Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 95 (10.10.1929)
- Date
- 1929-10-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 95 DIE STIMME Seite 9 Neujahrsfest und Versöhnungstag im Volksleben der Juden Von Bar-Ami Jom Kippur Versöhnungstag. Dieser Tag wurde zum höchsten und heiligsten Fest der jüdischen Religion. Er wird deshalb auch der «Heilige Tag» (Jom hakadosch) genannt. Als 24stündiger Fasttag konnte er auch niemals verdoppelt werden. Die tiefsten religiösen Stimmungen und Gedanken von Sünde, Schuld, Sühne und Vergebung konzentrierten sich um diesen Tag und den ihm vorangehenden Abend. Die großen hebräischen Dichter aller Zeiten haben seine Liturgie mit ihren Poesien geschmückt. Gleichwie der Jom Kippur ein Fasttag ist, so soll nach einer sehr alten Bestimmung des Talmud (Rosch ha Schanah 9, a) sein Rüsttag, der Erew Jom Kippur, durch ein besseres Mahl in fröhlicher Stimmung als Festtag begangen werden — ein feiner psychologischer Zug, um die feierlich-ernste Bekenntnis- Stimmung des Versöhnungstages desto kräftiger hervorzuheben. Die Jom-Kippu r-Stimmung setzt schon am Nachmitag des vorangehenden Tages ein. Früh ruht jegliche Arbeit. Die Männer eilen in die Synagoge, zu Mincha, an dessen Schemoneh Essreh sich schon jetzt die «große Beichte» für den Versöhnungstag anschließt. Dieses Sündenregister zählt merkwürdigerweise nicht ein einziges Vergehen gegen die Ritual- und Zeremonialgesetze. Es werden hier nur ethische Sünden angeführt, um welcher Vergebung gebeten wird. Dann begibt man sich nach Hause, wo im Kreise der Familie das «IScheidemahl» vor Eintritt des Fasttages eingenommen wird. Das Stück Weißbrot, über das der Segen gesprochen wird, taucht man, wie am Neujahrsfest, in Honig. Gewöhnlich versammelt man sich beim Oberhaupt der Familie und empfiehlt sich von ihm, wie wenn eine weite Reise bevorstünde. Die fröhlich-festliche Stimmung, die den ganzen Tag herrschte, macht rasch einem ernsten, bangen und wehmütigen Gefühl des Abschiednehmens Platz. Lautes Weinen erschallt. Der Jom Kippur hält seinen Einzug. Jetzt begeben sich alle zur Synagoge, in früheren Jahren zogen die Frauen an diesem Tage weiße Kleider und weiße Kopf-Seidentücher vor, dazu war jeglicher Schmuck verpönt, gleich wie bei der Braut am Tage der Trauung. Im Vorsaal der Synagoge waren an langen Tischen Schüsseln aufgestellt, in die jeder Eintretende eine Gabe für die verschiedenen’ Wohltätigkeitsinstitutionen warf. Dann erfolgte die Zeremonie der «Malkuth», die darin bestand, daß jeder Erwachsene sich auf einen am Boden ausgebreiteten Teppich niederwarf und symbolisch die biblische Leibesstrafe von 39 Streichen demütig über sich ergehen ließ. Diese im Machsor Vitry wohl zum ersten Male beschriebene Zeremonie wurde etwa im 13. Jahrhundert von französischen und deutschen Rabbinern eingeführt. Bisweilen wird sie im Inneren der Synagoge.vor dem Almemor vollzogen. Der Synagogendiener spricht dabei den Vers: «Aschamthi, bagadtfii» usw. Die Sitte verbreitete sich von Frankreich aus in der ganzen Judenheit. Im Orient sollen zuweilen Mohammedaner in die Synagoge kommen, um sich der symbolischen Geißelung zu unterwerfen. Dieses merkwürdige Symbol der Zerknirschung wurde