Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 99 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 99 DIE STIMME Sette 3 Die Sitzungen der britischen Untersuchungskommission Die Einvernahme des Majors Saunders — Aufsehenerregende Aussagen Am 28. Oktober trat die britische Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Sir Walter Shaw zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Sie war ausgefüllt mit der Einvernahme von Major Saunders, dem Stellvertreter des PoHzetkominandanten von Palästina, der ein Bild der Ereignisse aufrollt. Die Darlegungen Major Saunders lassen deutlich erkennen, daß die Regierung Palästinas im ganzen Lande sich von den Geschehnissen hat vollkommen überraschen lassen. Jüdische Tapferkeit. An dem verhängnisvollen Freitag, den 23. August, — so erzählte Major Saiunders —, befanden sich am Damaskustore im ganzen nur zwei Polizisten zu Pferde. Als die Unruhen bereits einige Stunden, angedaiuert hatten, wurde der Polizei der Befehl erteilt, gegenüber den Angreifern von den Schußwaffen Gebrauch zu machen. 'Major Saunders rühmte die Tapferkeit der Juden, die ohne jede behördliche Hilfe den moslemitischen Angriff auf das Mea Schearini-Viertel zurückwiesen. Die Polizei hegte einen starken Verdacht, daß das Haus des Groß-Mufti ein Nest der Aufrührer sei und bewaffnete Moslemiten beherberge. Die Polizei sandte eine Inspektion in das Haus. Die Araber waren alle bewaffnet. Trotzdem wurden die Juden, auf die Forderung der Araber hin, entwaffnet, obwohl die Polizei den Juden keinen angemessenen Schutz zu gewähren in der Lage war. Der verhängnisvolle Freitag. In seiner Erwiderung auf Fragen des arabischen und des zionistischen Anwalts führte Major Saunders aus, er habe an dem verhängnisvollen Freitag einen Bericht erhalten, daß die Moslemiten mit Stöcken und Knüppeln bewaffnet durch das Jaffa-Tor strömen, aber er habe von keinerlei Invasion in das Gebiet der Klagemauer gehört, die von einer beträchtlichen Zahl britischer Polizisten bewacht war. Kürz nach 12 Uhr sah er selbst Moslemiten in jüdische Läden einbrechen und konnte sich nun die Schwere der Situation vergegenwärtigen. Er hat dann die Regierung ersucht, Sonderpolizisten amzuwerben. Damals war schon bekannt, daß in den georgischen Vierteln sechs Juden durch einen arabischen Mob massakriert worden waren. Gleichzeitig erfuhr Major Saunders, daß die Moslems auf das Viertel Mea Schearim marschierten und daß sich etwa 300 Juden aus allen Schichten der Bevölkerung zur Verteidigung bereit machten. Er hörte aus der Richtung des jüdischen Viertels eine Bombe explodieren und war Zeuge, wie ein Jude auf Araber Schüsse abgab, die sich nach einer Kampfpause zu einem neuen Angriff vorbereiteten, Nachdem die Juden mit Hilfe unbewaffneter Polizei den Angriff zunüokgeschlagen hatten, kehrten sie, der Weisung der Polizei gehorchend, in ihr Viertel zurück. Die Altstadt von Jerusalem, fuhr Major Saunders fort, war zunächst vollkommen ruhig. In der Neustadt aber dauerten vereinzelte Schüsse, die aus dem Hinterhalte abgegeben wurden, fort. Der jüdische Arbeiterführer, Herr J. Ben Zwi, hatte noch am Tage an die Behörden den Appell gerichtet, früheren jüdischen Soldaten und anderen jüdischen jungen Leuten zu erlauben, die jüdischen Stadtviertel verteidigen zu helfen. 80 frühere Soldaten wurden bewaffnet und 60 andere Personen erhielten Knüppel ausgehändigt. Die folgende Nacht war sehr sorgenvoll für die Polizei; unerwartete Ereignisse trafen ein, so z. B. der Nachtmarsoh der Araber aus Bireh auf die jüdische Kolonie Atarot. Verspätete Verstärkungen nach Hebron. Am Samstag ließ Major Saunders nochmals ein dem Mufti gehörendes Haus durchsuchen, da ihm mitgeteilt wurde, daß sich im Garten dieses Hauses zahlreiche, mit Stöcken bewaffnete Araber verborgen halten. Später hatte er eine große Gruppe Araber beobachtet, die auf dem Wege zur Hebräischen Universität im Hinterhalt lag, um Juden, die zur Universität gehen, zu überfallen. Während er mit einer britischen Patrouille, die durch Araber verstärkt