Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 97 (24.10.1929)
- Date
- 1929-10-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 97 DIE STIMME Seite 9 mres Lebens auch wfc&iidi konkret die Tat verbinden will. Zu früh haben viele «allgemeine» Zionisten den C h a 1 u z zu einer historisch gewordenen Erscheinung stempeln wollen, zu früh haben sie auf den Clialuz verzichten zu können geglaubt. Es sei, wurde vor nicht langer Zeit wiederholt gesagt, die chakrzische Periode im Zionismus zu Ende und vorüber. Heute wissen wir, daß die «Chaluzim.» es waren, die in den kritischen Tagen r— es ist damit nicht zu viel gesagt — den Jischuw gerettet haben. Das wird heute von a’len Menschen erkannt und anerkannt. Und Chaluzim werden den Jischuw wieder aufrichten. Darum gilt es, von neuem Chaluzim zu schaffen und zu erziehen. Es ist nach all dem klar, daß der «Hechaluz» die Organisation werden muß, die in sich alle Teile der aktiven zionistischen Jugend erfaßt und vereinigt. Alle diejenigen aber, die mit dem Hechaluz die Vorst llung verbinden, er sei zu einseitig links orientiert, mögen sich vor Augen halten, daß schließlich dieser He haluz hei der letzten Alijah 90 Prozent aller Zertifikate er- . Die Anwesenheit des hebräischen Dichters Saul Tschernichowski bedeutete für die hebräische Gemeinde unserer Stadt ein wahres Fest. Nach den schweren Tagen der letzten Palästinaereignisse war seine Anwesenheit der unerschütterliche Beweis von der unzerstörbaren Lebenskraft des jüdischen Volkes. Der Abend im Hotel Continental Am Abend des zweiten Sukkothtages, am Sonntag, den 20. d. M., fand im Hotel Continental der erste zu Ehren Tschernichowskis veranstaltete Abend statt. Eröffnet wurde er durch Herrn Meir P a i s, der den Dichter im Namen des veranstaltenden Vereines „Erez Israel“ begrüßte. Sodann sprach Herr Prof. Diesendruck über die Eigenart des Dichters Tschernichowski, beleuchtete speziell seine große formale Gestaltungskraft sowie die von ihm behandelten Themen. Hierauf schilderte Dr. Chaim artako wer das Wesen und die Bedeutung l,'tösT)ichters. Er -wies darauf hin, daß der Dich- * fer - im wahrsten Sinne des Wortes ein Urhebräer sei. Seine Beziehung zum Griechentum sei ' hur der natürliche Ausfluß seines urjüdischen Wesens. Nur ein Dichter wie Tschernichowski vermochte es, mit der ganzen übrigen Welt, wegen der jahrtausendelangen Verfolgungen abzurechnen, wie er dies im „Baruch von Magenza“ getan hat. Hierauf las der Dichter selbst eine Reihe seiner Gedichte vor. Es wäre richtiger zu sagen, er sang seine Gedichte, denn in seinem Lesen offenbarte sich voll und ganz seine Vorstellung von der außerordentlichen Bedeutung der rhythmischen Form der Dichtkunst. Wunderbar war es, zu hören, wie er in knappen Worten ein Gedicht erläuterte, in welchem durch Hervorhebung des Buchstabens „L“ (Laila gleich Nacht) die nächtliche Stimmung und durch den Buchstaben ,,Sch“ die Ruhe zum Ausdruck gebracht wurde. Das Publikuni bereitete dem Dichter rauschende Ovationen. Herr Oberkantor Margulies sang in bekannter Formvollendung Gedichte des Dichters. Frl. Leben so hn rezitierte die Ballade nämlich gar keine Lust loszugehen. Es mußten also aus entlegenen Dörfern Banden, die mit Geld, manch« mal auch mit Zigaretten gekauft waren, in Autos in die Nähe jüdischer Siedlungen oder Städte gebracht werden, und das ging nicht