Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 99 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053851--1362-3056709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 99 DIE STIMME Seife 5 Was Sie suchen - rinden Sie bei uns! WKÄBergmann infolge HielnerReglcn spottbillig t _ . _ , , , landschuhen, Trikotagen, Damen*, Herren* u. Klnderwäsche, Pyjamas, Leinenwaren, Barufsklelder etc. En gros en detail!•» RÄBCNSTEIG 3 (Ecke S eltenstettengasse Mehr Fürsorge Betrachtungen eines Realisten. Von Prof. Dr. K. K u p f e r. Vor Jahren, im tiefsten Frieden, erstrebte die kleine zionistische Fraktion in der Wiener Kultusgemeinde eine Organisation sämtlicher Kultusgemeinden der alten Monarchie. Sie stieß dabei von allen Seiten auf heftigen Widerstand. Vergeblich verwies sie auf das Beispiel Deutschlands und Berlins. Die deutsche Organisation war von jeher strammer als bei uns. Das einheitliche Gepräge in Deutschland ließ in organisatorischen Dingen die Unterschiede der politischen und der religiösen Richtungen vergessen, wenn es sich um einen Zusammenschluß der Gemeinden handelte. So entstand auch in Deutschland der Rabbinerverband, der selbst eine herrliche, in vielen Dingen des Lebens geeinigte Organisation darstellt, obwohl sonst die üblichen Meinungsverschiedenheiten auch dort obwalteten. Bei uns zeigte die Desorganisation der Kultusgemeinden den künftigen Zerfall der Monarchie an. Der Rabbinerverband war auf Wien beschränkt und auch dieser Verband ist in allgemeinen Dingen wenig hervorgetreten. Der deutsche Rabbinerverband ruhte nach dem Kriege nicht. Dem Drange der Zeit folgend, die durch Fürsorge die Nachwirkungen des Krieges mildern wollte, schuf der Rabbinerverband in Deutschland einen sozialen Ausschuß. Eine seiner Kauptätigkeiten war noch in diesem Jahre die Gründung einer »Jüdischen Gefährdetenfürsorge». In vielen und langdauernden Sitzungen wurden die Ziele dieser Organisation erwogen, besprochen und durchberaten. Einmal verstieg sich in edlem Aufwallen ein deutscher Rabbiner zur Aeußerung, nur ein sozial empfindender und ein sozial gebildeter Mann darf überhaupt Rabbiner sein. Aeußerungen, die man kaum auf dem Wiener Boden verpflanzen könnte. Es blieb aber nicht beim bloßen Reden. Der Rabbinerverband suchte und fand Anschluß, Verständnis und inniges Mitgefühl bei den zionistischen Frauenorf-anisationen Berlins, die den Gedanken einer solchen Gefährdetenhilfe sofort aufgriffen und mit ihrem sozialen Gefühl, das ohnehin in ihrer eigenen Organisation schon ausgebildet war, durchwärmten. Von Frauen geleitet, von jüdischen Juristen beaufsichtigt, von deutschen Rabbinern aller Observanzen mit religiösem Gefühl durchtränkt, ist diese «Jüdische Gefährdetenfürsorge» eine edle Arbeitsgemeinschaft geworden, die für alle Hilfesuchenden die ersten Pforten öffnet und sie in die verschiedenen Sektionen der allgemeinen und jüdischen Wohlfahrtspflege, der Arbeitsvermittlungsämter, weist und die Gefahren der Krankheiten, des Strafrechtsvollzuges und seiner Folgen, mildert und abschwächi. Vor uns liegen die periodischen Berichte der einzelnen Sitzungen dieser merkwürdigen Organisation, die schon durch ihren Namen und durch ihr seltsames, zielbewußtes Eingreifen selbst bei Behörden Ehrfurcht erlangt. Auch christliche Gelehrte suchen und finden Einlaß bei dieser Organisation, um zu einer rein menschlichen Hilfsaktion zu gelangen. Bei uns in Wien werden diese Arbeiten übersehen, nichts wird davon gehört, statt dessen wird oft ein unnötiger Haß künstlich gezüchtet. Unsere Gegenwart hat Nöte, die eine rasche, durchgreifende Erledigung verlangen. Der Umfang des Elends, der Gefahren, die einen jeden Menschen und einen Juden im besonderen bedrohen, wächst zusehends, in Polen war es der