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Die Stimme · 1929-10-10 · Heft 95 (10.10.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 95 (10.10.1929)
Date
1929-10-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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SeKe 4 DIB STIMME Nr. 85 wieder einen Weg, wie man dem jüdischen Palästina in praktischer Form ökonomische Hilfe zuteil werden lassen kann, und die Möglichkeit zur Beschäftigung neuer Arbeitskräfte. —■ Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitern ist in den letzten Wochen gewachsen. Zahlreiche Arbeiter aus Tel-Aviv sind zur Arbeit in den Emek gefahren, darunter auch fast die ganze Gruppe des Arbeitertheaters Obel. In den Städten besteht jetzt starke Nachfrage nach Bauarbeitern, die noch wachsen wird, wenn der großzügige Plan der Erweiterung der Vorstädte besonders in Jerusalem zur Ausführung gelangt. So steht der Bau von 50 Häusern in Beth Hakerem auf der Tagesordnung, ferner der Bau eines Arbeiterviertels von 100 Häusern bei Talpioth und verschiedene ähnliche Pläne. Die Durchführung solcher Projekte, neben dem Aufbau zerstörter Plätze, das ist ein Arbeitsprogramm zur Beschäftigung einer sehr großen Zahl jüdischer Arbeiter für ziemlich lange Zeit. Das Lnkesche Interview Die Ausführungen Lukes, welche die «N. Fr. Presse» von Beyrut datiert, als in Gegenwart des Obericonwnissärs dem Korrespondenten der «New York World» erteiltes Interview veröffentlicht hat, erweisen sich für jeden, der die Möglichkeiten einigermaßen übersieht, als Zeitungsente. Mit solchen Nachrichten geht es so: Sie sind sicherlich falsch, aber sie sind sicherlich nicht ganz falsch. Und sie haben meistens eine Tendenz. — Wir haben bisher weder eine Bestätigung noch ein Dementi über dieses Interview. Aber soviel kann man wohl sagen: Es ist ausgeschlossen, daß Luke in Gegenwart des High-Kommissionärs ein Interview gegegben bat, das die Worte enthält: «Die Araber sind im Recht» Es ist aber durchaus möglich, daß Luke in einem Gespräch versucht hat, das Verhalten der Araber irgendwie zu beschönigen. Wi.r haben ja selbst jüngst in einem Artikel hervorgehoben, daß die Beamten der Palästina-Regierung jetzt antisemitische Töne anschlagen werden, um ihr eigenes Versagen zu rechtfertigen. Aber sie werden das sicherlich nicht in einem derartigen Interview tun, das in solcher Weise mit der Politik ihrer eigenen Regierung, die fast auf dem Standpunkt der Balfour-Deklaration steht, zu polemisieren. Durch ein solches Interview würde sich Luke ganz unmöglich machen. Und das weist vielleicht auf die Tendenz dessen hin, der dieses Interview in die Welt geschickt hat Es war wohl kein Freund Lukes und schon gar nicht ein Freund des Zionismus. Die Neureichen (Zum Fall Sklarek.) Von Ludwig Bato Er richtet den Armen aus dem Staube empor, Aus dem Schlamme erhebt er den Dürftigen, Auf daß er sie setze neben die Fürsten . . . (Psalm 113.) Alle großen Kriege und die in ihrem Gefolge eintretenden politischen und sozialen Umwälzungen lassen in den Händen Einzelner große Reichtümer zusammenfließen. Diese vom Glücke Betroffenen legen den Weg von drückender Armut zum schwindelerregenden Reichtum, der sonst durch einige Generationen führt, in eigener Person in wenigen Jahren zurück. Es liegt auf der Hand, daß dieser hasterfüllte Aufstieg, der blitzartige Schwung des Glücksrades den Arrivierten zu der organischen Entwicklung ihres Wesens keine Zeit gewähren und so entsteht die unausgeglichene Erscheinung des Neureichen. So war es vor mehr als hundert Jahren, als im Zuge der Napoleonischen Kriege die Rothschilds ihr Vermögen erwarben, so im dreißigjährigen Kriege, der die Fuggers zu einer