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Die Stimme · 1929-10-10 · Heft 95 (10.10.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 95 (10.10.1929)
Date
1929-10-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nf. 95 Siegharts Glück und Ende Von Dr. Marek Scherlag Wieder ist eine Größe gefallen. Wer hätte gewagt, dies auch nur vorauszusagen? Und doch kam das Ende nicht unerwartet für die Eingeweihten. Und nicht unverdient für den Gefallenen. Siegharts Glück und Ende wäre kein übler Titel für eine lohnende Schilderung eines fabelhaften Aufstiegs und eines unerhörten Absturzes. Dem toten Löwen ist allerdings leicht ein Fußtritt zu versetzen. Aber nicht schmähen wollen wir diesen Mann, sondern ihn zu verstehen suchen. Denn er verdient wenigstens, ernst genommen zu werden. War er doch ein Mann von großem Format, ein Mensch mit ungewöhnlichen Fähigkeiten im Guten und Bösen. Daß er Talent hatte, geben auch seine Feinde zu — vielleicht nur zu viele Talente. Welchen Weg immer er betreten hätte, er wäre an sein Ziel gekommen, weil er der geborene Streber war, der über Leichen geht. Dabei half er sich mit allem, was ihm zur Hand war, auf jeden Arm stützte er sich, der nur zu erhaschen war. Er wußte, daß man in Oesterreich zu allem Protektion braucht. Und er verstand es, Beziehungen zu suchen, Verbindungen auszunützen. Was für ihn aber den Wert des Sprungbrettes verlor, warf er kaltblütig weit weg. Den Dingen waren die Menschen dabei von ihm gleichgestellt. Eines bedeutenden Professors Tochter war dem Kantorssohn gut genug als Frau zu dienen. Seine journalistische Begabung war auch nicht zu verachten. In den Sattel gehoben ritt er keck drauf los. Die große Politik war seine geheime Liebe und er liebte auch die geheime Politik offen. Wenn er nicht als Jude geboren worden wäre, so hätten wir oft ein Ministerium Sieghart gehabt. So aber durfte der gewesene Singer nur hinter den Kulissen und als allmächtiger Präsidialist im Außenministerium über Macht, Intrigen und Geheimfonds verfügen. Und bei Franz Josef aus- und eingehen. Er hatte viele Fäden in der Hand, die sich zwischen Ballhausplatz, Leogesellschaft und Vatikan spannen. Und doch verblieb er nicht in der offiziellen, politischen Stellung. Der Schatten seines Vaters, des Kantors Singers, heftete sich an den skrupellosen Mann, der sein Judentum glatt verleugnete, preisgab, verriet Vielleicht hat er auch anderes getan, wenigstens behaupteten es seine Feinde, als Franz Ferdinand und später Karl ihn zur Strecke zu bringen vermeinten. Es waren nur vorübergehende Schläge. Elastisch erhob sich Sieghart und wieder sah man ihn drauf losreiten. Wie ein Sieger! Ein harter Sieger war er, der seinen Platz behauptete, der ihm, wie man meinte, zukam. Und vielleicht wuchs mit seinem Mut, seinem Reichtum, seinem Einfluß und seinem Stolz auch seine Skrupellosigkeit, sein Uebermut und dann seine Verblendung. Auf dem Glanz seines Namens und des ihm anvertrauten Institutes bauend, überhob sich dieser Held der Transaktionen, bei denen Geschäft seltsam mit Politik verquickt war. Die Katze kann das Mausen nicht lassen. Man ist nicht ungestraft Patron einer Freunderlwirtschaft. Das Badeasyl Von B. Neamann (Fortsetzung.) Der dritte im Verbände «berühmter Männer» des Städtchens war. Ben-Zion, ein