Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 97 (24.10.1929)
- Date
- 1929-10-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 DIE STIMME Nr. »7 spenden für den Hilfe Keren Kajemeth, Wien, I., Kärntnerstraße 28, Tel Keren Kajemethdurch Aufbau! . R 27-4-85, R 27-4-86 Die Festsitzung zu Ehren Prof. Dr. Alois Pick Mittwoch, den 16. Oktober d. J., hielt der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im großen Sitzungssaale eine Festsitzung ab. Von den Mitgliedern des Kultusvorstandes, Vizepräsident Dr. Löwenherz und Dr. Josef Ticho, aus seinem Amtsraum feierlich eingeholt, betrat der Jubilar, Prof. Dr. Pick, den Sitzungssaal. Unter der Leitung des Chordirektors Z e 1 n i k brachten die Mitglieder der Tempelchöre Beethovens „Die Ehre Gottes“ zum Vortrag. Hierauf begrüßte der Vorsitzende, Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein, die Erschienenen, besonders den Jubilar, dessen edelgesinnte Gattin und die Familienangehörigen, und hielt eine geistvolle Rede. Hierauf erteilte der Vorsitzende dem Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz das Wort. Dr. Löwenherz führte unter anderem aus: Ich bin mir der Größe der Aufgabe bewußt, die mir heute zuteil geworden ist. Ich tue es mit besonderer Freude, weil ich dessen sicher bin, daß hinter mir der ganze Kultusvorstand steht. Sie traten an die Spitze unserer Gemeinde in der größten Krisenzeit. Es gehörte Mut dazu, in einem solchen Zeitpunkte ein solches Amt zu übernehmen. Man mußte von jenen Gefühlen durchdrungen sein, von denen Sie durchdrungen waren, und sich sagen können, ich komme aus anderen Zeiten und sehe andere Zeiten kommen. Sie, Herr Präsident, haben im ärztlichen Offizierkorps der alten Armee den höchsten Rang erreicht, den bisher ein Jude erreicht hat. Man mußte Sie bewundern, wie Sie den Weg eines aufrechten Juden gegangen sind und dafür wird man Ihnen stets dankbar sein, müssen. Wenn es gelang, unsere Gemeinde zu einer Blüte zu führen, so muß man unter denen, welchen dies zu danken ist, S i e in erster Reihe nennen. Sie tragen den Armen die Hilfe entgegen und warten nicht, bis man auf Sie drängt. Die Kultusgemeinde hat in den letzten zehn Jahren allein große Arbeiten zu leisten gehabt. Wir mußten den Lebenden zu Hilfe kommen, waren aber auch dessen eingedenk, für die Toten zu sorgen und haben für sie die Stätte errichtet, die im Vorjahr ihrer Bestimmung übergeben wurde. Wir haben in den Zeiten der bittersten Not das Ausland zu Hilfe rufen müssen. Da war es Ihre Person, die es bewirkte, daß unser Schritt nicht vergebens gewesen und so sind -wir stolz, daß Sie an unserer Spitze stehen. Wenn auch im Kultusvorstande mancherlei Meinungsverschiedenheiten auf tauchen, in einer Meinung ist sich der ganze Kultusvorstand einig: in der Verehrung für Sie, Herr Präsident, in dem Stolze, Sie an seiner Spitze zu sehen und daraus volle Zuversicht für die Zukunft zu schöpfen. Nach dieser Rede kamen die Obmänner der innerhalb des Kultusvorstandes bestehenden Parteiklubs zum Wort, als erster der Obmann des Klubs der „Unionistischen Mitglieder des Kultusvorstondes“, Vertreter Dr. Josef Ticho. Namens der „Zionistischen Mandatare“ sprach der Klubobmann, Vertreter Dr. Desider Friedmann. Er führte aus: In unserem Schrifttum wird uns ein Gespräch