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Die Stimme · 1929-10-31 · Heft 98 (31.10.1929) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 98 (31.10.1929)
Date
1929-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Palästinabrief Von unserem palästinensischen Berichterstatter J. G——r, r Jerusalem, 21. Oktober. Wer europäische Boykottbewegungen miterlebt hat, wird sich nur schwer das vorstellen können, was wir hier seit Wochen mitmachen, und was von der Presse als «Cherem» oder Boykott bezeichnet wird. Unter der Devise «kein Araber kauft Ware bei Juden» hat die arabische Exekutive den Juden den wirtschaftlichen Krieg erklärt. Es hat aber nicht genügt, einfach durch moralische Mittel auf die arabischen Käufer einzuwirken, daß sie keine jüdischen Läden betreten sollen. Die angewandten Mittel sind Zeugnis finstersten Terrors. Banden lauern in den Straßen in der Umgebung jüdischer Läden. So weit wie möglich werden arabische Käufer behindert, jüdische Geschäfte zu betreten. In zahlreichen Fällen jedoch ist der Boykott nur ein Deckmantel für einfachen Straßenraub. Waren jüdischer Herkunft werden arabischen Käufern mitten in der Straße einfach aus den Händen gerissen, und bevor die Beraubten sich wehren konnten, waren die Waren verschwunden. Arabische Lastträger wurden überfallen und ganze Lasten jüdischer Waren wurden ihnen geraubt. Bisher hat die Regierung keinerlei energische Schritte gegen das Boykott-Banditentum angewandt. Die friedliche arabische Bevölkerung ist über den Terror erbittert und ballt im Stillen ihre Faust, weil sie gezwungen ist, Waren in den schlecht versorgten arabischen Läden zu teuren Preisen einzukaufen, während sie bedeutend bessere und billigere Waren in jüdischen Magazinen bekommen kann. * Nach zahllosen Protesten hatte die arabische Exekutive schließlich den Generalstreik proklamiert. Der Streik richtete sich gegen Herrn Bentwich, den obersten Richter, als Juden und Zionisten; gegen die harten Urteile in den Mordprozessen und gegen die angebliche Verletzung des Status quo bei der Klagemauer zu ungunsten der Araber. Der gut vorbereitete, mit allen möglichen Mitteln arrangierte Streik hatte nur in den großen Städten Jerusalem, Jaffa und Haifa Erfolg. Aber auch hier hatten viele arabische Ladenbesitzer nur aus Furcht vor den Banden ihre Geschäfte geschlossen, weil man sie für den Fall des Oeffnens schwer bedroht hatte. Allerdings hatten sich, und das muß als rein antisemitische Tat verschrieben werden, auch viele Christen dem Streik angesohlossen, die zahlreiche jüdische Kundschaft seit Jahren haben (hoffentlich werden ihnen die Juden dies für die Zukunft nicht vergessen). In keiner Weise war der Streik in Tiberias fühlbar, das überhaupt.'der-arabischen Exekutive tapfer Opposition macht. Inden meisten arabischen Dörfern wird ruhig gearbeitet und die Fellachen, welche bei jüdischen Kolonisten beschäftigt sind, waren vollzählig zur Arbeit gekommen. Im allgemeinen mag gesagt werden, daß die arabische Exekutive gewiß nicht behaupten kann, das ganze arabische Palästina habe protestiert. — Die Sicherheitsmaßnahmen der Regierung waren an diesem Tage vorzüglich und an keinem Orte wurde die Ruhe in irgendwelcher Weise gestört. Vor wenigen Tagen wurde in Jerusalem ein angesehener Araber, ein leitendes Mitglied der gemäßigten Partei arabischer Landwirte, ein Freund der Juden, meuchlings ermordet. Man muß annehmen, daß es sich um einen politischen Mord handelt. Er hatte es eben gewagt, gegen die arabische Leitung Steilung zu nehmen, und mußte diese Kühnheit mit dem Tode büßen. Der Araber, welcher als Mörder verhaftet wurde, war wohl. ,iurr ein Werkzeug in den Händen einer skrupellosen Clique, d-ie vor Ueberfällen, Boykott und Streik, Terror .