Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 97 (24.10.1929)
- Date
- 1929-10-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seit* 9 OIE STIMME Nr. ST Zur Jugendverbandstagung Unsere Juigendverbandstag-.ing ist vorüber. Sie war für «ns von Bedeutung, wurden doch die Leute unserer Bünde und Vereine erst bei dieser Gelegenheit mit dem Zweck und Ziel der dem Verbände angehörenden anderen Bünde u.nd Vereine vertraut. Leider hat auch selbst diese Tagung eine strafbare Interesselosigkeit einiger Bünde und Vereine am Gedeihen des Verbandes gezeigt, doch wird es, wie Dr. Tartakower treffend sagte, an der Güte der Arbeit liegen, daß sich die anderen mehr in das Zentrum der Geschehnisse des Verbandes stellen. Der Verband soll eine Gemeinschaft wertvoller Menschen sein und nicht eine bureaukratische Vereinigung großer Bünde. Eine wichtige Frage wurde auf dieser Tagung angeschnitten: Die Einigung der jüdischen Jugend auf der Grundlage der Chaluziuth und der Verwirklichung des Palästinaaufbaues. Es kann für einen nüchtern Denkenden kein Zweifel bestehen, daß es Gemeinsames zwischen jüdischer, fn zionistischem Sinne arbeitenden Jugend geben muß. Unterschiede werden wohl immer bleiben, doch können diese Unterschiede nie unüberbrückbar sein. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist das Zusammenarbeiten nie eine Phrase. Wir ■werden Zusammenarbeiten mit jenen, für die es sachlichen Aufbau gibt. Von keinem darf verlangt werden, daß er sich etwas vergibt, und wind das Zusammenarbeiten auf umso gesünderer Grundlage vor sich gehen, je weniger Kompromisse geschlossen werden müssen. Unsere Basis ist die bl au-weiße Fahne. Die Bünde und Vereine des zionistischen Jugendverbandes stehen, wie aus ihren Berichten heivo.geht, zum zionistischen Landeskomitee. Freilich wind es auch an diesem liegen, der Jugend etwas zu bieten, da doch die Jugend einer der wichtigsten Faktore einer Bewegung ist. Es werden keine präzisen Forderungen aufgestellt werden. Die Forderungen der Jugend ergeben sich aus ihrer Arbeit und ihrem Verantwortunigsgefüh’. Die Tagung stand also im Zeichen der Chaluziuth und des Beitrittes der in Hachscharahiberufen stehenden Menschen zum österreichischen Hechaluz. Dabei ist die Forderung aufgetaucht, daß der Hechaluz im Sinne seiner Bedeutung über Meinungen und Partei stehen müsse. Durch Beitritt des Jugendverbandes zum Hechaluz wird diese Frage sich ja sicherlich von selbst regeln. Die Gefahr besteht aber, daß dann die Frage aufgeworfen wird, und vielleicht nie zur entgül'.igen 'Austragung kommt, was eigentlich Chaluziiuth ist. So .wurde oft angeführt, die wichtigsten Berufe für Palästina seien Landwirdschaft, in zweiter Linie auch Handwerk, Sicherlich wind dies auch in vielen Kreisen als einzige unwiderlegbare Definition des Chaluzgedaukens gelten. Neu ist aber, daß von Chaluzkreizen e ne offiziell aufzufassende Erklärung gekommen ist, die auch Industrieberufe als im Sinne des Chaluz stehende erklärte. Diese Definition erleichtert die Frage der Verantwortung bei der «großen Entscheidung» und bei der Berufswahl. Selbstverständlich werden die noch ver-,- hältnismäßig jungen Bünde und Vereine des zionistische Jugendverbandes uh re Menschen nicht restlos der Chaluziuth Zufuhren können. Oft nennen sich Bünde, die nur auf ihren Maximalprogramm die Chaluziuth haben, restlos chaluzisch. Bei den oben erwähnten jungen Bünden und Vereinen wird es sich auf Einzelfälle beschränken müssen; ihre Pflicht dem Zionismus gegenüber werden jedoch die tragenden Menschen dieser Bünde stets erfüllen. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage der sozialen Unterschiede gebracht. Daß es innerhalb eines Bundes oder Vereines soziale Unterschiede gibt, wird wohl niemand behaupwmmmmmmmmmammmmmmaBmmamaBmmm Donnerstag, den 24. d. M., spricht Prof. Dr. Viktor Kellner über „Sinn des Palästinaaufbaues" im Rahmen einer Simchath-Thora-Feier der Z. M. V. Mirjam im Saale der Loge «Hort», I., Weihburggasse IQ/I. Gäste willkommen! ten. Von einer Seite wird nun die Behauptung aufgestellt, daß sie einst inPalästina auftauchen werden, von anderer Seite wird behauptet, daß die Grundlagen hiefür lange Zeit nicht gegeben sein werden. Beide Behauptungen stammen aus instruierten Quellen und werden mit einer solchen Bestimmtheit gebracht, daß ein tüchtiges Maß Voreingenommenheit dazu gehört, L Das Kernproblem de® Aufbaues Erez Israels ist im Augenblick: in der allernächsten Zeit eine große, sehr große Zahl von neuen jungen Menschen für den Gedanken der C h a 1 u z i u t zu gewinnen, eine große, sehr große Zahl von neuen jungen Menschen der Hachscharah zuzuführen, der praktischen Vorbereitung für Erez Israel. In dem Maße, in dem uns das gelingen wird, sichern wir den Aufbau. Ebenso sicher ist es, daß wir den Aufbau gefährden, wenn wir das zu erreichen nicht in der Lage sein sollten. Es war uns immer klar, nicht das Geld allein und nicht die Hinterlandsbegeisterung allein werden Erez Israel aufbauen. Immer stand vor uns die Frage und die Forderung: Es gilt Menschen, die bereit sind, ihr Persönlichstes einzusetzen, zu gewinnen; Menschen, die bereit sind, mit der Arbeit ihrer Hände sich ihr Leben in Erez Israel zu gestalten und die ganz genau wissen, daß die Arbeit da unten nicht leicht und das Leben da unten nicht einfach ist, daß beides hart und schwer, daß aber beides herrlich und groß ist. Wenn uns aber das auch immer klar war, so ist es uns anläßlich der letzten traurigen Ereignisse in Erez Israel und 1m Verlaufe der Alijah, die unmittelbar darauf eingesetzt hat, besonders deutlich zum Bewußtsein gekommen. Denken wir daran: es war eine sehr ernste Situation, vor der unsere Brüder in Erez Israel gestanden sind, es war das Aergste, das Allerschlimmste zu befürchten. Und in diesem Augenblicke hat die Alijah eingesetzt. Kein Zögern und kein Schwanken hat sie gezeigt. Entschlossene und zielsichere Menschen haben, nachdem sie lange auf diesen Tag gewartet haben, endlich ihre Alijah angetreten. Es ist uns kein Fall bekannt, wo auch nur einer mit Rücksicht auf die Ereignisse von seiner Alijahabsicht zurückgetreten wäre. Viele, die zu einem späteren Zeitpunkte zur Alijah hatten gehen wollen, änderten kn Gegenteil ihre Absicht und meldeten sich schon jetzt. Nicht als etwas «ganz besonderes» sei all das angeführt. Was diese Menschen getan, war das Selbstverständlichste von der Welt, all das haben sie empfunden und es wäre darüber auch nicht ein Wort zu verlieren, wenn nicht — ein leiser Zweifel au-ftauchen würde: Werden iim nächsten Halbjahr, im nächsten Jahr die Menschen, die gebraucht werden, — werden sie da sein? Wir fürchten fast: nein. Denn diese sich mit dem einen oder dem anderen zu identifizieren. Es ist auch nicht recht einzuseh^n, wrtzu über das gewöhnliche Maß von Menschlichkeit, Gleichheit, in späterem Alter auch politischen Denkens hinaus, die Frage sozialer Unterschiede und Klassenkämpfe Im künftigen Palästina in das Programm jüdischer Jugend erziehung verwoben sein muß. Selbstverständlich bleibt dies Ansichtsache. Respek' vor der Meinung des anderen ist die erste Bedingung gedeihlicher Arbeit. Soweit die Diskussion zur jugendverbandstagung. Die Bünde und Vereine gehen jetzt zur praktischen Arbeit über. Und das ist das wichtigste. Oft vergißt man über allzulangcn Debatten die praktische Arbeit und dann gehen uns viele Menschen verloren. Sowohl die, die, wie Herr Herzberg bei der