Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 99 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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{ga£t DIE STIMME Wf. 99 Zum 2- November rÄm 2. November sind es zwölf Jahre geworden, daß Lord Arthur Balfour im Aufträge des damaligen englischen Kabinettes die nach ihm benannte Balfour-Deklaration Lord Rothschild übermittelt hat. Diesem politischen Akt gingen langwierige Verhandlungen voraus, die Prof. Chaim Weizmann und Nalnim Sokolow im Aufträge der zionistischen Föderation Englands führten. Wenn auch in England seit Jahrhunderten Bestrebungen vorhanden waren, die mit der Rückkehr der Juden in ihre alte Heimat Palästina sympathisierten, so ergab sich doch die Notwendigkeit, nach dem Ausbruch des Weltkrieges, der die zionistische Organisation vor eine neue Situation stellte, mit den führenden Männern der englischen Gesellschaft in Fühlung zu treten. Der Eintritt der Türkei in den Krieg ließ die berechtigte Hoffnung zu, daß die politische Zukunft Palästinas nach dem Kriege im Rahmen der politischen Weltprobleme entschieden werden wird. Schon aus diesem Grunde mußte dafür gesorgt werden, daß im geeigneten Zeitpunkt der Friedensverhandlungen die zionistischen Forderungen auf Wiedererrichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina eine entsprechende Berücksichtigung finden. Wenn man auch nicht voraussehen konnte, welche Mächtegruppe aus dem Kriege siegreich hervorgehen wird, so war es für die damaligen führenden Männer der englischen zionistischen Föderation klar, daß es unbedingt notwendig sei, Vorarbeiten einzuleiten, um gegebenenfalls auch die Sympathien und die Unterstützung der Entente zu sichern. Vor allem handelte es sich darum. England zu gewinnen, das schon dank seiner historischen liberalen Tradition und der großen Vergangenheit auf dem Gebiete, prozionistischer , Versuche für den Zionismus besonderes Interesse an den Tag legte. Prof. Weizmann, Sokolow, Cowen, Gaster und den übrigen Mitarbeitern gelang es allmählich, die führenden Männer der englischen Politik sowie die öffentliche Meinung für die zionistische Sache zu gewinnen. Nicht zu verkennen ist auch die aktive Mitarbeit der amerikanischen Zionisten, hauptsächlich ihres damaligen Präsidenten Louis Brandeis, die an dem Zustandekommen der Balfour-Deklaration einen großen Anteil haben. Lord Arthur James Balfour war im englischen Kabinett die eigentliche treibende Kraft, die für die Unterstützung der zionistischen Forcierungen eintrat. Seit Jahrzehnten nahm er an der englischen Ostpolitik aktiven Anteil. Schon im Jahre 187S hatte er als junger Sekretär der englischen Delegation auf dem Berliner Kongreß Gelegenheit, die engsten Zusammenhänge der Orientpolitik mit den Interessen des englischen Imperiums kennenzulernen. In Disraelia politischer Schule lernte er, daß die Haüptposition der auswärtigen Politik Englands unbedingt in Asien liegen müsse, und daß es im Interesse Englands sei, den Weg nach Indien für sich freizuhalten. Diese Konzeption machte es daher notwendig, den Schllisselpunlct zwischen den drei Erdteilen — Palästina — in die Interessensphären der englischen Politik mit einzubeziehen. Sodann war es das große Interesse Englands, als des Volkes, dem die Bibel das Allerheiligste ist, an der Verwirklichung des Zionismus, das Balfour veranlaßte, den Anspruch der Juden auf eine nationale Heimstätte in Palästina anzuerkennen. Der historische Rechtsanspruch und die seit Jahrtausenden bestehende Verbundenheit unseres Volkes mit unserer alten Heimat bilden die Hauptvoraussefczungen. der Balfour-Deklaration. Ia die Balfour-Deklaration wurde die fast wörtliche Wiedergabe des Baseler Prograrnmes aufgenommen und somit die Forderung des Zionismus offiziell akzeptiert. Sie erfolgte im Einverständnis mit den übrigen Verbündeten und es war daher klar, daß die Balfour-Deklaration in den Frtedensvertrag aufgenommen werden muß. In der Tat wurde auch mit Beschluß des Obersten Rates in San Remo am 24. April 1920 die Balfour-Deklaration im Friedensvertrag mit der Türke# verankert und das Mandat