Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 98 (31.10.1929)
- Date
- 1929-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. DHE STIMME Presseschau Die Haltungder Revisionisten. «The Jewisli World», London, äußert sich in seiner Nummer vom 3. Oktober in seiner redaktionellen Uebersiclit unter dem Titel «Schließt die Reihen» zu dieser Frage. Der Verfasser erklärt, er habe bereits mehrfach die Ansicht ausgesprochen, daß ein Verbleiben einer Gruppe, die sich in so ausgesprochenem Gegensatz zur offiziellen Richtung im Zionismus befinde, innerhalb der Zionistischen Organisation mindestens eine Inkonsequenz bedeute, ebenso, wie es seiner Ansicht nach unzulässig; sei, daß Zionisten und «Antizionisten» in der Jewish Agency vereinigt seien. Grundsätzlich habe sich diese seine Ansicht nicht geändert; jedoch sei durch die letzten Ereignisse in Paläs! ina, insbesondere durch die bei diesem Anlaß in Erscheinung getretene Schwäche unserer politischen Position, eine neue Sachlage geschaffen, die einen festeren Zusammenschluß und Kampf, gegen jegliche Spaltungserscheinimg erfordere. Ohne Gesinnungskompromisse zu schließen, müsse man doch während der Dauer der jetzigen Kri-se die Meinungsverschiedenheiten hintansetzen. Dies gelte jedoch für alle Parteien, und er denke vor allem an den kürztichen Angriff zionistischer Führer auf die Revisionisten. Wolle man, was zweifellos die leitende Absicht. bei diesem Manifest gewesen sei, eine geeinte Front hersteilem so müsse man gerade auf seiten der Mehrheit alles vermeiden, was die vorhandenen Gegensätee verschärfen könne. «The Jeiwish Exponent» (Philadelphia) vom 4. Oktober nimmt redaktionell Stellung zu der Meldung, daß der Verband der Zionisten-Revisonisten ein ständiges Zentralbüro in London eröffnen wolle. Man brauche diese durch Jabotinsky überall in großer Aufmachung vorbereitete Ankündigung nicht allzu ernst nehmen. Aergerlich sei nur die. Wirkung auf fernerstehende und ununterrichtete Kreise, die sofort von einem «Bruch», einer «Absplitterung» redeten. 'Demgegenüber betont das Blatt, daß Jabotinsky nur.' Führer einer bedeutungslosen Gruppe sei. Andererseits wird anerkannt, daß viele Aeußerungen Jabotinskys, zur rechten Zeit und unter geeigneten Umständen veröffentlicht, großen Wert haben könnten. Mit Kampflosungen und Phrasen könne man nicht Regierungen zu irgendeiner politischen Haltung öder Aktion zwingen. Wenn Jabotinsky diese Wahrheit beachfe, so könne er der Sache große Dienste leisten. Z u m Prr o b lern d e r V e r s t ä n d i g u n g mit ii. .„../.. .den Arabern.. .. Wärschaiilr .-«Haint». .vom- 29. September nimmt A,i E i n h o r n Unter dem Titel «Zu einer arabischjüdischen Verständigung» zu diesem wichtigsten Problem, der zionistischen Palästinapolitik Stellung. Er geht.davon aus, daß die genauen Nachrichten über die Augüstereignisse in Palästina deutlich gezeigt hätten, daß nicht alle arabischen Schichten sich an denn Kampfe gegen die Juden beteiligt hätten, daß man also nicht mit einem «Heiligen Krieg» der Araber gegen die Juden sprechen könne. Diese Sachlage müsse in entsprechender Weise von der zionistischen Politik zur. Anknüpfung von Verständigungsmöglichkeiten ausgenutzt werden. Die nächsten Aufgaben einer solchen: Verständigungspolitik sieht der Verfasser in folgendem: - Zunächst müsse die-.Taktik gegenüber den Arabern an den Plätzen, wo ein Teil der Araber sich am Kampfe gegen die. Juden nicht beteiligt hätte, geändert werden. Man dürfe dort nicht jeden Araber als mitverantwortlich für die arabischen Gewalttaten ansehen. Zweitens müsse versucht werden, mit diesen arabischen Elementen nicht nur zu einer friedlichen, sondern zu einer freundlichen Annäherung zu gelangen. Drittens