internationalen Geldmacht aufsteigen ließ, so war es im alten Rom und so war es seit den Urzeiten der Menschheitsgeschichte. Der Neureiche ist denn auch ein merkwürdiger Menschenschlag, dessen Charakteristikum darin besteht, daß er steril ist, sich in gerader Linie nicht fortpflanzen kann. Denn der Sohn, in Reichtum geboren oder erzogen, ist schon ein alter Reicher, mit allen Vorzügen und Fehlern eines Patriziers behaftet. Aber der Neureiche selbst, der sich aus kleinen dürftigen Anfängen emporrafft, hat noch vieles aus der Armut herübergerettet: Gutes und Schlechtes, das mit seinen neuen Allüren und Passionen oft eine gar seltsame Mischung ergibt. Der neue Reiche fühlt sich, wenn er seinen Geschäftsbetrieb verläßt, zuweilen etwas unbehaglich in der ungewohnten gesellschaftlichen Umgebung, der er vermöge seines Geldes anzugehören bestrebt ist. Nun gibt es zwei Typen von Neureichen: den Kulturmenschen, der sich der ethischen Pflichten bewußt ist, die ihm der Besitz eines immensen Vermögens auferlegt, und den hemmungslosen Emporkömmling. Der erstere läßt vor allem auch der Gemeinschaft, aus der er hervorgegangen ist, die Segnungen des Reichtums zu teil werden, der letztere denkt nur an sich. Er läßt sich wohl auch nicht lumpen, aber nur, wenn es darum geht, seine eigene Person zur Geltung zu bringen. Er zahlt irrsinnige Beträge, um einem exklusiven vornehmen oder halbvornehmen Klub angehören zu dürfen, er ist ständiger Gast der teuersten Nachtlokale, hält eine Schar von Parasiten frei, seine Mätressen erregen . p hen durch ihren luxuriösen Aufwand 1 Die Boykottpropaganda Jerusalem, im Oktober. Die arabische Exekutive Palästinas hatte in ihrer letzten Sitzung über einen Antrag, durch eine offizielle Erklärung den arabischen Boykott gegen Handel und Industrie der Juden zu fördern, zu beraten. Infolge scharfer Differenzen zwischen den moslemitischen und den christlichen Mitgliedern der Exekutive ist es zu einem Beschlüsse nicht gekommen. Einige Moslemiten behaupteten, der Boykott komme nur den arabischen Ladeninhabern in den Städten, die in der Mehrzahl Christen sind, zugute, während die arabischen Landbewohner, die in der großen Mehrheit Moslemiten sind, unter dem Boykott schwer zu leiden haben, indem die Juden Vergeltung üben und arabische Landprodukte nicht kaufen. Das Organ der arabischen Exekutive, «Felestin», teilt mit, der Bürgermeister von Jerusalem, Nashashibi, hätte sich dahin geäußert, er habe zwar als Bürgermeister offiziell gegen den Boykott Steilung nehmen müssen, aber als Privatmann sympathisiere er mit dem Boykott. — Im Jerusalemer Bazar wurden heute vier Araber, die arabische Käufer vor jüdischen Läder einzuschüchtern versuchten, verhaftet. Seitens der Behörden wird erklärt, daß gegen Boykott-Propaganda eigentlich kein Gesetz besteht, daß man aber entschlossen sei, gegen Einschüchterungsversuche vor jüdischen Läden strengstens vorzugehen. Seitens aller verantwortlichen jüdischen Stellen wird darauf hingearbeitet, daß Juden den arabischen Boykott nicht mit einem Boykott ihrerseits beantworten und auch keine direkten Aktionen gegen den arabischen Boykott unternehmen. JIIQENOVCREIN EffEBSZ ISRAEK. Wien, 11.. Zirkusgasse 33_ Sonntag, den 20. Oktober 1929, halb 8 Uhr abends, im F«siCs<b€b1 Conllncntfol, 11., Taborstraße 4 Tschernichowsky- AbencS unter persönlicher Mitwirkung des Dichters. Karten von S 1. — bis S 4 — sind zu haben: Zion. Bureau, 1., Kärntnerstr. 