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Die Stimme · 1929-10-24 · Heft 97 (24.10.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 97 (24.10.1929)
Date
1929-10-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 97 DIE STIMME Sette t schritten in bezug auf den zweiten Jom Kippurtag und führt aus: «So ist der Brauch des R. Elieser aus Metz (12. Jhdt.) gleich dem unsrigen.» Rechtsgutachten des Mahari! N. 184. — Vgl. noch Glossen zu Maimuni Hilchoth Schebithath Assor Ende (wo mitgeteilt wird, daß R. Isaak Halewi und seine Jünger, R. Juda b. Baruch und seine Jünger und die «Großen der Zeit» *wei Tage zu fasten pflegten), Jakob Weil a. a. O., Jakob b. Ascher in Tur Orach Chajim Kap. 624, Leket Joscher ed. Freimann I S. 27, Josef Kars zu Tur a. a. O., Isserls zum Schulchan Aruch Kap. 624 und Abraham Gotnbino zur Stelle. Nun muß die Frage gestellt werden: Warum feierte man zwei Tage Jom Kippur? In talmudischer Zeit geschah es hauptsächlich aus Unsicherheit des Kalenders (vgl. Rosch haschanah 21a und Raschi zur Stelle). Im Mittelalter aber geschah es, so meint der Autor der Glossen zu Maimuni, nicht aus Unsicherheit des Kalenders bezw. dadurch, daß «wir uns nach dem Brauch unserer Vorfahren richten», die jedes Fest zwei Tage feierten, sondern auf folgenden Umstand zurückzuführen ist: Manche Monate haben bekanntlich zwei Neumon4stage. In einem solchen Falle beginnt der Monat mit dem zweiten Neumondstag, während der erste Neumondstag zum vorhergehenden Monat gehört. Nun hat der Monat Tischri zwei Neumondstage (= Neujahrstage). Man müßte somit konsequenterweise den ersten Neujahrstag noch zum vorhergehenden Monat zählen, der Monat Tischri würde somit mit dem zweiten Neujahrstag beginnen*). Nun wissen wir, daß Jom Kippur am 10. Tischri sein muß, der nach obiger Zählung ein Tag später als der 10. Tischri der gewöhnlichen Rechnung ist. Daher haben manche Juden, um beiden Rechnungen Genüge zu tun, am 10. und 11. Tischri gefastet. Ich glaube aber, daß der erste Grund, «wir richten uns nach dem Brauch unserer Vorfahren» richtiger ist. Wir finden nämlich im Mittelalter eine interessante Tatsache, daß man auch den Tisch ah be-Ab verdoppelte, indem manche Juden am 9. und 10. Ab fasteten (Rechtsgutachten des Maharil N. 123). Nun aber hat der Monat Ab bloß einen Neumondstag, unser 9. Ab ist somit nach aller Welt der wirklich neunte Tag dieses Monats, und doch hat es Juden gegeben, die auch am 10. Ab fasteten! 2. «Dann erfolgte die Zeremonie der Malkuth ... Der Synagogendiener spricht dabei den Vers «Aschamthi, bagadthi usw.» — Nach Abraham Klausner aber (s. seine Manhagim S. 12a, wo aber ein Druckfehler vorzuliegen scheint, deutlicher in den Minhagim des Maharil ed. Cremona S. 67a .im Namen des Abr. Klausner) spricht der Büßende das Sündenbekenntnis, während der Synagogendiener, der die 39 Rutenstreiche verabreicht, den aus 13 Worten bestehenden Vers «Wehu rachum» dreimal sagt. Wahrscheinlich pflegte der Synagogendiener nach jedem Wort, das er sagte, den Rutenstreich zu verabreichen. So übrigens auch schon nach Machsor Vitry ed. Berlin S. 375. Dr. H. J. Zimmels. l *) Nach der gewöhnlichen Auffassung werden die beiden Neujahrstage als «ein Tag» betrachtet. überhaupt keine Gedanken machen, wird zum Glück oder Verhängnis unseres Lebens. Ein Blick und in unser Herz ist ein Funke eingedrungen, ein dunkles Gefühl entwickelt sich zu einer Leidenschaft, — die Leidenschaft reift zur Tat heran. Mitunter große, schöne Taten, mitunter blutige. Manche Leidenschaften sterben im Wandel der Tage ab, das Leben tötet sie, manche lasten aber auf uns ewig. Sie leben, sie wüten in uns.. Manche aber hat uns die Natur mitgegeben, sie hat sie in unsere Adern gegossen, sie werden von unserem Blute getragen . . . Ich wollte von der Leidenschaft Benjamins sprechen und habe mich so weit verirrt. Eigentlich durfte er sich nicht einmal den Luxus einer Leidenschaft gestatten. Nur diese eine Leidenschaft, die des Blutes, ließ ihn nicht los. Sie tobte in ihm objektiv, sie wurde subjektiv, als