Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 98 (31.10.1929)
- Date
- 1929-10-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Aus aller Welt Morris Rothschild und Schramek Mitglieder des französischen Senats. Paris, 22. Oktober. (J. T. A.) Baron Morris tte Rothschild und der frühere Minister Jean Schramek wurden bei den letzten Wahlen in den französischen Senat gewählt. £1*000 jüdische Kommunisten in der Sowjetunion. Moskau. 23. Oktober. (J. T. A.) Der kommunistischen Partei in allen Ländern der Sowjetunion gehören heute, wie soeben mitgeteilt wird. 41.161 Juden an. "Sausend jüdische Familien maßten ihre Wohnungen verlassen. Moskau, 23. Oktober. (J. T. A.) Ungefähr «ausend jüdische Familien wurden in den letzten sechs Wochen von den Behörden gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen, weil sie als „Nepleufce“ (Nutznießer der neuen ökonomischen Politik), die sich im freien Handel betätigen, kein Recht auf kommunal bewirtschaftete Wohnungen haben. Rüti&lmerdhetzer verurteilt. 25. Oktober 1929. Zur Zeit der Ermordung de« Primaners Daube in Gladbeck im März dieses Jahres, hatte das in Neustadt bei Koburg erscheinende nationalsozialistische Wochenblatt ,,Der "Weckruf“ einen Artikel veröffentlicht, in dem als erwiesen hingeeteRt wurde, daß Daube das Opfer eines jüdischen Ritualmordes geworden sei. Der Staatsanwalt erblickte in dem Artikel eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft und eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden. Wegen dieser Straftat hatten sich vor dem Schwurgericht Koburg zu verantworten Hans Schemm in Bayreuth als verantwortlicher Schriftleiter und August Bräutigam in Koburg als Zeichner von Karrikaturen. In seiner Verteidigung bezog sich der Angeklagte Schemm auf die Ritualmordliteratur und auf den TMmud, ohne jedoch behaupten zu wollen, daß er setbst an Ritualmorde glaube; auch der andere Angeklagte glaubt nicht an Ritualmorde in der heutigen Zeit. Das Gericht erkannte beide Angeklagte als schuldig und verurteilte Schemm dem Antrag des Staatsanwalts gemäß zu 300 Mark Geldstrafe eventuell 30 Tage Gefängnis, Bräutigam an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von 30 Tagen ebenfalls zu 300 Mark Geldstrafe. Adolph Frankl wird als Vertreter des ungarischen orthodoxen Judentums im Oberhaus vorgeschlagen. Budapest, 24. Oktober. (J. T. A.) Mit dem Ableben des Budapeeter orthodoxen Öberrabbiners und Magnatenhauemitgliedes Koppel Reich ist die Frage der Vertretung der ungarischen Orthodoxie im Oberhaus akut geworden. In dem Budapeeter orthodoxen Organ „Zsido Ujsäg“ schlägt Herr Alexander Nemeti die Nominierung des Präsidenten der ungarischen orthodoxen Landeskanzlei, Herrn Adolph Frankl zum Vertreter des orthodoxen Judentums im Überhänge vor. Dieser Vorschlag findet in den Orthodoxen jüdischen Kreisen Ungarns starke Zustimmung. Antisemitismus Antisemitische Greueltaten in einem russischen Dorfe M o skau. (J. T. A.) Eine Gruppe Bäuerinnen im Dorfe Repki, Kreis Mohikw, überfiel in der Nacht zwei jüdische Witwen und unterzogen sie unglaublichen Peinigungen. Die jüdischen Frauen wurden nackt ausgezogen, mit Eisenstäben geschlagen und mit Füßen getreten. Die gesamte Inneneinrichtung des Hauses wurde zertrümmert. Einer der jüdischen Frauen wurden drei Finger einer Hand abgebissen, der zweiten die Glieder ausgerenkt. Schließlich wurden die gepeinigten Opfer an den Ofen gebunden, woraufhin, das Haus in Brand gesteckt wurde, damit die jüdischen Frauen, verbrennen.