später banalisiert, indem es üblich wurde, dem Synagogendiener dafür ein Trinkgeld zuzustecken, wodurch die düstere Weihe sich verflüchtigte. Warf man durch die geöffnete Synagogentür einen Blick ins Innere, so bot sich einem ein unvergeßliches Panorama dar. Durch die herabsinkende Abenddämmerung schimmerte noch oben an dei Ostwand vor der Heiligen Lade der blütenweiße, meist silberbestickte Vorhang, von dem sich der bläuliche Schein der Ewigen Lampe abhob. Unten im weiten Raume flackerten die hohen Wachskerzen auf, die in sandgefüllten Gefäßen steckten. Jede hier angezündete Kerze war nur die Hälfte eines Paares und hieß Seelenlicht, weil es in der Synagoge zu Ehren der Seelen der Verstorbenen entzündet wurde. Das andere, daheim entzündete galt den Lebenden, deren Gott an diesem Tage gedenken sollte. Beide Kerzen wurden von frommen Frauen aus frischem Wachs zwischen Neujahr und Versöhnungsfest angefertigt, wobei als Dochte Fäden verwendet wurden, die man dreimal um die Umfassung des Friedhofes oder auch um einzelne Gräber besonders geliebter Personen gezogen hatte. Ueber den Boden oer Synagoge waren Teppiche oder Matten, in primitiven Verhältnissen Heu gebreitet. Es gehörte nämlich zu den für diesen Tag vorgeschriebenen Entbehrungen, daß man kein Schuhwerk tragen durfte. Manche Fromme verbrachten die ganzen 24 Stunden stehend. K o 1 N i d r e. Der jetzt folgende Abend-Gottesdienst wird auch heute noch nach dem Anfangswort des einleitenden Gesanges bestimmt. Eine eigenartige, eine unvergeßliche Poesie umwebt diesen Abend« Ueberall auf Gottes weiter Erde, wo Juden wohnen, versammeln sie sich in prächtigen Synagogen oder unscheinbaren, engen Bethäusern, um den Heiligen 'i ag, den Tag der Versöhnung mit Gott einzüleiteri, wie sie es seit vielen, vielen Jahrhunderten jahraus, jahrein getan haben. In weiße Gewänder gehüllt, von zahllosen Kerzenlichtern umstrahlt, stehen sie da, in ihren Gesichtern spiegelt sich Erregung und Spannung, Wehmut und freudige Erwartung. Wieviele Male haben sie diesen Abend schon erlebt, aber jedesmal zittern sie ihm von neuem entgegen. Streng und hart, aber zugleich mild und süß ist er. Er tritt an sie als schonungsloser Mahner und bringt ihnen Versöhnung und Verzeihung. Sie kosten an diesem Abend und an dem folgenden Tage die Schrecknisse des Gerichtes und die Wonnen der göttlichen Barmherzigkeit. Soeben erst haben sie beim Eingang einander die Hände gedrückt. Feinde haben sich ausgesöhnt und einander Kränkungen und Beleidigungen verziehen, und nun beugen sie die Häupter über die Gebetbücher und murmeln leise jeder für sich, das «Lautere Gebet»: .«und da ich weiß, daß kein Mensch auf Erden gerecht ist, so daß er nicht sündigte, namentlich gegen seinen Nächsten, an Gut oder an Leib, durch Tat und durch Rede, darum tut das Herz mir weh, denn die Sünden zwischen Mensch und Mensch werden am Versöhnungstage nicht vergeben, bis nicht der Sünder seinen Nächsten versöhnt hat, und darob bricht mein Herz, und es erzittern meine Glieder, denn solche Sünden sühnt auch der Tag des Todes nicht. Darum geht mein Gebet zu Dir, daß Du Dich meiner erbarmst und mir Anmut und Gnade gibst in Deinen Augen und in den Augen der Menschen. Ich verzeihe mit