Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 99 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 DIE STIMME Nr. 99 10JXHRIGE iUSILXUMSFIIER DES III Hebräisches Ko tizert GROSSER KONZERTHAUSSAAL SONNTAG, 15. DEZEMBER 1929 KARTEN SIND ERHÄLTLICH Zion. Bureaus, 1., Kärntnerstraße 28, Telephon R 27-4-85186 Jugendverein Erez Israel II., Zirkusgasse 33, Telephon R 49-8-98 0 Chajes-Gymnasium, II., Cos*eilezg. 35, Telephon R 48-2-85 Konzerthaus, IU„ Lothringerstraße 20 BEGINN HALB 8 UHR ABENDS §jr Boyd richtete nun an Major Saunders die bündige Frage: Wie konnte sich so etwas ereignen, wo es Im Lande Truppen gab und Kriegsschiffe ln den Häfen kreuzten? Major Saunders blieb auf diese Frage die Antwort schuldig. Sir Boyd fragte dann, wie es kam, daß auf die Juden, die in den Polizeibaracken zusammengepferch! waren, geschossen wurde, -wobei zwei Juden getötet und sechs verwundet wurden. War es ein arabischer Polizist oder sonst jemand, der die Schüsse auf die Wehrlosen abgab? Major Saunders erwiderte, diese Angelegenheit werde durch eine von Sir John Chancellor speziell eingesetzte Kommission untersucht.' Die arabische Polizei unzuverlässig. Auf Befragen des Anwaltes der Regierung, Kenelm Preedy, sagte Major Saunders, der stellvertretende Kommandant der palästinensischen Polizei, weiter aus, daß die jüdische Prozession zur Klagemauer am T.isoha b’Aw von Polizei in genügender Stärke eskortiert war, daß sich aber nur sechs Polizisten in der Gegend der Mauer befanden, als die Moslemiten am Tage darauf in den Platz eindrangen. Als Grund für diese unterschiedlichen Maßregeln gab Saunders an, daß die jikli sehe Prozession viele Straßen passierte,, während sich die Araber darauf beschränkten, auf ihrem eigenen. Grund und Boden zu demonstrieren. Es konnte nicht in Frage kommen, den Moslems den Zutritt zur. Mauer zu verweigern; weil sonst die Konsequenzen «unbprecfrnbar» hätten sein können, man hätte jedenfalls von den Knüppeln, vielleicht sogar von den Feuerwaffen Gebrauch, machen müssen, was sicherlich zu einem allgemeinen Massaker geführt hätte, mit dem man gar nicht hätte fertig werden können. Dabei machte Saunders die Bemerkung, daß die hauptsächlich aus Arabern bestehende Polizei in diesem Falle sich zur Herstellung de: Ordmmg nicht hätte verwenden fa.sen können, ui.s; Bemerkung weckte ungeheures Staunen. Man nimmt allgemein an, daß Saunders über diesen,Punkt noch in einer streng vertraulichen Sitzung der Kommission vernommen werden wird. Warum wurden jüdische Polizisten entlassen? Der Regierungsanwalt Kenelm Preedy stellt an Major Saunders. nochmals die Frage, ob er glaube, daß 1 der arabische Aufruhr ein verabredeter war. Saunders erwidert, die Polizei habe nichts von irgendwelchen Vorbereitungen zum Aufruhr bemerkt. Diese Antwort erregte Aufsehen, da Saunders erst gestern vor der Kommission erklärt hatte, die Behörden wußten, daß sich ein Zusammenstoß ereignen würde, wenn die Atmosphäre sich nicht ändere. Sensation erregte die Mitteilung Saunders, daß zuerst Order gegeben war, die am Freitag morgen aus den Dörfern nach Jerusalem ziehenden Fellachen zu entwaffnen; daß aber bald darauf die Order annulliert wurde. Dahn gestand Saunders, daß die Entlassung der jüdischen Polizisten in keinem Zusammenhang stand mit deren Dienstleistung oder sonstigem Benehmen. Er zog die gestern gemachte Erklärung über Klagen