Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 95 (10.10.1929)
- Date
- 1929-10-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sdte.6 DIB STOOIE Nr. 95 Die jüdische Legion Von Df. N. M. Oelber. Den Vorläufer der jüdischen Legion können wir bereits in dem sogenannten Zion-Mule-Corps erblicken. Im Februar 1915 faßten in Alexandrien einige hundert junge Juden, die infolge der Ausweisung Djemal Paschas Palästina verlassen mußten, den Beschluß, eine jüdische Formation zu bilden, die im Verbände englischer Truppen an dem bevorstehenden Kampf in Palästina teilnehmen sollte. Eine Delegation, bestehend aus dem ägyptischen Juden Kutri Pasehan, den Palästinensern Oluskm, Levontin, Trumpelor und Wladimir Jabotinsky, übergab dem damaligen englischen Oberkommandanten in Aegypten, General Maxwell, eine Denkschrift, in der die diesbezüglichen Vorschläge präzisiert wurden. Nach langwierigen Verhandlungen gab der englische Kommandant seine Zustimmung und bildete aus den Freiwilligen ein Transportkorps zur Bedienung der an der Ostfront kämpfenden Truppen. Obwohl die jüdischen Freiwilligen ursprünglich den Plan gefaßt hatten, nur an der palästinensischen Front mitzukämpfen, waren sie damit einverstanden, in der Erwartung, daß sie auf diese Weise den Grundstein zur Bildung späterer jüdischer Regimenter legen. Mit dem Kommando dieses Transportkorps wurde der englische Oberstleutnant John Henry Patterson betraut. Patterson, der seinem Berufe nach Ingenieur war, hatte bereits im Jahre 1896 in Afrika am Fluß Tsavo bedeutende technische Arbeiten vollführt und dann am Burenkrieg teilgenommen. Eine romantisch veranlagte Natur, hatte er für ideale Bestrebungen ein besonders warmes Interesse. Bis zum Augenblicke, in dem er das Kommando des Zion-Mule- Corps übernommen hatte, waren ihm die Juden nur aus der Bibel bekannt. Der enge Kontakt mit den jüdischen Freiwilligen, ihre Hingabe für die Befreiung Palästinas, ihr Opfermut machten Patterson zu einem begeisterten Freund der jüdischen Renaissancebewegung. Nach seiner Ernennung zum Kommandanten wählte er den aus dem russisch-japanischen Krieg bekannten jüdischen Offizier und palästinensischen Arbeiter Josef Trumpeldor zu seinem Adjutanten. Das Zion-Mule-Corps zählte 600 Mann und wurde an die Gailipoli-Front geschickt, wo es in der Feuerzone Munition und Lebensmittel von den Häfen in die englischen Schützengräben führte. Die Tapferkeit, welche diese jüdischen Freiwilligen in der Feuerlinie an den Tag brachten, hatte den militärischen Leiter der Gallipoli-Expedition, General Hamilton, in Bewunderung versetzt. In London hatte sich inzwischen Jabotinsky bemüht, eine jüdische Legion ins Leben zu rufen. Dieses Korps sollte nun in ein Kampfregiment, das durch jüdische Freiwillige aus verschiedenen Ländern zu verstärken wäre, verwandelt werden. Das Projekt wurde aber von der Londoner Regierung abschlägig beschieden, ja das Zion-Mulcie-Corps sogar nach einem nicht sehr langen Bestände aufgelöst. Die Anhänger der jüdischen Legion leiteten eine erneute Aktion ein, um die Londoner Regierungskreise für die Gründung jüdischer Regimenter zu gewinnen. Erst im April 1917 gelang es, Lloyd George, der für die Eroberung Palästinas eintrat, zu gewinnen, lieber Befehl des Ministeriums wurden die in London noch weilenden Angehörigen des Zion-Mule- Corps zu Offizieren und Unteroffizieren ausgebildet und am 24. Juli 1917 beauftragte das Kriegsministerium Patterson mit der Organisierung der jüdischen Legion. Patterson schildert uiß die Geschichte dieser Legion in seinem Buche «WIth the Judeans