über Palästina England übertragen. Die Balfour-Deklaration und die Mandats- Übernahme erfüllte uns Juden mit großen Hoffnungen. Das jüdische Volk nahm diese Tatsache .Vn der vollsten Ueberzeugung auf, daß England bemüht sein wird, den Inhalt der Balfour-Deklaration in unserem Sinne zu verwirklichen. Es folgten Jahre der Aufbau Eiligkeit in Palästina. Schon von Beginn an mußten wir fesTstellen, daß die palästinensische Administration, die doch berufen war, die Balfour- Deklavftion zur Grundlage ihrer Tätigkeit zu gestalten, nicht immer bemüht war, die Weisungen um? Richtlinien ihrer Londoner Zentral- " regierung zu befolgen. Allzu oft kamen diese ' Divergenzen sehr deutlich zum Vorschein. Die | f letzten traurigen Ereignisse in Palästina zeigten uns, daß die palästinensische Administration, statt die Balfour-Deklaration zu verwirklichen, alles tat, um ihren Inhalt zu schmälern. Die aus Palästina einlaufenden Nachrichten über den Verlauf der Untersuchungskommission und die Aussagen der führenden Beamten der Palästinaadministration besagen klipp und klar, daß die letzten Unruhen der Araber nicht nur von langer Hand, sondern, was noch trauriger ist, mit Wissen und Kenntnis der Palästina-Administration vorbereitet wurden. Es ist daher kein Wunder, daß die letzten Ereignisse geeignet sind, das von der gesamten Judenhpit in England gesetzte Vertrauen zu erschüttern. Die Verbundenheit eines Großteiles der Gesamtjudenheit mit all dem, was in Palästina geschieht und vom Jischuw geschaffen wird, ist bereits viel zu stark, als daß man an diesen traurigen Ereignissen und Konsequenzen, die sich daraus für England ergeben, stillschweigend Vorbeigehen kann. Wohl haben die Erklärungen Macdonalds und Hcndersons vor dem Völkerbund und an sonstigen politischen Stellen, daß England nie daran denke, die Balfour-Deklaration aufzuheben, eine gewisse Beruhigung im jüdischen Volke ausgelöst. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen aber können wir uns mit Erklärungen allein nicht begnügen. Die Juden müssen klare Beweise erhalten, daß England tatsächlich bereit ist, der Balfour-Deklaration einen wirk- BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, iS., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. 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Das von der zionistischen Organisation geschaffene Aufbauwerk in Palästina beweist, daß wir Juden gewillt sind, in Palästina unser Heim zu errichten. Eine Aenderung der Politik der Palästinaadministration uns Juden gegenüber wird sicherlich das in vielen Hinsichten erschütterte Vertrauen in Englands guten Willen, die Balfour- Deklaration zu verwirklichen, wieder stärken. England kann dessen sicher sein, daß die Juden mit noch erhöhter Energie den Aufbau Palästinas fortsetzen werden. Der 12. Gedenktag der Balfour-Deklaration kann uns sicherlich nicht so festlich stimmen, wie in den früheren Jahren. Die traurigen Ereignisse in Palästina sind noch in viel zu frischer Erinnerung, als daß sie uns das Verhalten der Palästina-Administration vergessen lassen. Eine Aenderung der Politik in Erez Israel im Sinne der Balfour-Deklaration kann und wird die frischen Wunden heihn. Wii Zionisten sind noch immer voller Zuversicht, daß England das mit der Balfour Deklaration gegebene Versprechen auf Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina, für das Englands beste Söhne und Geister seit Jahrhunderten eintraten, einhalten wird. Hazofoh. Zum Balfour-Tag Am 2. Nqvember jährt sich wiederum der Tag, an welchem im Jahre 1917 clie englische Regierung durch den Staatssekretär des Aeußeren, Arthur James Baitour, den zionistischen Bestrebungen ihre Unterstützung zusagte. Ule an Lord Rothschild gerichtete Balfour-Deklaration, die Grundlage der englischen Palästina-Politik, hat folgenden Wortlaut: «Foreign Office, 2. Nov. 1917. Werter Lord Rothschild! Mit großem Vergnügen übermittle ich Ihnen namens Sr. Majestät Regierung folgende Sympathiecrklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen, die dem Kabinett unterbreitet und von diesem genehmigt wurde: ,,Sr. Majestät Regierung betrachtet mit Wohlwollen d;e Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei selbstverständlich nichts unternommen werden soll, was den bürgerlichen und religiösen Rechten bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder der staatsbürgerlichen Rechtsstellung der Juden in irgendeinem anderen Lande Abbruch tun könnte.” Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Erklärung zur Kenntnis der zionistischen Föderation bringen wollten. Ihr ergebener Arthur James Balfour.» Die Balfour-Deklaration war es, die in den Mandatsfext aufgenommen und vom Völkerbunde international anerkannt die politische und rechtliche Grundlage für das jüdische Aufbauwerk in Erez- Israel seither gebildet hat. Das in ihr Hegende Versprechen wurde nach den Unruhen in Palästina von Lord Balfour erneut in einem Schreiben an Professor Weizmann bekräftigt: «Mein lieber Weizmann! Die Ereignisse in Palästina haben meine Empörung und meinen Abscheu erregt, aber sie konnten nicht mein Vertrauen erschüttern in die Weisheit der Politik, da Sie und Ihre Freunde so erfolgreich in Palästina in Uebereinstimmung mit dem Mandatssystein, ungeachtet’ sich in den Weg stellender Schwierigkeiten, befolgt haben. Das British Empire und alle so eng mit ihm verbunden gewesenen Mächte haben feierlich ihre Absicht kundgetan, Palästina wiederum zum Nationalllelm für das jüdische Volk zu machen. Diese Politik ist in Uebereinstimmung mit den besten Ueberzeugungen der westlichen Zivilisation überall in der Welt. Das British Empire hat sein Versprechen gegeben, diese Idee zu verwirklichen. Verlassen Sie sich daraur: dieses Versprechen wird nicht uneingelöst bleiben. Glauben Sie es mir, Ihrem aufrichtig Ergebenen Balfour.» Palästina-Aussprache im englischen Parlament Am Dionstag, den 29. Oktober, kam es im Unterhaus zu einer kurzen Aussprache über die Lage in Palästina. Lord Winterton stellte an die Regierung die Frage, ob die Untersuchungskommission, die eben ihre Arbeit in Palästina begonnen hat, in der Lag'e sein wird, ihren Bericht noch vor Ende deses Jahres dem Parlament vorzulegen; ferner.ob den Mitgliedern des Unterhauses Gelegenheit gegeben wird, mit ihren Kollegen von der Kommission über die Lage in Palästina eine Aussprache zu pflegen. Der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Herr William L u n n, erwiderte, er könne unmöglich sagen, ob der Bericht der Palästinakommission vor Weihnachten fertig sein wird. Sobald aber der Bericht vorliegen wird, werden die Mitglieder des Unterhauses selbstverständlich in der Lage sein, ihn im Parlament zu erörtern. Der Sekretär der Unabhängigen Arbeiterpartei, Herr Fenner Brockway, ersuchte die Regierung, die Möglichkeit einer Konferenz repräsentativer jüdischer und arabischer Führer zur Beilegung des Konfliktes in Erwägung zu ziehen. Unterstaatssekretär William Lunn erwiderte, diese Möglichkeit werde gerade im jetzigen Augenblick von der Regierung erwogen. Major N a t h a n, der bekannte jüdische Parlamentarier, ersuchte die Regierung um eine Information über die augenblickliche Lage in Palästina. Unterstaatssekretär Lunn erklärte, wa« an Informationen vorliegt, wird schon durch das Kolonialamt veröffentlicht. Im Hinblick darauf, daß die Untersuchungskommission eben erst ihre Arbeit in Palästina begonnen hat, würde die Regierung es vorziehen, irgendeine allgemeine Erklärung über die Lage in Palästina heute noch nicht abzugeben, sondern sie für einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Das Mitglied des Unterhauses Wardlaw Mi Ine stellte die Frage, ob angesichts des Ernstes der Lage in Palästina und im Hinblick darauf, daß die Kompetenzen der Untersuchungskommission begrenzt seien, es nicht wünschenswert sein würde, eine allgemeine Aussprache über Palästina im Parlament stattfinden zu lassen. Lunn erklärte, seiner Meinung nach sei die Lage in Palästina nicht so ernst, wie der Vorredner es me* nie; er glaube, es wäre ebeneo wenig für Palästina wie für das Unterhaus von irgendeinem Vorteil, im gegenwärtigen Augenblick eine Diskussion über die Lage in desera Lande heraufzubeschwören. (J. T. A.}