Jugendverbandstagung geschildert hat, der Straße überlassen werden, als auch die, was für uns gleichbedeutend Ist, die fan wohldurchwärmten Zimmer oder Hort dem Judentum verlorengehen. Julian Aron. Menschen, die im nächsten Halbjahr zur Alijah gehe* sollen, müßten, müssen jetzt schon da sein, fcn genügend großer Zahl. Und sie sind noch nicht da in der Zahl, die erforderlich Ist und erforderlich sein wlndh Und wenn sie nicht kommen werden, diese Mensche** dann, — erlassen wir es uns, diesen Satz zu schließen. Abersle werden kommen undsle werden da sein! 4000 Menschen sollen Im nächste* Halbjahr nach Palästina kommen, die doppelte Zahl müßte in der gleichen Zeit zur Hachscharah übergeleitet werden, um d'ie Alijah jener zu ermögliche*. Dazu ist erfordeijlich: Eine breite zionistische Tätigkeit aller Telle der zionistischen Welt. Es gibt noch viele Juden, denen der Zionismus, denen Erez Israel noch nicht zum Bewußtsein gebracht wurde. Es gibt noch viele junge Juden, die noch nicht recht wissen, wie sie aus ihren Zweifeln und ihrer Unentschiedenheit herauskommen sollen. All diesen gilt es den Weg zu zeigen. Und dieser Weg, er liegt gerade und klar vor uns, er heißt, einfach und eindeutig: C h a 1 u z i u t. Es gibt viele, die immer noch sagen: Ja, das sei doch die persönliche Entscheidung des einzelnen, dürfen wir nicht «beeinflussen», da wir doch nicht g$-"t waltsam in das Seelenleben des anderen hineingreife* dürfen — es muß sich «ergeben» —, und wie diese Redensarten sonst noch lauten. All diesen muß endlich und einmal gesagt werden: Sprecht nicht so viel von «Verantwortlichkeit», spielt nicht so viel mit diesem Begriffe, der nur dort einen Sinn hat, wo Jugend nicht weiß, was sie will und soll. Und dieses Uftwissen und diese Unklarheit bemäntelt die «Verantwortlichkeit» und verhüllt sie. Kennt ihr aber euren Weg, dann gibt es nur eine Verantwortlichkeit: die gegenüber dem jüdischen Volke, der jüdischen Geschichte, gegenüber Erez Israel: Wenn h-r aber von dieser Verantwortlichkeit getragen sein werdet, dann wird euch die Entscheidung nicht schwer fallen . . . Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Chaluzbewegung wieder zu der zentralen Bewegung im zionistischen Leben auch dieses Land werden muß, die breite Volksbewegung, die Bewegung der jüdischen Jugend, die es mit ihrem Willen nach Erneuenumig ernst meint, die mit ihrem Streben nach einer Neugestaltung ln dieser Stunde ... Ein Brief aus dem kämpfenden Palästina *) Von Jehoschua M. (Herzlla). , . . Um die Ereignisse richtig verstehen zu können, muß man sich über die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung in Palästina klar sein. Zwei Schichten gibt es bei uns. Der moderne zionistische Jischuw und die Juden, die früher eingewandert sind, um im heiligen Lande zu sterben. Galuthtypen, die sich in Jerusalem, Hebron, der alten Residenzstadt Davids, und Safed, der heiligen Stadt der Kabbalisten, angesiedelt haben. In Hebron gibt es eine Jeschiwah, in Safed viele Gebethäuser, Juden mit Schläfenlocken und Bärten, führen dort ihr Galuthdaseln wie ln Kischenew oder Proskurow. — Und genau wie in Kischenew oder Proskurow wurde in Hebron und Safed ein Pogrom arrangiert. Wehrlos, mit der Thora in der Hand, fielen in diesen beiden Städten 88 Märtyrer. In Jerusalem, wo der Aufstand ausbrach, wo Tausende Araber durch religiöse Hetze aufgebracht, sich versammelten, fiel kein Märtyrer, fein Chalukajude wurde getötet. Im offenen Kampfe standen da unsere braven Jungen mit dem Gewehr in der Hand gegen zehnfache Uebermacht, und kein Araber drang in jüdische Stadtteile. 20 dieser Helden fielen in blutigen Straßenkämpfen, mindestens di« zehnfache Zahl Araber fiel und als am dritten Tage englisches Militär erschien, hat das große England aus unserer Hand Jerusalem übernommen. Dieser Brief verdient aus dem Grunde besonderes hloresse, weil er die Stimmung der Arbeiterschaft in den Kolonien wiedergibt. Der Verfasser war früher Hochschüler in Wien tmd ist jetzt als Chaluz in Herzlia tätig. (Red.) Man spricht jetzt viel Schlechtes über die Engländer. Wer versteht diese Sphinx, aber ich kann sie nicht hassen um der 40 Oxforder Studenten willen. Sie kamen ins Land, um es zu besuchen. Waren in Jerusalem, als der Aufstand losbrach und stellten sich unserer Verteidigung wie ein Mann zur Verfügung. Wo es am gefährlichsten war, erschienen «Haoxfordim». Einer von Ihnen ist schwer verwundet. Sie harrten an unserer Seite aus, bis die Ruhe wieder hergestellt war. Heute sind sie wieder ln Oxford. Dieses Heldentum für die gerechte Sache werden wir ihnen nicht vergessen. Viel günstiger war unsere Lage in Haifa, von Tel- Aviv gar nicht zu sprechen. Tel-Aviv, lOOprozentig jüdisch, Haifa, die jüdische Bevölkerung konzentriert und von der arabischen getrennt, fürchteten überhaupt nichts. Wohl wurden in Tel-Aviv dort, wo es an Jaffa grenzt, 0 Juden meuchlings getötet, in Haifa auf dieselbe Weise fünf, aber schwer, sehr schwer , haben die Araber dafür gezahlt und nur der bewundernswerten Disziplin unserer Jungen ist es zu danken, daß es in Jaffa und im arabischen Haifa nicht zu einem Gemetzel kam. Man spricht von 600 arabischen Toten. Verstehe mich, ich bin weit davon entfernt, mich über Tote und seien es Araber zu freuen. Aber diese Zahlen beweisen mir nur, daß wir endlich aufgehört haben, ein Volk der Märtyrer zu sein, sie beweisen mir, daß wir uns wehren können, daß wir unser jüdisches Leben in Erez Israel leben wollen aus eigener Kraft und eigenem Lebensmut. Vielleicht noch wichtiger als die Ereignisse in den Städten waren die Geschehnisse auf dem Lande. Größere Siedlungen wurden nicht angetastet. Nur in Emek wurde an einigen Tennen Feuer gelegt, ein Schaden, der an sich nicht sehr groß, uns gewiß vergütet werden wird, und in Bet-Alpha, das nahe der transjordanischen Grenze liegt, versuchten Beduinen einen Ueberfall, der blutig abgewiesen wurde, ohne auch einen Verwundeten auf unserer Seite. Schlimmer war es um die einsamen in einem arabischen Meer sich befindenden Siedlungen in Jehuda bestellt. Da hatten wir leider einige Tote, aber auch da wichen wir keinen Finger breit. Zehn Stunden verteidigten sich 40 Leute in Chulda gegen 1000 Araber. Nur Ins Dorf Mozza gelang es der Horde für einige Augenblicke einzudringen, um gleich wieder hinausgedrängt zu werden. Als die Engländer schließlich erschienen, waren alle diese einsamen Siedlungen fest in unserer Hand, kein Araber wagte sich in Schußnähe. Trotzdem verlangten die Offiziere die Räumung der ganz kleinen Punkte Chulda und Kfar Uria. Schweren Herzens verließen die siegreichen Verteidiger ln Panzerautos ihre Stellungen und wurden nach Tel-Aviv gebracht. Nun rächten sich die Araber an den verlassenen Orten. Chu/ida und Kfar Uria sind heute ein Schutt- und Aschenhaufen, Diese Wirtschaften waren klein, von keiner großen Bedeutung, der materielle Schaden also nicht ins Gewicht fallend, aber weh tut es doch und nicht unsere Schuld ist es. Unsere Beschützer haben es auf dem Gewissen, denn ihnen konnten wir «ns nicht widersetzen. Der Aufstand war, wenigstendiinter den Arabern des Landes, unpopulär. — Daß sich in Hebron Araber fanden, die Juden versteckten und beschützten, ist kein Beweis, denn anständige Menschen findet man überall. Meine Beweise sind anderer Art. Die leitenden Hetzer planten die Ucberfälle gleichzeitig im ganzen Land und das gelang ihnen nicht. Die Araber unserer Nachbardörfer hatten