Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 94 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE SUMME Nr. 94 Vor mehreren Jahren hatten wir eine versiegelte Kiste mit zehn englischen Gewehren und Munition erhalten. Vor zwei Jahren nahm uns die Regierung jedoch fünf Gewehre weg. Wir nahmen die Frauen und Kinder in den mittleren Teil des Hauses, verteilten die fünf Gewehre, die die Regierung uns gelassen hatte. Wir befanden uns in großer Gefahr, beschlossen jedoch, die Araber nicht an das Haus herankommen zu lassen und uns bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Um 6 Uhr abends zog einer von uns arabische Kleider an und eilte zur Bahnstation, um telephonisch Hilfe aus Jerusalem und Haifa anzufordern. Er erhielt die Antwort, daß Hilfe sogleich geschickt würde. Um 8 Uhr abends hörten wir, wie die Araber aus Deir-Aban in die Kok-nie drangen und die Häuser erbrachen. Unter Singen wurden unsere Häuser geplündert; einige Araber näherten sich auch unserem Hause, verschwanden jedoch, als wir das Feuer eriffneten. So verteidigten wir uns von 8 Uhr abends bis 2 Uhr nachts. Moses Mendelssohn in der Anekdote Zum 200. Geburtstag des Philosophen (geboren am 6. September 1729). Der Philosoph und die Gassenbuben. Moses Mendelssohn erging sich, wie er in seinen «Denkmälern» erzählt, zuweilen des Abends mit seiner Frau und seinen Kindern im Freien. Einmal wurden sie von Gassenjungen verhöhnt und mit Steinen beworfen. «Papa!», frug Mendelssohns Söhnchen, «was rufen uns jene Burschen nach? Warum werfen sie mit Steinen nach uns? Was haben wir ihnen getan?» «Ja, liebster Papa!», sprach ein anderer Sprößling Mendelssohns, «sie verfolgen uns immer in den Straßen und rufen uns: Jud! Jud! zu. Ist es denn in den Augen dieser Leute eine Schande, Jude zu sein?» «Kinderl» beschwichtigte der Vater die erregten Söhne, «Ihr habt vor Euch unerzogene Gassenbuben. In den Augen anständiger Menschen aber ist es keine Schande, Jude zu sein.» Moses Mendelssohn nahm sich, wie er erzählt, damals allen Ernstes vor, sein Volk in der Achtung der Menschheit zu heben. Und es gelang ihm, dem Erneuerer des geistigen Judentums, auch zum großen Teile. Moses Mendelssohn singt sein «Lob». In Berlin wurde zu Moses Mendelssohns Zeiten eine Gesellschaft zur Förderung der Geselligkeit in Künstler- und Geleh-rtenkreisen gegründet. Ernste, wissenschaftliche Vorträge wechselten dort mit heiteren Darbietungen. Auch Mendelssohn wurde Mitglied dieser Gesellschaft, Eines Abends wurde die fröhliche Runde vor die Aufgabe gesteht, die eigenen Fehler zu besingen. Mendelssohn, der bekanntlich einen «Höcker» hatte, verwachsen war und stotterte, machte nun auf sich die Verse: «Groß nennt Ihr den Demosthen, Den stotternden Redner von Athen, Den höckrigen Aesop hält Ihr für weise. - Triumph! Ich werd’ in Eurem Kreise Doppelt groß und weise sein, Wenn Ihr bei mir im Verein, Was man bei Aesop und Demosthen Hat getrennt gehört und gesefon!» — Kredit Den berühmten Philosophen versuchten manche /Crefse, dem Judentum abspenstig zu machen und ihn tur Taufe zu bewegen. So bemühte sich auch der Pfarrer Teller um des Weisen «Seelenheil». Ja, einmal wandte er sich an ihn mit einer poetischen Einladung zur Taufe. Sie lautete; «An Gott, den Vater, glaubt Ihr schon. So glaubt doch auch an seinen Sohn, Ihr pflegt doch sonst bei Vaters Leber