in the Palest ine Campagne», von dem vor einigen Wochen in Palästina im Verlage «Mizpeh» die hebräische Uebersetzung unter dem Titel «Im Hagdudim haiwrim b’Erez Israel» (Mit den jüdischen Legionen in Palästina) erschienen ist. Seine interessanten Aufzeichnungen stimmen an vielen Stellen mit der Darstellung Jabotinskys in seinen Memoiren über die Legion «Slowo o polku*), überein. Patterson erzählt eingangs seines Buches, daß er im Juli 1917 vom Ministerium den Auftrag zur Organisierung einer jüdischen Legion erhalten habe. Als Mitarbeiter wurde ihm Wladimir Jabotinsky zugewiesen. Schon zu Beginn sah er, daß es innerhalb 4er englischen Judenheit einzelne Gegner der Legionsidee gab, die er treffend als «Sanbalats» bezeichnet. Trotz vielfacher Schwierigkeiten wurde am 23. August 1917 die Formierung der Legion mit einer jüdischen Bezeichnung und Embleme unter Kommando Pattersons publiziert. Einige Tage vorher erschien im Kriegsministerium eine jüdische Delegation, um noch den letzten Versuch zur Vereitelung des Zustandekommens einer jüdischen Legion mit einem separaten jüdischen Abzeichen zu machen. In der Tat gelang es ihr, einen Erfolg zu . .... r Die deutsche Uofccrsetame erachten in Fort« setomgen in 4er «Menorah» (berauseegetoen von Dr.. Norbert Hoffmaim, Wien). JUiirg&ng L93S=-i9i2SL erzielen, da das Kriegsministerium sich dagegen aussprach, die jüdische Formation als eine jüdische Legion mit eigenen jüdischen Abzeichen einzureihen. Die jüdischen Freiwilligen wurden in jüdischen Regimentern unter dem Namen «Royal Fuselliers» znsammengefaßt. Allmählich wurden drei Regimenter als Royal Fuselliers Nr. 38, 39 und 40 gebildet. Ende Jänner 1918 waren die Vorarbeiten bereits soweit gediehen, daß ein Bataillon (Nr. 38) nach Palästina eingeschifft werden konnte. In Aegypten, wohin das Bataillon dirigiert wurde, begann nun eine Periode neuer Widerstände. Der englische Generalstab, unter Führung des Generals Allenby, hatte im Gegensatz zur Londoner Zentralregierung eine eigene Politik geführt, die mit den in der Balfour-Deklaration vorgezeichneten Richtlinien in krassem Widerspruch stand. Während London klar zum Ausdrucke brachte, daß cs in der Absicht der englischen Regierung liege, in Palästina die nationaljüdische Heimstätte zu gründen und alle darauf hinzielenden Bemühungen, die Legion inbegriffen, zu unterstützen, hafte der englische Generalstab in Aegypten stets das Gegenteil unternommen. Aut Schritt und Tritt begegnete man einer antijüdischen Haltung. Seitens der militärischen Kommanden wurde eine proarabische Konzeption unterstützt, in der Erwartung, hiedurch die Araber gegen die Türken aufzuwiegeln. Mit unbeschreiblicher Wehmut schildert Patterson verschiedene Schikanen. Ob es sich nun um Verpflegung oder Wäsche für die Legionäre handelte, stets mußte Patterson mit einer fast grenzenlosen Zähigkeit um jede Kleinigkeit kämpfen. Nicht besser war die Behandlung der jüdischen Legion an der Front. An der Juli-Schlacht bei $ichem; und Ab Ain nahm das jüdische Regiment teil. Seine Tapferkeit stellte die Oberste Heeresleitung derart zufrieden, daß sich General Allenby veranlaßt sah, in einem Schreiben an Patterson zu erklären, daß es im Interesse der Zeitumstände gelegen sei, eine jüdische Brigade zu schaffen. Kaum war dieser Brief eingelangt, als schon einige Stunden später Patterson vom Heereskommando ein Telegramm erhielt, in dem alle auf die Bildung einer jüdischen Brigade bezughabenden Befehle zurückgezogen wurden. Patterson mußte neuerlich einsehen, daß die Ratgeber Allenbeys wieder Oberhand gewonnen