-Der Brand lockte die Dorfbehörden herbei, die die schon bewußtlos gewordenen Frauen, retteten ’. und die schuldigen Bäuerinnen verhaftetem Schändung des jüdischen Friedhofes in Nowydwor Warschau. (J. T. A.) Eine ln Warschau eingetroffene Abordnung der jüdischen Gemeinde von Nowydwor berichtete, daß in der Nacht des Sukkoth- Festes Huligans ungeheuerliche Verwüstungen auf dem jüdischen Friedhof angerichtet und über 50 der schönsten Grabdenkmäler zertrümmert und die Gräber zum Teil beschmutzt haben. Die Polizei, der der Fall gemeldet wurde, blieb vollkommen untätig, die Huligans könnten in der gestrigen Nacht wiederum in den Friedhof eindringen und ihr Zerstörungswerk vollenden. Der Friedhof ist nunmehr vollkommen verwüstet. Die Sprache einer deutschen Edelfrau Berlin. (J. T. A.) In einer Versammlung «.u Waldenburg, Schlesien, die vom Königin-Luise- Bund zur Propagierung des Volksbegehrens gegen den Young-Plan einberufen wurde, erklärte die schlesische Landesverbandsführerin dieses Bundes, die Rittergutsbesitzerin von Buddenbrock auf Leutmannsdorf, Kreis Schweidnitz, folgendes: «Vor dem Kriege lag die Regierung in den Händen deutscher Männer, heute werden wir von Juden regiert. Diese sind keine Menschen, sondern Lumpenpack. In den Klubsesseln der Regierung sitzen nur durch Bazillen verseuchte Männer und Eiterbeulen. Wir wollen uns nicht von Krummnasen, Kraushaaren und Plattbeinen regieren lassen und nicht zuletzt von einem Grzesinski, dem unehelichen Sohne eines Juden Cohn, der von seinem Stiefvater später adoptiert worden ist.» «Vossische Zeitung» schreibt; daß diese Rede alles das, was von einer Frau an politischer Unanständigkeit in den letzten Jahren geleistet wurde, hinter sich läßt. Ethel Chajos gestorben Ai.i 22. Oktober d. J. ist in Krakau Frau Ethel C h a j e s, die Witwe des in weiten Gelehrtenkreisen bekannten Brodyer öberrabbiners Isaac Chajes, im Alter von 85 Jahren verschieden. Das Gelehrtenhaus Chajes, welches am Ende des vorigen Jahrhunderts ein Zentrum jüdischer Wissenschaft für nah und fern bildete, fand in der Verstorbenen eine fürsorgliche Vorsteherin und liebevolle Mutter. Aus ihrem edlen Hause ist auch ihr Neffe, der Wiener O b e'r ra b bi n er Chajes, hervorgegangen. Die Verblichene war die Mutter des Archivars der Wiener israelitischen Kultusgemeihde Saul Chajes. Stützen der Regierungspolitik bildeten. Ebenso werden hier die politischen Rechte, die Beziehungen der Juden zum Staatsdienst und das jüdische Kultusgememdewesen behandelt. Nicht minder interessant ist auch der Abschnitt, der die Landtagsverhandlungen in den Jahren 1.861 bis 1866 zum Gegenstände hat. Aus diesem Kapitel tarnen wir die Kämpfe um die Gleichberechtigung m ihrem vollen Ausmaße kennen und mit überaus geschickt entworfenen Strichen werden die jüdisch«] und nichtjüdischen Verfechter der Judenemanzipation gezeichnet. Ei»e Fülle neuen, bisher wohl bekannten, aber hfstoriogfaphisch kaum verarbeiteten Materials bieten die packend geschilderten Phasen dieser erbitterten Kämpfe in den Jahren 1861—1868, die den Juden schließlich die Gleichberechtigung, wenn auch