Dem Sohne gern Kredit zu geben.» Mendelssohn antwortete schlagfertig, ebenfalls in Reimen: «Wie könnten wir Kredit ihm geben? Der Vater wird ja ewig leben!» — Der Kritiker des Königs. Friedrich der Große war ein großer König, a/ber — er dichtete bekanntlich auch — ein mittelmäßiger Dichter. Seine Gedichte wagte Moses Mendelssohn in einer Zeitschrift einer gerechten, aber scharfen Kritik zu unterziehen und wegen ihrer Mängel zu tadeln. Prediger Juste, ein Feind Mendelssohn, denunzierte den kühnen Kritiker, der es gewagt hatte, «als Jude die Ehrfurcht gegen des Königs allerhöchste, geheiligte Person im frechen Urteil über dessen Poesie hinfcanzusetzen». Die Zeitschrift verfiel der Konfiskation. Der freche Kritiker aber erhielt den strengen Befehl, zum Verhör in Sanssouci, dem königlichen Schloß, zu erscheinen. Hier wurde er von einem Hofbeamten verhört und gefragt, wie er seine dreiste, imehrertoietige Kritik des königlichen Dichters wagen konnte. «Wer Verse macht, s hiebt Kegel. Und wer Kegel schiebt, sei er König oder Bauer, muß sich gefallen lassen, daß der Kegeljunge sagt, wie er schiebt», lautete die stolze, aufrechte, geistreiche, später zum geflügelten Wort gewordene Antwort Mendelssohns. Verblüfft über diese Antwort, entließ man den mutigen Kritiker. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, die Konfiskation der Zeitschrift aufgehoben. Womit handelt er? Der freche Kritiker des Königs erhielt den barschen Befehl, sich an einem Samstag zum Verhör im königlichen Schloß einzustellen. Der fromme Mendelssohn machte sich wegen der Sabbatruhe zu Fuß auf den Weg nach Potsdam ins Königsschloß. Schweiß- und staubbedeckt traf er dort ein. Der Leutnant, der die Schloßwache befehligte, schnarrte den verwachsenen, schweißtriefenden Juden mit der Frage an: «Was sucht er hier? Womit handelt et?» «Womit ich handle? Mit etwas, was Sie, Herr Leutnant, brauchen können — mit Verstand», lautete die schlagfertige Antwort des weisen Mannes. Moses Mendelssohns Brautwerbung. Wie Moses Mendelssohn seine Braut gewann, erzählt Berthold Aueibach: Der berühmte Mann weilte im Bad Pyrmont zur Kur. Hier lernte er den Kaufmann Abraham Gugenheim aus Hamburg kennen. «Rabbi Moses», sagte dieser eines Tages, «wir verehren Sie. Aber am meisten meine Tochter. Für mich wäre das höchste Glück, Sie zum Eidam zu haben. Besuchen Sie uns doch einmal in Hamburg.» Moses Mendelssohn war sehr schüchtern. Denn er war traurig verwachsen. Er hatte einen Höoker auf dem Rücken. Und stotterte. Endlich entschloß er sich doch von Berlin aus zur Reise. Mendelssohn kommt nach Hamburg und besucht Gugenheim in seinem Kontor. Dieser sagt: «Gehen Sie hinauf zu. meiner Tochter. Sie wird sich freuen, Sie zu sehen. Ich habe ihr viel von Ihnen erzählt.» Mendelssohn besucht die Tochter. Anderen Tages kommt er zu Gugenheim und fragt endlich, was die Tochter, die ein gar anmutiges Wesen sei, von ihm gesagt hat. «Ja, verehrter Rabbi», sagt Gugenheim, «soll ichs Ihnen ehrlich sagen?»