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Die Stimme · 1929-10-10 · Heft 95 (10.10.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 95 (10.10.1929)
Date
1929-10-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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PIE STIMME Nr. AB Vor dem Jom Hadin '(f)' Die Kampfansage der Revisionisten an die Exekutive bedeutet einen taktischen und politischen Fehltritt. Taktischen, da sich gerade heute jede ernst zu nehmende Strömung im zionistischen Lager wohlweislich hüten muß, aus einer nationalen Katastrophe für sich politisches Kapital zu schlagen — und politischen, da es gefährlich erscheint, in einer schweren Schicksalsstunde, die spontan erstandene Einheitsfront des Weltjudentums gerade von zionistischer Seite durchzubrechen. Vielfach wurde hüben und drüben gefehlt, aber noch ist die Distanz zu kurz, um die Schuldigen anzuprangern und die verdienstvollen Propheten auf das Schild nationaler Anerkennung zu heben. Genügten nicht sechs Jahre innerer Zerrissenheit und eines zügellosen Kampfes, die unsere Front nach außen gebrochen und unseren Blick von den dräuenden Realitäten der Außenwelt auf die innere Kampffront zwangsweise abgelenkt haben?! Öenügten nicht sechs Jahre, die wir unwiedereinbringiich in schwerster historischer Schicks-Jsstunde für den inneren Kampf gegen die Agency- Windmühlen verloren haben, statt schon damals mit dem nötigen Verantwortungsgefühl die politischen /Möglichkeiten raschest auszuschöpfen, die lauernden Gefahren zu erfassen und Arm in Arm mit dem V/eltjudentum das Aufbauwerk Palästinas um ein gewaltiges Stück vorwärts zu bringen?! Der Niederbruch palästinensischer Wirklichkeit kann nicht als eine Anklage gegen die Exekutive, die gestützt auf eine überwältigende Majorität einen heroischen Kampf um die Einheitsfront des Judentums rechtzeitig aufnahm, ausgewertet werden, sondern richtet sich vielmehr gegen eine Minderheit, die, in einem rechthaberischen Dünkel verfangen, den ehernen Schritt der Entwicklung wohl mit einem überschäumenden Temperament, aber ohne richtige Einschätzung realer politischer Konstellationen, jahrelang gehemmt hat. Haben die Revisionisten in so manchem Belange größere Voraussicht erwiesen, was heute zu beurteilen noch allzu verfrüht ist, dann stärken sie eben unsere Front, nehmen mit uns den unerbittlichen Kampf gegen Fremde und nicht gegen die eigenen Weg- und Schicksalsgenossen auf, die auf den Trümmern niedergebrochener Hoffnungen vereinsamt und gramgebeugt das Kreuz der Geschichte allen Gewalten zum Trotz weiter tragen wollen und müssen; Ein kranker Führer fährt zur Erholung nach Lugano und Felix Warburg geht mit einer stolzen Gefolgschaft zionistischer und nichtzionistischer Männer nach Washington, um vor. dem Leiter des britischen Weltreiches über die klaffende Wunde des gesamten Judentums Klage zu führen. Soll man ob der Tragik eines überragenden Führers, der an der Schicksalswende von Krankheit übermannt wird, trauern, oder die jubelnde Geste historischer Wunder bestaunen, die einen gestrigen Outsider zur höchsten Würde eines Sachwalters und Anklägers vor der gesitteten Menschheit emporhebt?! Führertum ist eine schwere, hehre Bürde für eine von geschichtlicher Verantwortung getragene Persönlichkeit. Jüdisches Führertum Ist jedoch mit Blut und Opfern gezeichnet, da es ein zerklüftetes und in tausend Stücke gerissenes Volk zu führen gilt, bei dem obendrein Kritik und Rechthaberei den Sinn für historische Kategorien und den Zwang kollektiven Handelns und Denkens verdrängen. Dem kranken Weizmann gilt der ehrfurchtsvolle Wunsch eines ganzen Volkes, das am Jom-Kippur die Vergebung der Sünden des Alltags von der Ewigkeit erfleht, und hinter dem Führer Warburg bäumt sich unser verhaltener Oroll gegen das machtvolle England und wächst zu einer Sturmflut heran, die das Weltgewissen wie-das Dröhhen cii^s "Gvrischen Schofars aufrütteln muß ... Es gibt keine starren Dogmen in der Politik und wer die Linien der Politiker von Weltformat, begonnen von Plato über Cäsar bis Glaciston und Bismarck verfolgt, erblickt die Über eine einheitliche Idee stets hervorbrechenden Abweichungen und Anpassungen, welche die Realitäten der Stunde erzwingen. Die zionistische Politik des letzten Jahrzehnts kann kein Dogma bleibftn und wird bis zum Endziele noch mancherlei