importiertes Exemplar. Eines schönen Tages tauchte er in den Gassen des Städtchens auf und war da. Durch seinen ununterbrochenen Aufenthalt hat er sich im Bade fast das Heimatrecht erworben. Sofort nach seinem Erscheinen wurde er im Städtchen als Mescbuggener proklamiert: «Mojschale bat einen Konkurrenten bekommen.» Auf jeden Fall unterschied er sich vom ensteren, der immer aufgeregt und zornig wie ein Prophet Jehovas war, dadurch, daß er mehr Lyriker und Romantiker unter den Abnormalen war. Gutmütig wie ein Lamm und von übermenschlicher Bescheidenheit, hat er niemals seine Mitmenschen um etwas gebeten. Abends, wenn der Markt wie ausgestorben war, pflegte er nach Abfällen und Speiseresten m suchen, von denen er sich ernährte. Er lebte bedürfnislos wie ein Vogel im Walde. Seine Stimme hörte kein Mensch; nur in Frühlings- und Sommernächten pflegte er sich auf den Stiegen des Badehauses nißderzuiassen und in die Nacht hineinzur singen. Seine Lieder waren ohne Worte, keine bestimmten Melodien, aber sie klangen weich und traurig — Meere von Sehnsucht. Die Leute im Städtchen erzählten — woher sie das wußten, ist unbegreiflich —, daß er einem sehr Teichen und ehrwürdigen Hause entstamme. Seine Eltern hatten aber das Pech, daß sich ihr einziger Sohn in ein armes Mädchen aus dem Volke verliebte und waren natürlich dagegen. Sie hatten kein Verständnis für die Liebe, die nicht nach Stammbaum und Mammonballast trägt. Und er, Ben-Zion, hat ihrem Drucke nachgegeben und ließ das anme Mädchen, das auch ihn sehr liebte, stehen. Sie starb aus Aerger und Schande. Ihm aber gab sein Gewissen keine Ruhe mehr. Da verließ er das Haus seiner reichen und ehrwürdigen Eltern und seit damals wandert er, getrieben vom Schmerz seiner Seele, ruhelos in der Welt herum und Er verschlang eine Bank nach der andern, stieß vielleicht manchen Mitstreber nieder und war auf dem Sprunge, die zugestutzte Republik restlos finanziell zu beherrschen. Da er aber auch nach politischer Macht gierte und mit Seipel, Kienböck und dem Heimwehr-Steidle kokettierte, kam es, daß er gerade darüber stolpern mußte, was er selbst großzuziehen geholfen hatte. Und tragisch mutet es an, daß dieser dem. Judentum entronnene Mächtige knapp vor Neujahr seinen greisen Schwiegervater, Professor Grünbaum, verlor, der auch als Herrenhausmitglied Jude geblieben war und trotz seines Judentums Ehren und Ansehen genossen hatte, und gerade am Neujahrstage von einem Juden, von Rothschild, wenn nicht gerettet, so doch vor dem Schlimmsten, vor Schande und Strafe, bewahrt wurde. Der Getaufte mußte zu Kreuze kriechen, sich vor dem Juden bettelnd demütigen. Ob er es. persönlich wirklich getan hat, ist gleichgültig. Vielleicht schämte er sich so sehr, daß er sich an diesem schicksalschweren Tag seines Zusammenbruchs zu Hause verkroch. Dramatiker, Romanschriftsteller heraus! Hier ist ein Thema der besten Feder und Mühe wert Die Sache spielt in Mähren, Wien, in Altösterreich und in dem Deutschösterreich,» Ein Abtrünniger, der alles versuchte, ist von stolzer Höhe herabgestürzt. -Die Bodenkredit blieb ohne Boden und Kredit und von Sieghart ist der Sieg weg. Das Hart-ist aber geblieben — vielleicht zu neuen Versuchen! Zwischen den Zeilen Singer — Sieghart Sic transit gloria... Ein unerhörter Aufstieg, eine