müsse der Grundsatz der «Eroberung der Arbeit» einer gründlichen Revision unterzogen werden. Die Ereignisse in Palästina hätten gezeigt, daß es für uns von der größten Wichtigkeit ist, arabische Eleniente im'Wirkungsbereich unserer Aufbauarbeit zu haben. Selbst' wehrt man diesem Ziele eine begrenzte Zahl jüdischer Arbeitskräfte zum Opfer bringen müßte, würde sich dies lohnen. Der Verfasser weist abschließend darauf hin, daß er bereits unmittelbar nach Ausbruch der Unruhen in Palästina die Errichtung eines besonderen Departements für Verständigung mit deh Arabern gefordert habe, und schließt, daß die Durchführung dieser Forderung einer der dringendsten Aufgaben der leitenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung sei und nicht länger aufgeschoben werden dürfe. D i e ‘ H a 11 u hg des «B r i t h S c h a 1 o m». «Doar Hajom» vom 15. und 16. Oktober beschäftigt sich eingehend mit der Haltung dfcr Gruppe «Brith Schalom». In einem Leitartikel im «Doar Hajom» vom 15, Oktober wird der «Brith Schalom» als der gefährlichste Feipd des. zionistischen Lagers bezeichnet, gefährlich vor allem darum, weil er sozusagen einen Dolchstoß in den Rücken der jüdischen Position führe und den Widerstand und die Kraft der zionistischen Front zersetze. Die Kampfmittel der Araber und der arabischen Führer seien in ihrer Wirkung weit weniger schädlich als die des Brith Schalom. Die offenbaren Lügen, mit denen die arabische Seite gegen uns arbeite, würden von'allen leicht durchschaut werden und verlören dadurch an Gefährlichkeit. Die Argumente des Brith Schalom dagegen, die durch ihre Preisgabe der wichtigsten zionistischen Erfolge, wie Balfour- Erklärung etc., und durch ihre ständigen Friedensbeteuerungen um jeden Preis nur mit dem Ausdruck Hochverrat zu bezeichnen seien, vergifteten die zionistische Atmosphäre und untergraben die zionistische Schlagkraft. Die arabische Presse stellt s i c h h i n t c r Luke. Die arabische Presse stellt sich in ihren Artikeln regelmäßig hinter die englische Beamtenschaft und versucht die britischen Beamten zu überzeugen, daß die Araber und Engländer eine Front gegen die Juden bilden. Charakteristisch in dieser Beziehung ist. die Stellung der arabischen Presse zu dem bekannten Inter? view des Chief Secretary mH dem Journalisten van Paasen. Der «Felestin» betont in diesem. Zusammenhang in einem seiner letzten Artikel, daß die Vorstellung, daß die Juden in Palästina ein Pfeiler der englischen Herrschaft im Orient darstellen, jeder Grundlage entbehre, da die Juden jedes Gefühl der Treue untergraben. Ein Beweis dafür sei die schwere Kritik, die die englische Regierung in Zürich von allen Rednern des Kongresses erfahren habe. .Auch andere Zeitungen treten warm für Luke und gegen die jüdische Kritik an ihm auf. Literatur und Kunst Wilhelm Wachtel Von Karl Tscharny Beim Betreten des Ateliers Wilhelm Wach tels sieh t man es: in diesem Schaffen herrscht augenblicklich unumschränkt das palästinensische Thema. Und im Gespräch wiederholt sich diese Wahrnehmung. Kr vor Ausbruch der Unruhen verließ er Palästina, und; nun sehnt er sich voller Besorgnis dorthin zurück. «Es scheint mir,» sagt er, «als ob ich ein geliebtes Kind am offenen Fenster stehend verlassen hätte, und eine Unruhe treibt mich zu ihm wieder.» Wachtel bat Palästina lieben gelernt. Palästina hat etwas Magisches für deh modernen Juden. Die merkwürdige Verschmeteüng einer jungen, aufstrebenden Gemeinschaft mit der uralten Landschaft übt einen stillen Zauber Saus* «Das Entstehende im Lande...» bemüht sich Wachtel vergeblich, diesen Eindruck in Worte zu fassen. Was «hm viel besser m seinen Bildern gelingt. Wie ein frischer, belebender Lufthauch geht es durch seine jüngsten