Aenderungen und Wendungen dnrchmachen müssen. Die letzte Schwenkung in der Politik kündigt sich schon allzu deutlich in den Reden Eders, Weltmanns und Sachers an, und was diese nicht vermögen, wird die palästinensische Wirklichkeit erzwingen. Politik darf jedoch nicht Selbstzweck sein und beileibe nicht in eine unproduktive Eigenbrötelei ausarten, die sich über die Gesamtheit hinwegsetzt. Nur durch ein gegenseitiges Umlernen und freiwilliges Einlenken, die in dem Gesamtwillen einer Majorität den Ausdruck findet, wird eine neue politische Linie geschaffen werden und nicht durch einen Brustton staatsanwaltschaftlicher Ueberzeugung und eine demagogische Hast von Besserwissern. Wir sind eine lebende, strömende und eine sich allzu oft überstürzende Bewegung. Es darf kein letztes Wort geben, weder im Leben, noch in der Politik. Die Sturmflut In Palästina muß eine tiefe Wandlung in der zionistischen Oesamtpolitik schaffen. Diese wird jedoch weder durch voreilige Schadenfreude noch durch laut tönende Enunziationen herbeigeführt. Die Wirklichkeit wird letzten Endes Recht behalten •— mit oder gegen unseren Willen. Die Stellungnahme der zionistischen Mandatare zur neuen Regierung Am 3. Oktober fand eine Sitzung sämtlicher zionistischer Mandatare statt, bei der nach den von Doktor Desider Friedmann und Dr. Josef Loewenherz erstatteten Referaten über die politische Lage und Stellungnahme der zionistischen Organisation nachstehende Resolutionen gefaßt wurden: 1. Die Vollversammlung der zionistischen Mandatare in Wien spricht die Erwartung aus, daß die gegenwärtig im Amte befindliche Regierung der Oesterreichischen Republik es als Ihre erste Aufgabe betrachten wird, die bestehende Gefahr eines Bürgerkrieges 2u bannen, die Parteiengegensätze zu mildern und Jene Athmosphäre der politischen Beruhigung zu schaffen, deren der Staat zu seiner ruhigen Entwicklung und die Bevölkerung zum Schutze ihrer friedlichen Arbeit dringend benötigt. Die Versammlung fordert daher die eheste Durchführung der inneren Abrüstung, das ausnahmslose Verbot bewaffneter Parteiformationen, die Untersagung der mit empfindlichen Störungen des Wirtschaftslebens verbundenen Demonstrationen, die geeigneten Maßnahmen gegen die Verbreitung von das Ansehen des Staates, die Volkswirtschaft und den österreichischen Kredit schädigenden Gerüchten. Nach Ueberzeugung der Versammlung lat es Pflicht der Regierung, Leben, Eigentum und Freiheit der Gesinnung der Bürger mit den der staatlichen Exekutive zur Verfügung stehenden Mitteln z<u schützen und jeden Eingriff privater Verbände in die Schutzrechte des Staates mit aller Energie abzuwehren. Nur die Wiederherstellung der Or.dnung und deren Schutz durch die dazu berufenen Organe des Staates gibt der Bevölkerung die Gewähr für eine ausreichende Sicherheit. 2. Die Versammlung stimmt der beabsichtigten Aenderung der Verfassung bei, insoferne hiedurch eine höhere Verantwortlichkeit der gesetzgebenden Körperschaften, die Sicherung ihrer Arbeitsfähigkeit gegen mutwillige Störungen und die erhöhte Einflußnahme der Bevölkerung auf die Gesetzgebung durch Einführung des Plebiszits herbeigeführt werden soll. Die Versammlung hält es außerdem für erforderlich, daß in Zukunft vor der Erlassung gesetzlicher Maßnahmen die beteiligten Kreise der Bevölkerung gehört und die von ihnen vörgobrachten Wünsche entsprechend berücksichtigt werden. 3. Die Versammlung erwartet eine Aenderung des bestehenden Wahlrechtes in der Richtung, daß den in. der Republik vorhandenen Minoritäten die Möglichkeit der Wahlbewerbung und eine angemessene Vertretung in den öffentlichen Körperschaften gesichert wird. Das gegenwärtige auf das Zweiparteiensystem äugeechnittene Wahlrecht hat sich als für österreichische Verhältnisse vollständig ungeeignet erwiesen und hat lediglich dazu beigetragen, die vorhandenen Klassen- Gegensätze zu verschärfen. An Stelle der Verantwortlichkeit der Volksbeauftragten gegenüber ihren Wählern ist deren vollständige Abhängigkeit vom Diktate der politischen Parteien getreten. Der in den Vertretungskörpern herrschende Parteigelst hat dazu geführt, die Einrichtung des Ratlamentarismus in Oesterreich auf das Schwerste zu diskreditieren. Die Versammlung erachtet daher eine Wahlreform für geboten, die ein «ngeres Verhältnis zwischen der Wählerschaft der einzelnen Wahlkreise