auf einmal. In Jerusalem kämpften auf arabischer Seite Beduinen aus Transjordanien und Eimvohner Hebrons oder noch weiter entlegener Punkte. Nur ein als Räubernest bekanntes Naclibardorf, Lifta, beteiligte sich am Ueberfall. In Kirjat-Anavim erschienen, nachdem ein Ueberfall abgewiesen worden war, die Bewohner der umliegenden Dörfer mit ihren Ktittiern, beteuerten, daß sie sich am Ueberfall nicht beteiligt hatten und wollten ihre Kinder als Geißeln zurücklaftsen. Zwischen Petach-Tikwah einerseits, Herzlia, Kfar Saba, Raanana andererseits liegen die großen Besitzungen eines Scheichs, fUm Kischek. Er war es, der hn Jahre 1921 den großen Angriff auf Petach-Tikwah organisierte. Geschfagen und verhaftet, schwur er, sich nie mehr an eintfr Aktion gegen die Juden zu beteiligen. Auf Grund dieses Eides und der Bitte der Juden wurde ihm die Strafe erlassen. Dieser Abu Kischek war für unr das große Fragezeichen. Die islamitische Geistlichkeit entband ihn seines Eides. Abu Kischek war für uns das große Fragezeichen. Die Gutes kann ein Ueberfall bringen.» Abu Kischek besuchte Petach Tikwah und uns beinahe täglich, versicherte, daß wir ruhig* bleiben könnten, kein Dorf der U/sjgebting hätte Luft, uns anzugreifen. Abu Kischek schickte Gemüse Petach-Tikwah, als dort Lebensmittelmangel!i?)rschte, Abu Kischei. setzte alle Hetze* vor die T4ire, iUui Kischek ist gewiß kein Judenhaiten, was doch nur beweist, daß er d'e einzige R e s e r v e für die Alija darstellt, und weiters, daß dieses Linksorientiertsein nur der Ausdruck des konkreten Verbundenseins mit der palästinensischen Arbeiterschaft ist. Es sei noch in diesem Zusammenhänge angemerkt, daß von den 9Ü Prozent der Zertifikate des Hechaluz nur 2 Prozent verlorengegangen sind — und das infolge unüberwindlicher jiridisther Schwierigkeiten, die auf das Konto anderer Faktoren zu buchen sind —, daß aber auf der anderen Seite, z. B. der Hechaluz Hamisrachi und der H e c h al u z Hamerkasi, beide gegründet und erhalten vom Egoismus der Parteien in Polen, und die na.h langem Kampfe ihrerseits 2% und 3.4 Prozent der Zertifikate erhalten haben, von dieser kleinen Zahl aber nur in Wirklichkeit 36 Prozent und 50 Prozent ausg nützt haben. Das beweist wiederum, auf welcher Seite die Aktivität und wirkliche Chaluzarbeit zu suchen ist. Nicht Zerklüftung und Zersetzung im Innern brauchen wir, sondern die gemeinsame, die vereinigende Tat. * Jaakow S i n g e r. „Saul in Endor1' sowie dos Gedicht Tschernichowskis „Vor dem Bilde Apollos“. Bankett im Hotel Barschak Im Anschluß an diese Veranstaltung fand im Hotel Barschak ein Bankett zu Ehren des Dichters statt. Dieses fand in der Sukkah dieses Gasthauses statt. Den Abend eröffnete Herr Gelbaud namens des Vereines „Erez Israel“. Es sprachen ferner Herr Dr. T a r t ak o w e r namens des Zionistischen Landeskomitees und der Hitachduth, Prof. Jona Geiernt e r im Namen des hebräischen Klubs, Dr. Samonsky namens der Radikalen Zionisten, Herr Ungerfcld namens der hebräischen Presse, Herr Herzberg im Aufträge der hebräischen Lehrer. In humorvoller Weise sprach der Dichter Daniel P e r s k i. Er brachte die Versammlung in eine ausgezeichnete, heitere Stimmung. Der Dichter erwiderte, indem er ein noch nicht veröffentlichtes Gedicht vorlas, das die Stimmung des Königs Saul vor seinem Tode zum Gegenstand hatte. Das Publikum dankte