Prozeß Steiger, der eine jüdische Frage geworden ist, bei uns heute Halsmann. Die Fälle wiederholen sich auch im kleinen. Die Gefahren des Rechtsvollzuges für die ganz unschuldigen Familienmitglieder erzeugen ein Trommelfeuer von Unglücksschlägen, bis ein bisher schwaches Element, die Fürsorge, vordringt, mit dem Ziele, zu helfen und zu retten. Die Sträflingsfürsorge, ein Arbeitsgebiet, das nie schablonenhaft, nach allgemeinen Grundsätzen, behandelt werden kann, wurde sofort eine Hauptarbeit der Gefährdetenfürsorge. Moralische Beeinflussung der Gefangenen durch unsere jüdische Ethik ist die Geburtsstäte der seltsamen Gebilde von Himmel und Erde, vom Atem der Gottheit in die Welt geweht, damit die Menschenseele sich davon nähre und sich wieder verjünge. In Stein, wo ich seit ungefähr zwei Jahren unter unsäglichen Schwierigkeiten das Seel- und Fürsorgeamt leite, erlebte ich heuer Merkwürdiges. 40 Häftlinge, mehr als die Hälfte aller traurigen jüdischen Gesellen, meldeten sich freiwillig zum Fasten am Jom Kippur. Fasten ist in Stein kein neuer Begriff. So manche Strafen lauten: verschärft durch einen Fasttag im Monat. Dieses strenge Fasten heißt, den Tag verbringen bei Wasser und Brot. Als die Juden in Stein sich zum Fasten drängten, verordnete die Direktion, daß trotzdem ihnen das Wasser und das Brot belassen werde. Aber von den Fastenden berührte niemand diese Gaben; alle widerstanden der Versuchung und waren diesen einen Tag vollkommene, ganze Juden. Mit der Religiosität wächst die Moral im Inern dieser Wracks von früherem, ganzem Menschentum. Jetzt kommt der Moment, wo durch Rat und durch Winke, durch Anbahnung von Verbindungen mit der eigenen Familie des Sträflings die Gefahrenzone für den Entlassenen und auch für dessen Angehörige vermindert und verkleinert wird. Denn eine Fürsorge, eine jüdische Fürsorge, die von Moses und seinem ewig bleibenden Gesetz die Ableitung findet, entlarvt alles Falsche und Hochmütige und verachtet die Roheit und den Materialismus. In ungeheurem Wogen, zwei Jahrzehnte und mehr, durch den Krieg und die Nachkriegszeit mit allen unseligen Folgen, hinter Dämmen der politischen Lager in Oesterreich aufgestaut, brausen einfache Gefühle der Menschlichkeit aus dem Herzen der Menschheit wieder über unser Land. Die natürliche Wohnung der Humanität ist das Judentum. Die unverwüstliche lebenzeugende Menschlichkeit, die Todfeindin erloschener politischer Phrasen drängt zur Tat. Die ewigen Werte der jüdischen Religion und Tradition, die noch heute dem Judentum das Gepräge der Unsterblichkeit verleihen, müssen wieder Eigentum eines jeden gebildeten Juden, einer jeden jüdischen Familie werden. Wie wird sich bei uns diese Fürsorgearbeit, die eigentlich alle Zweige der jüdischen Humanität umfassen kann, vollziehen? Der Gedanke einer produktiven Fürsorge hat in zionistischen Kreisen sofort Einklang gefunden. Eine Tätigkeit, die nicht allein in Lindern und Vertrösten besteht, sondern die den Blick stets auf die Zukunft und auf das Fortkommen gerichtet hält, paßt so ganz in den gewohnten Gedankenkreis der Juden, die nicht an das Absterben, sondern an das Aufleben des jüdischen Volkes glauben . . . Wird der Wiener Rabbinerverband, eine Institution, die leider herzlich unbekannt ist, die Fürsorge in die Hand nehmen und ihr das allgemein-jüdische Gepräge verleihen? Werden es die Frauenorganisationen einleiten? Werden die jüdischen humanitären Organisationen eingreifen und eine Wandlung herbeiführen? Die Wiener Kultusgemeinde wird eine solche von außen her entstandene Bewegung, deren Zweck die Gesundung aller Kranken, Müden und Schlechten im Judentum ist, mit Freuden begrüßen und ihr die gültige Prägung geben. Diese Arbeitsgemeinschaft will und wird produktive Arbeit