- «Natürlich!» «Nun, Sie sind ein Philosoph, ein Weiser, ein großer Mann, Sie werden es dem Kinde nicht übelnehmen. Sie hat gesagt, sie wäre erschrocken, wie sie Sie gesehen hat. Weil . . . Weil Sie . . .» «Weil ich einen Buckel habe?» Gugenheim nickte. «Ich hab’ es mir gedacht. Ich will aber doch von Ihrer Tochter Abschied nehmen.» Er ging hinauf in die Wohnung und setzte sich zu der Tochter, die nähte. Sie sprachen gut und schön miteinander, aber das Mädchen sah nicht von ihrer Arbeit auf und vermied, Mendelssohn anzusehen. Jan Raines gestorben Jan Raines, der größte Sohn Lettlands und Weltjude, ist in Majorenhof, unweit Rigas, verschieden. Was dem Deutschen Goethe, dem Engländer Shakespeare, war Raines den Letten. Raines wurde in Semgallen, im Herzen Lettlands 1865 geboren, absolvierte seine juridischen Studien in Petersburg. Im Jahre 1896 kehrte er nach Riga zurück, wo er Chefredakteur der ersten sozialistischen Tageszeitung «Deenas Laps» wurde. Auf Grund dieser Tätigkeit wurde er im Jahre 1894 von der russischen Regierung nach Sibirien verbannt. Nach vielen Leiden und Kämpfen kehrte er 1904 nach Riga zurück, um an der Revolution teilzunehmen. 1906 verreiste er nach der Schweiz, wo er bis 1920 weilte, um dann in dasbwiedererstandene Lettland freudvoll zurückzukehren und an dem Aufbau seines Landes teilzunehmen. In dem großen Manne lebten zwei Seelen: die jüdische und die kosmopolitische, die sich aber nicht bekämpften, sondern in vereinten Kräften zum Gipfel der Kultur hinaufstrebten. Der dahingegangene Dichter wurde mit Recht der lettische Heine genannt. Auch in seinem Wesen war er ganz dem Dichter des Buches der Lieder verwandt und nimmt es nicht Wunder, daß er Heine ins Lettische übersetzt hat. Die Kämpfernatur Raines spiegelt sich in seiner Poesie ab, die durchdrungen ist von der Liebe zu seinem Volke und der leidenden Menschheit. Der Dichter unternahm noch vor einigen Monaten mit seinen Freunden eine Reise nach Palästina. Als er heimkam, war seine Begeisterung über das in Palästina Geschaffene so groß, daß er seine Eindrücke in vielen Reden und Artikeln niederlegte, welche in mehreren Sprachen erschienen. Und damals hatte ich das Glück, auf seiner Wiener Durchreise ihn in meinem Hause zu empfangen. Die Universität in Riga ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Die Werke Raines und insbesondere sein biblisches Drama «Josef und seine Brüder» wurden fast in alle europäischen Sprachen übersetzt. Johanna Tal-Birsen. (■BIBIIIBBilSI ■9(1 8 TEPPICHHAUS S. SCHEIN A. 6. g Tepplohe g Vorhänge i n ■ ■ s 8 ■ 5 Möbelstoffe * Decken g Riesenauewahl / Billigste Preise / Qualitätsware ® ■ WIEN, I., BAUERNMARKT 10/12/14. VII., MARIA- ■ 8 HILFERSTRAS8E 90 / LINZ: LANDSTRA38E 68 8 ■ ■ jlBIIIIIIIIIIIIiaRIIIIIIIBllMIIISIIIft? Boden und Menschen Wohlfeile Flugschriftenreihe des Keren Kajemeth. Der letzte Kongreß hat es mit aller Klarheit festgestellt, daß von der raschesten (in den allernächstenjahren) Lösung des Bodenproblems in Erez Israel buchstäblich die Zukunft unserer ganzen Bewegung abhängt. Lösung des Bodenproblems, d. h. Ueberführung allen Bodens der für die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung des jüdischen nationalen Heims von entscheidender Bedeutung ist* in den Besitz des Volkes, d. i. des Keren Kajemeth. Am Kongresse war sich alles darüber klar, daß das Schicksal des Keren Kajemeth alle Juden, die Erez Israel wollen, in innere Unruhe versetzen muß, damit sie sich mit ihrer ganzen Person für ihn dnsetzen können. Der Keren Kajemeth muß in das Licht der jüdischen Oeffentlichkeit gerückt werden. Dies kann nur durch stete, sachliche, aber das Problem in lebendiger, anschaulicher Weise vor Augen führende Aufklärung geschehen. Der Keren Kajemeth in Oesterreich hat sich daher entschlossen, auf diesem Gebiete einen ersten Schritt zu tun. Er trat an die periodische Herausgabe von Flugschriften über das Bodenproblem heran. Hier die Titel und die Autoren der ersten Flugschriften : 1. «In der Verteidigung». Enthält Originalberfchte der Verteidiger unserer Positionen während der letzten Unruhen. 