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Die Stimme · 1929-10-17 · Heft 96 (17.10.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 96 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 96 nie QTtuue UIC 91 lniniJu Seite Oeffentliche Tagung des zionistischen Ehrengerichtes in Sachen Reuben Brainin—Chaim Nachman Bialik Vor einem zionistischen Ehrengericht wurde am 7. Oktober abends im Hause der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in der Ehrensache des Schriftstellers Reuben Brainin gegen, den hebräischen Dichter Chaim Nachman-Bialik öffentlich verhandelt. Die Klage hatte die folgende Vorgeschichte. Am 21. Mai d. J. erschien in der hebräischen Presse ein von Chaim Nachman-Bialik Unterzeichneter Aufruf des Verbandes hebräischer Schriftsteller Palästinas, in welchem die jüdische Welt aufgefordert wurde, gegen die Vernichtung des Zionismus und der hebräischen Sprache in Rußland mit aller Schärfe vor der Oeffentiichkeit der gesamten Kulturwelt zu protestieren. Zuin Schluß wurde eine heftige Anklage gegen Reuben Brainin gerichtet, von dem gesagt wurde, daß er, ein Altmeister der hebräischen Literatur, einer der ältesten Zionisten, durch seine Schilderung der Verhältnisse Rußlands den Feinden Waffen geschmiedet hat zur Vernichtung des Judentums. Er sei 2um «Verräter und Fälscher» geworden, der Empörung und Abscheu verdient. Brainin hat in einem offenem Schreiben Bialik und den Schriftstellerverband aufgefordert, vor einem Ehrengericht ihre Anklage gegen ihn zu begründen. Da nun Brainin wie Bialik sich gegenwärtig in Berlin befinden, hat Bialik Reuben Brainin brieflich aufgefordert, die Sache vor einem zionistischen Ehrengericht in Berlin auszutragen. Brainin hatte* sich hiermit einverstanden erklärt. Rechtsanwalt Gronemann eröffnete unter ungeheurer Spannung der Kopf an Kopf gedrängten Zuhörerschaft die Verhandlung und gab dem Kläger das Wort zur Begründung seiner Anklage. Im Namen Reuben Brainins, der sich körperlich schwach fühlt, verlas sein Sohn Joseph Brainin, die Anklage. Brainin erklärt, er habe im Jahre 1926 einige Zeit in Rußland verbracht und die dortige Lage studiert, er sehe in dem russischen Kolonisationswerk nicht nur eine Rettung des jüdischen Volkes, sondern auch des jüdischen Geistes in Rußland; er betrachte seine Tätigkeit für die russische Kolonisation als logische Folgerung seiner zionistischen Ideologie. Vom Gesichtswinkel einer weitherzigeren zionistischen Auffassung sei kein Unterschied zwischen' der Arbeit in Rußland und der in Palästina; er seinerseits habe niemals eine Gelegenheit vorübergehen lassen, für Palästina zu werben; die offiziellen zionistischen Führer Amerikas haben seine Tätigkeit anerkannt und in ihm eine Art Verbindungsoffizier zwischen dem zionistischen Lager und dem Lager des Joint Distribution Commitee gesehen. In Anerkennung seiner Verdienste würde er — nachdem er vorher Vizepräsident der Zionistischen Organisation war — zum Ehrenvizepräsidenten des United Palestlne Appeal gewählt. Der Eßrog vom Heiligen Lande Von Josef Patal (Budapest). Der Rimanower Zaauik ging in seinem Zimmer ungeduldig auf und ab, von Zeit zu Zeit zum Fenster hinauistolickend wie jemand, der einen großen Gast erwartet. — Schau’ mal, mein Sohn, ob Cheskele noch nicht kommt? — sagte er, sich an einen seiner jungen Gläubigen wendend. Der junge Mann nahm den Auftrag als große Auszeichnung hin und stürzte schnell hinaus, kehrte aber schon nach einigen Minuten zurück. — Er ist noch nicht zu sehen; soll ich ihm entgegengehen? Der Zaddik nickte bejahend. Er setzte sich auf einige Augenblicke, dann sprang er wieder auf und eilte zum Fenster. —Wo mag dieser Cheskele so lange bleiben? Wo mag er bleiben? — Soll,' ich naohaehen, ob sie schon kommen? — fragte zaghaft Reb Scholem, der Toraschreiber. Der Zaddik nickte mit dem Kopfe und blickte wieder zum Fenster hinaus. — Der Cheskele, Cheskele, warum säumt er so lange? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht! Reb Chajeml, der zweite Schamnies, machte sich erbötig, dem Cheskele entgegenzugehen. Im Laufe einer Viertelstunde waren schon etwa ♦ehn Menschen dem Cheskele entgegengeeilt. Der Zaddik aber lief mit stets wachsender Ungeduld von der Türe zum Fenster, vom Fenster zur Türe, immer wiederholend: — Wo mag er doch bleiben? Wo mag er bleiben? Da auf einmal, als der Zaddik wieder das Fenster erreichte, blieb er plötzlich stehen und seine Augen leuchteten in wunderbarem Glanze auf. Die Gläubigen drängten sich zum Fenster and sahen, daß sich von der Straße her eine große Menge nähere. Nach wenigen Minuten trat Cheskele in großer Begleitung ln die Stube. Der Zaddik stürzte ihm entgegen, noch an Bialiks Rede Chaim Nachmann Bialik ergriff nun das Wort zu einer mit ungeheurer Wucht und dichterischem Pathos vorgetragenen Rede. Brainins Name, sagte er, war mir teuer gewesen, mit tiefem Weh richte ich die schwere Anklage gegen ihn, und niemand wird sich mehr freuen als ich, wenn es ihm gelingt, sich zu rehabilitieren. Den Aufruf habe er unter großer seelischer Pein unterzeichnet, es haben ihm aber glaubwürdige Informationen und beglaubigte Dokumente Vorgelegen, die Brainins Schuld erwiesen, der zu den ungeheurem Scheußlichkeiten, der Vernichtung der hebräischen Kultur und des Zionismus, Uber die er in Rußland von den Abgesandten der Leidenden und Bedrängten unterrichtet worden war, geschwiegen und — als er außerhalb Rußlands darüber befragt wurde — die Verfolgungen leugnete oder sie dadurch zu beschönigen suchte, daß er behauptete, in Palästina werde die jiddische Sprache ebenfalls verfolgt. Das drei Millionen Seelen zählende russische Judentum ist heute verstummt, Alle hebräischen Druckereien sind vernichtet, kein hebräisches Werk darf nach Rußland kommen, hebräischer Unterricht Ist verboten, Lehrer werden nach Sibirien verbannt. Warum hat Brainin geschwiegen, warum hat er nicht die Wahrheit tn die Welt hinausgeschrien? Er hat versprochen, das Material im Auslande zu verwerten, er hat es nicht getan; statt dessen sang er Lobeshymnen auf die Zerstörer des russischen Judentums. Sfecler Strenggläubige ■111 iv,-; min, kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kuner ol verwenden. Die Kunerol-Erzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. 100% REINES KOKOSNUSSFETT der Türe riß er ihm das kleine Päckchen aus der Hand, welches auf stürmischem Meere <und über einen weiten Weg auf trockenem Lande bis zur Rimanower Post gelangt war. Schnell erbrach der Zaddik die dünne Decke der länglichen Kiste und legte ihren kostbaren Inhalt der Reihe nach auf den Tisch. Zuerst wickelte er einen sohönen grünen Palmzweig heraus, dann einige duftende Myrten und endlich den in eine eigene Schachtel gepaokten zitronenförmigen Eßrog. Er legte dies alles nebeneinander auf den Tisch und betrachtete es lange mit Andacht und Ergriffenheit. — Sehet, meine Kinder, dieser Palmzwöig, der so ist, wie das Rückgrat des Menschen, diese Myrte, deren Blätter, wie die Augen des Menschen, dieser Eßrog, wie. des Menschen Herz, .sie alle kommen von jendr heiligen Erde, aus der aller Segen in die Welt hinäusströmt. Dort . dien sie noch jetzt, der Baum des.Eßrögs, der Stu *es Palmzweiges uhd der Strauch der Myrte, dort eiten sich ihre Wurzeln in der Tiefe der Erde a<us und saugen ein die heiligen Tropfen, welche aus den ewigen Bächen des Paradieses sickern. Schauet, meine Lieben, der Eßrog wurde abgerissen vom Baume, den Palmzweig schnitt man ab vom Stamme, die Myrte riß man vom Strauche, die Wurzeln aber sind dortgeblieben in der heiligen Ende. Und wenn die Kinder Israels ihre Häuser verlassen und In die Hütten eintreten, erkennend, daß sie nie und nirgends eine sichere Heimstätte finden, als in der Hütte der göttlichen Obhut, wenn sie da den Eßrog ans Herz drücken, den Blick auf die Myrte werfen und’den Paimzweig gegen den Himmel heben, dann wächst durch die weiten Fernen hindurch die Frucht mit dem Baume wieder zusammen und der Zweig wird ein« mit dem Stamme. Und wenn die Kinder Israel® so beten und aus ihrem Munde, der gleichsam das an dem festlichen Palmzweige haftende Blatt der Trauerweide Ist, sehnsüchtige Seufzer ausbrcchen und zum Himmel steigen, da fängt oben das Laub de« Weltbaumes zu rauschen an, die Vogelnester erzittern, die Lieder und das Zwitschern verstummen, ein tiefer Seufzer erfüllt das All, und der Greis der Zeiten wird des Erbarmens voll für seine verbannten Kinder. Reuben Brainin erwiderte ln längeren Ausführungen, die er mit bewegten Worten vortrug. Es wurden dann als Zeugen Herr Dr. Mase, der Sohn des verstorbenen Moskauer Oberrabbiners, und der aus Rußland entkommene hebräische Lehrer Jehudi vernommen. Während Mase Brainins ganzes Verkalten in Moskau sachlich darlegte, dabei nicht verschwieg, daß die russischen Zionisten dieses Verhalten mißbilligten, schleuderte Jehudi schwere Anklagen gegen Brainin, der das ihm übergebene Material unterschlug und dessen Loblieder auf die russischen Zustände von der kommunistischen Presse in Rußlu.id und America zur Propaganda gegen den Zionismus ausgenutzt wurden. Das Urteil Nach Repliken vom Ankläger und Beklagten und einer längeren Beratung der Ehrenrichter verkündete Herr Gronemann gegen 5 Uhr morgens das fokjftudc Urteil: Das Ehrengericht habe die Angriffe des Beklagten gegen den Kläger als sachlich berechtigt angesehen, mißbilligte aber einzelne Wendungen in dem Aufruf. Zu den Gerichtskosten haben Brainin als der Kläger neun Zehntel, Bialik als der Beklagte ein Zehntel beizu* tragen. In der Begründung des Urteils wird ausgeführt, Brainins Verhalten müsse von jedem verantwortlichen Zionisten mißbilligt werden, es habe russische Juden Gefahren ausgesetzt. Von einem alten Zionisten, der noch dem ersten Kongreß beiwohnte, von einem hervorragenden Vertreter des Hebrälsmus sollte man erwarten, daß er furchtlos die ihm mitgeteilten Klagen in die Welt hinaustragen werde. Obwohl er, wie zugegeben wird, die Verfolgungen schmerzlich empfunden hat, hat er geschwiegen, hat das in ihn gesetzte Vertrauen getäuscht, hat mindestens einen wesentlichen Teil verschwiegen, andererseits durch enthusiastisches Hervorheben anderer Momente ein falsches Bild entstehen lassen. So hat er wirklich, den Gegnern, die sich auf ihn berufen konnten, Waffen geliefert. Er hat zugegeben, daß er Verfolgungen des Jiddischen in Palästina gegenüber Verfolgungen des Hebräischen in Rußland ins Treffen führte, diesen Vergleich durfte er niaht ziehen. (J. T. A.) Dr. Oskar Cohn 60 Jahre Herr Dr. Osikar Cohn, der über Deutschland hinaus bekannte und 'hochangesehene sozialistische Politiker, wind am 15. Oktober d. J. 60 Jahre alt. Dr. Oskar Colin hat seit dem Kriege in wachsendem Maße auch an jüdischen Fragen Anteil genommen. Er schloß sich der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion an, die ihn in die Repräsentantenversaminlung der Jüdischen Gemeinde Berlin und, 1925, in den Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden als ihren Vertreter entsandte. Im Preußischen Landtag, dem er 1919 bis 1924 angehörte, nahm sich Dr. Oskar Cohn wiederholt der angegriffenen Ostjuden an und durchkreuzte die Anschläge gewisser untergeordneter Behörden gegen die aus dem Osten stammenden, in Deutschland lebenden Juden. Der Zaddik nahm den Eßrog von neuem zur Hand, liebkoste und streichelte ihn. Und wie seine feinen dünnen Finger über die Erhöhungen der gelblich grünen Frucht glitten, war ihm als schweifte seine Seele dort auf Karmels grünen Hügeln unter den heiligen Bäumen, deren Früchte in so weite Fernen entführt wurden ... Aus seiner tiefen Träumerei erweckte ihn eine schneidend scharfe Stimme. Reb Rachmilke, der berühmte SukkaschmUcker des Zaddik, stürzte herein und schrie: — Rabbi, die Hütte ist ganz fertig, würdig, daß der Rabbi sie besichtigel — Ich gehe schon, mein Sohn, — erwiederte sanft der Zaddik. Die neugierigen Gäste drängten nach vorwärt*, um das Wunderwerk des Reb Rachmilke anzustaunen. Und während sie den an den Wänden angebrachten Schmuck, die farbigen Sterne, die David Schilder, di« geschnitzten Löwen und die von der Laubdecke herabhängenden Lampions und vergoldeten Früchte bewunderten, begann die Kritik Uber den Eßrog des Zaddik*. — Der Eßrog ist aber schön, wie? — fragte Rek Scholem seinen Nachbar. — Gewiß, gewiß — erwiderte Reb Chone, erging sich jedoch nicht in Lobesäußerungen, wie er es son*t zu tun pflegte. " Reb Cheskele ward mutiger und sagte gerade flieraus: — Mein Eßrog ist wahrhaft schöner, viel schöner. — Auch meiner ist schöner. Der Eßrog des Rcbbe läuft ja nicht turmartig in einen Kegel aus, wie vorgeschrieben ist. — Der Korfuer Eßrog ist doch schöner.. — Nicht nur schöner, er ist auch besser, entspricht auch eher der Vorschrift. — Hast du bemerkt, der Eßrog des Rebbe hat ]§ gegen die Spitze zu einen kleinen grauen Fleck. Der Rebbe hat ihn nicht wahrgenommen, mein scharfe* Auge aber hat ihn sofort bemerkt. — Auch die Vertiefungen und Erhöhungen sind nicht so, wie sie sein müßten. *

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