haben. Anfangs August wurden die jüdischen Bataillone in die Jordaiiebene dirigiert. Hier mußten sie eine Stellung ohne jedwede Artillerieunterstützung gegen den Feind halten. In .diesem Zeitpunkte konzentrierte Allenby seine gesamte Artillerie bei Jaffa, von wo aus erden entscheidenden Angriff zu machen beabsichtigte. In der Jordanebene hatten, die Truppen einen erhöhten Stellungskrieg zu markieren, um so den Feind von den eigentlichen Vorbereitungen zur großen Offensive, abziilenken. In dem Frontabschnitt der jüdischen Legion kam es im August zu Kämpfen mit recht starken türkischen Abteilungen. Infolge der geringen Anzahl der Mannschaft mußte Patterson überaus geschickt manövrieren, um ja nicht dem Gegner die Schwäche dieses Abschnittes vor Augen zu fühlen. Die jüdischen Bataillone erhielten inzwischen einen Zuwachs von tausend Mann unter Kommando des Col. Margolin. Eine jüdische Brigade kam aber nicht zustande und die Bataillone wurden fortwährend von der einen in die andere Brigade, beziehungsweise Division, geschoben. Anfangs September 1918 standen sic unter dem Befehl des Generals Chaytor, der der Tapferkeit der Legionäre vollste Anerkennung zollte. Es nahte nun der Zeitpunkt der großen Offensive. Nach der Weisung des Generals Cheytor sollten die jüdischen Bataillone die Aufgabe erhalten, bis an den Jordan durchzubrechen und den Stromübergang bei Esch- Schert zu besetzen. Am 18., 19., 20. und 21. September ordnete Patterson in dem von den jüdischen BataHionen besetzten Frontabschnitt Scheinangriffe an, die er mangels der Artillerie mit Maschinengewehrfeuer eröffnen ließ. Erst in der Nacht vom 22. September gelang es einer Kompagnie unter dem Befehl Jabotinskys den Uebergang zu sichern und die feindlichen Stellungen am rechten Ufer des Jordanflusses zu eiobern. Dank diesem Umstande konnte dann die Kavallerie den Jordan ruhig übersetzen und die Türken aus Gilead vertreiben. So hatten die jüdischen Bataillone allein den eigentlichen Schlüsselpunkt zum anderen Jordanufer erobert, welche Tatsache auch Allenbys Frontbericht ausdrücklich feststellte, aber ohne zu erwähnen, daß das 38. Bataillon der Royal Fuselliers ein jüdisches Regiment sei. Voriwa£ M. SoIdßerjJ Am Donnerstag, den 10. Oktober, spricht im Hotel Post, Wien, I., Fleisehmarkt, der auf der Rückreise aus Palästina befindliche Vizepräsident des Zionistischen Aktionskomitees Ab. Goldberg: „Die Vorfälle in Palästina, wie loh sie gesehen habe1'. Beginn halb 8 Ulir abends. Kaum war die Offensive in vollem Gange, als man plötzlich die jüdischen Bataillone aus der ersten Linie zurflck2og und ins Jordanta! zurückbrachte, um türkische Gefangene zu übernehmen. Es hatte fast den Anschein, als ob das Oberkommando es verhindern wollte, daß die jüdischen Bataillone einer vollen Teilnahme an der Offensive und der ihnen dabei eventuell zukommenden Auszeichnungen teilhaftig werden. Dieses Verhalten erbitterte selbstverständlich die Legionäre. Hiezu kam noch das Verhalten gegenüber den jüdischen Verwundeten, die in der unwürdigsten Weise behandelt wurden. Trotz mehrmaliger Beschwerden konnte Patterson beim Heereskommando nicht erwirken, daß all die verletzenden Schikanen unterbleiben sollen. Nicht besser war die Behandlung nach dem Waffenstillstand. Es genügt, zu erwähnen, daß den jüdischen Legionären, als sie in der Nähe von Jerusalem lagerten, verboten wurde, die Stadt Jerusalem zu betreten. Nach dem Waffenstillstand wurden die Legionäre absichtlich zu verschiedenen Lagerarbeiten im südlichen Teile Palästinas verwendet. Patterson bemühte sich auch