‘und Mord, auf ihrem unheilvollen Wege nicht zurückschreckL Wenn man betrachtet, welche Rolle die arabische; Intelligenz bei den letzten Ereignissen gespielt hat, so kommt man zu einem sehr traurigen Ergebnis. Der größte Teil der arabischen Intelligenzler hat in einer unqualifizierbaren Weise gegen die Juden Stellung genommen und hat solchen Haß bewiesen, wie er niemals| zu erwarten gewesen wäre. Die arabischen Aerzte in* der Frage der Hebroner Morde und in anderen Fragen,; die arabischen Advokaten in den zahlreichen Prozessen,- wo sie durch Lügengespinste die Möfder reinzuwaschen und die jüdischen Zeugen zu verwirren suchten — haben uns deutlich zu erkennen gegeben, was wir von /dem größten Teil der arabischen Intelligenz zu erwarten haben. Eine ganz besondere Rolle spielen die arabischen Lehrer, die Erzieher der arabischen Jugend, die allenthalben zu den Hetzern und Führern gehört haben. — Wenn die Fellachen in verschiedenen Dörfern verhetzt worden sind und noch weiter verhetzt werden, so sind die Abgesandten aus den Städten schuld, die Immer wieder diese Dörfer ^besuchen» und ihre Wühlarbeit fortsetzen. Freilich mißlingen ihre Versuche in vielen Fällen und zahlreiche arabische Dörfer wollen sich »ihre freundschaftlichen Beziehungen zu den jüdischen Nachbarn um keinen Preis verderben lassen. Vor wenigen Tagen hat ein Fellachendorf in der Nähe von j®Wa folgende Erklärung abgegeben: «Wir Bewohner und Scheichs des Dorfes Sarafand al Kharab erklären hierdurch, daß wir seit 40 Jahren in Frieden und Freundschaft mit unseren jüdischen Nachbarn von Ness Ziona und Rischon le .gelebt haben. In dieser langen Periode hat es zwischen uns keinerlei Zwistigkeiten gegeben. Auch jetzt ist es unser Wunsch, mit unseren Nachbarn in Frieden zu leben. Wir wissen sehr gut, daß die Juden uns. und vielen anderen Bewohnern arabischer Dörfer viel Gutes erwiesen haben. Wir haben von ihnen gelernt, wie man Orangengärten pflanzt, und andere landwirtschaftliche Arbeiten. — Wir nehmen Stellung gegen alle diejenigen, welche die Zerstörung und den Bruch des Friedens zwischen Juden und Mohammedanern versucht haben. Wir erklären, daß wir mit den Elementen nichts zu tun haben wollen, welche nur den Wunsch haben, unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den Juden zu stören.»; Wähernd die arabische Exekutive io recht lärmender Weise gegen die Verletzung des Status quo beim Kotei Mara-wi protestiert, hätten die Juden viel mehr und gerechteren Grund, gegen die schweren Einschränkungen Einspruch zu erheben, denen das Gebet der Frommen beim Kotei in den hohen Feiertagen unterworfen worden war. Am Vorabend des Rosch Haschaoa-h-Festes und Erew Jom Kippur mußten die Besucher der Kiagemauer im Finstern ihre Andacht verrichten. Die Scheidewand zwischen .Männern und Frauen mußte entfernt werden. Bänke oder Stühle durften nicht aufgestellt werden. Nur ein kleiner Thoraschrein mit einer einzigen Thorarolle uncl ein kleines Gebettischchen waren gestattet und auch diese durften an den Halbfeiertagen des Sukkothfestes nicht gebracht werden. Die größte Entrüstung aber verursachte das Verbot des Schofarblasens am Jom Kippur, ein Verbot, das viele fromme Juden überhaupt von ihrem Gebet beim Kotei abhielt. Und als schließlich der Gouverneur noch das Mitbringen von Lulaw und Ethrog verbieten wollte, nahm der Oberrabbiner Kuck in so energischer Weise Stellung, daß dieses Verbot rückgängig gemacht werden mußte. Und die Verrichtung eines Gottesdienstes an der Klagemauer unter solch maßlosen Einschränkungen, die nur an finsteres Mittelalter erinnern können, — ist das nicht eine Verletzung des Status quo — zuungunsten der Juden? * iuu*in de* SCHUHFABRIK Vli.KAISERSTR.46.ih stock. Während in Jerusalem die frühe Polizeistunde Kinobesuch kaum gestattet, Theateraufführungen aber unmöglich macht, hat das Leben in der jüdischen Stadt Tel Aviv wieder in gewohnter Weise zu pulsieren begonnen. Das Arbeitertheater «Ohel» gibt mehrmals wöchentlich seine Aufführungen im Beth Haam, darunter besonders eine gelungene Aufführung von Stefan Zweig’s «Jeremias». Das Kabarett «Matate» (Der Besen) bereitet seine Premiere vor, die in den nächsten Tagen stattfinden wird. Der große schöne Bau der Oper geht seiner Vollendung entgegen. Im allgemeinen ist die Baubewegung, besonders im Merkas Mischari (Handelszentrum) ziemlich groß. Auch die Kaufieutc konnten sich anläßlich der Feiertage keinesfalls über schlechten Geschäftsgang beklagen. Die Sukkoth- Feiertage mit dem Spaziergang der Tausende am sonnigen Meeresstrand, der Horra-Tanz der Chaluzim in den Straßen von Tel Aviv, das sind Zeichen einer pulsierenden Lebensfreude in der jüdischen Stadt, die auch auf die englische Garnison und Touristen aus dem Ausland den Eindruck nicht verfehlen. In zahlreichen Fußballwettkämpfen haben sich die Makkabi-Mitglieder die Anerkennung und Freundschaft der Tommys erworben. Die