien zu absolvieren beabsichtigen, suchte« einen jiieftir besonders versierten Impresario. Gefl; Zuschriften unter «Konzert-Tournee» an die Administration des Blattes. weisen, daß die organisierte Boykottbewegung und der Terror andauern. In der Altstadt kam es zu einem leichten Zusammenstoß zwischen arabischen Pfadfindern und einem jungen Juden, der sie zwecks Identifizierung photographieren wollte. Eine arabische Frau rief, der Jude hätte einen Revolver bei sich. Daraufhin verhaftete ein Polizist den Juden und mißhandelte ihn auf dem Wege zum Polizeiamt. Ein Zögling des Waisenhauses von Rabbi Diskin in Jerusalem wurde in der Nacht zum 30. Oktober in der Nähe des Waisenhauses durch Messerstiche verletzt. In der Altstadt haben Araber eine Jüdin mißhandelt und ihr den Schmuck, den sie trug, geraubt. In der Nähe von Nazareth wurde ein von Juden besetztes Auto von Arabern angegriffen; ein Passagier wurde verletzt. Sieben Juden freigesprochen, mehrere Araber verurteilt Jerusalem, 29. Oktober. (J. T. A.) Vor dem Gericht in Jaffa hatten sich sieben Juden auf Grund arabischer Anzeigen, daß eie sich an Plünderungen beteiligt hatten, zu verantworten. Sie wurden alle freigesprochen. Drei Araber wurden wegen Teilnahme an clem Angriff auf das jüdische Hotei in Gaza zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Ali Saleh, der während der Unruhen in Safed den Polizeiinspektor Cohen angegriffen hatte, wurde vom Richter Litt in Haifa zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Keren Hajessod Jerusalem, 29. Oktober. (J. T. A.) Die Keren Hajessod-Ueberweisungen an das Hauptbureau des Keren Hajesod betrugen im Monat September dieses Jahres 44.463' Pfund. Das britische Militär iu Palästina London, 1. November. (J. T. A.) Auf eine im Unterhaus von Peter Macdonald gestellte Frage erwiderte Minister Tom Shaw im Namen der Regierung: In den Etat wurden 30.000 Pfund als außerordentliche Ausgabe im Zusammenhang mit der Entsendung von Truppen nach Palästina eingestellt.. Es sind im großen ganzen drei Bataillone Infanterie und eine Abteilung Panzerautos nach Palästina entsandt worden. Ein Infanteriebataillon und Panzerautos wurden inzwischen zurückgezogen. Neues tschechoslowakisches Konsulat in Palästina Prag, 28. Oktober. (J. T. A.) Die tschechoslowakische Regierung hat in Haifa ein Vizekonsulat errichtet und Herrn Robert Stutz, Inhaber der Haifaer Firma Hallac, Haddad & Co., mit der Leitung des Amtes betraut und ihn zum Vizekonsul ernannt. Touristen in Palästina Am 26. Oktober traf in Jerusalem eine Gruppe von Touristen ein, die von der Redaktion der «Neuen Freien Presse» in Wien organisiert wurde. Die Gruppe zählt etwa 50 Teilnehmer, darunter eine größere Anzahl Juden. Die Touristen fuhren von Syrien über Galiläa nach Jerusalem und besuchten unterwegs Rosch-Pinah. Balfouria und Kfar Yeladim. Von Jerusalem, wo sie die Hebräische Universität besichtigten, setzten sie die Reise nach Tel-Aviv fort. Der Leiter des Informationsbüros veranstaltete für die Gäste verschiedene Zusammenkünfte und referierte bei dieser Gelegenheit über die Lage im Lande und die Aussichten der Aufbauarbeit , in der Zukunft. Unter den Touristen befand sich auch Dr. Winter von der Redaktion der «Neuen Freien Presse». Zwischen