beifällig dem Dichter für seine wunderschöne Schöpfung. Jugendmecting Am Montag, den 21. d. M., fand im Hotel Post das vom Verein „Erez Israel“ veranstaltete Jugendmeeting statt, hei dem dem Dichter Gelegenheit gegeben werden sollte, zur Jugend zu sprechen. Nach der Begrüßung durch Herrn P a i s sprach Herr Dr. Gelber über Jugend und hebräische Kultur und nach ihm Saul Tschernichowski. Er führte aus: „Ich bin ein schlechter Redner, noch dazu in deutscher Sprache. Ich wünsche jedoch, daß, wenn wir nächstens wieder Zusammenkommen, die hebräische Jugend so schlecht hebräisch spreche wie ich deutsch. Hebräisch und jüdisches Volk gehören unzertrennlich zueinander. In unseren Tagen ist die hebräische Sprache in Palästina zu neuern Leben erwacht. Dies ist jedoch kein Wunder, denn Palästina ist ein Sammelpunkt der Juden der ganzen Welt. Wie freund, aber es ist gut in der Nähe von Juden zu leben, Geschäfte mit Ihnen zu machen und — gefährlich, mit ihnen anzubinden. Etwa 20 km im Norden von uns befindet sich eine arabische Stadt, Tul-Kerem und ein großes Dorf Kalkilia. Beide haben den denkbar schlechtesten Ruf, kein Jude traut sich zu Fuß in diese Gegend. Daß Tul-Kerem und Kalkilia losschlagen werden, war uns gewiß. Große Versammlungen wurden cinberufen und es geschah etwas, was niemand erwartet hätte. Die überwiegende Mehrheit in Tul-Kerem und Kalkilia war gegen den Ueberfall. Die Agitatoren zogen mit langen Nasen und leeren Händen ab und von Chedera bis Rechowoth blieb alles ruhig. Und das ist unser größter Sieg. Die Araber, die uns kennen, hassen uns nicht und ich hoffe, daß der Tag kommt, wo Juden und Araber einander die Hand reichen. Aber gerüstet und vorbereitet müssen wir vorläufig sein. Und wir waren es. Gerade bei uns, wo die Erregung des Kampfes nicht den Taumel des Heldenmutes wecken konnte, gerade bei uns, wo tagelange nervenzermürbende gespannte Erwartung die Einwohner in Klammern hielt, kann man es beurteilen. Mit eiserner Disziplin, die nicht militärischem Drill, sondern tiefstem Pflichtbewußtsein entsprang, versah jeder Arbeiter und Gutsbesitzer, Beamte und Lehrer seinen schweren, aufreibenden Dienst und ließ seine Friedensarbeit ln Feld und Amt ruhen. Wer an unsere Renaissance nicht glaubt, hätte Petach-Tikwah, Herzlia in diesen Tagen sehen sollen und er wäre Zionist geworden. natürlich aber der Zusammenhang zwischen Volk und {Sprache ist, erhellt am besten aus Haltung des Golusjudentums zu dieser Sprache. Wir sind Zeugen dessen, daß in allen Ländern in den letzten Jahrzehnten ein verstärktes Lehen der hebräischen Sprache und Kultur eingesetzt hat. Das jüdische Volk lechzt nach Freiheit, nach territorialer, aber auch nach geistiger Freiheit. Geistige Freiheit ist jedoch ohne Wiederbelebung der nationalen Sprache und Kultur undenkbar.“ Nach Tschernichowski sprach Prof. K e 11n e r über die Notwendigkeit, die jüdische Seele wieder schöpferisch zu machen, indem wir einerseits unsere eigene Kultur neu beleben und andererseits das Gute und Schöne von den anderen Völkern aufnehmen. Bcgriißungsabcnd im hebräischen Klub Der hebräische Klub, der in den letzten Wochen Zeichen erhöhter Aktivität gegeben hat, hat die Hebräer Wiens zu einem Empfangsabend eingcladen. der im Cafe Produktenbörse stattfand. Der Zufall wollte es, daß die hebräischen Schriftsteller Dr. Kabak und Dow Kimchi ebenfalls in