war, Kiryat Mosche und mit einer andere« Givat Schau! inspizierte, wurde ihm die Mitteilung überbracht, daß die Polizei bei Nablus vom Mob angegriffen wiurde. Gleichzeitig erhielt er Nachricht, daß am Tage vorher in Hebron ein Jude getötet wunde. Aber erst gegen 12 Uhr erfuhr die Polizei von den Massakers in Hebron und sandte, mehr als drei Stunden zu spät, Verstärkungen nach dieser Stadt. Auf ihrem Wege nach Hebron trafen die Truppen mit Koulen <jfid polchen bewaffnete Moslems an, die auf Jerusalem marschierten. Entwaffnung von — Juden, Die Rolle des Mufti. In Beantwortung einer Frage des Anwalts der arabischen Exekutive, Herrn W. H. Stoker» erklärte Major Saunders, daß die Araber die Angreifer waren und Schüsse abgaben. Auf eine Frage des Reglerungsanwaltes Kenelm Preedy erwiderte Saunders, daß d*e Regierung Ihm verboten habe, die Juden zu bewaffnen, Preedy fragte: Gibt es eine Abschrift der Order, Juden zu entwaffnen? Saunders erwiderte, eine solche schriftliche Order existiert nicht; sie wurde mündlich im Verlauf einer Beratung erteilt. Major Saunders berichtete weiter, daß die zionistische Exekutive nooh in der Nacht vorher ersucht habe, besonders für den Verteidigungsdienst ausgcwählte Juden zu bewaffnen. Die Plünderer von Talpioth verfügten über deutsche und englische Gewehre. Es wurden in Jerusalem 25 Juden britischer Staatsangehörigkeit entwaffnet. In Tel-Aviv wurden 200 Juden, die sich am Freitag als Sonderpolizisten haben eintragen lassen, und die mit Knüppeln bewaffnet waren, am Montag — nachdem am Sonntag vorher ein Aufruhr in Jaffa stattfand — entlassen und entwaffnet. In der Sitzung der Untensuchungskommission vom 29. Oktober wurde die Vernehmung des Majors Saunders fortgesetzt. Die jüdische Siedlung Betih Alpha, erklärte Major Saunders auf eine an ihn gerichtete Frage, hat mit eigenen Kräften die Angriffe der Araber zurückgewiesen. Auf weitere Fragen gab Major Saunders auch zu, daß der arabische Angriff, wenn er auch nicht genügend vorbereitet, so doch vorher organisiert war; der Mufti zeigte großen Eifer in der Entfachung religiöser Streitigkeiten. Major Saunders bestätigte, daß die Polizei in Hebron den jüdischen Einwohnern die Versicherung gab, daß ihnen keine Gefahr drohe 1» *• "fFH liÄSS." * Richard Herzog fllLll 11., ». pfarrg. aa * Toi. A-41-6-24 Sprechapparate alle jüdischen und hebräischen Schallplatten sowie alle modernsten Tanzu. Gesangsschlager ' in reichster Auswahl aut Lager Auch Teilzahlungen! Provinzversand! Soeben neue original-amerikanische Lieferungen eingelangt und daß sie ruhig in ihren Häusern sich aufhalten dürfen. Als bald darauf die Unruhen ausbrachen, mußte die Polizei die Juden ihrem Schicksal überlassen. Sir Boyd Merriman, der Anwalt der Zionistischen Exekutive, fragte Saunders: Womit rechtfertigen Sie die Entwaffnung der englisch-jüdischen Polizisten? Saunders antwortete: Wenn an mich die Frage gestellt worden wäre, Ob ich diese 40 bewaffneten Männer entbehren könnte, ich hätte geantwortet: Nein. Fortsetzung des Kreuzverhörs mit Major Saunders. Im Verlaufe des Kreuzverhörs mit Major Saunders versuchte der Anwalt der arabischen Exekutive, W. H, Stoker, darzulegen, daß die Juden die Veramwortung dafür tragen, daß die Erregung im Lande so hoch gestiegen war. Durch das Mitbringen von Stühlen und einem Wandschirm zum Gottesdienst an der Klageniauer haben die Juden Neuerungen einzuführen versucht. Die Juden hatten nur da« Recht, zur Klagemauer zu pilgern. Sie beanspruchten aber mehr Rechte und bestritten sogar das Recht der Moslemiten, auf ihrem eigenen Grund und Boden Bauten aufzuführen. Stoker sprach auch sehr' lange über die jüdischen Demonstrationen an der Klagemauer am Tischa b’Aw. Die darauffolgenden Teile des Kreuzverhörs mit Major Saunders bezogen sich auf die Ereignisse außerhalb Jerusalems. Sir Boyd Merriman, der Anwalt der Zionistischen Exekutive, schilderte die Entwicklung der Ereignisse im einzelnen und wies darauf hin, daß nirgends in Judäa oder Galiläa von der Ortsbevölkerung Unruhen angestiftet wurden. Jüdische und arabische Bauern leben in Freundschaft nebeneinander. Einige der Dorfiiüuptlinge hatten den jüdischen Kolonien Schutz DER: MODE SCHUH elegant, gut nid billig! DETAILVERKAUF nurimwa FÄ5&IK yßcssuxnsßu Vll.k^lSER.9TR..