Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 94 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053846--1298-3056640- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite * und sendet sie wieder in die Welt als persönlichen Ausdruck einer, pantlieistir-ci r:* Erlebens. Palästinensischer Alltag ist aber nicht immer ein Hymnus der Freude und des Wachstums. Wie oft muß man mit der Hoffnungslosigkeit kämpfen, wie oft dem Pessimismus widerstehen. Unter dem gemeinsamen Titel «Das Leid» schrieb Schiionski zwei (nichtszenische) Dramen: «Der Ansatz» und «Das letzte Testament». «Das letzte Testament» hallt von einem bekannten Echo wider: SchliönSki ist hierin ein Nachfolger J. Ch. Brenners — wie dieser lächelt er in seinem urjüdischen, unverwüstlichen Glauben aus dem Tale der Tränen in eine Ewigkeit hinüber. Der Held des Dramas ist Hiob, welcher wieder aussätzig geworden ist — Kapitän eines grauenerregenden Schiffes. Er wandert in der Welt herum und sucht Matrosen für seine schwarze Arche. Menschen meiden ihn. Sie fürchten sich voi dem großen Leid, wollen das kleine Glück. Das große, reinigende Leid verkündet Hiob. Doch Menschen warten auf den Messias. Den Höhepunkt des Dramas bildet eine Auseinandersetzung zwischen Hiob einerseits und Moses, Christus, Propheten andererseits. Hiob verwirft das Alte Testament des mosaischen Pentateuches wie auch das Neue der christlichen Evangelien und liest seine schwarze Thora vor: es ist das letze Testament, das der Welt gegeben werden kann — die Erlösung durch das Leiden. Menschen beugen sich unter Kreuzen, Menschen sind Messiasse, ohne davon zu wissen. Auch sie gehen von Hiob, flüchten vor dem Leid. Bei ihm bleiben bloß einige, die kein Gestern und kein Morgen haben. Aber es genügt: das Horn ' des Elias wurde heiser, und Messias König selbst ist des aussätzigen Mannes Jünger geworden . . . Diese Werke sind gewissermaßen Marksteine in der . Entwicklung des jungen Dichters. Aber Schiionski — der Lyriker — offenbarte sich eher in kleinen Gedichten, die er in zwei Bänden («Im Kreise», «Lieder an Vater und Mutter») herausgegeben hat. Dieses letzte Buch bedeutet einen Umschwung: Schiionski rebelliert nicht mehr, er entledigt sich der letzten Reste seines russischen Nihilismus -— der alles verneinende «Bosjak» wird zum ernsten Pionier. Schwer ist es, von Schiionskis Form zu sprechen, ohne sie mit Beispielen zu illustrieren. Er ist ein Dichter, der dem Inhalte immer die richtige Gestalt zu verleihen versteht, ein souveräner Herrscher auf dem Gebiete des modernen Stils und — last not least — ein Künstler, der wie kaum jemand anderer die hebräische Sprache beherrscht. Weit ist.. die Skala seiner Metaphern — ihre Spannweite reicht von den biblischen Reminiszenzen bis zu den gewagtesten Modernismen. Plötzliche Wendungen und Pointen wetteifern mit lyrischem Zartgefühl und weicher Sanftmut. Schiionski hat noch lange nicht sein letztes Wort gesagt. Aber auch in seinem bisherigen Schaffen finden wir Werte, die hin an die Spitze der hebräisch-palästinensischen Dichter stellen. Mit ihnen zusammen singt er das wunderbare, wehmütige und lebendige Lied von der jüdischen Renaissance.! DBE STIMME Stimmen j Von D a v i d R o t h b 1 u m. i Einstens hörte der Prophet Stimmen aus der Höhe. 1 Mutter Rachel war’«, die weinte. Heiß rannen ihr die Tränen aus den erloschenen Augen, well ihre Kinder die heimatliche Scholle lassen mußten. Zweimal. Die Erzväter aber schwiegen. Beide Mate. Denn ein Volk? das