Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-10-17 · Heft 96 (17.10.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 96 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053848--1324-3056668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 4 TME STIMME Nr. 96 Jüdisches Leben in Prag Aus einem Gespräch mit Dr. Felix Rese« ihr Berichterstatter hatte die Gelegenheit, einen der führenden Zionisten der Tschechoslowakei, Herrn Dr. F c ) i x Resc k, zu sprechen und konnte eine Fülle interessanter Einzelheiten erfahren. Sogleich, erzählt Dr. Resek. als die traurigen Vorfälle in Palästina bekannt wurden, ist in Prag eine grof5e Aktion cingcleitet worden. An die Spitze trat das nichtzionistisclte Mitglied der Jcwish Agency, Doktor Josef Popper. Das erfreulichste Erlebnis in diesen schweren Tagen war. daß sich der Palästina-Aktion sämtliche Parteien des Judentums in Prag angcschlössen haben. Zum ersten Mai ist cs also in ckr tschechoslowakischen Republik gelungen, eine einhcitlichejilclisclic Front zu schaffen. Wer das Parteiwesen bei uns kennt, wird dieser Tatsache die größte Beachtung schenken. Die Aktion hat bis heute 430.000 Kronen gebracht. Sie wird mit Ende des Monats Oktober zum Abschluß gebracht, um der intensiven normalen zionistischen Arbeit für den Keren Kajemeth und Keren Hajessod nicht hinderlich zu sein. Erfreulich ist die Tatsache, daß der Keren Kajemeth' in der letzten Woche beinahe 50.000 Kronen mehr an Spenden abführen konnte, als in der entsprechenden Periode des vorigen Jahres. All das ist natürlich auf die Erweiterung der Jcwish Agency zurückzuführen. Wir hoffen auch, daß in dem bevorstehenden Wahlkampf, führt Herr Dr. Resek weiter aus, die zur Tatsache gewordene Einheit der jüdischen Front sich günstig auswirken wird. Herr Dr. Resek, der in der Frage, ob die Zionisten selbständige Landespolitik in der Tschechoslowakei treiben sollen oder nicht, persönlich abseits stellt, versteht unter der günstigen inneren politischen Lage die Tatsache, daß zu erwarten sei, daß die Gegensätze innerhalb des Judentums nicht schroff aneinandergeraten werden und der Ton der Gehässigkeit weichen werde. Das absurde Schlagwort vom hundertprozentigen Patriotismus ist verschwunden. Die allgemeine jüdische Front ist gebildet, ohne die nationalen Belange aufzugeben. Zu den Wahlen selbst schreiten die nationalen Juden mit der polnischen Minorität zusammen, mit der ein Wahlbündnis abgeschlossen wurde, um das erste notwendige Muttermändat zu erlangen. Es besteht die Hoffnung, auf diese Weise beiden Kompaziszenten Mandate zu verschaffen. Teen. Die Untersuehnngskommission nach JfftMlatuia abgercist London, 12. Oktober. (-J. T. A.) Der \ ersitzende der britischen ünlcrsuchungskoiamission für Palästina, Sir Walther Shaw, und die Mitglieder der Kommission, der Konservative Sir John Betterton, der Liberale Morris und der Arbeiterparteiler Snell. sowie der Sekretär der Kommission, Herr Llovd vom Kolonialamt. haben heute morgen die Reise nach Palästina angetreton. — In Lublin darf man nicht einmal einen Eßrog aus dem heiligen Lande gebiauchen. Der Lubliner Znddik hat ihn selbst verboten. Und wie hat dir der Lulaw zugesagt'-’ — Er ist ein wenig krumm. —. Die Blätter der Myrte sind auch nicht gleichmäßig von einander entfern?. — Ruhe! der Rebbe kommt! Das lebhafte Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. An der Türe erschien der Zaddik. Seine Hände drückten die aus dem heiligen Lande herstammenden