Arbeiten: Die palästinensische Landschaft. Mit diesem Erlebnis setzt augenscheinlich beim Maler Wachtel eine neue Epoche seines Schaffens ein. Aus dem zurückgezogenen, etwas melancholischen Beschauer der jüdischen Gasse wind ein begeisterter Wanderer durch die Palästinalandschaft. Und nun geschieht etwas Merkwürdiges. Auf dem Umweg über, dieses Erlebnis findet der akademische Maler Wachtel den Weg zum Modernen. Er erbringt wieder einmal den Beweis dafür, daß weder intellektualistrsche .Ideen und Konzeptionen noch sonstige; Experimente zum modernen Ausdruck führen können,. Der. Begriff «modern» will ja nur die Beziehung einer Erscheinung zu ihrer Zeit, der jeweiligen Gegenwart, umschreiben. Der «moderne» Mensch ist das Produkt seiner Zeit und umgekehrt. Und im starken, intensiv empfundenen Erlebnis tritt die Gegenwart raunend an den Menschen ganz nahe heran und sagt ihm, was sie wünscht. Wachtel ist ein Lyriker. Dies merkt man schon im Gespräch. Seine Bilder sind. gefühlvoll abgetönt, in weicher Luft und mildem Licht gebadet. Man könnte ihm nur den Vorwurf machen, daß er vor dem freien Pinselstrich, vor der Handschrift des Pinsels zurüokscheut, was seine Bilder ein weinig konventionell erscheinen läßt. Die Pastelltephnik liegt ihm besonders:, gut. Duftige, warme Farbtöne der fernen Bergsilhouetten erinnern manchmal in ihrer Zartheit an japanische Malerei. Alle seine Bilder, noch so verschieden angegangen, vereinigen sich in einer verwandten Stimmung, die bewirkt wird durch seine Liebe zum Jüdischen. Er ist zweifellos einer >der wenigen bekannten Maler, die Palästina in ihrem Schaffen sehr nahegekommen sind. Keine dankbare Rolle übrigens, ein jüdischer Maler zu sein. Er kämpft seit Jahren vergeblich gegen jenes Mißverständnis, auf dasalles Jüdische stoßen muß: gegen eine beschränkte Trägheit des Publikums, welches den Chauvinismus, Patriotismus und ähnliche leere Fixierungen an nationale Vorurteile von einer lebendigen, pulsierenden Uebe zur verwandten Eigenart seines Volkes nicht zu unterscheiden vermag. Wenn ein Jude ein Werk eines jüdischen Künstlers erwerben wül, so möchte er am liebsten um billiges Geld ein großer Wohltäter sein. Und so kommt er gar nicht dazu, das betreffende Kunstwerk in unbefangener Weise kritisch zu betrachten und zu genießen. Unbewußt ist er von seiner Minderwertigkeit im vorhinein überzeugt. Dies sind die nachwirkenden Ueberbleibse! der alten Galuthpsychose, des Assimilationsgespenstes, «b» und es wäre höchste Zeit, endlich einmal damit gründlich auf zuräumen. Natürlich ist es für einen j ü dTsehen Künstler schwer, unter solchen Umständen m schaffen. Denn der Künstler bedarf an erster Stelle einer reinen Luft um sich herum und einer ehrlichen Kritik, um gedeihen zu können. Wachtel ist dem breitesten jüdischen Publikum wohl sehr vertraut, doch hauptsächlich durch Reproduktionen und Ansichtskarten. Und die Reproduktion fet nur geeignet, ein Kunstwerk umzubringen, weil es meistens, nur den Stoff desselben übermittelt, in den seltensten Fällen hingegen auch das Individuelle, Lebendige, kurzum das Gemalte des Bildes. Außerdem hat Wachtel viele Pastellzeichenblätter, Skizzen, kleine Gedichte von meisterhaftem Duktus und wunderbarer Sparsamkeit der Mittel, die sicherlich beim Publikum großen Anklang finden würden. Eine Kollektivausstellung der künstlerischen Ausbeute der beiden Palästinareisen Wach tels wäre Im gegebenen Augenblick durchaus interessant und begrüßenswert. Vor dem Tanzabend Agadatis Wie bereits bekanntgegeben wurde, findet am 13. November der Tanzabend des palästinensischen Tänzers Baruch Agadati im Großen Konzerthaussaal statt. Agadati wird eine Reihe seiner letzten, in Wien noch unbekannten Tanzschöpfungen dem