des Rabbi Jochanan ben Sakai mit seinen fünf Lieblingsschülern überliefert, das die Frage behandelt, welcher der richtige Lebensweg des Menschen sei. Die Schüler beantworteten die Frage in der Art, daß jeder von, ihnen einen menschlichen Vorzug nannte, der seiner Ansicht nach die Einhaltung des richtigen Lebenspfades verbürge. Die Antwort des Ersten lautete: „Ein wohlwollendes Auge“; des Zweiten: „Ein guter Freund“; des Dritten: „Ein guter Nachbar“; des Vierten: „Voraussicht der kommenden Dinge“. Als letzter gab Rabbi Eliazar ben Arak die Antwort: „Ein gutes Herz“. Rabbi Jochanan entschied zugunsten Rabbi Eliazars, denn in seinen Worten seien die Worte der anderen vereinigt. Auch Ihre Persönlichkeit, verehrter Herr Präsident, ist geadelt durch die Güte Ihres Herzens. Aus Ihrer Herzensgüte strömt die milde Nachsicht für die Fehler anderer, Ihre wohlwollende Beurteilung menschlicher Schwächen, die unerschütterliche Treue Ihrer freundschaftlichen Gesinnung, Ihr tiefes Verständnis für alle guten und edlen Bestrebungen, Ihre wohlerwogene Vorsicht. Deshalb schätzen und verehren wir Sie als unseren Mentor, der unbeirrt und unbeirrbar seit neun Jahren unserer Gemeinde den richtigen Weg weist als Vorbild treuer Pflichterfüllung, als Kämpfer für alles Schöne, Gute und Edle, als Tröster und Helfer der Armen und Bedrückten, als durch seine Milde alle Gegensätze Versöhnenden. In Einmütigkeit bringt Ihnen, geehrter Herr Präsident, der Vorstand der Gemeinde seine Glückwünsche dar. Ihnen gegenüber gibt es keine Parteien und hat es niemals Parteien gegeben. Jeder von uns, der heute zu Ihnen spricht, spricht im Sinne aller. Mögen Sie noch lange, lange Jahre in Glück und Gesundheit Ihrer Familie, Ihren Freunden und unserer Gemeinde erhalten bleiben. Nun folgten die Ansprachen der Herren Gustav Moritz, Dr. Rudolf Glanz, Rabbiner Dr. Feuchtwan g, Dr. Norbert K 1 i n g e r, Dr. Elias Münz, Börserat Ignaz Glück, Kommerzialrat Karl Klemperer und Regierungsrat Dr. Emil Adler. Dann wurden Gratulationen vom Bundeskanzler Schober, Altbundespräsidenten Hain i s c h, Minister Dr. I n n i t z e r, Stadtrat Breitner u. a. verlesen. In tiefer Ergriffenheit stattete nun Präsi- Blüten der Assimilation auf dem Boden des Zionismus. Unter dieser Ueberschrift kritisiert JizchakLamdan in «Mosnajim» vom 29. EluI in schärfster Form eine Reihe von Artikeln und sonstigen Aeußerungen, die in den letzten Wochen erschienen und. sämtlich aus dem Kreise des Brith Schalom stammten. Diese Männer, die sich ihres Zionismus rühmten, seien in Wahrheit einem Boden entsprossen, der außerhalb des Bodens des Zionismus liege. Es handle sich um einen Typus kühl empfindender Besserwisser, denen jede Leidenschaft und jedes warme Empfinden abgehe und die, obwohl sie sich für besonders tiefe Denker hielten, in Wahrheit mit erschreckender Oberflächlichkeit an die Probleme herangingen. Eine genaue Betrachtung zeige, daß hier typische Erscheinungen des Assimilantentums vorlägen. Der Verfasser bespricht dann eine Reihe hierher gehöriger Fälle: Den Bericht von Dr. Siegfried Lehmann in der «Jüdischen Rundschau» über die Vorgänge in Ben Schemen während der Ueberfalltage, worin dieser neue «Seher in Juda» sich selbst als den friedliebenden dem anderen Jischuw gegenüberstelle, der also offenbar