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Die Stimme · 1929-10-03 · Heft 94 (3.10.1929) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 94 (3.10.1929)
Date
1929-10-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vortrag des Schreibers dieser Zeilen war. Einige Musiker: Dr. Erwin Felber, Dr. Terbe, Ludwig Sandow, S. ßraslawski und der Unterzeichnete bemühten sich um die Verbreitung der Kenntnisse jüdischer Musik. Leider verursachte der Mangel an Mitteln die vorzeitige Sistierung der Gesellschaft. Im vorigen Jahre entstand ein «Verein für jüdische Musik», an dessen Spitze sich der bekannte Musikschrif.tsteller Prof. Dr. Max Graf stellte und dem sich eine Reihe Musiker ahschlosseri. Der Verein veranstaltete eine Anzahl Konzerte, in denen in Wien ganz unbekannte jüdisch-musikalische Werke zum ersten Male aufgeführt wurden. Ein Konzert des Hakoah-Orchesters unter Leitung des hochbegabten Dirigenten Walter ' Hahn und einige Konzerte des jüdischen Gesangvereines unter bewährter Leitung ihres glänzenden Dirigenten Prof. Dzimifrowski brachten viele Kompositionen jüdischer Musik, die reichen Beifall fanden. Leider kämpfen alle diese Institutionen mit allzu geringem Interesse des jüdischen Publikums. Wenn man bedenkt, daß. arische Komponisten wie Moussorgski, Prokofjew, Maurice Ravel u. a. oft jüdische Motive für ihre Werke benützten, wenn man sich vergegenwärtigt, daß berühmte jüdische Tondichter wie Ernest Bloch, Darius Milhnud, Marie Castelnuovo-Tedesco sich bemühen, ihren Werken einen jüdischen Kolorit zu geben, wenn man ferner den an 300 Werken enthaltenen Katalog des Verlags «Juwal» durchblättert, der ausschließlich Schöpfungen echtester jüdischer Musik von Achron, Saminski, Gniessin, Krein, Millner, Lewin, Rosowski, Schklar, Kopyt und Weprik aufweist, wenn man schließlich die Forschungswerke eines Idelsohn in Erwägung zieht, muß man sich wundern, daß die Förderung jüdischer Musik verhältnismäßig wenig Anklang beim jüdischen Publikum findet. Es wäre zu begrüßen, wenn die Bestrebungen des obenerwähnten Vereines vom jüdischen Publikum unterstützt würden. Bei einer jüdischen Büdhauerin Ein Besuch bei Chanah O r.I o f f Im Ausstellungsräume ihrer kleinen, komfortablen Ateliervilla am Montparnasse empfängt Frau Orloff: Groß, kräftig, mit klarer, vordringender Stirn — die. Bildhauerin. In einer Ecke ängelehnt überläßt sie dem Besucher vollständige Bewegurigs¬ und Betrachtenfreiheit. Nur halbbewußt weiß man um ihre Anwesenheit in diesem Raume; und die schweigende, ruhige Erscheinung der Frau, die diese Werke-geschaffen hat, verleihf ’deri zahlreichen Bronze- und Marmorfiguren einen lebendigen, zusammenfassenden Hintergrund. Wie Chanah Orloff selbst, in deren graublauen Augen ein halb melancholisches, halb heiteres Lächeln spielt, sind auch ihre Plastiken distanzgebietend und fordern Interesse. Man gewinnt den Eindruck, daß die sowohl in Frankreich, wie auch in Palästina sehr populäre und anerkannte Künstlerin, mit sehr viel Mut auf der Suche nach ihrem künstlerischen Ausdruck vorgedrungen sei. Doch muß man feststellen, daß trotz sehr starker und origineller plastischer Konzeptionen, nirgends die Grenze überschritten wurde: Die Gefahr der «Stijisation» ist hier von einer großen Begabung.und.Biidnerleidenschaft mit Leichtigkeit abgewehrt worden. Chanah Orloff ist vor allem eine hervorragende Porträtistin. Das Problem/nur durch plastische Formen — Licht und Schattenführung — künstlerisch zu gestalten, ist überall mit viel Geist