gegen jüdische Polizisten zurück und entschuldigte sich vor der Kommission, daß er diese falsche Darstellung gegeben hat. Dem Gedud Awodah wurden keine Waffen ausgeliefert. Nachdem Major Saunders mehr als 15 Stunden im Kreuzverhör gestanden hatte, wurde C ap t a in A J. Kingsley-Heath von der palästinensischen Polizei seitens der Kommission ei-nvernommen. Kingsley Heath stellte fest, daß er im Durchschnitt zwei Polizisten in den durch die Araber bedrohten, isoliert liegenden jüdischen Distrikten postiert hatte. Der Anwalt. Sill-ey, der als Gehilfe des Anwalts der Arabischen Exekutive, Stoker, fungiert, stellte mit Captain Heath ein Kreuzverhör an und wollte von ihm herausbekommen, daß die jüdischen jungen Leute, die sich zu einer Prozession vereinigten und zur Klagem-auer zogen, in sehrerregter Gemütsverfassung waren und etwas im Schilde führten. Captain Heath sagte fest und 'bestimmt aus, .daß von einer solchen außerb. deutlichen Er* eg..::g „ nichts zu merken war. / / ‘ “ . Captain Heaths Aussage war ein indirektes Kompliment an die jüdischen Ordner des Zuges, junge Leute von der Haganah, die ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen waren. Major Saunders teilte auf Fragen mit, er habe das Ersuchen einer Abordnung des Gedud Awodah um Zuteilung von Gewehren am Tage des Ausbruches der Unruhen zurückgewiesen. Am Sonnabend waren 172 Sonderpolizisten, unter ihnen 41 Juden, in Dienst, Am folgenden Montag, nach Entwaffnung der Juden, blieben im Dienste 142 Sonderpolizisten. Die arabischen Demonstranten, sagte Saunders, haben das Weg:recht mißbraucht, indem sie das Pflaster vor der Klagemauer als eine Durchzugsstraße benutzten: Die zionistische Exekutive, sagte er weiter, hat sich bemüht, auf die Zeitung «Doar Hayom» einzuwirken, daß sie ihre Propaganda in der Angelegenheit der Klagemauer einstellt. Sir Boyd Merriman venas einen Bericht des .Polizeiunter inspekfors Langes über die arabische Demonstration an der Klage.thauer, aus dem hervorgeht, daß die Araber Gebetbücher und Gegenstände aller Art zerrissen, Rufe «Tötet die Juden, uns gehört die Mauer!» ausstießen, und daß ein Scheich eine aufreizende Rede hielt. Sir Boyd Merriman verlas einen Bericht des britischen Polizeisergeanlen Siegrist, der schildert, wie am' Freitag, frühmorgens, Araberbanden, mit Messern, Keulen und Pistolen bewaffnet, nach Jerusalem strömten, und daß auch Schüsse abgegeben wurden. Er habe daraufhin seine Vorgesetzten ersucht, den Polizei- Reserven Gewehre auszufolgen, seinem Ersuchen wurde aber nicht Fo'ge gegeben. Sir Boyd erinnerte daran, daß es früher die Praxis der Regierung war, unter die jüdischen Kolonien Gewehre zu verteilen, die in einem versiegelten Arsenal aulbewahrt wurden und nur in Zeiten der Not benutzt Werden durften. 1925 begann man diese Arsenale abzubauen. Abbau v/nr am 16. Juni d. 1 beendet. . .. (I. T. A.) Die x dürfen nicht nach Palästina , gellen :";• "" Jerusalem* 1. November. (J. T. A.) Der Iman Yahia des Yemen hat den Juden seines Landes verboten, nach Palästina auszuwandern. Mehrere Juden, die sich zur Auswanderung nach Palästina vorbereiteten, wurden ins Gefängnis geworfen. Benjamin Disraeli, Lord Beaccnsfield Von Dr. Gisela R. Dl; erste. Eindruck von Benjamin ist unsympathisch. Dreimal versucht er seine politische Laufbahn bei den Whigs, dreimal fällt er bei den Wahlen durch. Nun erst wendet er