den Krieg suche; den Artikel von Dr. Hans Kohn in der «Frankfurter Zeitung» und im «Hapoel Hazair», worin Chancellors erstes Manifest und die Anwendung der starken Hand bedauert werde; den Artikel von Dr. Ernst Simon in derselben Nummer des «Hapoel Hazair», der eine Verfälschung des Zionismus darstelle, indem behauptet werde, es gäbe für die Zukunft nur den militärischen Weg jubotinskys oder den Weg des Brith Schalom, während ein Zionismus des Aufbaues dem Schreiber unbekannt zu sein scheine; den Nachruf Dr. Hugo Bergmanns auf Harold Wiener in der «Jüdischen Rundschau», worin es der Verfasser fertig bringe, die Forderung der jüdischen Arbeit als Boykott arabischer Arbeit zu bezeichnen, und endlich die Vorwürfe der «Jüdischen Rundschau» gegenüber Rabbiner Dr. Levy wegen einer Bemerkung, die dieser in einer Versammlung gemacht habe. Erleichterung der Einwanderung. «Palestine and near east» vom 7. September enthält einen Artikel von S. Beranon, der auf Grund einer Veröffentlichung des internationalen Arbeitsamtes beim Völkerbund «Immigration Laws and Regulations» vergleichend darstelt, was andere Kolonisations- und Einwanderungsländer für die Immigranten tun und was Palästina tut. Es sei auffallend, daß überall da, wo es sich um Beschränkung und Erschwerung der Einwanderung handelt (Quote, Polizeibestimmungen, wirtschaftliche Lage der Einwanderer, ihre körperliche Konstitution, Besitz von Dokumenten, Gebühren, Registrierung, Ausweisung und Deportation) Palästina eine hervorragende Stelle einnehme; während es in allen denjenigen Kapiteln, die sich mit Hilfe und Ausbildung des Einwanderers, Arbeitsbeschaffung, Reiseerleichterung, Landverteilung usw. beschäftigten, Palästina nicht einmal erwähnt werde. Der oberste Immigrationsbeamte von Palästina habe die Einwanderung zu kontrollieren, sein argentinischer Kollege sie zu ermutigen und zu erleichtern. In Palästina sei die Immigrationsabteilung eine Zweigstelle des Polizei- und Gefängnisdepartements, in Argentinien des Landwirtschaftsdepartements. dent Prof. Dr. Alois Pick der Festversammlung und besonders dem Kultusvorstande seinen Dank ab für die vielen Ehrungen, die ihm zuteil geworden sind. Dieser Tag sei für ihn nächst seinem Hochzeitstage der glücklichste seines Leben. Wenn er am heutigen Tage Rückschau halte über sein verflossenes Leben, müsse er sagen, daß er stets vom Glück begleitet gewesen sei, denn seit seiner frühesten Jugend habe er soviel Güte und Freundschaft entgegeagebracht erhalten, habe er in jenen Personen, die mit ihm arbeiteten und wirkten, solch treffliche Menschen zur Seite gehabt, daß er stets von dem Gefühle der Glückseligkeit erfüllt sein mußte. Ganz besonders habe er aber, seit er als Präsident der Kultusgemeinde wirke, in den jeweiligen Vizepräsidenten, so auch in den derzeitigen Vizepräsidenten, den Herren Dr. Ornstein und Dr. Löwenherz, eifrige, tatkräftige Mitarbeiter gefunden. Aber auch alle anderen Mitglieder des Kultusvorstandes hätten ihm stets durch ihr hingebungsvolles Wirken uin! die persönliche Freundschaft und Sympathie, die sie ihm entgegengebracht haben, seine Amtsführung nach Möglichkeit erleichtert. Ihnen allen gelte sein tiefer, inniger Dank. Der Vorsitzende Vizepräsident Dr. Ornstein überreichte nun dem Jubilar die von den