Publikum darbieten; so einen jemenitischen Tanz ohne Musikbegleitu n. g. Eine Schöpfung, betitelt «Zorn», gestaltet tänzerisch rin allgemein menschliches Thema, durch einen Juden. ausgedrückt. Interessant ist, daß die Musik zu diesem Tanze ihn nicht in rhythmischer Gleichzeitigkeit begleitet, sondern nur die Tanzhandlung unterstreicht. Wie wir erfahren, hat in Paris, wo Agadati vor kurzem weilte, seine künstlerische Art auch bei vielen nichtjüdischen Künstlern großes Interesse erweckt. Die bekannte Malerin Gontscharowa entwarf das Kostüm für den Tanz «Zorn», der Maler Larionow für «Horrah» Gontscharowa und Larionow haben seinerzeit Dekorationen und Kostüme für das berühmte russische Djagileff-Ballett entworfen. Eilte wahre Anekdote: Diejenigen, die den Agadati kennen, wissen, daß er zweifellos der «längste» Mann in ihrem Bekanntenkreise ist. Eines Tages wollte ihn ein Wiener Journalist interviewen, wußte aber nicht, wie er ausSchaut. Ein Freund sagte ihm: «Gehe ins Cafe „Herrenhof” — de» kleinste Mann, den du dort sehen wirst, das ist Agadati«. Bialik in Berlin Ein Vortrag des Dichters über hebräische Kultur. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland und das Beth Atn Iwfi hatten für Sonntag, den 20. Oktober, in das Logehhäus, Kleiststraße 10, eingeladen, um Gelegenheit zu geben, einen Abend mit dem gegenwärtig in Berlin wellenden hebräischen Dichter Chajim Nachman B i a 1 lk zu verbringen. Als Bialik das Podium betrat, um über die Entwicklung der hebräischen Kultur in Palästina zu sprechen, wurde er mit einer mehrere Minuten andauernden Ovation empfangen, ln einem fast zweieinhalbstündigen, in meisterhaftem Hebräisch . gehaltenen Vortrag schilderte der Dichter Formen und Wesen des hebräi-; sehen Kulturaufbaues in Palästina in allen seinen Verzweigungen und kam zu dem Schlüsse, daß die kleine jüdische Gemeinschaft von. 180.000 Seelen in Palästina eine in sich geschlossene Kultur besitze; die nicht erstrebtes-Ideal, nicht Festtagsgewand, sondern : das tägliche Brot ist, hervorgegangen aus den ^unnilttejr baren Notwendigkeiten des täglichen Lebens.' Und doch ist diese Kultur groß, vielgestaltig und - von weiten Horizonten. •- . Btialik schilderte im einzelnen den Aufbaudes hebräischen Schulwesens in Palästina, vom Kindergarten über die Volksschule und die Mittelschule zqjr Universität. Er umriß dann die anderen Kultureinrichtungen und stellte die Frage, ob die Kultur dieser Ge? meinschaft von 180.000 Seelen der gesamten Diaspora das notwendige Blut zuführen könne. Er beantwortete diese Frage dahin, daß dieser Kulturbau, klein im Umfang, aber stark und geschlossen im Geiste,, wohl ate Beispiel und als befruchtender Kern wirken könne. Nach Schluß des Vortrages versammelten sich die Freunde des Dichters zu einem Bankett. Notizen Ein. revisionistisches Zentralorgan Am 13. Oktober erschien in Paris die erste Nummer der jiddischen Wochenschrift «Der Najer Weg», freie revisionistische Blätter, unter der Redaktion von J. Klinow und J. Schechtmann, als Zentralorgaii der revisionistischen Weltbewegung. Die Zeitschrift erscheint unter ständiger Mitarbeit führender revisionistischer Persönlichkeiten und hat zahlreiche Spezialkorrespondenten ln Palästina und allen größeren jüdischen Zentren. Besondere Aufmerksamkeit wird dem jüdischen Leben in Rußland und der hebräischen und jiddischen Literatur gewidmet. Jahresabonnement 3 Dollar, 6 Monate L60 Dollar, 3 Monate 0.80 Dollar, Einzelnummer 6 Cent. Redaktion und Administration «Der Najer Weg», 9 bis Rue Vineuse Paris XVI. Eröffnung der Konferenz des jikttsriten Wissenschaft IkteM Institutes Am 23. Oktober wurde in Wilna die Konferenz de« Jüdischen wissenschaftlichen Institi. -s iuertich eröffnet.