den Zeilen Balfour Der greise Lord ist für ewige Zeiten mit der Ge* schichte des jüdischen Volkes verbunden. Der Schöpfer der Deklaration bleibt für immer mit goldenen Lettern im Herzen der uralten Nation eingeschrieben. Es jährt sich wieder der Tag seines denkwürdigen Schreibens. Zwölf fahre sind seit dem 2. November 1917, vergangen. Diesmal ist es kein Jauchzen, kein Triumphgesang. Die Erregung zittert noch nach. Die Wunden sind noch nicht geheilt. Und die Zukunft — ungewiß. Doch wir wollen auch in diesen düsteren Tagen nicht vergessen, welchem Volke der greise Lord angehört. Wir wollen daran denken, daß dieses Volkes Söhne nicht nur Storrs und Luke heißen. Daß das britische Volk nicht nur viele Feinde unserer Sache, sondern auch den größten Freund unserer Wiedergeburt hervorbrachte. Den Mann des reinen Herzens, des großen Idealismus, den Mann, der uns liebt und achtet arid hilft. Lord James Balfour. S e in. D. J. Silberbusch — 75 Jahre ait D. ]. Silberbusch, einer der populärsten jiddischen Schriftsteller der alten Generation, vollendet im Monat Dezember d. J. sein 75. Lebensjahr. Silberbusch blickt auf eine 52jährige, ununterbrochene literarische Tätigkeit zurück und ist er trotz seines hohen Alters noch im Vollbesitze seiner dichterischen Schaffenskraft Seine literarischen Erzeugnisse der letzten Jahre zeichnen sich obwohl inhaltlich als auch in Bezug auf Form und Sprache durch seltene Frische aus. Vor fünf Jahren, gelegentlich des 70jährigen Jubiläums von Silberbusch, wurde die jüdische Oeffeotliohkeit in einem von prominenten jüdischen Gelehrten und Schriftstellern vieler Länder gezeichneten Aufruf ermahnt, ihre Dankesschuld gegenüber diesem alt-jungen Schriftsteller, der in Entbehrung lebt und schafft, abzutragen und ihm durch ausgiebige materielle Unterstützung die Fortsetzung seiner literarischen Tätigkeit zu ermöglichen. Heute, anläßlich «eines 75jährigen Geburtstage«, wehrt sich Silberbusch in seiner Bescheidenheit gegen jeden Jubiläums-Rummel. Dessen ungeachtet halten es die. Unterzeichneten Wiener Freunde und Verehrer Silberbusch’s, die seine menschlichen und schriftstellerischen Qualitäten am besten würdigen können und auch wissen, wie sehr sich seine materielle Lage letzthin verschlimmert hat, für eine unabweisliche Pflicht, ihm jetzt eine ausreichende E hr enga b e dar zubringen, die ihm sein Schicksal erträglicher machen und ihn an seinem Lebensabend vor bitterer Not schützen soll. Und zu diesem Akt der Dankbarkeitsbezeugung und der Menschlichkeit rufen wir nun alle Freunde und Verehrer D. J. Silberbusch’s in Wien und außerhalb Wiens auf und wir hegen die volle Zuversicht, daß unser Ruf den gewünschten Widerhall finden wird. Prof, Dr. Viktor Aptowltzer; Rabb, Dr. D. Feuchtwang; Dr. Z. F. Finkeistein; Dr. Desider Friedmann; Dr. N. M, Oelber; M. Henisch; Sch, Horowitz; Prof, Dr. Sam. Kraus; M. H. Lanclau; Dr. Josef Löwenherz; Max Markus; Moses Rath; Dr. Sam. Rappaport; Norbert Rappapart; Dr. D. Rothblum; Dr. Ch. Tartakower; Löbl Taubes; M. A. Tenenblatt; E. Torczyner; Doktor Sigmund Vogel; Dr. Bernhard Wachslein; Dr. Isr, Waldmann. Adresse für Geldsendungen; Dr. Dawid Roth* bl um, Rechtsanwalt, Wien, L, Bräunerstraße 7.

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