sie ein Objekt gefunden hatte: Petros Frau . . . Es war also in einer Nacht . . . Das ganze Städtchen schlief seinen müden Schlaf und vom nächtlichen Himmel schauten die Sterne herunter, wie wenn sie die Augen Gottes wären, mit denen er seine Welt betrachtet. Grau und kalt stand das große Bethaus, und im Bade auf den Bänken ruhten die Heimatlosen. Mojschale war auf einer seiner prophetischen Wanderungen und Ben-Zion saß draußen auf den Stiegen des Bades und sang ein sehnsuchtsvolles Lied. Es vereinte sich mit dem Gesang der nächtlichen Vögel zu einem Ganzen. An diesem Abend war Petro ganz besoffen nach Hause gekommen. F.r verabfolgte seiner Frau eine tüchtige Tracht Prüge>\ um sie seinen Gelüsten gefügiger zu machen. Benjamin lag auf seinem Platze, konnte aber heute nicht einschlafen. Sein Kopf war voll und schwer, den ganzen Körper durchliefen Ströme von heißem Blei . . . Nein, er konnte nicht mehr! . . . Die ganze Zeit fühlte er sie, ihr Atmen, das Schlagen ihres Herzens . . . Dann cKe Dusche: Petros Atmen, iihr Husten . . . Und jetet geschah etwas Unerhörtes. Wie einer höhere« Gewalt folgend, schlich er von seinem Platze hiniwitw — langsam, langsam — den Körper gebückt, nrft großen Augen. Und plötzlich . . . wie ein Tiger sprang er auf Petro los, der auf der Decke lag und wild atmete . . ., packte ihn beim Hals, drückte ihn fest, daß er keinen Laut von sich geben konnte und schieu- 0er 0olu^3ti*fu$ Im 3trfa* 3cn(ral ffit 5 $)ola3'3)uc$f?a&cn. Von heute bis Freitag, täglich y,4 Uhr nachmittags, erstklassige Variete- und Zirfoua« Vorstellungen. 2 Dosen Dohls-Schuhcreme, 2 Pakete Meta-Seifenpulver, 1 Dose Fußbodenpasta and Sie sind Besitzer von 5 Doius-ßuchstaben, da in jeder Dose und jeder Packung ein Dohis-Buchstabe eingelegt ist. Der Vorverkauf findet in allen bekannten Einiöeestelien und an der Zirkus-Kassa täglich ab 3 Uhr nachmittags fortlaufend statt. Für 5 Dolus-Buchstaben eine große Variete- und Zklous-Vorstehung m Meten, ist da6 Tagesgespräch ganz Wiens. Was geht in Rußland vor? Numerus clausus in Sowjetrußland Moskau, 17. Oktober. (J. T. A.) Eine in Kiew abgehaltene Versammlung kommunistischer Studenten stellte die Forderung auf, daß für jüdische Hörer an den Sowjethochschulen ein Numerus clausus eingeführt werde. Antisemitische Terrorakte Moskau, 17. Oktober. (J. T. A.) 25 Arbeiter des Schiffbauhafens in Murom überfielen am hellichten Tage unter den Rufen „Schlagt die Juden und rettet Rußland!“ vier jüdische Ingenieure und verprügelten sie so schwer, daß sie aus mehreren Wunden bluteten. Die Zeitungen melden, daß in der Fabrik „Jutilisazia“ in Minsk nicht jüdische Arbeiterinnen ihre jüdische Arbeitsgenossin Dischler in den Abort geschleppt und ihr dort Exkremente in den Mund gestopft haben. Männliche Arbeiter S&udeicß Stettin* mmme SCHUHFABRIK isimsfa VII.KAI$ER$TR.46.im stock. derte ihn wie einen Waschlappen von der Decke weg.. Petros Frau schaute wie ein erschrockenes Kind, wußte nicht, was da vorgeht. Dann stürzte er sich auf sie, preßte sie an seine Brust, küßte sie wie ein Wahnsinniger . . . Benjamin nahm sich das, was die Welt dem Idioten versagt hat und worauf er nicht verzichten konnte. Petros Frau seufzte und hustete zum ersten Male nicht . . . Dann — Stille . . . Beide erwachten aus dem Taumel. Erst jetzt begannen sie zu begreifen, was geschehen war. Langsam schauten sie sich um, und ihr Blick entdeckte den unbeweglich liegenden Petro. Noch halb trunken, erhob sich die Frau und ging zitternden Schrittes auf ihn zu. Er bewegte sich nicht. Sie bückte sich nieder, betastete ihn: «Petro! Petro!. .» Petro war kalt . . . Sie schlug Lärm — obzwar sich in ihr nichts regte — sie begann zu weinen und zu lamentieren, die «Internationale» erwachte, -man umringte den Toten, zündete eine Kerze an, untersuchte Ihn: «Jemand hat ihn erwürgt . . .» Inzwischen wurde die Gendarmerie verständigt. «Wer hat es getan?» . . . Auf der Decke von unbestimmter Farbe und unzähligen Löchern lag halb sitzend Benjamin und starrte mit geistesabwesenden Augen in die Schar der Versammelten, Auf die Frage: «Wer hat es getan?» stand er mechanisch auf und ging gebrochen, mit schleppenden Schritten und willenlos herabhängenden Händen auf die Gendarmen zu. Sie nahmen ihn in ihre Mitte, versetzten ihm ein? Schläge und führten ihn ab. Ein zarter, liebevoller Blick aus verweinten Frauenaugen begleitete ihn hinaus. Das ist die Geschichte des städtischen Idioten. Kurz darauf habe ich das Städtchen verlassen. Nach Jahren habe ich einen Bekannten von dort getroffen, bei dem ich mich nach Benjamin erkundigte. Er sagte mir, daß er bald nach seiner Verhaftung Im Kerker gestorben sei. Das Bündel mit den «neuen» und alten KleMera hat er Petros Frau vermacht. ** der Fabrik, unter ihnen Kommunisten, sahe& lachend der Tortur zu. Jom Kippur in Rußland Moskau, 17. Oktober. (J. T. A.) Die Moskauer Synagogen waren wie in den Rosch-Haschanah-Tagen so auch am Versöhnungstage voll besetzt mit Andächtigen; andererseits, waren die in der Staatsindustrie beschäftigten jüdischen Arbeiter sowie alle jüdischen Angestellten der Sowjetinstitutdonen ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nachgegangen, da es niemand von ihnen wagte, wegen den höchsten jüdischen Feiertagen der Arbeit fernzubleiben. Am Kol Nidrei-Abend haben jüdische Ko-‘ lonisten in 25 Sälen Moskaus Konzerte veranstaltet, um die jüdische Bevölkerung von dem Besuch der Synagogen wegzulocken. In den kleineren Städten des Sowjetreiches und in den jüdischen Kolonien wurde das Ver-, söhnungsfeet ganz wie in den alten Tagen begangen. Abraham Reisen nicht mehr „Ehrenpioiüer“ tob Moskau Moskau, 11. Oktober. (J. T. A.) Der Verbandder jüdischen Pioniere in Moskau hat dem Dich-: ter Abraham Reisen den ihm verliehenen Titel eines „Ehrenpioniers“ abgesprochen, weil Reisen gegen die New Yorker „Freiheit“, die dief arabischen Aktionen in Palästina beschönigte* aufgetreten ist. Ritualmordhetze im Kaukasus Moskau, 15. Oktober. (J. T.-A.) In der Nach* barschaft des jüdischen Dorfes Larin wurde deij 13jährige Wassja Gubariow ermordet aufgefun-i den. Unter der christlichen Bauernschaft verbreitete eich das Gerücht, daß die Juden den’ Knaben zu rituellen Zwecken aus Anlaß des Versöhnungstages getötet haben. Als 12 jüdische Kommunisten aus Larin nach Serebriakowa’ kamen, um ihr Getreide in der Mühle mahlen’ zu lassen, wurden sie umzingelt und schwer mißhandelt. Unter den Rufen „Schlagt die Juden!“ sammelte sich allmählich fast die ganze Einwohnerschaft vor der Mühle an und nahm an der Mißhandlung der jüdischen Kommunisten teil. Der Vorsitzende des Dorfsowjets erklärte, man müsse alle Juden abschlachten, um sie endlich los zu werden. Schließlich gelang es der. Dorfmiliz, die jüdischen Kolonisten zu befreien und sie nach Larin zu bringen. Die Kreisbehörde hat sofort eine Untersuchung eingeleitet, in der festgestellt wurde, daß Wassja Gubariow nicht durch Juden, sondern durch den' jungen christlichen Bauern Pawel Melnikow ermordet wurde. Melnikow hat den Mord auch’ schon eingeetanden. Zwischen den Zeilen Die Stimme der Jugend Das isi das Schönste und Hoffnungsreichste was wir haben: Jugend. Das Schönste, weil in ihr Ideale blühen und sich entfalten und keine Kompromisse kennen. Das Hoffnungsreichste, weil von Generation zu Generation der Wille wächst, die Tat sich ausbreitet, die Renaissance tiefer und weiter geht. Die Kommenden übernehmen das Erbe der Gehenden, hüten es, pflegen, und lassen es in ihrem Herzen wachsen. Nun wird in unserem Blatte auch die fugend sprechen. Einfach, nngeklügelt, aber — das hoffen wir — mit Inbrunst, Liebe und Leidenschaft. So sprechen, wie sie fühlt. So sprechen, wie sie handein will und wird, Wir freuen uns, daß nun auch ihre Stimme erschallt. Wir freuen uns, weil wir alle jung bleiben oder Jung werden wollen. .... Wir freuen uns, weit unserer Bewegung, Sinn und Ziel —- Jugendlichkeit und Verjüngung heißt. Und wer kann einem alten Volke besser zum Jung- Werden verhelfen, als seine Jagend? Wir freuen uns tutd — warten. Sem,

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