sich, ohne innere Notwendigkeit, den Konservativen zu. Sein tiefstes Streber, ist es, den Whigs zu zeigen, was sie an ihm verloren haben; denn sein verletztes Selbstgefühl . kann nur in einer’ hohen, in der höchsten Machtposition Ruhe finden. Ein’ gesinnungsloser Machtmensch also? Nein, nur ein Mensch mit seinem Widerspruch; denn man braucht einen Menschen nur zu kennen, um ihn nicht zu hassen. DIsraelis Großvater*) wanderte 1748 aus Venedig nach England ein und mit diesem Zeitpunkt treten die Disraelis in Englands Geschichte ein. Mr. d’Israeli bleibt zwar formell tn der jüdisch-portugiesischen Gemeinde eingetragen, außerhalb der Geschäfte kam er aber mit seinen Glaubensgenossen niemals zusammen. Seiner zweiten JEhe entsproß ein Sohn, Isaak, der die Eltern seit seiner frühesten Jugend in Erstaunen versetzte: sie erhofften einen Geschäftsmann, der junge Mann aber nahm eine Lebensweise an, die er bis in sein tiefes Alter, bis seLnr Augen ihm den Dienst versagten, beibehielt. Ganze Tage verbrachte er in der Bibliothek des British Museum und bedeckte ganze Stöße von Papier, das sich stets ln seinen Taschen bauschte, mit Notizen. Die Frucht dieses von seiner Mutter stark mißbMMgten Treibens war <iine Sammlung von Anekdoten «Cu. 'osities of Literatdre». Mit 35 Jahren heiratete er eine sanfte, stille, aus einer italienisch-jüdischen Familie stammende Emu, die jede häusliche Mühe von ihm fernhielt. Sie schenkte ihm zwei Kinder: Sarah una Benjamin. DR Kinder hatten es bald heraus, daß es überflüssig wfYe, von ihrem Vater zu erwarten, er solle sich mit ihn erabgeben. Sie wußten, daß er nur den einen Wunsch hatte, seinen Büchern zu leben. Um so inniger Schloten sich die Kinder aneinander. Als Ben, sehr jung, ln $ie Schule geschickt wurde, konnte er gar *) Den fügenden Zeilen Hegt dos Buch von Adr6 Maurvis*. «La Vie de Disraeli^, Hbrarie GalUrnard, 1929, zugrunde. nicht begreifen, daß er einer anderen Religion, einer anderen Rasse angehörte, als seine Kameraden. War sein Haus mit den roten Ziegeln kein englisches Haus, sein Vater nicht ein berühmter englischer Schriftsteller? In englischen Büchern hafte Ben lesen gelernt und die Juden waren für ihn jenes Volk, von dein in der B.bel stand, daß sie in Aegypten-Sklaven waren und das Rote Meer überquerten. Er hatte mit ihnen nichts gemein. Ben war 13 Jahre alt, als sein Vae wegen eines geringfügigen Streikes mit dem jüdic.he t Gerne nderat seine Religion wechselte, und dieser Refl'g o .sweoh ließ ihm auch einen Schulwechsel für seinen Sohn wünschenswert erscheinen. Ben kam in Dr, Cogans Schule. Als er dort, den Vorschriften zuwider, heimlich Theateraufiührungen veranstaltete, ersuchte Reverend Cogan Mr. Isaak d’Israeli, seinen Sohn schleunigst nach Hause zu holen: er bezeichuete ihn als fremden, aufrührerischen Geist, der zu den kleinen, blonden Engländern, die in seiner Schule waren, durchaus nicht passen wollte. Mr;Isaak sah sich genötigt, einzug reifen; er steckte seinen Sohn zu Mr. Maples, einem befreundeten Anwalt. Hier sah sich Ben in einen Formelkram versinken, der ihm gar nicht behagen wollte. Spätes Gelingen war für ihn überhaupt kein Gelingen mehr. Das hieß, den Tod und die Unsterblichkeit zugleich erreichen. Indessen hatten einige Börsenoperationen ihn mit John Diston Powles in Beziehung gebracht, einem der Finanzleute, die den Markt der südamerikanIschen Werte