und Humor gelöst worden. Und es ist erstaunlich, wie es ihr gelingt, einen in Wirklichkeit nur über den Djngen schwebenden Ausdruck, einzufangen und zu materialisieren, ohne jemals den Bereich der Möglichkeiten ihrer Kunstform zu verlassen. Frau Orjoff, die nur Hebräisch und Französisch spricht, ist keine Anhängerin des durch moderne Kunstrichtungen. geforderten *Direkthauens»: «Ich rnodelliere und suche sehr lange im Ton, bevor ich daran gehe, etwas ins endgültige Material zu hauen. Denn ich möchte mich absolut von keinem Zufalle abhängig machen. Selbst ein Michelangelo, — deren es heute nicht viele gibt, — sah sich gezwungen, viele begonnene Arbeiten zu unterbrechen, da er ehrlich genug war, einzugestehen, daß er sich verhauen hat . . .» «Und ich brauche nicht erst ins Material hineinzusehen, um Einfälle zu bekommen, oder gar materialgerecht zu arbeiten: Ich habe meine Einfälle lange bevor ich zu arbeiten beginne.» «Ich arbeite seit fünfzehn Jahren. Vorher? Oh, da hatte ich ganz was anderes getan . . .» «Es war nicht leicht, sich als Frau durchzusetzen . . . Doch ich möchte nicht über meine Vergangenheit sprechen. Bis ich einmal mit der Bildhauerei Schluß gemacht habe, will ich meine Lebensgeschichte schreiben . . .» Einige ruhig gesprochene Sätze. Und sowie hinter der kühlen Eleganz ihrer Figuren, spürt man auch hinter ihren Worten ferne Meiseischläge einer bewegten Vergangenheit, einer Kampf- und Leidgeschichte vielleicht, die durch eine starke Persönlichkeit in diesen ruhigen, geistvollen Glanz gebannt wurden, ohne jedoch jemals zu wirken aufgehört zu haben. Man verläßt, das Atelier der Bildhauerin nachdenklich, mit dem Eindruck, ah ein nicht alltägliches Schicksal gestreift zu haben * . . ■Karl Tschärny (Paris). In der Verteidigung*) Die Tapferkeit einer Mutter. (Hebron). Als die beiden später getöteten Brüder Arie Löb und Dov Cheikel durch das Fenster bückten und ihre ermordeten Freunde sahen, und das Seufzen der Verwundeten hörten,,rissen .siesieh von ihrer-Mutter los und liefen -unter Lebensgefahr zu1 zwei ihnen befreundeten arabischen. Polizisten und flehten sie um Hilfe an. Der arabische Mob, der mit Messern und Dolchen bewaffnet war, umzingelte sie. Der jüngere Bruder Dov wurde von dem Polizisten mit Hohn zur Seite gestoßen und fiel zu Boden.1 Die Menge stürzte sich auf ihn und erstach ihn. Als sie noch Atemzüge an ihm bemerkte, warf sie Steine auf ihn. Einen schweren Kampf Hatten die Araber mit dem älteren Bruder Arie Löb. Mit geballten Fäusten schlug er rechts und links *) Der Keren Kajemeth Oesterreich hat einen sehr verdienstvollen propagandistischen Schritt getan: Er gibt Flugblätter heraus, die das so dringend gewordene Bodenproblem beleuchten. Wir verweisen auf die spezielle Ankündigung des Keren Kajemeth an einer anderen Stelle unseres Blattes. Heute bringen wir aus einer bereits erschienenen Flugschrift einen Teil zum Abdruck. Wir laden Sie höß, ßeskhtigungum ^rbstkoflddion tiEtte Ijpdi <tACodi bdes eff überraschend? Vif. KAISE&ST&ASSE 46. IM STOCK um sich. Die Araber traten einige Schritte zurück und blickten erstaunt auf den Juden, der plötzlich ganz wild geworden war. Dann stürzte sich die Menge von neuem auf ihn und erdolchte ihn. Er versuchte mit letzter Kraftanstrengung nach Hause zu gelangen. Auf dem Wege dorthin wehrte er sich mit übermenschlicher Kraft gegen die Angreifer, bis er unter weiteren Dolchstichen zusammenbrach. Die Araber schrien: «Tut es Ihnen weh, mein Herr?» Die Jeschiva-Schüler wollten ihm zu Hilfe eilen. Die Mutter der beiden Ermordeten rief ihnen jedoch zu: «Wozu wollt Ihr Euch opfern? Meine beiden Söhne könnt Ihr nicht mehr retten.» Der Schneider aus Mea Sch’arim. (Von einem Augenzeugen.) Ein Geschäftsmann auf der Hauptstraße in Mea Sch’arim erhielt von seinem arabischen Geschäftsfreund die telephonische Mitteilung, daß sich . die Araber, welche die Omar.