schaffen. Wer ganz gesund ist, weiß sich selbst zu helfen. Wen aber Gefahren bedrohen, denen er allein nicht gewachsen ist, der wird den Weg zur Organisation einer «Jüdischen Gefährdetenfürsorge» finden. Wer ist also gefährdet, wer erscheint als gefährdet? Der Kranke im Spital, wenn er arm das Spital verläßt. In Wien wird er leicht zum Professionsschnorrer. Wird er in seine Heimat befördert, wird er wieder zum alten Berufe geleitet, er hielt sich an die Frauen. Er sprach in den Salons, in die er sich Eintritt zu verschaffen wußte, wenig, aber kurzweilig, Webte und hofierte da und dort. Diese Gunst der Frauen führte ihm, wenn auch sehr viel langsamer, die Männer zu. Er versuchte zweimal in der Grafschaft Wycombe zu kandidieren und zweimal fiel er duren. Doch merkwürdig: das gesellschaftliche Treiben bot dem enttäuschten Ehrgeizigen sichere und zarte Genugtuung. D’Israeli hatte bis auf weiteres keine feste Beschäftigung; das gab ihm Zeit für die Frauen, in deren Dienst er sich stellte und sie überschütteten ihm mit ihrer Gunst. Er lernte einflußreiche Persönlichkeiten kennen. Indes war er noch sehr weit vom Sprung. Er kandidierte ein drittesnial als Radikaler und als er neuerdings durchfiel, war es für ihn mit der Unabhängigkeit endgültig aus. Er ließ sich in den konservativen Carltonkluib aufnehmen und trat nun offiziell als Torykandidat auf. Endlich, endlich trug er die Livree einer Partei! 1835 veröffentlichte er eine «Verteidigung der englischen Verfassung in Form eines Briefes an einen edlen Lord», ein politisches Buch, dessen gedankliche Reife anerkannt wurde und großen Erfolg hatte. Als König Wilhelm IV. starb, hatte der Regierungsantritt einer neuen Souveränin die Auflösung des Parlaments und neue Wahlen zur Folge. Diesmal erhielt d’lsraeli zuverlässige Angebote von verschiedenen Wahlbezirken. Er entschloß sich, mit Mr. Wyndham Lewis in Maidstone zu kandidieren, einem Bezirk mit zwei Sitzen, wo den Konservativen der Sieg zufallen mußte. Bei der Abstimmung wurden beide gewählt. Nun hatte er in wenigen Tagen kampflos erreicht, wonach er sich so lange sehnte. Wahrlich, das Leben war seltsam. Als er das erstemal kn Parlament das Wort ergriff, wurde sein Maidcn-speech in einem Sturm von Lärm und Lachen ertränkt. Er war völlig entmutigt und niedergeschlagen; sollte also doch alles vergebens gewesen sein? Das Leben aber, wie so oft, gefiel sich darin, paradox zu erscheinen. Seine Rede, die gänzlicher. Durchfall war und zugleich auch nicht war, statt zu schaden, nützte ihm. Whigs und Torys waren sich darüber einig, daß das Vorgehen dem jüngsten M. P. gegenüber unfair gewesen war. Was das in England bedeuten mag, kann man sich vorstellen. Die Stimmung war ihm günstig. Als sein Freund Lewis starb, warb er um dessen Witwe Mary A(in. Mary Ana war keine geistreiche, gebildete Ft au, i aber sie besaß einen gesunden Menschenverstand und hegte eine unendliche Geduld und Liebe für ihren Dizzy. Und in der Tat, diese brauchte er. Wie jedes Parlamentsmitglied, Tratte er nur einen einzigen Wunsch: Minister zu werden. Bis dah{n war es aber noch weit und es galt, Disraeli zu lieben, zu ermutigen, den stets von neuem Enttäuschten aufzurichten. Als Peel Disraeli einen frei gewordenen Posten verweigerte, war Mary Ann-s Zärtlichkeit eine wunderbare Wohltat; sie war eine musterhafte Gattin. Auch nach Peels Sturz war seine Stellung durchaus nicht gefestigt. Da er es hauptsächlich gewesen war, der zü Peels Sturz beigetragen hatte, haßten ihn dessen Freunde, Gladstone und Graham auf das heftigste und auch bei der Königin war er nicht sonderlich beliebt. Disraeli tat, was er immer zu tun pflegte, wenn ihm schwer ums Herz v/ar, er schrieb einen Roman, der den Namen .