Lage in Palästina Geht Luke? \ JerusaJ cm. (J. T. A.) Es verlautet, daß der 1 Chefsekretär der Palästina-Regierung, Herr Luke, wenige Wochen nach Eintreffen der Untersuchungskommission in Palästina einen längeren Urlaub antreten wird. Die Zionistische Exekutive fordert 6000 Zertifikate J e r u s a 1 e m. (J. T. A.) Die Zionistische Exekutive hat der Palästina-Regierung Vorschläge betreffend Ausfolgung von 6000 Zertifikaten für neue Einwanderer unterbreitet uncl diese Vorschläge mit der augenblicklichen Arbeitslage und den Bedarf nach neuen Arbeitskräften begründet. Verminderung der britischen Truppen J e r u s a 1 e m, 25. Oktober. (J. T. A.) Das Londoner Kriegsministerium hat die Zurückziehung des Greeri-Howards-Bataillons aus Palästina verfügt, so daß gegenwärtig nur zwei britische Bataillone in Palästina stationiert sind. Leichtes Erdbeben Jerusalem, 22. Oktober. (J. T. A.) Am Sonntag abends wurde in Safed und in den benachbarten jüdischen Kolonien Rosch Pinah und Machanajim, im Norden Palästinas, ein. leichtes Erdbeben verspürt. Arabischer Schulstreik in Jerusalem und in , . ’ . . Nablus Jerusalem, 23. Oktober. (J. T. A.) Seit einigen Tagen streiken die Schüler der arabischen Schulen in Nablus, so daß die Schulen geschlossen gehalten 'Werden. Heute traten die Schüler der arabischen Schulen in Jerusalem als Zeichen der Sympathie mit den Nablus-Schülern in den Streik ein. Die Untcrsuchungskommission in Palästina cingetroffen Jerusalem, 24. Oktober. (J. T. Al.) Die britische Untersuchungskommission für Palästina, bestehend ans Sir Walter Shaw, Sir John Betterton, den Abg. Morris und Snell, sowie Herrn Lloyd vom Kolonialamt, ist am Donnerstag, den 24. Oktober, in Palästina eingetroffen. Die Kommission hielt um 4 Uhr nachmittags im Hause des Distriktsgerichtes ihre erste und wahrscheinlich einige öffentliche Sitzung ab. Die vertraulichen Sitzungen beginnen am 28. Oktober, Arabische Aktionen von außen? Kairo. (J. T. A.) Der Jerusalemer Korrespondent der Zeitung „El Ahrain“ in Kairo teilt mit, daß die Palästina-Regierung die Befestigung des Westufers des Jordans vom Toten Meer bis nach Beisan in Erwägung zieht, weil aus Transjordanien beunruhigende Nachrichten eingetroffen sein sollen. Der Korrespondent meldet weiter, daß Emir Abdullah von Trans- Jordanien sich nach Bagdad begeben hat, um mit ‘seinem Bruder Feisal, dem König des Irak, über arabische Interessen zu beraten. Wie sehr Legenden über angebliche auswärtige arabische Interventionen in Palästina in Umlauf gesetzt werden, zeigt die Behauptung des Mufti von Safed, der die Frauen der zum Tode verurteilten Araber von Safed damit zu trösten suchte, daß 30.000 Wahabiten aus Neschd im Anmarsch auf Palästina sind. Die Frauen ließen sich nicht beschwichtigen und riefen immer wieder: „Du ißt gut, schläfst gut und Dir geht das Schicksal der Verurteilten nicht nahe!“ Der Mufti erwiderte: „Wenn die Wahabiten kommen, um Palästina zu befreien, werden sto auch Eure Männer befreien!“ Prozesse und Urteile Das Gericht in Haifa hat die vier Araber aus Safed, die angeklagt waren, an der Ermordung der , 60jährigen sephardischen Jüdin Lula Farajoun während des Safeder Pogroms beteiligt gewesen zu sein, zu je zehn Jahren Gefängnis veruN t e i 11. Das Gericht fand, daß das Beweismateria! nicht genug gravierend ist, um die Todesstrafe zu rechtfertigen. Die Angeklagten wurden nicht wegen Mordes, sondern wegen Beteiligung an Gewalttaten und der Bedrohung jüdischen Lebens und Eigentum! verurteilt. Vor dem Gericht in Jaffa hatten sich sieben Araber aus Gaza wegen Teilnahme an den Angriffen auf die Juden zu verantworten. Obwohl elf Zeugen für die Angeklagten belastend aussagten, sprach sie Richter Stubbs frei, mit der Begründung, das Gericht sei nicht in der Lage gewesen, den Zeugen Glauben zu schenken * Vor dem Gericht in Jaffa hat sich der 50jährige jüdische Fischhändler Isaac Abbadis, ein geborener Palästinenser, wegen versuchten Mordes zu verantworten. Die vom Regierungsanwalt Bardaky, einem Juden, vertretene Anklage legt Abbadis zur Last, daß er sechs Araber am 25. August während der Unruhen durch Revolverschüsse verletzt hat. Abbadis, der als friedliebender Mann bekannt ist, leugnet jede Schuld. Die gegen ihn auftretenden arabischen Zeu-

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