glänzende Karriere und ein jäher Absturz. Was ist ihm geblieben, dem Singer — Sieghart? Geld. Und was noch? Spott! Er war Sektionschef, Vertrauensmann des Kaisers, Gouverneur und"Präsident. Und Jude — von Herkunft. Von Herkunft. Sonst hatte er, der Rabbinersohn, ziemlich wenig für alles Jüdische übrig. Er war der wirtschaftliche Exponent einer antisemitischen Partei, ein mächtiger Gönner der Heimwehrbewegung. Er hatte. Geld, Geld, Geld und Macht. Geld hat er weiter —- die Macht verlor■■ er.. - Er tut uns nicht leid: seine materielle Existenz ist bestimmt gesichert. Sein moralischer Wert hingegen ... Man wird ihm keine schöben Nachrufe schreiben, man wird ihn nicht, als .Heiden und Kämpfer preisen, man wird nicht mit ihm mitfühlen. Ein ehrgeiziger Egoist, ein Renegat und ein einflußreicher Dilettant. Das war er -— er, einer der mächtigsten Männer Oesterreichs, der getaufte Singer, der Präsident Sieghart. Sic transit gloria... Sem. sucht seine Geliebte. Die Aerzte sagten,' daß er an Verfolgungswahn leide . m m Und nun wenden wir uns Benjamin, dem obligaten Idioten des Städtchens und, sozusagen, dem Helden unserer Erzählung zu. Selbstverständlich wohnte auch er im städtischen Bade. . Es spuckte ihn eine arme Mutter in rdie Welt und verschied bei der Getourt. Es zeugte ihn ein schwachsinniger Vater, der nach getaner Arbeit auch ins bessere Jenseits übersiedelite. Und so blieb er allein. Dem einen gibt unser gerechter Gott alles, ihm gab er gar nichts. Eine gebrochene Gestalt, ein lächerliches Gesicht,' — das war alles. Er gab ihm noch ein kindlich-gutes H^rz und warmes Blut Und mit diesen Gaben gehe, Benjamin, Deinen Weg in die Welt!! Pflanzen brauchen Sonne, Menschen Mutterliebe. Er wuchs aber ohne Liebe auf, nie hörte er 'ein Wiegenlied erklingen, nie lachte ihm eine glückstrahlende, auf ihr Kind stplze Miitter zu. Eine zarte Menschenblume, t in eine Höhle verpflanzt Wie ‘ lebte er doch? Ganz einfach.' Gute Menschen schenkten ihm Speisen und Kleider, Begreift ihr, was das heißt, von der Wiege an (er h’atte ja keine Wiege, das ist nur eine rhetorische‘ Wendung) auf Menschen angewiesen zu sein? Gött ist barmherzig, Menschen sind barmherzig, — eine barmherzige Welt.« So wuchs er heran. In den schmalen Gassen eines schmutzigen. Städtchens keimt mitunter, ganz abseits, eine Blume auf. Keine lebende Seele kümmert sich um sie. Hinsiechendmatt sind ihre Blätter und demütig-resigniert ihr Antlitz. In diesen schmalen Gassen eines Städtchens wächst eine Jugend heran, die gar keine Jugend kennt. Keiji Lachen, kein Spielen, — eine Jugend,, die das, Alter Jn sich trägt Jetzt stellt Euch erst die Jugend eines Ben-' jamin vor. Sein Gesicht abstoßend, sein Gehirn unentwickelt, angewiesen auf milde Gaben guter Menschen, — ist das eine Jugend! Er war noch fast ein. Kind und schon mußte er arbeiten. Das ganze Städtchen mußte er bedienen. Sie hatten ja ein Recht darauf, seine Ernährer, Sie nahmen sich aber auch das Recht, über Im Namen der österreichischen Misrachi wünschen wir allen unseren Gesinnungsgenossen eine Chatimah Towah. Der Vorstand und das Präsidium des Misrachi in Wien. M. ROHATYN Chef des Bankhauses M. Rohatyn Wien, IX., Maria Theresienstraße 9 wünscht allen Freundem ein gutes Jahr. Dr. LEOPOLD MEISEL und Frau wünschen allen