Zweige und die heilige Frucht. Sein Antlitz strahlte vor Glück. Die Gläubigen blickten ihn andachtsvoll an. Als aber der Zaddik die niedrige Schwel! ’ der Hütte überschreiten wollte, straucucho sein Fuß. Der Zaddik wankte, seine Hand erzitterte und der Eßrog fiel zu Boden. Die Gäste der Hütte wurden von großem Schreck befallen. Alles schaute zur Erde, ob dem Eßrog nichts geschehen sei. -- Die Spitze ist abgebrochen! Es ist mit ihm vorbei! — ging die trw ' von Mund zu Mund. — Der «Pitem» ist abgebrochen! Oh, weh! Der «Pitein» ist angebrochen! Alle, die in der Hütte des Zaddiks waren, erschauerten in dein Schmerze über das verhängnisvolle Ereignis und keiner dachte mehr an den Ruhm, einen j schöneren Eßrog zu haben als der Zaddik, dagegen j sah man mit aufrichtiger Teilnahme bald auf den Zaddik, bald auf seinen Eßrog. Wußten sie doch alle, daß man einen neuen Eßrog nicht mehr besorgen könne und daß der verletzte nicht zu gebrauchen sei. Wird doch der Eßrog deswegen in Hanf gewickelt, daß er nicht verletzt werde, daß seine Spitze nicht abbreche. Und nun ist der «Pitem* abgebrochen! Welches Unglück! Der Zaddik sah traurig auf die verletzte Frucht vom heiligen Lande, und aus seinen Augen fielen zwei große Tränen auf sein gefurchtes Antlitz. i „Deutsche Juden“ meiden sich j zum Wort 'Die Profesbabblncr unseligen .Angedenkens sind wieder auferstanden. In der vergangenen Woche kennte man in den rcichsdeutschen Tageszeitungen eine großaufgcmachtc «Erklärung deutscher Juden» lesen, in der wieder einmal vor dem Zionismus gewarnt wird. Während sich in aller Welt das Judentum 2ur Mitarbeit am weiteren Palästinaaufbauwerke sammelt und die Unruhebewegung in Palästina selbst jenen Kreisen, die noch bisher außerhalb der Jewish Agency standen, die Notwendigkeit einer gemeinsamen Arbeitsfront vor Augen führte, die sich auch spontan allenthalben bildete, fand in Deutschland ein Häuflein erbitterter, gefühlloser Antizionisten den Moment für gekommen, Unterschriften für einen Aufruf zu sammeln, der in dem Satze gipfelt: «In der Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte sehen wir einen Irrweg, der das Emanzipationswerk dev Vorkämpfer des deutschen Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums in der Menschheit gefährden muß.» Diese religiös-sittliche Aufgabe zu erfüllen, ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Sinn der Erklärung. Es läßt sich von hier aus, jenseits der deutschen Grenzen, nicht richtig abschätzen, ob die Namen, die jene «Erklärung» decken, nicht vielleicht doch irgendwelche lokale Bedeutung besitzen. Aber eines konnte auch jeder Nichtreichsdeutsche i auf den ersten Blick feststellen: E3 ist in der ganzen Reihe auch nicht ein einziger Jude Deutschlands von größerem Format enthalten, keiner der führenden jüdischen Intellektueller von Rang und Würde. Sie alle fehlen und haben, da man annehmen muß, daß man auch sie zur Unterzeichnung aufgefordert hatte, ihre Teilnahme an einer derart unwürdigen Aktion verweigert. Vor drei Jahrzehnten wußte sich eine Schar «deutscher Rabbiner» gegen den aufateigenden Zionismus auch keinen anderen Rat, ais ihn durch eine Denunziation im Inseratenteil der deutschen Presse zu Stillstand bringen zu wollen. Das hatten sie jedenfalls vor. Die Entwicklung jedoch, die sich von keiner auch noch so salbungsvollen Erklärung im «Berliner Tageblatt» beeinfiußen ließ, ist über jene Köpfe hinweggegan-gen. Es war dies noch in den Anfängen der modernen