vollkommener und ganzer Verzeihung jedem, der mir gegenüber gesündigt hat an Leib oder an Gut, oder indem er mir Uebles nachsagte, sogar indem er mich verleumdete, ebenso jedem, der mir geschadet hat an Leib oder an Gut, auch alle sonstigen Vergehungen, die zwischen einem und seinem Nächsten Vorkommen können, aüs- Wir laden Sk haß zur r/£ Qw Besichtigung unserer Mi ll ■«SK* ein. v-■ Jedes ^Modell überraschend! VU. KAISER.STR.ASSE 4& IM STOCK wjt genommen Dinge, zu denen mir einer gerichtlich verpflichtet ist, und außer einem, der sich gegen mich zum Trotz vergangen hat, indem er sagte: Ich tu’s ihm an, er muß es mir ja verzeihen; — alles andere verzeihe ich mit rückhaltloser Verzeihung, auf daß kein Mensch meinethalben von Dir. bestraft werde. Und gleichwie ich allen Menschen verzeihe, so gib Du allen Menschen ein, mir zu verzeihen .._.» Das raunt wie das Raunen eines Baches, in einer fernen, tiefen Schlucht, gedämpft und verhalten und leidenschaftlich von Schluchzen und Seufzern unterbrochen; aus der Frauensynagoge droben kommt herzzerreißendes Schluchzen. Jetzt tritt auf einmal lautlose Stille ein. Zwei der Aeltesten steigen die Stufen zur Heiligen Lade hinan, schieben den weißen, silbergestickten Vorhang beiseite und öffnen die Pforte. Darinnen stehen die Thorarollen in ihren Mäntelchen mit den Kronen auf den Häuptern. Und mitten in dem tiefen Schweigen erwacht ganz leise und schüchtern: «Kol Nidre». Halb ist es Gesang und halb Rezitativ, ein Flehen und ein Bitten wie von einer Schar schuldbewußter Kinder, die bangend dem beleidigten Vater nahen. Bald jauchzt es gleichsam frohlockend auf in einer Aufwallung tröstlicher Zuversicht, um dann wieder demütig und zerknirscht sich zu ergießen und leise zu verklingen. Eine kurze Pause tritt ein, nur einen Augenblick lang, dann steigt der Sänger in die Tiefen des eigenen Gewissens hinab, schreit laut auf und ruft den Unsichtbaren dort hoch oben an. Und darauf antwortet es wie eine Stimme aus fernen Wolken, tröstend und liebreich, feierlich und kraftvoll. Dreimal wiederholt sich der Gesang, immer lauter und fester und schließt mit einem dreifachen, großen, in die Höhe dringenden Ruf: «Es werde vergeben der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling, der unter ihnen wohnt, denn das ganze Volk hat aus Irrtum gesündigt!» Die Melodie des Kol Nidre und der ganze darnach benannte abendliche Gottesdienst übt einen unbeschreiblichen Zauber auf jedes jüdische Gemüt Oute, dabei billige BÜCHER jeder Literaturrichtung im Antiquariat: Hermann Tuchner, Wien, II., Große Stadtgutgasse 7 (Ecke Taborstraße 52) Tel. R. 41-4-20, sehr mäßige Preise, Verzeichnis umsonst, Ankauf ganzer Bibliotheken. aus. Die vertrocknetsten Seelen und verhärtetsten Sünderherzen schmelzen dahin und werden wertigstens für zwei, drei Stunden emporgehoben. Für so manche ist dieser Abend vielleicht der einzige, an dem sie mit der Welt des Reinen in Berührung kommen und einen fernen, leisen Hauch des Göit? liehen verspüren, und ihm dankt es sicher mehr als einer, daß er im Drange der Begierden, von der eigenen Schwäche herabgezogen, doch nicht ganz sich verlor. An diesem Abend kann man sogar längst getaufte Juden und Jüdinnen heimlich sich ins