-Moschee verlassen haben, auf die verschiedenen Viertel verteilen, um die Juden anzugreifen. Der jüdische Kaufmann rief die Kaufleute zusammen und teilte ihnen die Warnung seines'arabischen Geschäftsfreundes mit. Alle waren fassungslos. Plötzlich sprang ein alter jüdischer Schneider .aus seinem Laden, eine eiserne' Elle in seiner Hand und schrie:'«Was steht Ihr hier? Kommt, um die Araber zu vertreiben.» Nach diesen Worten eilte er den Arabern entgegen. Sein Beispiel flößte den änderen Juden Mut ein und plötzlich liefen alle den Arabern entgegen, die bereits bis zum Eingang nach Mea Sch’arim vorgedrüngen waren. Es entstand ein Handgemenge. Mit Steinen, Stöcken und ähnlichen «Waffen» verteidigten die Juden’ von Mea Sch’arim ihr Viertel. Schließlich wurden die Araber zurückgedrängt und unterließen weitere Anfälle auf das Viertel. Har-Tov verteidigt sich bis zum letzten Moment (Von einem Augenzeugen.) Während des Tages erfuhren wir, daß die Einwohner des arabischen Dorfes Deir-Aban bereits gestern einen Angriff auf Har-Tov geplant hatten. Die Dorfältesten weigerten sich jedoch, ihre Zustimmung zu geben. Schabbath-Abend kamen aus Jerusalem Automobile, welche Briefe mitbrachten. (Die Dorfältesten gestanden, daß man sie in diesen Briefen zum Ueberfall auf Har-Tov aufforderte.) Städtchen, wusch Fußböden und Klosetts, insofern es welche' im Städtchen gab und sie gewaschen wurden; sie verrichtete überhaupt die schwersten Arbeiten. An Samstagen machte sie Feuer in den jüdischen Häusern. Außerdem wurde s]e noch von ihrem Herrn Gemahl geprügelt und gebär mit der größten Pünktlichkeit jedes Jahr ein Kind. Die Kinder kämen und starben lautlos. Die unglücklicheren aber, die am Leben blieben, liefen barfuß und nackt, mit schmalen Brüsten herum. Nie lachte -ein Kind, nie weinte ein Kind wie wandernde Schatten waren sie. In der verseuchten Badeluft konnten ihre Lungen nicht gedeihen, und ihre Wangen kamen nie zur Blüte. Eine Kindheit ohne Kinderland. Petro war fast immer, so oft er nach Hause kam. betrunken. Wie ein losgelassener Wind haute er alles zusammen. Das war so seine Art. Die Mäuse trauten sich aus den Löchern nicht hervor. Natürlich kam es auch vor, daß er nüchtern war. Dann pflegte er niedergedrückt zu sitzen und mit starren Augen stundenlang den Haufen Kinder, der auf der Decke zusammengekauert lag, zu betrachten. Von Zeit zu Zeit stieß er einen tiefen Seufzer, wie ein krankes, hilfloses Tier, aus. So ereignete es sich manchmal iu solchen nüchternen Stunden, daß dieser brutale Kerl sich auf dem Boden wälzte und jämmerlich laut weinte Zuweilen sang er ein Lied. Es hatte Erdgeruch, wie alle Bauern-" Ifeder Podoliens, nur klang es wehmütiger, es fehlte ihm der Erdboden, Wie der Mann, so war auch das Lied entwurzelt. Es atmete schwüle Badeluft. Petro verschmähte natürlich auch den GoH der Liebe nicht. Da?. Opfer, das er Ihm darbraohte war eine elende Frau, die er quälte, der Altar war iie Decke »on unbestimmter Farbe und. mit unzähligen Lö.