Wien anwesend waren, so daß auch sie an diesem Abend teilnehmen konnten. Der Abend wurde durch eine Begrüßung des Vorsitzenden Prof. Gelernter eröffnet. Herr Dr. Salomon A u e r b a c h beleuchtete die Stellung Tschernichowskis innerhalb der modernen hebräischen Dichtkunst. Herr, Dr. Tartako wer sprach über die Bedeutung des Dr. Kabale. Sodann ergriff Herr Doktor. Kabak das Wort und führte aus: „Wir, die hebräischen Dichter und Schriftsteller in Palästina, fühlen uns in Erez Israel einerseits vereinsamt, weil nur 160.000 Juden im Lande leben. Andererseits haben wir das beglückende Bewußtsein, daß wir von der Judenheit des Landes mit Inbrunst gelesen werden. Wir haben das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit in die große Welt des Golus zu kommen, um zu sehen,, was in Europa vorgeht und was sich im Judentum tut. Hier im Golus werden wir sehr niedergedrückt. Wir sehen, daß im großen jüdischen Meere wir keine entscheidende Quantität darstellen. Es wird uns im Golus kalt und wir sehnen uns sofort nach Palästina zurück. Und doch gibt es auch im Golus Kreise, die unter dem Einfluß Palästinas stehen. Es sind dies die hebräischen Kreise. Dieser Kreis der hebräischen Leser und Sprecher ist für uns ein gewaltiger Trost. Dieses Gefühl der Vereinsamung, das wir hebräischen Dichter und Schriftsteller im Golus fühlen, fühlen auch die Leser des hebräischen Buches. Trotzdem aber und trotz alledem bilden wir eine Gemeinde, eine Familie, eine zerrissene Familie, eine kleine, aber doch eine.“ Herr Dow Kimchi sprach über Tschernichowski. Schon in seinen Jugendjahren habe er. eine große Liebe zu Tschernichowski besessen. Ja, das Verhältnis des jüdischen Volkes zu Tschernichowski und zu Bialik könne bloß mit dem Worte Liebe bezeichnet werden. Beide sind ein Zweigestirn am jüdischen Himmel. Es gibt neben ihnen noch andere bedeutende Dichter und Schriftsteller, aber nur sie allein sind historische Phänomene im jüdischen Lehen. Sie bilden den gestigen Reichtum unserer Zeit. Ferner sprach Daniel P e r s k i in einer geradezu faszinierenden Art. Er verglich die Repräsentanten der hebräischen Literatur mit denen der jüdischen und stellte fest, daß die hebräische das Wachstum, die Zukunft und die Hoffnung bedeuten. Schließlich ergriff Tschernichowski das Wort. Seine Ausführungen waren ein wundervoller Traktat über das Wesen der Kunst. Kunst sei nach seiner Meinung nichts als Aenderirng der Form, nichts als Bearbeitung des Materials. Diese jedoch kann nur durch Rhythmus geschehen, durch Tätigkeit und Ruhe. Tätigkeit und Ruhe sind die Regulatoren des physischen menschlichen Lebens und dann auch die wirklichen Träger der Dichtkunst. Ohne Rhythmus keine wahre Poesie. Die jüdische Ooffentlichkeit kann dem Jugend verein Erez Israel nicht genug danken, daß er unseren Tschernichowski nach Wien gebracht hat. Die Impulse der Zusammenkünfte mit unserem nationalen Dichter werden sicherlich bleibender Art sein. Jiskor-Eintragung der Palästinaopfer in das Goldene Buch Aus Palästina ergeht der Ruf: Die Palästinaopfer sollen ins Goldene Buch des Koren Kajcmeth eingetragen werden. Alle Juden werden daher gebeten: Spendet beim Thoraaufruf und anläßlich des Maskir für den Keren Kajemeth (Eintragung der Opfer in das Goldene Buch). Hiedurch leistet Ihr Hilfe durch Aufbau! Keren Kajemeth, Wifca, Tschernichowski-Tage in Wien