28, fei. R 27-4-85/86; Zion. Sekt. Leopoldstadt, II., Zirkusgasse 88^ Tel R 49-8-98; Bücherstube Kath, 11., Taborstraße 21a) und beb allen Vereinsmitgliedern. Dann nimmt er förmlich Stunden aus Knigge: er hält eine verarmte Aristokratin in seinen Diensten, die ihm und seiner Familie die Sitten lind Gebräuche der eleganten‘Welt beibringen soll, wie man mit Messer und Gabel hantiert, wie man sich'verbeugt, wie man Konversation macht, was man sagt und tut, wenn man feine Leute bei sich zu Gaste sieht und dergleichen mehr. Nur eines haben die Parvenüs nicht erlernt: wie man spenden soll. Dafür suchen sie sich keinen Lehrmeister und die vornehme christliche Dame kann es dem Reichen nicht erklären, worin die Pflichten eines jüdischen Spenders bestehen. . Der jüdische Neureiche ist ein Kapitel für sich, das neuartig und interessant wirkt, wiewohl es sich im Laufe von Jahrhunderten immer von neuem wiederholt. Das jüdische Volk, im Zuge seiner zweiiausendjährigen Geschichte durch die Wirtsvöiker auf den Waren- und Geldmarkt gedrängt, hat natürlich auch seinen Anteil an den verschiedenen Typen von Neureichen. Ich meine nicht die vornehmen spanischen Juden in der Türkei, Holland und England, die es zu Geld und Ansehen brachten. Sie verdankten ihren Reichtum nicht den Kriegsereignissen. Dagegen ist das deutsche Judentum des 18. Jahrhunderts reich an solchen Typen, war doch dieses Säkulum eine fast ununterbrochene Kette von Feldzügen. Noch glimmen um die Jahrhundertwende die letzten Brände des Türkenkrieges, dann bricht der spanische Erbfolgekrieg aus, ihm folgen auf dem Fuße der österreichische Erbfolgekrieg und der schlesische Krieg. Den Reigen beschließt der siebenjährige Krieg. All diese Feldzüge, die an das. Wirtschaftsleben große Anforderungen stellen, haben das Aufblühen der Geschäfts- und Bankhäuser im Gefolge und geben den Anlaß zum Entstehen großer Vermögen. Unter den Juden, die es in diesen Kriegen zum ' Reichtum gebracht haben, sind ebenso gut wie heute zwei Typen zu unterscheiden: Kulturmenschen, die mit dem Judentum, seiner Lehre und seinem Geschicke innigst verbunden sind, und Emporkömmlinge, Prasser, die in ihrem Haschen nach Gelde auch unerlaubte Wege gehen und lediglich darauf bedacht sind, ihre Vergnügungsucht zu befriedigen. Der Vergleich mit der heutigen Zeit gilt -aber nur mit einer größen Einschränkung. Die strenge Zucht der jüdischen Gemeinde hielt damals die Geister in den Grenzen der altererbten Lehre und Sittlichkeit und so sehen wir, daß der damalige Typus seinen heutigen Nachfolger an Hingabe und Opferfreudigkeit bei weitem übertrifft, wie auch der damalige zweite Typus seinem derzeitigen Nachfahren an Verkommenheit bei weitem nachsteht. Der erste Typus wird verkörpert zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch zwei ragende Gestalten: Samuel Oppenheimer (1630—1703) und Samson Wertheimer (1658—-1724), der zweite durch Josef Süß Oppenheimer M 698 -1738). Eine Abordnung arabischer Kaufleute in Jaffa besuchte den Bürgermeister von Tel-Aviv, Herrn Dizengoff, und gab ihm gegenüber ihrem Schmerze Ausdruck, daß die kommerzielle Lage des Landes durch unver antwortliche Boykotthetze bedroht ist. Dieselben arabischen Kreise hatten Herrn Dizengoff vor seiner letzten Europarcise an Bord des Schiffes besucht und ihn gebeten, Kapitalskrcisc in Europa und Amerika für Palästina zu interessieren. Der Distriktskonimissar von Jerusalem, Major Keith Roach, hat sich entschlossen, gegen Boykottagitatoren persönlich zu judizieren. Für jeden Fall einer Boykott- Propaganda vor jüdischen Geschäftsläden legt er eine Geldbuße von 25 Pf. auf. (J. T. A.) Zweite Sitzung der parlamentarischen Palästinakommission London, 1. Oktober. (J. T. A.) Die Mitglieder der zur Untersuchung der Vorkommnisse in Palästina ernannten parlamentarischen Kommission traten a\m 30. September zu einer zweiten Beratung zusammen. Wie die Jüdische Telegraphen-Ägentur erfährt, beschloß