2. Ussischkin: Die Forderungen des Keren Kajemeth an die zionistische Bewegung. 3. Erez Israel über die letzten Ereignisse. 4. Josef Laufbahn: Boden und Kolonisation. Der Autor ist Redakteur der Wochenschrift «Hapoel Hazair». 5. Josef Ahronowitsch: Boden fürs Volk. Der Verfasser ist Direktor der Arbeiterbank und einer der hervorragendsten Publizisten des Landes. 6. M. Beilinsohn: Boden fürs Volk. Der Autor ist Redakteur des «Dawar», des Tagblattes der «Histadruth». Der Preis einer solchen Flugschrift, die vier bis acht Seiten umfassen wird, wird sich auf zehn Groschen stellen. Diese Flugschriften werden prinzipiell nur gegen Entgelt abgegeben. Der Grund ist folgender: Der Keren Kajemeth soll durch die Herausgabe nicht belastet und-dadurch in die Lage versetzt werden, sein Aufklärungswerk fortzusetzen. Die Zionisten, Jung und Alt, werden aufgefordert, für die weiteste Verbreitung dieser wahrhaft gediegenen Flugschriften zu sorgen. Der Keren Kajemeth ersucht die Gesinnungsgenossen um Vorbezahlung des Betrages, damit die Gebarung einfach erfolge. Sollte der Versuch gelingen, so wird der Keren Kajemeth in den Kreis dieser Ausgaben auch andere Probleme des Jischuw, sowie Fragen der hebräischen Kultur ziehen. Bisher erschienen die Nummern 1, 2 und 4. Notizen Eine neue jüdische Wochenzeitung ln Köln Am 20, September erschien in Köln das erste Heh einer neuen jüdischen Wochenzeitung: «Kölner Israelitisches Familienblatt». Die neue Zeitung will in erster Linie der intensiven Bekämpfung des sich im Rheinland immer mehr ausbreitenden Antisemitismus dienen. Thesaurus totius Hebraitatls In Berlin wellt gegenwärtig Herr Ehud Ben Yehuda aus Jerusalem, Sohn des 1922 verstorbenen hervorragenden hebräischen Sprachforschers Elleser Ben Yehuda, um die Drucklegung des großen «Mllloa» (Thesaurus totius Hebraitatls), des Lebenswerkes von Elleser Ben Yehuda, das Im Verlag Langenscheldt ln Berlin in 12 Monumentalbänden erscheint, zu fördern. Großer Erfolg der Hablmah In Italien Das hebräische Theater Habimah absolviert gegenwärtig eine sehr erfolgreich verlaufene Tournee durch die großen Städte Italiens. Die italienische Presse bringt große Aufsätze mit Illustrationen Uber das Schaffen der «Hablmah». Die italienische Kritik bezeichnet die Darstellung der Habimah als originelle Spitzenleistung der Schauspielkunst. Die Habimah wird bis Ende Oktober in Italien verbleiben. S. Winingers «Große jüdische Nationalbiographie» S. Winingers «Große Jüdische National-Biographle» erscheint als ein Momianentahverk in fünf Bänden und einem Nachtragsband im Lexikonformat, etwa 4000 Seiten stark. Band 1 bis 3 liegen bereits in gediegener Ausstattung vor. Das Werk enthält in alphabetischer Folge quellenmäßig geschilderte Lebensbeschreibungen aller hervorragenden jüdischen Männer und Frauen vom Beginn der jetzigen Zeitrechnung bis zum heutigen Tage. Es ist zu beziehen durch den Heranigeber (S. Wininger, Cernauti, Piata Decebal 4, Rwnftnlen)<