zunächst nur auf dem Papier brachten. In, den Schlußbetrachtungen faßt sodann der Verfasser die Ergebnisse seiner Arbeit in einer synthetischen Uebersicht und gelangt zum Schluß, daß die galizische Judenpolitik der österreichischen Rer gierung in den Jahren 1772—1868 kein einheitliches Gepräge und keine konsequente Linie aufweist. In ihrer Entwicklung sind vier verschiedene Phasen zu verzeichnen: 1. die der Einordnung der galizischen Juden unter Maria Theresia im Wege ihrer Judenordfumg, die den Juden nichts Gutes bringen konnte, 2. die Periode der Nutzbarmachungsversuche in wirtschaftlicher Beziehung und ihrer Annäherung an den österreichischen Staat vermittels des Entjudungs- und Germanisierungsprozesses; 3. der Vormärz, m dem diese beiden Phasen abwechselnd auftreten. Durch die Revolution 1848 tritt zwar eine gründliche Aenderung ein, das darauffolgende Jahrzehnt der Reaktion befolgt aber ausschließlich die judeapolitik des Vormärz. In allen diesen Phasen Wfed wohl die Judenfrage als ein Nachhängsel in der isneren Politik der Regierung behandelt. Die Wiener Htagieraug hatte stets — auch in den Jahren 1848 bis 0966— Angat, eine prinzipielle Lösung der Judenteage vorzanehmen und begnügte sich für die Gegent)uart und den Alltag mit provisorischen Beschränjjpuogen, die außerdem noch von falschen InterprentMonfln der Judengesetze und Mißverständnissen Säte**der Unterbehör-den begleitet werden. Pits «Provisorium» war — wie denn überhaupt ijb gwogitösterreichischen Staatswesen — auch %ff ckm Gebiete der Judengesetzgebung und -politlk fcftw Sftdleth der Wiener Zentralregierung. Aehnlich We bei der Behandlung der Judenfrage durch die “rctea war der Judenhaß auch bei der nicht- UHßtt .vorherrschend. Der polnische Adel und das Bürgertum, in deren Kreise die Strömungen der liberalen Judenreform aus der Zeit des vierjährigen Sejm (1788-— 1792) nicht mehr eingedrungen waren, hassen ebenso die Juden wie der polnir sehe, und ruthen.ische Bauer, der in ihnen nur den Ausbeuter erblickte. . " Im Vormärz versuchen wohl die konspirätörischen Zirkel der «Jungpolen» unter dem Einfluß der polnischen Emigration, die Juden als «Polen mosaischer Konfession» .für die Freiheitsbewegung Polens zu gewinnen und die Stellung der polnischen Gesellschaft zur Judenfrage zu revidieren. Im Jahre 1848 verschwindet auch augenscheinlich der Judenhaß, aber nach der Unterdrückung der Revolution gewinnt der Konservativismus die Oberhand und sein Organ, der Krakauer «Czas», predigt offen den Judenhaß,. Die Konservativen und Demokraten glauben kaum an die Assimilationsmöglichkeiten der Juden, denn die mit nationalem Inhalt ausgestattete Religion der Juden bildet ein Hindernis zu einer vollkommenen Amalgamierung. Allerdings haben die Ereignisse des Jahres 1863 (Aufstand) nolens volens judenfreundliche Stimmungen erzeugt, die aber ähnlich wie im Jahre 1848 bloß eine Episode geblieben sind. ■ /; Bei der Behandlung der Judenfrage im galizischen Landtag werden trotz der Bemühungen der judenfreundlichen Vorkämpfer, wie Smolka, Ziemialkowski, Versuche zur Hintertreibung derJudenemanzipation gemacht. Nach 1868 beherrschte die polnische Gesellschaft nebst dem Judenhaß auch die Propaganda des wirtschaftlichen Boykotts, welche Losung vom polnischen Publizisten Jan Dobrzanski gegeben wurde. Als