und den Volksbeauftragten schafft. Sie spricht sich für die Abschaffung des Systems der gebundenen Liste bei Aufrechterhaltung der Grundsätze der Allgemeinheit, Gleichheit und der Unmittelbarkeit des Wahlrechtes und des Proporzes aus und verlangt, daß bei der Schaffung der beabsichtigten neuen Wahlkreise und der Normierung des zweiten Skrutiniums jede Benachteiligung der ta Staate lebenden Minoritäten hlntärvgehalten wird. 4. Die Versammlung ^fachtet eine gründlichere Reform der Steuergesetzgebung, des Bundes, der Länder und der autonomen Körperschaften für unabweis- Sdrabe AbraMmoincz ma, a NMn.uk u Moderne gute Sehiihe In fabelhaft großer Auswahl zu bekannt billigen Preisen* lieh. Die Steuergesetzgebung muß der Tragfähigkeit der österreichischen Volkswirtschaft Rechnung tragen und den schaffenden Bevölkerungakrelsen die Möglichkeit Ihres Fortkommens und Ihrer Existenz geben. Die Verwendung der Steuerei nigänge ist unter geeignete Kontrolle zu stellen und der Mißbrauch für Parteizweoke oder einseitige Förderung der Interessen einzelner Klassen oder Parteien mit allen Mitteln zu verhindern. 5. Die Versammlung verlangt, daß der Grundsatz der bürgerlichen Gleichberechtigung bei der Handhabung der Gesetze und in der öffentlichen Verwaltung in die Wirklichkeit umgeset2t wird und lehnt jede Klassen Justiz, ebenso aber auch jede Parteilichkeit in der Verwaltung mit aller Entschiedenheit ab. 6. Die Wiener zionistischen Mandatare sprechen die Ueberzeugung aus, daß es wünschenswert erscheint, daß alle Teile der jüdischen Bevölkerung, welche eine angemessene Vertretung der Judenschaft der Republik in den gesetzgebenden und öffentlichen Körperschaften anstreben, sich Zusammenschlüßen, um die Rechte der jüdischen Bürger bei der bevorstehenden Aenderung der Verfassung und des Wahlrechtes wahrzunehmen und dem oft beklagten Uebelstande der Zufallsgruppierung der jüdischen Wähler bei künftigen Wahlen rechtzeitig zu begegnen. Macdonald in New York NewYork, 4. Oktober. (J. T. A.) Der britische Premierminister Ramsay Macdonald, der heute im Hafen von New York eintraf, wurde durch ein vom Bürgermeister James Walker ernanntes Ehrenkomitee an Bord der „Berengaria“ empfangen, dem von jüdischen Persönlichkeiten Bernard Barucli, Paul Bloch, Bernard Gimbel, Edmund Guggenheim, Henry Morgenthau, Adolph S. Ochs, Mortimer Schiff, Jesse Strauß, B. C. Viadeck, Felix M; Warburg u. a. m. angehörten. Von Bord der „Berengaria44 hat Ramsay Maodonald am $. Oktober ein drahtloses Telegramm an Herrn Felix M. Warburg gesandt, in welchem er mitteilt, daß or bereit sei, am 11. Oktober im Hotel Weylin eine repräsentative jüdische Abordnung m empfangen. Felix M. Warburg teilte der Jüdischen Telegraplion-Agentür mit, daß er die folgenden Mitglieder des Administrative Committee der Jewish Agency eingeladen hat, mit ihm zusammen am 11. Oktober den britischen Premierminister zu besuchen: Doktor Cyrus Adler, Präsident des jüdischen theologischen Seminars von Amerika; Bernard Floxner, Präsident der Palestine Economic Korporation; Dr. Lee K. Frankel, Mitglied der Palestine Joint Survey Commission; Richter William M. Lewis, Präsident des United Palestine Appeal; Louis Lipsky, Präsident der Zionistischen Or* ganlsation Amerikas; Morris Rothenberg, Präsident des Keren Hajessod in Amerika. Maodonald erklärte einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der ihn nach seiner Ankunft in New York besuchte, er woUo os sich heute versagen, auf die Lage in Palästina im Detail einzugehen, das Kabinett der Arbeiterpartei habe bereits klar kundgetan, daß eine Abweichung von der Balfour-Deklaratiou nicht ln Frage komme. „Hier ln den Vereinigten Staaten,44 fuhr Macdonald fort, „befasse ich mich mit den englisoh-araerikanisohon Beziehungen; die Palästinafrage wird vom Minister des Auswärtigen Hendorson und vom Kolonienminister Lord Paßfield behandelt. Am 11. Oktober empfange ich in New York eine Abordnung der Je« wlsn Agenoy, wobei ich Gelegenheit haben werde, mehr über die Sache zu sagen.44 Der Vertreter der Jüdischen Telegraphen« Agentur wies im Gespräch auf einen von Mao« donald im Jahre 1984 geschriebenen Artikel hin, in welchem Macdonald ausführte, nicht das arabische Volk, sondern nur die Großgrundbesitzer widersetzen sich der jüdischen Einwanderung

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