die Kommission, den einzelnen Parteien in Palästina zu erlauben, sich bei den Verhandlungen der Kommission durch Anwälte vertreten zu lassen und vor die Kommission erscheinenden Zeugen einem Kreuzverhör nach der Norm, wie sie bei Gericht üblich ist, zu unterziehen. Die Kommission wird bis zu ihrer Abreise hach Palästina, die Mitte Oktober erfolgt, keine weiteren Sitzungen mehr abhalten. Die Beschlüsse der Kommission in London stehen im Gegensatz zu der Erklärung, die. der Chefsekretär der Palästinaregierung Luke laut „Felestin“ der arabischen Exekutive in Jer.ii; salem gegeben haben soll; laut dieser Erklärungsollten Rechtsanwälte; und Kreuzverhör bei den Vernehmungen durch die Untersuchungskominission ausgeschlossen sein.' Ein Dampfer bringt 300 Juden nach Palästina Jerusalem, 4. Oktober. (J. T. A.) Im Häfen von Jaffa ist am 2. Oktober ein Dampfer singe^ troffen,- der 300 jüdische Einwanderer, unter ihnen 120 Chaluzim, nach Palästina gebracht hat. . / : Oppenheimer und Wlertheimer, beide kaiserliche Hoffaktoren in der glänzenden Wiener Residenz, leisten dem Staate unbezahlbare Dienste in den verschiedenen Kriegen. Fehlt es an Geld in den Türkenkriegen oder geht die Munition im spanischen Erbfolgek'riege aus, ist. es stets Oppenheimer, der dem Kaiser hilfreich beispringt. Prinz Eugen von Savoyen, der kaiserliche Generalissimus, gibt unumwunden zu, daß er ohne den werktätigen Beistand Oppenheimers außerstande gewesen wäre, gegen die Türken erfolgreich Krieg ,zü führen und nennt ihn den «Retter aus der Türkennofv Wertheimer verschafte viele Millionen Gulden dem Staate, der ihm namentlich während des spanischen Erbfolgekrieges viel zu verdanken hat. Auch in anderen Ländern gelangt er zu hohem Ansehen und so erhält;er bald den Titel eines königlich-polnischen, churmainzischen, pfälzischen und anderer Fürsten und Stände Oberfaktors. Dieses nach außen glänzende Bild wird durchaus, nicht verdunkelt durch ihr Verhalten ihren Brüdern gegenüber. Oppenheimer und Wertheimer sind eifrigst bemüht, ihren Einfluß und ihren Reichtum der jüdischen Gemeinschaft ziu-gute kommen m lassen. Droht Gefahr der Gemeinde, bieten sie alles auf, um sie abmwenden, fehlt es an Geld, so springen sie hilfreich' bei. Sie errichteten Synagogen in armen Gemeinden, steuern zu Stiftungen für Palästina bei, bedenken mit reichen Spenden die Torabeflissenen, sorgen für den jüdischen Unterricht und öffnen jedem Juden ihr gastreiches Haus. Das tragische Schicksal des Josef Süß Oppenheimer, Jud Süß genannt, ist ja heutzutage ein offene» Buch. Er setzte seinen Ehrgeiz darein, von den Stuttgarter Hofschranzen als vollwertiger Kavalier angesehen zu werden. Um sein Ziel zu erreichen, tat er et ihnen in allem gleich. Ja, selbst in lockerer Lebensführung und Ausschweifungen stand er ihnen nicht nach. Und so entfremdete er sich — ein Neffe des großen Wiener Oppenheimers — dem jüdischen Lebe» immer mehr und mehr. Er fand den Weg zum Judentum erst zurück, als er zum Schaffot geführt wurde, Da erwachte in ihm der Stolz der Vorfahren und lehnte das Ansinnen, sich zum Christentum zu bekehren mit den Worten ab: «Ich will als Jude sterben!» Und sq versöhnte uns der Tod mit diesem Neureichen. Die heutigen Vertreter des Typus Süß Oppenheimer erwecken viel weniger unsere Sympathie. Sie sind dem Judentum, auch wenn es ums Sterben geht, vollständig entfremdete, oft sogar feindlich gegenüberstehende Egoisten, die nur eines kennen: ihr eigenes Ich. Die Straße bringt sie aber immer wieder mit den Juden in Verbindung. Und die Juden sind es dann, die sehr zu Unrecht die Missetaten dieser Neureichen zu sühnen haben.

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