-herri, auf der der Kinderhaufen schlief. Und die h.!'"' Gemeinde, ach, die lag auf den Bankett und tat so, als ob sie schlafen würde. Wild und leidenschaftlich war sein Atmen, resigniert das Seufzen und schrill das Husten seiner Auserwählten. Phantasien zündeten .sich an diesem Schauspiel ....■ Dann auf einmal Stille. Der Schlaf breitete sich über die Familie. Der zweite Traditionelle im Bädeensemble war Mojschaie, der Meschuggene. Er war, sozusagen, ein Mann von geschichtlicher Bedeutung. Auch in kleinen Städtchen spielen sich Kämpfe menschlichen Geistes ab, wie draußen in der großen Welt. Auch hier bluten selbstlos menschliche Herzen für den kommenden Tag, nur werden ihre Namen von keinem Geschichtsschreiber registriert und die Nachwelt kennt sie nicht. Kleine Pioniere für Ideen, um deren Grab sich keine lebende Seele kümmert... Einstmals war auch Mojschaie ein solcher Pionier. In der Jugend hatte er ungeheuere Geistesfähiigkeiten an den Tag gelegt. Niemand drang so tief wie er in die Geheimnisse des Talmuds ein. Er war die große Hoffnung des Städtchens... Aber wie es schon mit Hoffnungen ist, sie bleiben meistens unerfüllt. So war es auch mit dieser. Ein unbekannter Zufall oder Gott weiß, was es war, riß ihn wie ein Satan aus dem legitimen Geisteskreis des Städtchens heraus und seine leuchtenden, wißbegierigen Augen wandten sich einer anderen, nach den Begriffen der jüdischen Gasse sündhaften, Welt zu. Er fühlte mit einem Male, daß es außer dieser konstanten Welt des Talmuds noch eine andere gibt, eine Welt der Entwicklung und des Fortschrittes, ln der Nacht, wenn das ganze Städtchen schon längst seine Augen geschlossen hatte, brannte in einer kleinen, elenden Kammer eine PetroKimilampe' und ein junger, flammender Geist riß JaMHi-mferie'" alte Kettenf nieder. nie wurde blasser und zurückhaltender: es zehrten an ihm zwei Welten, ein alter, eingefleischter Glaube wurde erschüttert. Im Städtchen merkte man bald, daß sich in ihm eine grundlegende Veränderung vollzogen hat. Juden sind, wenn man abtrünnig wird, rachsüchtig, sie strafen den Sohn viel schwerer als den Fremden. Man begann ihn zu meiden, aber die Petroleumlampe in der kleinen, elenden: Kammer brannte, ein Strahl der anderen Welt ist eingedritngen und hat dem Städtchen unmerklich einen Ruck nach vorwärts gegeben. Man fluchte Mojschaie, man schimpfte über den Ketzer, neugierige Ohren aber spitzten sich im geheimen. Der Strahl, er blieb .... Mojschaie aber, wurde mit jedem Tage stiller und trauriger, seine Wangen blasser, seine Augen feuriger. Im Städtchen begann man zu flüstern, daß bei ihm im Kopfe nicht alles in bester Ordnung sei. Dieses Flüstern wurde immer lauter, bis alle davon sprachen. Seitdem ist Mojschaie ein Meschuggcncr, der Meschuggene des Städtchens. Böse Zungen und Gläubige behaupteten. daß das ein Fingerzeichen Goltes sei: so straft er, der Allmächtige, jene Schafe der Herde, die es wagen, sie zu verlassen .... Natürlich mußte Mojschaie, dem als . uforengcgangene Hoffnung» die «Subventionen» de Idtoheiis entzogen wurden, bald sein Zelt im Bade au;chlagen. Er bezog die Appartements beim Ofen. Es gab Nächte, in denen er ziellos durch die Straßen des Städtchens irrte, es gab Tage, da er schlief. In einem zerfetzten Hemd über den Hosen zog er hemm und hielt flammende Reden, so ins Blaue hinein. Weltenwurden niedergerissen, neue wurden gebaut, er kämpfte mit Gott, er verlangte von ihm die Wahrheit, nur die reine Wahrheit.... Kein Mensch beachtete ihn mehr, man schüttelte den Kopf: «Mojschaie, der Meschuggen:.. / (^Fortsetzung in der nächsten N immer.\

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