Innere der Synagoge schleichen sehen, um einen der alten, lieben und ergreifende Töne zu erhaschen. In früherer Zeit pflegten die großen Synagogen die ganzen 24 Stunden am Jom Kippur nicht geschlossen zu werden. Nach Kol Nidre blieben viele die ganze Nacht in der Synagoge, man sang die sieben Gesänge des S c h i r h a J i c h u d (12. Jahrhundert), indem bei jedem der sieben Gesänge ein anderer als Vorsänger fungierte. Dann ging es an die Psalmen, die einige Male hintereinander vorgetragen wurden. Mancher «lernte» aus dem Sohar, bis der Morgen graute. So früh als möglich ging man an das Morgengebet. Für die hohen Feiertage haben die einleitenden Kapitel bekanntlich besondere feierliche Melodien. Sonst sind die meisten Hymnen vom Versöhnungstag und Neujahrsfest gemeinsam, mit dem Unterschied jedoch, daß Sünde und Buße nur am ersteren behandelt werden, während am letzteren hauptsächlich vom Reiche Gottes und seinem ewigen Königtum die Rede ist. Das Besondere am Jom Kippur äußert sich darin, daß man,: wie schon zu Philos Zeiten, meist den ganzen Tag im Gebete verharrte. Von Rabbi A k i b a (ebenso aus amoräischer Zeit)’ wird berichtet, daß er Pausen einführte, um den Leuten Gelegenheit zu geben, sich in der frischen Luft zu ergehen oder sogar daheim ein wenig auszuruhen. So verfloß ihnen der ganze Tag in weihevoller, weitabgewandter Stimmung, einzig und allein von der Idee der Versöhnung erfüllt, TischrL Nissan ist ein chaldäischer, fröhlicher. Götze — Tischri ein trauriger, herbstlicher Monat. Mit Nissan beginnen wir, die Monate zu zählen. Doch unser jüdisches. Neujahr, fällt auf den Monat TischrL Rosch-Haschanah, zehn Tage der Buße, der Tag des Gerichtes und der Versöhnung « , / Wo ist die frohe Sylvester Stimmung der arischen Völker? Der Himmel weint. Die Erde schluchzt. Es ist Herbst. Blätter fallen. Sünden fallen. Wehmut und Demut. Ein weißes Hemd, ein Kleid der Unschuld und des Todes ziehen graubärtige Männer an. Jom Hadin! Ein Tag des Gerichtes! Für uns2 Nur für. uns?. Nur wir haben gesündigt? An der uralten Klage$auer werden wieder fromme Juden beten. Sie werden sich auf die Brüst schlagen und rufen: «Herr, vergib uns unsere Sündenh Und rings um die uralte Mauer wird wieder die Hetze schüren, der blinde Haß wüten. ' Die Söhne des ewigen Volkes, werden beten. Herbst, Schluchzen» W.einen4 TischrL Die Persönlichkeit des Mti tärkommändanten in Palästina Jerusalem, i. Oktober. (J. T. Ä\) Die Zeitungen veröffentlichen Einzelheiten über die Persönlichkeit des gegenwärtigen Kommandanten der britischen Truppen in Palästina, Brigadegeneral B. W. S. Dobbie, der nach dem Ausbruch der Unruhen aus Aegypten nach Palästina berufen wurde. General Dobbie hat eine erfolgreiche militärische Karriere hinter sich. Bald nachdem er die Kadettenschule in Wolwich verlassen hatte, nahm er am südafrikanischen Kriege teil. Später wurde er hei den. irischen Wirren verwendet und 1914 begab er sich mit den ersten britischen Formationen nach dem französischen Kriegsschauplatz. Während des Weltkrieges erhielt er zahlreiche Auszeichnungen von englischer, französischer und belgischer, Beite. Im Jahre 1928 wurde er, zum Generalmajor befördert tmd; exhielt -ein-KommandoA« Aegypten« ** ..N