sejne Heimat lassen muß, geht einen geschichtlichen Wäg. Noch nie hat eine Nation die eigene Erde einer fjremden Macht geräumt — ohne Schuld. Das ist die tragische Schuld des gehenden Volkes, die versöhnlich wirkt. Schuld trägt inimer die Gesamtheit, nie der Einzelne. Gottlos urid buhlerisch tfcaf des Assyriers Zorn das Volk Israel. Zerklüftet Und wesensfremd traf es des Römers Schwert. Mutter Pachel weinte. Sie, die da sterben mußte am Wege, weil es noch weit war nach Efrath, erzitterte über den längen Weg Zur Rückkehrin die Heimat. Zweimal vertrieben ... Die Väter aber schwiegen. Nun aber lassen sich Stimmen aus den Tiefen vernehmen. Aus den Tiefen Machp'-'h’s, an den. Hainen Mamre’s, in Hebron. Die Erzväter sprechen. Das Blut junger Juden wurde vergossen. In Hebron, wo Gott in Gestalt dreier Männer dem Götzen- . vern-ichter erschien, haben diejenigen, die sich Näch- . kommen seines Sohnes isinaei nennen, Juden hingeschlachtet, die nach einer Wanderschaft von Jahrtausenden zurückkehrten in das Land, das I h m verheißen wurde und s e i n e n Kindern von dem alten Gott, der kein Falsch kennt und keine Lüge ... In Hebron, wo sie die Eiche zeigen, die Vater Abraham gepflanzt und das Grab, das er von ihrem Vorfahr um 400 Silberlinge abkaufen mußte, um sein Weib zu bestatten, in Hebron, dem sie einen arabischen Namen gaben, der 'die Stadt als allahfreundlich bezeichnet, weil Abraham in ihrem Schoße ruht, in dieser Stadt haben sie Thora jünger zerfleischt, Kinder erwürgt und jüdische Frauen .... j . Da erwachten die Väter’in Machpelah und schrien, ihre Stimmen drangen aus den Tiefen und die Araber haben sie deutlich gehört. Sie hörten und erzitterten in ihrem Herzen und erblaßten. Die Erzväter haben gesprochen. Ein heimkehrendes Volk, ist ein Volk, das kommt und nicht eines, das geht. Israel ist bei seinfen Erzvätern wieder angelängt, hat damit seine Schicksairkette geschlossen. Die Erzväter haben ihre Stimme aus den Tiefen erdröhnen lassen. S i e hörten dje D r o h u n g, w i r den Ruf... Wir kommen, wir komnien . . . Ihrer ist der Mord, unser ist der Glaube. i Großes lichtes möbliertes Oassen^immer> än zwei Personen zu vermieten Wien, XX. Bez,, Petraschgasse Nr. 3 Tür 3 J Nr. 94 Forschung und Förderung Jüdischer Musik. Von Prof. Juliusz Wolfsohn. Vor ungefähr 30 Jahren begann es. Angeregt durch die Sammlung jüdischer Volkslieder von Marek und Günzburg und der eigenen Forschung, ging der verewigte Tondichter und Musikschriftsteller Joe Engel an die Arbeit. Er begann seine AufklärungStätigkeit in Wort und Schrift und bald gründete sich eine Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musik in Petersburg, die auch einen eigenen Verlag ins Leben rief. Um den kühnen Vorkämpfer gruppierten sich junge Talente, die ihre Kunst und ihr Können in den Dienst der Sache gestellt haben. Joe Engel ging mit bestem Beispiel voran, er schuf Werke auf Werke. In kurzer Zeit entstand eine 'beträchtliche Sammlung von Kompositionen, die teils auf Volkslieder, teils auf eigene im Volkston gehaltene Motive aufgebaut waren. Zwei Verlagsfirmen «Juwal» und «Ibne», die sich ausschließlich mit der Herausgabe von Werken jüdischer Musik befaßten, wurden ins Leben gerufen. Der Weltkrieg und die Nachkriegszeit brachten eine Krise in den Bestrebungen der Gesellschaft; die Verläge sistierten ihre Tätigkeit und die Werke gingen vor einigen Jahren in den Besitz der Universal-Edition in Wien über. Hier im Westen wußte man lange nichts von der jüdischen Musik. Als. der Schreiber dieser Zeilen vor etwa acht Jahren mit einem Vortrag über das Wesen und Eigenart jüdischer Volksmusik im Mittleren Konzerthaussaale hervortrat und bei dieser Gelegenheit einige Proben jüdischer Kunstmusik eigener Faktur demonstrierte, wurde er mit Fragen um Aufklärung förmlich überschüttet. Dasselbe wiederholte sich überall, wo diese Aufklärungsarbeiten stättfanden. Doch bald machte die Renaissance der jüdischen Musik gewaltige Fortschritte. Es entstand eine Reihe Gesellschaften, die sich der Forschung und Förderung jüdischer Musik widmeten. So z. B. in Moskau, wo der bekannte Komponist Alexander Weprik, Professor der Komposition am staatlichen Konservatorium und Musikreferent im Unterrichtsministerium, in hervoragender Weise wirkt; ferner hat in Kiew die «Jüdische Kulturliga» eine Musikabteilung, wo für die jüdische Musik gearbeitet wird. In Berlin entstand vor Jahren ein Verein mit denselben Bestrebungen. In Amerika existieren mehrere Vereinigungen zur Propaganda jüdischer Musik und die dort ständig wohnenden bekannten Komponisten Josef Achron, Ssanmonski, Jakob Weinberg (der Äif.tor der Oper «Chaluzzim», die preisgekrönt wurde) und Prof. Braslaw.ski wirken, jeder in seiner Art, erfolgreich für die Sache mit. Letzterer hält an der Universität in Boston Vorträge über das Wesen und die Eigenart der jüdischen Synagogalen- und Volks* inusik. In Riga wirkt in diesem Sinne der bekannte Pionier jüdischer Musik Rosowski. In Krakau wurde eine jüdische Musikgesellschaft gegründet, die öfters Konzerte veranstaltet. In Lemberg besteht seit einigen Jahren ein jüdisches Symphonieorchester, das von dem ausgezeichneten Dirigenten Hermelin geleitet wird und Werke jüdischer Musik bevorzugt. Und nun in Wien. Da entstand vor einigen Jahren auf Initiative des Herrn Dr. Leo Lindenbaum eine Gesellschaft zur Forschung und Förderung jüdischer Musik, deren erste Veranstaltung der eben erwähnte Meinem toten Vater Das Badeasyi*) (Aus dem jüdischen Leben./ Von B. fieanmnn. Im schwarzen Podolien, unweit vom Dnjestr, liegt ein kiernes Städtchen. In diesem Städtchen wohnten seit jeher Juden, etwas abseits Polen und ganz draußen, außerhalb des Städtchens, Ukrainer. Die Juden trieben Handel, seßhaften und LufihaiKlcl, waren kleine Handwerker, die Polen hausten in den Aemtcrn und die Ukrainer dienten der schwarzen Erde Podoliene. Das, was ich erzählen will, hat sich iw Städtchen, das heißt im jüdischen Teile, zugerregen. Der jüdische Teil! ... Schmaie Garsen, zu deren Seiten armselige, altersschwache Häuser mit faulen Holzdächern, wie in alten, über die Stirn heruntergeschobenen Steifhüten, standen und mit ihren kleinen, ungeputzten Fenstern wehmütig in die Welt sahen. Ein großes Bethaus und viele kieinc e ergänzten das Bild des Städtchens. Das große war von ünvcrhält.nlsmäßigen Dimensionen, die Mauern grau und kahl und eine unbeschreibliche Kälte webte von ihnen. Die Juden des Städtchens beteten ungern im großen Bethause. Vielleicht unterdrückte seine schwere Kälte jene Flammen der Inbrunst, die die Herzen der Andächtigen mit dem Herrn der Welt vereinigen. Im Städtchen erzählte man sich verschieedne G-oeh'chien vom c;;ß'-n Bctbause. Man sagte, um M’Slo macht öffnen sich die Gräber des jüdischen Friedhofes urc ehe Toten ziehen in ihren weißen Gewändern zum NacKgebet ins große Belhau~ *) Wir machen unasre Le er auf die Novelle des jungen Schriftstellers B. Goldmsnn, die wir in dieser Nummer zu drucken beginnen, besonder;' ,v*f r»'.-d- ••fP.^d) Die Ejnwohn-er des Städtchens fürchteten sich daher, zu dieser Stunde auch nur di« Umgebung der grauen Mauern zu berühren.. Viele behaupteten sogar, in der Nacht jämmerliche Stimmen von dort gehört zu haben. Aus diesem Grunde wählten auch Obdachlose, einheimische und zugereiste,, alle anderen Bethäuser zu ihrem Nachtasyl, nur das große Bethaus nicht. Andere wieder, die mehr exotischen, bezogen das städtische Bnd. Das Städtchen zählte nämlich zu seinen Kultursehätzen auch ein Bad. Alt war es, das Bad, wie die Leiden des Volkes. An. gewöhnlichen Wochentagen wurde es fast nicht benützt. Nur hier und da kam eine fettleibige Frau mit Gicht oder. Krampfadern und ließ sich ein Wannenbad machen. Die wenigen Wannen, die das Mobiliar des Bades bildeten, waren aus altem, faulem Holz, der Fußboden mit zerbrochenen Ziegeln ausgetäfelt, die Wände schwarz und zerschlagen, die fehlenden Scheiben . mit Fetzen verstopft, von allen Seilen zog es — eine Heilung für kranke Füße! An Freitagen herrschte hier Vollbetrieb. Juden kamen und gingen, Steine wurden bis zum Glühen erhitzt, Wasser auf die Leiber gegossen. Auf uralten hölzernen Bänken saßen amphitheatralisch Juden um Juden, gebrochene, blutlose Körper spien den Schweiß einer ganzen mühevollen Woche aus. Manche krächzten vor Hitze, andere wieder schrien auf, wenn ein Tropfen kalten Wassere auf ihre dampfenden Körper niederfiel. Es war ja Freitag. In der Nacht aber ruhten atuf diesen Bänken arme Gestalten, Obdachlose mit traditionellem Sitz und Zugereiste Gäste. Die Traditionellen bewegten sich natürlich freier, hatten ihre ständigen Plätze und waren miteinander durch ein gewisses Zusammengehörigkeftsgefflhl verbunden. Die Zugereisten dagegen wur- . den zwar entgegenkommend, aber doch mit einer ge- I wissen Reserve behandelt. Nur von Zeit zu Zeit Verirrte sich ins städtische Bad ein Undefinierbarer, ein Prominenter seiner Zunft. Da versammelte sich um ihn die Gemeinde und lauschte andächtig seinen Erzählungen. Da lagen sie alle auf den Bänken, Lumpengestalten und Gestalten in Lumpen, und horchten mit kindisch-gläubigen, verzückten Augen auf die Worte des Fremden. So ein Zugereister verstand mitunter recht spannend die verschiedensten Geschichten, erlebte, gehörte und erdachte, zu erzählen. Wie aus einem fermen Märchenland klang seine Stimme in d*m vom Mond melancholisch beleuchteten Baderaum ... Waren die Bethäuser Exklusivasyle für Juden, so beherbergte das Bad ein internationales Publikum. Jeder Obdachlose durfte hineingehen und schlafen,,.. An der Spitze der Traditionellen stand Petro, der christliche Badediener. Er war ein Mann von großer Autorität und Vorzugsrechten. In einer Ecke des Baderaunies, au-f dem schwimmenden Ziegeiboden, war eine helle Decke von unbestimmter Farbe und mit vielen Löchern ausgebreitet. Soweit sie reichte, dehnten sich die Gemächer der Familie Petro aus. Denn Petro hatte eine Fraiu und auch Kinder, viele Kinder. Was die äußere Erscheinung seiner Frau, dts einzigen weiblichen Wesens im Bade, betrifft, so war es eine kleine, schmächtige Frau, die aussah, als wäre sie in einer Zwangsjacke aufgewachsen. Sie hatte ein gefallene, gelblich-blasse Wangen, die nur zeitweise eine krankhafte Fieberröte überzog. Schon ganz früh mußte dieses Lasttier Hausfrauenpflichen erfüllen. Sje wusch, kochte und nähte, denn mit dem Anbruch des Tages da hieß es: verdienen. Sie bestritt nämlich den Haushalt aus eigenen Mitteln. Sie war die «Gojte» -sie« t