Mitgliedern des Kultusvorstandes gewidmete, kunstvoll ausgeführte Adresse. Sodann wurde die Festsitzung geschlossen. Länder, wie die Vereinigten Staaten, die keine Einwan derung wünschten, verlangten eine Kopfsteuer von jedem Einwanderer; dasselbe tue Palästina, das mandatsmäßig zur Förderung der Einwanderung verpflichtet sei. Der Verfasser stellt dann im einzelnen dar, was in den verschiedenstenLändern geschieht, um Immigration zu ermutigen und den Immigranten das Einleben und die Einord- : nung zu ermöglichen, und zeigt, daß von alledem in Palästina v nichts geschieht. Weder sorge die Palästina-Regierung für kostenlose Information des Einwanderungslustigen etwa durch ihre Konsuln, sie gäbe dem Einwanderer keinerlei Schifffahrtsreduktionen, schütze ihn nicht vor Ausbeutung durch Agenten, nehme ihn nicht im Lande auf, gewähre ihm keinerlei Ausbildung, verteile ihm kein Land usw., was in den verschiedensten britischen Dominien und amerikanischen Einwanderungsländem der Fall ist. Zur Geschichte der Ereignisse in Palästina. Im «Dawar» vom 8. Oktober versucht Bar Kochba Meierowitz die Ursachen der letzten Ereignisse in Palästina *zu analysieren. Er hebt einleitend hervor, daß der Mufti von Jerusalem und seine Freunde mit großem Geschick und mit überlegten Methoden die Unfähigkeit der Juden, in Palästina eine richtige arabische Politik zu führen, ausgenutzt hätten. Der Zeitpunkt für den Beginn der Unruhen war von den arabischen Führern ausgezeichnet gewählt. Während die zionistischen Führer sich mit Angelegenheiten zweiten Ranges abgeben und überhaupt keine Notiz von dem lebenswichtigsten Problem Palästinas nahmen, konnte man in allen arabischen Sfädten und Dörfern die Boten der Effendis finden, die das arabische Volk systematisch gegen die Juden aufhetzten. Die arabische Presse war eine treue Gehilfin bei diesem Unternehmen und erreichte durch ihre Sprache schließlich, daß die Saat im August 1929 die von den Drahtziehern gewünschten Früchte trug. Die östliche Phantasie erhitzte sich angesichts der dauernden Verhetzung und machte sich in einem Ausbruch Luft * Natürlich wäre es ganz falsch, wenn wir daran glaubten, daß der Ausbruch wirklich auf eine Bedrohung der moslemischen Heiligtümer zurückzuführen sei, wie die offizielle Erklärung des Mufti an die moslemische Welt laute. Es genüge, sich in den Dörfern und Städten umzuhören und die Meinung des arabischen Volkes über sein inneres Verhältnis zu den Taten seiner Führer zu vernehmen. Es sei ein offenes Geheimnis, daß die Balfour-Erklärung den Effendis große Nachteile gebracht habe. Die Einwanderung der Juden habe den arabischen Arbeitern aus der Fellachenschicht unmittelbar und mittelbar geholfen, das Joch ihrer Bedrücker abzuschütteln. Die Nachfrage nach Arbeitskräften, nach landwirtschaftlichen Produkten, die durch die zunehmende jüdische Einwanderung stieg, haben den arabischen Fellachen und Arbeiter in die jüdischen Siedlungen gezogen, wo er bessere Preise upd einen höheren Arbeitslohn erhielt. Dadurch konnte er allmählich die Schulden an die Wucherer in Stadt und Land abzahlen und von ihnen unabhängig werden, von den gleichen Elementen, für die er früher um einen Laib Brot Fronarbeit leisten mußte und die ihn durch kleine Darlehen auf Wucherzinsen von seinem Be- Presseschau