*f6. STOCK. und verfolgten Kolonisten Obdach gewährt. Keiner von ihnen hatte je sich darüber beschwert, daß arabischer Boden von Juden enteignet worden war. Major Saunders berichtete noch, daß der fanatische Aufruhr der Moslemiten in Nablus und und Hebron durch den moslemitischen regigiösen Appell, dem bedrohten Glauben zu Hilfe zu kommen, entfacht worden war. Sir Merriman ergänzte Saunders Aussage mit der Bemerkung, daß der letzte Aufruhr insbesondere durch Verbreitung von Appellen und Briefen durch Boten und durch aufstnchelnide Reden in den M *schcen vorbereitet wurde. Es wurde in den Moscheen erzählt, daß die Juden Bomben in die Omar-Moschee geworfen hatten und daß dadurch viele Moslemiten gelötet worden seien. Sir Boyd Merriman fragte Major Saunders, ob er wisse, daß die arabische Presse vor Ausbruch der Unruhen durchaus nicht einheitlich war, daß nur ein Teil den Groß-Mufti, der auch Präsident des Obersten Moslemitenrates ist, unterstützte, während ein anderer Teil entschieden gegen die Gefahrenpolitik des Groß- Mufti Stellung nahm; ob Major Saunders wisse, daß sofort nach Ausbruch der Unruhen die arabische Presse den Streitfall bezüglich der Klagemauer fallen ließ und mit Forderungen nach Zurückziehung der Balfour-Deklaration und Errichtung eines parlamentarischen Regimes hervortrat. Major Saunders erwiderte, die Darstellung von Sir Boyd Merriman sei vollkommen richtig. Sir Boyd Merriman stellte an Major Saunders klipp und klar die Frage, ob er wisse, daß der Aufruhr wohl überlegt und vorbereitet war. Major Saunders wich einer klaren Antwort aus und sagte: Die meisten von uns, die in der Behörde sitzen, wußten, daß, wenn die Atmosphäre nicht eine andere werde, es früher oder später zu einem Zusammenstoß kommen müsse. Sir Boyd Merriman drängt auf eine klare Antwort. Man müsse doch sagen können, ob der Aufruhr ein spontaner oder ein vorbereiteter war. Major Saunders sagte: Das weiß ich nicht, aber das eine stand fest, wenn einmal in Palästina ein Funke zündet, so greift das Feuer um sich. Ein Brief des Mutti. S i r B o y d verlas eine von dem Jerusalemer Groß- Mufti an die Mukthars und Altvorderen von Nablus gerichteten Brief, in welchem es hieß: Am 23. August wird es in Jerusalem zu einem Kampfe zwischen Juden und Moslems kommen. Alle, die dem Moslem angehören, mögen nach Jerusalem kommen, um ihren Brüdern zu helfen. Dieser vom Groß-Mufti persönlich Unterzeichnete Brief lag dem Berichte des Kommandanten der Nablus-Polizei bei. Sich an Major Saunders wendend, fragte Sir Boyd: Wurden von der Polizei mehr solcher Briefe festgestellt? Major Saunders erwiderte verneinend, Sir Boyd fragte darauf, ob ihm bekannt sei, daß der Groß-Mufti sich am 22. August um ein Visum zur Reise nach Syrien beworben hatte, das ihm aber von dem französischen Konsul verweigert worden war. Der Regierungsanwalt Kenelm Preedy rief dazwischen: Das ist nicht Sache des Majors Saunders. Sir Walter Shaw, der Vorsitzende der Kommission, erinnerte Kenelm Preedy daran, daß er als Regienmgsanwalt dazu da sei, die Arbeit der Kommission zu fördern. Herr Preedy erklärte darauf, er wolle selbst beim französischen Konsulat eine Information über das angebliche Visumsgesuch des Mufti einholen. Auf eine Frage Sir Boyd Merrimans stellte Major Saunders fest, daß es sich in Hebron nicht um einen Zusammenstoß zweier kriegerischer Parteien, sondern um ein Massaker an Juden gehandelt hat. Wie war es in Safed? Sir Boyd ging zu den Ereignissen in Safed über und verlas ein Schreiben des dortigen PolizeHcommattdanten, in welchem es heißt, die «längst erwarteten Unruhen» seien ausgebrochen, die Moslems seien In das jüdische Viertel eingedrungen und hätten Männer, Frauen und Kinder abgeschlac'htet; ihr Hauptziel sei aber gewesen, die Häuser zu plündern und sic nieder*' zubrennen, ‘