fernerhin die Formierung der jüdischen Brigade durchzusetzen, um dann die Möglichkeit zu erlangen, den Grundstock zu einer jüdischen Besatzung in Palästina zu schatten. Dies* Bemühungen scheiterten nur an dem Widerwillen Allenbys. Jabotinsky, der eigentliche Initiator der Legionen, versuchte sogar ohne Pattersons Wissen die entsprechenden Faktoren auf das Gefährliche dieses antijüdischen Kurses hinzuweisen, mit dem Bemerken, daß dieses Verhalten einen offenen Kampf der Araber gegen die Juden veranlassen könnte. Er wandte sieh auch in einem speziellen Schreiben an Allenby, das aber damit beantwortet wurde, daß am 29. August Patterson den Befehl erhielt, Jabotinsky nach Kantara zwecks Demobilisierung zu entsenden. Diese Episode wurde aber kurz darauf iin Dezember 1919 gutgemacht. Patterson erhielt vom Kriegsministerium die Verständigung, daß der jüdischen Legion ein eigenes Emblem, die Menorah, zugebiiiigt und der Befehl erteilt wurde, das 39. und 40. Bataillon zu vereinigen und es als das erste «jüdische Regiment» in Palästina zu belassen. In dieser Tatsache sah nun Patterson abermals den festen Willen der Londoner Zentralbehörden, die Balfour-Deklaration zu verwirklichen. Anfangs 1920 begab sich Patterson nach London, wo ihm dann im April 1920 die Nachricht über die ersten Pogrome in Jerusalem ereilte. Diese Pogrome waren seiner Ansicht nach nichts anderes, als eine Folgeerscheinung des antijüdischen Kurses der englischen Militärbureaukratie. Die stete Verminderung dpr jüdischen Bataillone — Ostern 1919 zählten sie mWh 5000 Mann, Ostern 1920 kaum 4000 — ermutigte auch die arabischen Massen, einen offenen Kampf gegen die Juden aufzunehmen. Die Militärbehörden betonten *ortwährend in ihren Kundgebungen, daß die Bestrebungen auf Schaffung einer Heimstätte in Palästina den arabischen Einwohnern nicht genehm seien. Am Schlüsse seines Buches beleuchtet Patterson ganz ausführlich den Hintergrund dieser traurigen Geschehnisse, der leider mit denen in den letzten Tagen sehr ähnuch ist. Nach Patterson, ist dieser Pogrom in Jerusalem ein schwarzes Blatt ln der Geschichte Englands, da ihn ausschließlich die englischen Militärbehörden verursacht hatten. Wohl wurden über Einschreiten der Londoner Zentralbehörden die Ereignisse rechtzeitig eingerenkt, dt» antijüdische Kurs aber k: nnte nicht mit einem Mal beseitigt werden. Allerdings meint Patterson, daß diese Ereignisse den Londoner Zentralbehörden die Äugen öffneten und sie gezwungen haben, Palästina dem Machtbereiche des Heereskommandos zu entziehen und geordnete Vejwaltungsverhältnisse einzuführen. In seinem Schlußworte stellt Patterson fest, daß nach diesen traurigen Ereignissen die ZeH der friedlichen Arbeit ln Palästina Begonnen habe. Leider ist es aber anders geworden. Die letzten Ereignisse in Palästina zeigten abermals klar, daß der antijüdische Kurs die Verwaltungsbehörden im gleichen Maße beherrscht, wie seinerzeit die Militärverwaltung. Pattersons Schilderung der jüdischen Legion ist in einem persönlichen Tone gehalten. Sie wird aber dessen ungeachtet dem zukünftigen Historiker der jüdischen Legion ein wertvolles Material liefern. Oberrabbiner Kook erlaubt jüdischen Chauffeuren auch an den Feiertagen Dienst zu tun Jerusalem, 2. Oktober. (J. T. A.) Oberrab* biner Kook hat jttddsohen Chauffeuren, die von der Militärverwaltung für Dienste im Interesse der Sicherheit des Landes angeworben worden sind, erlaubt, auch an den hohen Feiertagen den für die Landessioherheit unbedingt notwendigen Dienst zu tun, vorausgesetzt, daß eie am Jom Kippur fasten und beten.