zionistischen Bewegung. Da konnte man es eventuell wagen, dem Zionismus eine verschwommene Missionstheorie entgegenzuhaiien. Heute jedoch von einer religiös-sittlichen Aufgab: zu sprechen und dabei in einem Atemzuge das einzige schöpferische Werk des Judentums zu bekämpfen, heißt zumindest die schärfste Mißbilligung der gesamten jüdischen Umwelt auf sich zu laden. Es wird einmal die Zeit kommen, wo man ebenso wie über jene fünf Rabbiner, die durch ihren Protest das Zustandekommen des ersten Zionistenkongress.es zu vereiteln hofften,-auch über die Unterzeichner der, «Erklärung deutscher Juden» ungläubig den Kopf schütteln wird. Wir jedoch, die wir sie mit eigenen Augen sehen und lesen konnten, haben uns unwillkürlich an ein Goethe-Wort erinnert: «Es will der Mops aus unserm Stab uns immerfort begleiten, doch seines Bcliens lauter Schall beweist nur, daß wir reiten.» — ich gebe dem Rebbe meinen Eßrog, — sagte Reb Sehdient mitleidig. — Meiner ist schöner. Ich gebe meinen, — fiel Rcb Chone dazwischen. — Ich habe einen schöneren, den nehme der Rebbe,'— sagte Rcb Cheskele. Der Zaddik sah um sich und bekümmerten Tones fragte er: — Sind Euere EQrogim aus dem heiligen Lande? Die Umstehenden schwiegen. Da erhob sich aus dem Hintergründe eine Stimme. — Die Korfuer Eßrogim sind schöner. Der Zaddik antwortete nicht, sondern nahm die verletzte Frucht vom heiligen Lande, wischte den darauf haftenden Staub ab und wickelte sie fast zärtlich in reinen Hanf, als würde er einem teurem Verwundeten die blutenden Wunden verbinden. — Was wird der Rebbe nun machen? — fragte Rcb Cheski. — Ich werde meinen Eßrog gebrauchen, — erwiderte der Zadik. — Ein Stück von der Frucht des heiligen Landes ist mehr wert, ais die vollkommenste Frucht aus fremdem Land. Der Eßrog ist verletzt, seine Wurzeln aber sind dort im gesegneten Boden. Und wenn die Söhne Israels ihre Häuser verlassen, in die Laubhütten treten und einsehen, daß sie nur ini Zelte der göttlichen Obhut eine sichere Heimstätte finden und den Eßrog ans Herz pressen, ihr Auge auf die Myrte blickt und sic den Palmzweig gegen Himmel Sieben, dann wächst die Frucht durch die Fernen hindurch von Neuem zusammen mit dem Baume und der Zweig wird wieder eins mit dem Stamme und der Greis der Zeiten wird erfüllt von Erbarmen für seine vertriebenen Kinder ... Die Gäste der Laubhütte schauten einander Überrascht an. Der Zaddik aber legte die verletzte Frucht aus dem heiligen Lande in seinen schillernden Glasbehälter und betrachtete nun mit Andacht und Wonne den herrlichen Laubhüttenschmuck, das Meisterwerk Reb Rachmükes. Mordprozesse Haifa, 11. Oktober. (J. T. A.) Bei ungeheurem Interesse der getarnten OeffentJichkeit in Palästina geben jetzt ln Haifa clie ersten Prozesse gegen Araber, die de3 Mordes an Juden angoklagt sind, vor sich Den Vorsitz im Gericht führt Oberric.hter Sir Michael Macdonnell aus Jerusalem, als Beisitzer fungiert Richter Litt, der als Einzelrichter bereits 37 Araber aus Tirehabgeur teilt hat und der bei seinen Urteilssprüchen Uber Juden das Moment der Selbstverteidigung in Rücksicht zog. Am 8. Oktober begann die Verhandlung gegen drei von den angeklagten sieben Arabern, die des Mordes an Isaak Mamaan, der im Dienste der Hadassah in Safed stand, beschuldigt werden. Es entstanden schon in der ersten Gerichtssitzung Unzutrüglichkeiton, weil der vom Gericht berufene hebräische Dolmetsch als disqualifiziert erklärt wurde, weil er mit dem ermordeten Mamaan entfernt verwandt war und der arabische Anwalt mehrere geeignete Dolmetscher, die ihre Dienste freiwilig anboten, ablehnte. Die Aussage der hebräisch sprechenden Zeugen wurde dem Gericht in einer unerträglich falschen Darstellung wiedergegeben. Die arabischen Anwälte Moghanan und Asfour, die als die geschicktesten arabischen Anwälte im Lande bekannt sind, unterzogen die ersten zwei jüdischen Zeugen einem fast s^benstündigen Kreuzverhör. Der erste Zeuge Dr. Bordiansky, der den tödlich verletzten Mamaan behandelte, ließ sich durch das ermüdende Kreuzverhör nicht erschüttern, dagegen verlor der zweite Zeuge Joseph Benderly nach dem mit ihm allein angestollten dreistündigen Kreuzverhör die Nerven und wurde in einigen seiner Darlegungen unsicher. Da er durch das lange Kreuzverhör in Erregung geriet, wurde es den arabischen Anwälten nicht schwer, in seinen Aussagen kleine Widersprüche festzustellen. Schließlich verlor Oberrichter Sir Michael Macdonnell die Geduld und er sprach den arabischen Anwälten den Tadel dafür aus, daß sie durch ein Kreuzverhör, das geeignet sei, die Angelegenheit zu verwirren statt sie zu klären, das Gericht auf eine harte Probe stellen. Daraufhin legten die arabischen Anwälte ihr Amt als Verteidiger nieder. Am 9. Oktober wurde die Verhandlung fortgesetzt. Der Zeuge Joseph Benderly blieb bei seiner Behauptung, daß die drei Angeklagten cs waren, die Mamaan angriffen. Der Zeuge Mordechai Klinger erkannte ebenfalls in den Angeklagten die Mörder von Mamaan und schilderte in klaren und eindruckßvollen Worten die Tragödie von Safed. Der Zeuge Nissim Adam, ein orientalischer Jude, der nur arabisch spricht und sich selbst als Sohn Arabiens bezeichnet, erkannte auch in den Gefangenen die Mörder Mamaans. Er hat selbst gesehen, wie die Angeklagten Mamaan mit Dolchen angriffen. Ebenso der Zeuge Nissan Finkeistein, ein TOjähriger Jude. Der nächste Zeuge, ein junger Geflügelhändler namens Namous, der — ebenfalls ein Opfer der Unruhen — im Hadassah-Hospital neben Mamaan zu liegen kam, sagte aus, er habe deutlich gehört, wie Mamaan gegenüber seiner Frau die Namen von vier Arabern nannte, die ihn angriffen und ihn seiner Barschaft in Höhe von 30 Pfund beraubten. Unter den vier Namen waren die der drei Angeklagten. Auch der Koch des Hadassah-Hospitales in Safed sagte als Zeuge aus, er habe gehört, wie der tödlich verletzte Mamaan seiner Gattin die Namen der Angeklagten als seiner Mörder fünfmal wiederholte. Nach dieser Zeugeneinvernahme vertagte der Oberrichter den Prozeß bis zur Namhaftmachung der neuen Verteidiger. Das Gericht unter Vorsitz des palästinensischen Oberrichters Sir Michael Macdonnell ging auch in die Verhandlung gegen die übrigen vier Araber ein, die gemäß der Anklageschrift am 29. August Frau Lula Farjoun, eine sephardische Jüdin, in Safed erschossen hatten. Dio arabischen Anwälte und die in Haifa anwesenden Nofcabeln hielten eine Beratung ab, in der angeregt wurde, für Sonnabend eine Sitzung der arabischen Exekutive einzuberufen, die sich mit den Gerichfcsfällon befassen soll. Es scheint, daß die Araber dio Ausrufung eines Streiks sämtlicher arabischer Rechtsanwälte planen. In den Kreisen der Regierung und der Juden befürchtet man, daß ein solcher Schritt Anstoß zu neuer Agitation geben würde. Dr. Chalm Tartakower und Frau danken (Bür die ihnen anläßlich Rosch Haachanah übermittelten NeujahrswÜnache und erwidern dieselben aufs herzlichste. —nart.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.