Verwandten, Freunden und Gesinnungsgenossen 3125 n35 Schuhfabrik BRÜDER LISSIANSKY Wien, VII., Kaiserstraße 45 wünschen allen Verwandten, Freunden und Gesinnungsgenossen 3125 nau ISRAEL MÜLLER wünscht allen Verwandten, Freunden und Bekammten 3125 *135 DER VEREIN MATHILDE zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder insbesondere Waisenkinder wünscht allen seinen Mitgliedern und Gönnern iia -in: .Für die Vereinsleitung: Adolf Weinstock, Obmann. Der Jugendverein «EREZ ISRAEL» in Wien wünscht allen Mitgliedern, Freunden und Institutionen ein glückliches Jahr. Die Palästinaregierung erzielt Ueb er schüase „Official Gazette“ teilt mit, da,ß in den ersten sieben Monaten dieses Jahres das Schatzamt der Palästinaregierung 1,268.250 Pfund eingenommen hat. Die Ausgaben betragen 1,021.250 Pfund, so daß sich ein; Ueberschuß vöh 246.716 , PfunCergibt. '„J; y, r ~ : Palästina-Ein- und -Auswanderung im August Im Monat August sind 319 Einwanderer, unter ihnen 265 Juden, 51 Christen und. 3 Moslemitemin Palästina eingefroffen. In dem gleichen Monat sind, 217 Personen, unter ihnen 151 Juden, 44 Christen und 22 Moslemiten, ausgewandert. seine Seele zu verfügen. Das Städtchen brauchte einen Idioten, Friseur]ungen brauchten ein Objekt, dem Sie überlegen waren, — wer war dazu geeigneter als Benjamin? Er wurde daher zum Idioten ausgerufen. Ein jeder verspottete ihn, jeder war gescheiter als er« «Benjamin! Benjamin!» riefen die Glieder jungen. «Benjamin!» lachte man von allen Seiten. Gott sagt: «Auge für Auge.» Wenn wir Menschen nach diesem Gesetz handeln würden, müßten alte, ausnahmslos, schon längst ohne Augen sein. Was müßte ein Benjamin seinen Mitmenschen alles antun, um ihnen das, was er von ihnen auszustehen hatte, heimzuzahten? Wer weiß, vielleicht fühlte dieser Idiot instinktiv die Allmacht der Ordnung unserer Gesellschaft, die den von ihr abhängigen Menschen in ein willenloses Werkzeug verwandelt, das sie nach Lust und- Laune dirigieren kann. Denn trotz aller Uebel, die sie ihm, vielleicht unbewußt,' zugefügt haben, war er ihnen nicht böse. Die Kindcnseele, die von niemandem über die Höhen und Tiefen menschlicher Entwicklung begleitet wunde, blieb unversehrt'in ihrer Reinheit. Auf dem breiten, knochigen Gesicht lag immer jenes unschuldige Lachen der Kindheit. Die Menschen verstanden es nur nicht, sie sahen es als Auswirkung seines Idiotismus an. Darum iühlte er sich unter Kindern am wotolsten. Er liebte Kinder über alles. Es kam eine Zeit, wo er, der Erwachsene, von seinen Dienstleistungen und den milden Gaben barmherziger Menschen nicht mehr leben konnte. Da wurde er Wasserträger. Kinder möchten immer gerne arbeiten, auch ihn zeichnete ein Arbeitsdrang aus. Der Beruf eines Wasserträgers ist nicht leicht. Außerdem hatte er Konkurrenten: Eingeflihrte Firmen, Der mächtigste unter ihnen, war Mendale, «der Wasserträger». Er hatte ein altes, blindes Pferd und eine zerbrochene Fuhre, die mit einem Wasserfaß beladen war; Sein Unternehmen war daher viel lukrativer, — der Großindustrielle unter den Wasserträgern* Bei der Ausübung seines Berufes hatte Benjamin Gelegenheit, seine Nächstenliebe zu bezeugen. Wenn er an heißen Sommertagen mit den Wasserkannen ging, ersuchten ihn durstige Passanten

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