«Tankred» truig. Das Buch diente als Vorwand, um seine Theorie dies Judentums und der Kirche zu entwickeln und erregte viel Anstoß. Es war zweifellos Disraelis Glück, daß viele seiner Parteignossen überhaupt keine Bücher lasen. Als er endlich in der Affäre Rothschild sich für eine Zulassung der Juden zum Parlament erklärte, — es handelte sich um das Fallenlassen eines Gesetzes, das für die Zulassung zum Parlament den Schwur auf den wahren Christenglauben erheischte — da wendeten sich seine Parteigenossen offen von ihm ab. Da der offizielle Leader der Partei, Lord Bentink, starb, wurde trotzdem beschlossen, die Partei im Unterhaus durch ein Dreimännerkollegium leiten zu lassen, in das Disraeli Aufnahme fand. Doch schon wenige Wochen später galt Disraeli in aller Augen als der offizielle Leader der Opposition. Nun scheint sich das Schicksal zu wenden. Nach dem Tode Peels wird er zum Scliatzkanzler gewählt, doch verbleibt er nicht lange im Amt, da das Ministerium von Gladstone gestürzt wird. Inzwischen ziehen die Jahre vorüber. Disraeli wird alt. Mit 60 Jahren glaubt er nicht mehr daran, jemals Premierminister zu werden. Doch wie immer, wenn man an den Erfolg nicht mehr glaubt, ihn nicht zu zwingen sucht, stellt er sich ein. Disraeli setzte sich für eine Wahlreform ein, durch deren Annahme die Liberalen einen der wirksamsten Artikel ihres Programmes einbüßten. Seine Popularität wuchs und nach der Demission Lord Derbys wurde er von der Königin in Osborne empfangen und zu dessen Nachfolger ernannt. Seine Ernennung fand allgemeinen Anklang. Endlich hatte er die Spitze des Mastes erklommen. Sein ferneres Leben ist ein einziger Triumphzug. Disraeli, der es immer verstanden hatte, die Frauen für sich zu gewinnen, bringt es so weit, daß seine Königin, die ihm anfangs mißtrauisch begegnete, ihn aufrichtig zu schätzen beginnt und als er, damals schon Earl of Beacomsfield, nach dem Berliner Kongreß, auf dem er sich als Politiker ersten Ranges erwiesen hatte, gestürzt wurde, war sie zu tiefst betrübt. Als er aulgehört hatte, ihr Premier zu sein, bleibt er ihr vertrauter Freund und Berater. Auch in der Außenwelt hatte Dizzy sich du rollgesetzt, wenn auch der Erfolg fast zu spät für ihn kam: auf der Höhe seines Ruhmes war er ein alter, durch Krankheit gebrochener Mann. Als er 1881 starb, trauerte ganz London um ihn. Wenn man dieses buntbewegte Leben betrachtet, dieses Leben eines Romane schreibenden Politikers, wähnt man sich selbst in den schönsten Roman versetzt. War er nun ein Machtmensch, so fragen wie, wie am Anfang? Ja und Nein. Wohl war es für ihn schon als Junge entschieden, daß das Schicksal Alexanders dem Homers vorzuziehen sei; die bloße Theorie war iihm verächtlich. Und doch — im Grunde war er ein Romantiker. Sein Streben war, die Träume, die er in seinen Romanen errichtet, nachträglich in Wirklichkeit umzusetzen. Das Wort war für ihn der Anfang, die Tat die sekundäre. Sicherlich nicht die typische Haltung des reinen Machtmenschen. Dieser romantische Lebenszug zeigt sich in allen seinen persönlichen Aeußerungen. Selbst schon ein Greis, sah er in seinen alten Freundinnen, die durchwegs schon Großmütter waren, die Verkörperung der Jugend und der Schönheit und er schrieb ihnen glühende Liebesbriefe. Im Grunde genommen war er ein schüchterner Mensch. Im Verkehr mit Frauen zeigte er sich oft traurig und niedergeschlagen. Schon in der Schule war er gezwungen, zu hassen, wo er aufrichtig lieben wollte. Verletzte Schüchternheit findet aber erst Ruhe in einer starken Machtposition. Als er sie erreichte, mißbrauchte er sie nicht. Daß er sie erreichte, ist nicht etwa seiner Machtnatur zuzuschreiben, sondern einem Geschick, das sich oft darin gefällt, einem Menschen alles zu versagen, um ihm spät, fast zu spät, alles zu gewähren.