beherrschten. Powles war von der Intelligenz kaum 20jährigen Mannes so sehr überrascht, daß er ihm kurzerhand den Auftrag gab, eine kleine Broschüre über amerikanische Bergwerke auszuarbeiten. Disraeli machte sich mit viel Selbstvertrauen und wenig Ahnung über diese Bergwerksfragen an die Ahbeit und verfaßte ein lesbares Bändchen, welches Murray, ein Freund seines Vaters, auf Kosten Powles herausgab. Als Murray, betroffen durch die Keckheit und Ueberredungskraft des jungen Mannes, erwähnte, daß er nicht abgeneigt wäre, eine Tageszeitung nach dem Muster der «Times» zu gründen, fing d’Israeli Feuer. Eine große Zeitung! Das war die Macht, nach der er sich so sehnte! Er nahm alles auf sich; es gelang ihm, Lockharst, den Schwiegersohn Sir Walter Scotts, und diesen selbst für sein Projekt zu gewinnen. Schon war alles auf dem besten Wege, die Zeitung im Begriffe, erscheinen zu können, als ein Krach an der Stock-Exchange unter die amerikanischen Werte fuhr. D’Israeli sah sich plötzlich aus all den Kombinationen, die er selbst, geschaffen hatte, ausgeschaltet. Er mußte enttäuscht, verschuldet und gänzlich entmutigt nach Hause zurüükkchren. Er verbrachte die Tage damit, über sich und seine Niederlage nachzugrliheln. Dieser erste Versuch, die Welt zu meistern, und sein Mißlingen erweckten in ihm die brennende Lust, einen Helden zu schuf len, in dem er sich, der. sich so mißverstanden sah, erklären konnte. Er schrieb einen Roman «Vivian Grey», der eine Auseinandersetzung mit der Welt, der er sich schenken wollte und die ihn zürückstieß, bedeutete. Der Erfolg des Romanes, der unter einem Pseudonym erschien, war groß. Als aber durch eine Indiskretion das Geheimnis des Autors gelüftet wurde, gerieten die wirklichen Urbilder — es waren dies die Mä'nher, mit welchen er wegen seines Zeitungsprbjeiktes'verhandelte — in Raserei. D’Israeli sah sich einem Schicksal preisgegeben,' das für ihn das Aergste bedeutete. Er war in der Weit, der er zeigen wollte, wie groß er war und wie sehr sie ihn verkannte, lächerlich geworden. Mit Fred den ergriff er die Gelegenheit, England auf einige Zeit zu verlassen und machte eine Reise nach Italien. Nach seiner Rückkehr lebte er zurückgezogen in Brademham und' : arbeitete an einem Gesellschaftsroman «Der junge Herzog». Auf die Dauer konnte ihn das alles nicht befriedigen. Im Alter von 25 Jahren ist die Zurückgezogenheit ein unhaltbarer Zustand. Er beschloß, eine größere Reise zu unternehmen und nach seiner Rückkehr einen Wiedereintritt in das Londoner Leben zu versuchen. Es reizte ihn, jene Länder aufzusuchen, die die Anfänge seiner Rasse gesehen hatten. Die Frucht dieser Reise waren zwei Romanenivürfe, ein jüdischer «Alroy» und die Geschichte eines jungen Mannes «Contarini Fleming». Als sich d’Israeli nach seiner Rückkehr die Frage vorlegte, was tun, gab es für ihn kein Schwanken mehr. Er wollte ins Parlament. Aber, wie sollte er dahin gelangen? Er war ein regelwidriger Anfänger, der weder einer alten Aristokratenfamilie entstammte, noch den gewöhnlichen Weg gegangen war, den junge Leute einzuschlagen pflegen, wenn sie sich der. politischen Karriere widmen wollen. Seine Reise hatte den erwünschten' Erfolg gebracht: London hatte alles vergessen. Nun ging er daran, London zi; erobern und er machte dies auf die geschickteste Weise, die einem jungen, hübschen, sich extravagant kleidenden Manne offen :'•■ht: