Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 97 (24.10.1929)
- Date
- 1929-10-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053849--1335-3056680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sefl* 6 DIE STIMME Nr. 97 Der Keren Kajemeth auf dem XVI. Zionistenkongreß Die Ereignisse der letzten Wochen haben die ganze jüdische Oeffentlichkeit in Atem gehalten. Wir mußten unser Blatt natürlich ganz in den Dienst dieser Ereignise stellen. Wir Zionisten und mit uns die ganze lebenswillige Judenheit sind von der Unruhe des Schaffensdranges beseelt. Die Ereignisse haben uns bewiesen, daß wir unsere Arbeit für und In Palästina vervielfachen müssen. Wir wollen daher unser Blatt den Problemen des Palästina-Aufbaues wieder öffnen und dem Bodenproblem einen breiten Raum gewähren, dessen ganzer Ernst erst beim letzten Kongreß sich allen offenbarte. Die Redaktion. Lange Jahre führte der K. K. L. das Dasein eines Aschenbrödels. Man brachte ihm, der durch die Tradition geheiligt war, «Sympathie» entgegen, aber man sprach nicht gern über ihn in ernsten zionistischen Kreisen. Er galt als ein «überwundener Standpunkt». Und plötzlich eroberte er sich neuerlich die Herzen. Ja, zeitweilig übertönte er am letzten Kongreß den Lärm um die Jewish Agency. Was war geschehen? Es hat sich gezeigt, daß der K. K. L. niemals genug Boden haben kann. Es gab Zeiten — und r:e liegen nicht so fern —, wo man davon Überzeugt war, daß der K. K. L. zuviel Boden besitze. Hatten wir doch nicht genug Mittel, um auf dem bereits vorhandenen Boden Siedler anzusetzen. Da kam die vierte Alijah mit ihren positiven und leider vielen negativen Erscheinungen. Viele Einwanderer mußten scheitern, obwohl sie nicht als Bodenspekulanten ins Land gekommen waren, sondern in der Absicht, sich durch produktive Arbeit zu ernähren. Sie scheiterten am Mangel an nationalem Boden. Hätte der K. K. L. genügend Reserveboden bei und in Tel-Aviv gehabt, die vierte Alijah wäre in viel höherem Maße ein Erfolg gewesen, als sie es wurde. Es setzte sich daher die Ansicht durch, daß der K. K. L. nicht nur Boden für den Moment zur Befriedigung der gegenwärtigen Kolonlsationabedürfnisse benötige, sondern daß er sich eine Bodenreserve schaffen müsse, und zwar überall dort, wo Aussicht besteht, daß sich in Hinkunft ein bedeutendes landwirtschaftliches, industrielles oder Handelszentrum entwickeln werde. Der K. K. L. ist also nicht saturiert. Ein zweiter Umstand trat in Erscheinung: Privatpersonen kauften viel Boden und legten Pflanzungen an. Dies löste in unseren Kreisen viel Freude aus. Aber bald äußerten sich schwere Bedenken. Wir wollen in Palästina eine dichte jüdische Bevölkerung haben, damit wir in naher Zukunft dort zur Mehrheit werden. Doch überall, wo Juden mit privaten Mitteln Pflanzungen anlegten, begannen sich Latifundien zu entwickeln. Dort, wo zwei bis drei Familien aufGrundlage eigener Arbeit sich erhalten konnten, lebt nur eine jüdische Familie. Und hinzu kommt, daß anbaufähiger Boden im kleinen Palästina nur noch in beschränktem Maße vorhanden ist. Und wer garantiert uns, daß der Grundbesitzer jüdische Lohnarbeiter beschäftigen wird? 25 Jahre führen wir i.n den alten Rothschild-Siedlungen einen Kampf um jüdische Arbeit und noch immer ist der entscheidende Sieg nicht errungen. Das zionistische Gewissen begann sich zu regen. Aber man beruhigte es: Seien wir froh, daß der Boden in jüdische Hände kommt. Freilich, es wäre ja sehr gut, wenn der K. K. L. ihn erwerben würde, aber was sollen wir tun, die Mittel des K. K. L. sind doch beschränkt. Da überkam viele von uns der Gedanke: Wenn der K. K. L. zu wenig Mittel hat, müssen eben Anstrengungen gemacht werden, ihm entsprechende Mittel zu verschaffen. Aufklärung tut not! Der K. K. L. muß aus dem Schlupfwinkel gezogen und in das Licht der jüdischen Oetffentlichkeit gerückt werden. Die konventionellen Lügen der Saturierthelt, des Fatums der Unabänderlichkeit des gegenwärtigen Zustandes müssen fallen, dann wird der Zionismus, dann wird das jüdische Volk auf die wahrhaft brennende Frage der Bodenreserve entsprechend antworten. Eine weitere Erkenntnis brach sich ferner Bahn: Ist es wahr, daß die Bodenfrage, d l e brennende Frage unserer Aufbauarbeit ist, so muß die sofortige Hereinbringung der Mittel für den K. K. L. zumindest ebenso Sache der Erwachsenen wie der Jugend wenden. Mit dem Zustand muß gebrochen wenden, daß nur die Jugend für den K. K. L. zu arbeiten habe. Der K. K. L. muß das Sorgenkinddergesamten zionistischen Organisation werden, beglnnend von den höchsten Führern und endigend beim letzten Soldaten. Und auf dem Züricher Kongreß »teilte siclh Weizmann ln aller Klarheit hlater die Forderungen des K. K. L. Man spürte es deutlich am Kongreß: Wenn es e’ne Frage gab, in der eine einheitliche Auffassung bei;;nd, die die Gemüter alter a*ds tiefste anfwühlte, so war es der K. K. L. Und nur so ist es zu erklären, daß auch unsere neuen Freunde, die sogenannten Nichtzionisten, von uiocrer Unruhe initgerissen wurden. Herr Lippmann, der große kolonisatorische Fachmann, von dest es Liga (Union) der Zionisten-Revlsionlsten Oesterreichs Donnerstag, den 31. Oktober 1029, 8 Uhr abends, im separierten Lokal des Cate Central, II., Große Afohrengasse 3 (nächst Schwedenbriicke) Ordentliche Generalversammlung Tagesordnung: 1. Dr. Nörbert Hoffmann: Unsere Stellung zur politischen Situation des Zionismus. 2. Dr. David Bukspan: Unsere Stellung zur Landesorganisation. 3. Ing. D. Schachet: Tel Chaj. 4. Wahl des Präsidiums. 5. Statuten. 6. Eventualia. Teilnahmsberechtigt sind nur Besitzer neuer Mitgliedskarten mit laufender Quartalszahlung. Ausgabe derselben Donnerstag, den 24. Oktober, von 8—10 und Donnerstag, den 31. Oktober, von 8—9 Uhr abends im Lokal, II., Große Mohrengasse 3, Catfö Central (nächst Schwedenbrücke). Erscheinen Pflicht! Erscheinen Pflicht! heißt, daß er als Repräsentant der Nichtzionisten in die Palästina-Exekutive eintreten werde, machte sich d i e Anschauung des Kongresses über die Stellu ngdes K. K. L. im jetzigen Momente z u e i g e n. Die Zionisten aller Länder haben nun das Wort: die vom Kongreß beschlossene Summe von einer Million Pfund in den nächsten zwei Jahren aufzubringen, damit der K. K. L. die Bodenreserve schafft. Dr. Chaim Tartakower. Ein Gesetz über die jüdische Religionsgemeinschaft in Jugoslawien Belgrad, 15. Oktober. (J. T. A.) Da® Amtsblatt der Regierung Jugoslawiens wird in diesen Tagen ein Gesetz veröffentlichen, welches das Verhältnis des jugoslawischen Staates zur jüdischen Religionsgemeinschaft in allen Beziehungen regelt. Wie der J. T. A.- Vertreter erfährt, hat die Kultusabteilung des Justizministeriums den vom «Verband jüdischer Kultusgemei-nden in Jugoslawien» vorgescblagcnen Gesetzestext vollinhaltlich akzeptiert, so daß das neue Gesetz. die jüdischen Kultusinteressen in Jugoslawien in vollem Maße wahren wird. Ein Communiquö der polnisch-palästinensischen Handelskammer Warschau, 15. Oktober. (J. T. A.) Die offiziöse polnische Telegraphen-Agentur verbreitet ein Communique der palästinensisch-polnischen Handelskammer in Tel-Aviv, in der den im Zusammenhang mit den letzten Geschehnissen in Palästina im Auslande verbreitet gewesenen Gerüchten über eine wirtschaftliche Depression in diesem Lande energisch entgegengetreten wind. Die Handelskammer, heißt es in der Erklärung, hält es für ihre Pflicht, der Oeffentlichkeit mitzuteilen, daß ln Palästina vollkommene Ruhe herrscht und daß das Tempo des wirtschaftlichen Lebens den früheren Zustand vollkommen erreicht hat. (Nachdruck verboten.) Kinder Erinnerung an 1901 Von Vojtech Rakous. Ein Haufen kleiner Buben, kleine, fünf- und sechsjährige Kerlchen, spielte am Dorfplatz. Ein Judenjunge, ungefähr in demselben Alter, stand abseits, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und blickte sehnsuchtsvoll nach den Spielenden. Er hätte so gern, so unaussprechlich gern mitgespielt! Aber sie jagten ihn — heut’ wie immer — sobald er den Versuch machte, sich den Spielenden zu nähern, gewaltsam davon und beschimpften ihn mit so sonderbaren, unschönen Namen. Und so blieb dem Judenjungen nichts anderes übrig, als untätig abseits zu stehen und sehnsuchtsvoll dem Spiel zuzusehen. Welche Gefühle erfüllten dabei seine kindliche Seele und welche Gedanken zogen durch seinen kindlichen Kopf? Nur einmal, nur ein einziges Mal mit Ihnen mitspieten zu können — was müßte das für eine Wonne sein! Und warum spielen alte miteinander und warum lassen sie ihn gerade nicht zu? Er hatte niemandem von ihnen etwas zuleide getan, er würde in allem gehorchen, was sie befehlen würden! Warum nur wollten sie nicht? Warum? Es war, als hätten sie seine fieberhafte Sehnsucht erraten. Sie hörten auf einmal zu spielen auf, steckten die Köpfe zusammen und berieten sich flüsternd. «Jud\ komm*, spiel mit uns!» rief ihm einer zu, offenbar der Aelteste. Ihn schwindelte, freudig war er mit einigen Sprüngen bei ihnen. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen, es geschah, was er so sehr ersehnt hatte. Nicht nur, daß sie mit ihm spielten — er wunde geradezu der Mittelpunkt des Spieles, die Hauptperson! Sie spielten lange, wiederholten das Spiet einige Male und als er nach Hause zur Mutter kam, berichtete er freudig erregt, mit leuchtenden Blicke«: cAfte haben mit mir gespielt, Mutti . . . alle .«, ' wir haben den Herrn Hilsner gespielt; ich war der Herr Hiisner und sie haben mich aufgehängt, Mutti, haben mich ein paarmal hintereina>nder aufgehängt . . .» Die Mutter verdarb mit keinem Blick seine kindliche Freude. (Einzig autorisierte Uebefsetzung aus dem Tschad* scheu mu Anna A^rednicefcJ Fürst Radziwill und der Esrog Eine Wilnacr Stikkofgcscfiichic von J. Brandes. Diese Geschichte begab sich vor hundertsieben- 1 undsechzig Jahren, im Jahre 5515, während des siebenjährigen Krieges, den Friedrich der Große mit den Herrschern von Oesterreich, Rußland, Frankreich und Sachsen führte. Infolge des Krieges waren die Straßen lebensgefährlich, und ans Polen nach Erez Israel oder in ein anderes Land zu kommen, wo Esrogim zu bekommen waren, war unmöglich. Der Sommer war bereits zu Ende und es kam die Elulzeit. Die Töne des Sohofar erklangen schon und die Judenkeit von Wilna rüstete zu den hohen Feiertagen; man begann die Zeit der Buße vorzuberciten und im Wilnaer Ghetto wurde ■- die Düsterkeit der Gerichtstage fühlbar. Auch der Gaon von Wilna — sein Andenken uns zum Segen —• hatte viel Kummer und Sorge. Er brauchte natürlich vor dem Tag des Gerichtes keine Furcht zu haben: denn wer außer ihm könnte vor den Richterstuhl mit so viel guten Werken und Wohltaten treten? Des Gaons Kummer war ein ganz anderer. Er sah ein, in einem so->großen Kriege, an dem die halbe Welt teil nahm, würde es unmöglich sein, einen Esrog zu beschaffen; wie konnte man da die Mizwah der vier Fruchtarten erfüllen? Es war bereits nach Rosch-Hoschanah, der Jom- Kippur war schon vorüber, und in Wilna gab es noch . immer keinen Esrog; was konnte das für ein Snkkotfest sein, ohne einen Esrog, und gar für den Gaon von Wilna, der die Mizwah der vier Fruchtarten so hoch schätzte, daß er sich das ganze Sukkotfest hindurch am Esrog erfreute? Ihr wißt ja, als er zur Sukkotzeit im Jahre 5558 dsahimging, da starb er, den Esrog und den Lulaw in der Hand. Als aber das Sukkotfest nabte und noch kein Esrog da war, dia schloß sich der Gaon von Wilna ein und ließ niemanden, auch keinen seiner Schüler, vor sein• Angesicht; und er flehte zu Gott dem Herrn mit heißem Gebet. Da traf es sich, daß am Vortage de« Sukkot festes dem Woiwoden von Wilna, Fürst Radziwill, die Tochter erkrankte; und der berühmteste Arzt -v war berufen, Rabbi Jehuda Halcwi Hurwitz, von Wilna; Er untersuchte die Kranke und befand ihren Zustand; gefährlich; als Fürst Radziwill ihn fragte, was zu tun - sei, um die Prinzessin zu retten, antwortete ihm Rabbi . Jehuda Hurwitz: «Es steht schlecht — es gibt keine . Hilfe». Da rief Fürst Radziwill verzweifelt aus: «Idh . bin bereit, mein ganzes Vermögen herzugeben, nur rette mein Kind!» Rabbi Jehuda Hurwitz versank in tiefes Sinnen ’ und antwortete dann: «Durchlauchtigster Fürst! Arzneien helfen gar nichts; es gibt nur noch ein Mittels v Bei uns in Wilna gibt es einen großen, heiligen Rabbi*«.** sein Name ist Rabbi Elijahu; nur dieser Rabbi kann ■ f durch sein Gebet das Leben deines Kindes rettenI» Der Fürst, dem keine Wahl blieb, sandte eiligst eine Reiterstafette mit einem hebräischen Brief aus, den . der Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz geschrieben hatte, worin der Fürst den heiligen Rabbi beschwor, für die Gesundheit seiner Tochter ziu beten. Als dem Gaon gemeldet wurde, eine Stafette vom Fürsten Radziwill sei zu ihm gekommen, ließ er sie vorj er las den Brief durch, betete dann inbrünstig und übergab dem Boten einen Zettel, auf dem die Worte standen: «.Denn gut ist der Herr zu allen Geschöpfen und sein Erbarmen über allen seinen Werften.» Der Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz, den Fürst Radziwill bis zur Rückkehr der Stafette in seinem Hause beherbergt hatte, las die Antwort des Gaon und teilte dem Fürsten freundlich mit, der Gaon habe seine Tochter gesegnet, auf daß sie gesunde. Von diesem Augenblick an wich die Krankheit der Prinzessin und am Morgen des ersten Sukkotages konnte sie schon ihr Lager verlassen. Fürst Radziwill ließ noch einmal den Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz rufen und fragte Ihn, wie er dem heiligen Rabbi für die Genesung seiner Tochter danken könnte. «Durchlauchtigster Fürst», antwortete der Arzt, «Geld nimmt der Rabbi nicht, aber wenn du es ihm möglich machen würdest, einen Esrog und einen Lulaw zu bekommen, die der heilige Rabbi gar sehr braucht, „ um ln den Tagen unseres Sukkotfestes zu Gott zu beten, und die er heuer wegen des Krieges nicht zu kaufen bekommt, so wäre der Rabbi dir dafür sehr dankbar.» , «Gut!» rief der Fürst erfreut aus, «noch heute soll , der Rabbi einen Esrog und einen Lulaw haben». Das Gefilde am Ufer der Wilja, wo jetzt der Palast des Grafen Tiszkiewicz steht, gehörte damals dem Geschlechte der Fürsten Radziwill. Der polnische König Siegmund August hatte dort seiner Geliebten, der Prinzessin Barbara Radziwill, ei« prächtiges Schloß mit einem Garten errichten lassen. Gärtner aus Italien waren gebracht worden und hatten ln diesem Garten die wunderbarsten Bäume und Gewächse gepflanzt, ln ihm blühten die schönsten Tropenpflanzen und alte Arten von Bäume« des Südens. König Siegmund August hatte diesen Fleck Ende in ein Paradies verwandeln lassen und ln der Orangerie dieses herrlichen fürstlichen Gartens gab es auch einen E&ragbaum und einen Lulaw. Der Woiwode Fürst Radziwill, der diesen wunderbaren Garte« mit dem Schlosse geerbt hatte, sandte sofort einen Boten dahin, um eine« Esrog und einen Lulaw zu holen, und mit seinem ganzen Gefolge brachte er dteee Geschenke dem heiligen Rabbi, dem Gaon von