aber die politische Situation die Polen zwang, mit Hilfe der Juden die absolute Mehrheit im Lande zu erreichen, verstummen für einige Zeit die Haßgesänge, die Pölonisierung der Juden tritt ais politische Losung in den Vordergrund. Die Ansicht des Verfassers, daß im Wege der Polonisierung der Juden der fehlende dritte Stand geschaffen werden sollte, ist nicht ganz stichhältig. Dies galt vielmehr für Kongreßpolen, wo nicht allein Marquis Wielppolski, wie ich es in einer Spezialstudic *) nachgewiesen habe, sondern auch die führenden Polen au<s den Juden den polnischen Mittelstand schaffen wollten. In Galizien waren die Verhältnisse anders gestaltet, hier existierte nebst Lemberg und Krakau eine ansehnliche Anzahl von Städten mit einem polni- *) Zeitschrift für ostewoptHscfce Geschichte, Berlin, 1914, H. 4. Zur Geschichte <ter 4er Juden runter Alexander II. sehen Mittelstand, der eine politische Konzeption der Schaffung eines dritten Standes aus der Schichte der polonisierten Juden nie zugelassen hätte. Die vom Verfasse*;zitierte Rede des Abgeordneten Torosiewicz im gezischen Landtag 1868 ist nür eine Einzelstimme. Richtig ist dagegen der Standpunkt des Verfassers, daß die Assimilationsbewegung der Polen nichts anderes bezweckte, als aus den jüdischen Massen eine treue.politische Gefolgschaft zu bilden, die ihre Vorherrschaft im Lahde zu sichern hätte. Dessenungeachtet wirkte auch späterhin in der polnischen Gesellschaft der Antisemitismus. All diesen Erscheinungen steht nun eine desorganisierte Judenschaft gegenüber, die für die Führung ihreu Kampfes kaum ausgerüstet war. Zwei Hauptströmungen — die Orthodoxie und der Chassidismus auf der einen und die Aufklärer auf der anderen Seite —. beherrschen das galizische Judentum. Die Massen selbst stehen allen politischen Kämpfen gleichgültig gegenüber. Die Orthodoxie bekämpft die Emanzipationsbestrebungen, die ihrer Ansicht nach den Entjudungsprozeß zur Folge haben müssen und vereinigt sich in diesem Kampfe mit den Chassidim — ähnlich wie späterhin — so grotesk es auch klingen mag — um die antijüdische Politik des Polenklubs zu unterstützen. Die Aufklärer und Assimilanten schwenken in den Jahren 1848—1868 in ihrer politischen Richtung um, sie verlassen den Germanisierungsprozeß und beschreiten den Weg der polonisierenden Assimilation. Die Romantik der Freiheitsbewegung um Polens Unabhängigkeit zieht in ihren Bann große Schären jüdisch-galizischer Jugend. Auch diese Erscheinungen lassen diebreiten Volksmassen unberührt. Keine der Assimilationsbewegungen vermochte es, diese Massen in ihren Wirkungskreis einzubeziehen. Dies blieb erst der national-jüdischen Bewegung. am Ausgang des XIX. Jahrhunderts Vorbehalten. Die vorliegende Arbeit des Dr. Friedmantt bietet auch einen wertvollen Beitrag zur Erkenntnis der inneren Triebkräfte ini galizischen Judentum in den Jahren 1848—1868, ohne die seine spätere Entwicklung und der Uebergang zur nationalen Politik kaum verständlich sein kann. Der Verfasser hat mit seiner Schrift; die sich durch ein geschicktes Verarbeiten des archivarischen und sonstigen Quellenmaterials sowie durch die klare synthetische Zusammenfassung und Darstellung auszeichnet,, einen sehr wertvollen Baustein zur Erforschung der Geschichte der galizischen Judenschaft geliefert. TiiBimmrr""”