Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 94 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 94 DIE STIMME Settel Was Sie suchen - finden Sie bei uns! rttr den Herbft Warenhaus Bernhard ■nioltfe meiner Realen «pniiMinai Reichste Auswahl in Pullovers, Wollwesten, Strümpfen, Handschuhen, Trikotagen, Damen-, Herrenu. Kinderwäsche, Pyjamas, Leinenwaren, Berufskleider etc. En gros - en detail l»t MtBSNSYBIQ % (Ecke Seltenstettengasse Bergmann lileralur und Kunst Juden in der Weltliteratur Von Dr. Marek Scherlag. Grou ist der Anteil der Juden an der Weltliteratur. Es würde zu weit führen, wollte ich an dieser Stelle alle bedeutenden Persönlichkeiten, Erscheinungen und Werke behandeln. Ich muß mich darauf beschränken, nur die wichtigsten Namen anzuführen. Damit aber der verwirrende Eindruck einer Aufzählung paralysiert werde, sei mir gestattet, einige grundsätzliche Bemerkungen zu machen. Es gibt strenge Kritiker, die sagen, die Wirkung der Juden beschränke sich auf die Bibel und bc: vfalls auf einige hebräische Dichtungen. Alles andere, was die Juden geschaffen haben, komme nicht mehr als jüdisch oder, besser gesagt, als hebräisch in Betracht. Wenn man der Sache auf den Grund geht, muß man solchen Kritikern recht geben. Denn sie brauchen nur auf einige Beispiele in der Weltliteratur hinzuweisen, um uns von der Richtigkeit ihrer Behauptung zu überzeugen. Nehmen wir zum Beispiel Josef Conrad. Dieser Pole schrieb englisch. Wohin gehören seine Werke? Man zählt sie nicht zur polnischen Literatur. Nach diesem Muster ist etwa auch H?ine zu behandeln, sagen sie. Heine, der Jude, schrieb deutsch. Seine Werke zählt man also nicht zur Jüdischen Literatur. Ich vertrete jedoch einen anderen Standpunkt. Ich meine, entscheidend sei doch der Geist, die Abstammung, das Blut. Vor allem nenne ich Moses, wenn man an der Annahme festhält, er sei der Verfasser der besten Teile unserer Thora. Aber wenn man von der Bibel spricht, so schwinden Menschen, Erscheinungen und Persönlichkeiten, und ein großes, mächtiges Werk ragt empor, dessen Wirkung und Einfluß einzig in der Welt dasteht. Für keines wurde so viel gekämpft, geblutet und gelitten. Ob das aber etwas mit Literatur zu tun hat, wird man mich fragen. Auch literarische Bedeutung kommt vielen Partien der Heiligen Schrift zu, uni nur die Psalmen, däs Hohe Lied, Jesaias, Ruth und Hiob zu nennen. Und wo bleibt die Josefslegende, wo Esther und Daniel? Vom Buch der Sprüche zu der Wegpredigt ist nur ein Schritt. Auch die Evangelien haben Juden zu Verfassern. Wie mächtig die Wirkung der althebräischen Poesie ist, ersehen wir an solchen Geistern wie Goethe, Nietzsche, Tolstoi, Skarga, Kochanovski, Luther, „ Heyse, Grillparzer, Hebbel, Klopstock, Milton, Ujejski, Kaprowicz, Otto Ludwig, Schiller, Wedekind und Strindberg, um nur einige zu erwähnen. Diese Wirkung hatte weder der Talmud noch die Kabbala. Auch Jehuda Halevis, des größten Dichters des späteren Judentums Wirkung blieb auf sein Volk beschränkt, obwohl er es verdiente, in alle Sprachen übersetzt zu werden. Erst jetzt erkennt man ganz seinen Wert und seine Größe. Wie Jehuda Halevi, geht eigentlich auch Spinoza aus dem spanischen Judentum hervor. Mit diesem kristallklarer» Philosophen tritt die erste europäische Persönlichkeit des Judentums auf den Plan. Auf Spinoza blicken Goethe, Lessing, Zuiawski, Kolbenheyer, Hauser, Auerbach wie auf einen Heiligen. Noch heute ist seine Stellung in der Geschichte des Gedankens und der Philosophie unerschüttert. Da er in Holland als Flüchtling gelebt hat, betrachten ihn die Holländer als den Ihren. In Holland wirkt auch Heijermans, der Verfasser naturalistischer Dramen. Das nahe Dänemark, brachte den großen Kritiker von Weltruf Georg Brandes und den Ghettoschilderer Ooldschmidt hervor. In Schweden erwarb sich der Jude Levertin Ruhm. Wenn ich nicht irre, ist auch Sven Hedin jüdischer Abstammung. Daß die Juden auch in der russischen Literatur eine Rolle spielen, ist eine bekannte Tatsache. Es seien nur Frug, Block, Babel und Ehrenburg erwähnt. In der polnischen Literatur fanden sich leider früher keine erstrangigen jüdischen Namen, außer einigen begabten Schriftstellern, wie Feldmann, Nossig, Lange. Ehrende Erwähnung verdienen nur die neueren: Tuvim, Wittlin, Slonimski. Diese jungen Dichter jüdischer Abstammung sind vielverheißend. Auch unter den modernen Franzosen findet man viele Juden von Namen, wie Bergson, Proust, Fleg, Gustave Kahn und Jean Richard Bloch. Daß auch in England der Einfluß einiger jüdischer Schriftsteller bedeutend ist, weiß man. Es genügt, Disraeli und Zangwill zu nennen. Am breitesten ist die Wirkung der Juden in der deutschen Literatur. Moses Mendelssohn war der erste Jude, der im deutschen Getto ein Fenster nach Europa öffnete. Auf ihn folgte Heine, der an Weltruhm sich neben Goethe stellte. Von Bedeutung sind Fruchtbarkeit Von Abraham Schiionski /. Als das Land heut* früh erwachlc, War der Acker schon bestellt — Herden haben hier genachtet, Schafe düngten auch das Feld. Ihr schimpft: «Unzucht», Ihr schreit: «Kot» Und ich jauchze: Welt wird schwanger. Eure Sterne sind in Not? Mir ist um Befruchtung bange. Schenkt mir schöpferischen Samen, Denn mein Blut ist längst erwacht, Sonst wird ausgelöscht mein Name ~ Ruft Suleika in die Nacht. Joseph kommt, er bebt und fiebert. . «In mein Bett, Du, gib mir Glück» — Josef ließ den Rock, die Liebe, Lief davon, kam nicht zurück. Und Suleika weinte, fluchte Ungestillt in stiller Nacht — Nur die Felder sind befruchtet, Dünger hat sie fett gemacht. IL In dein Joch leg’ ich meinen Nacken, Erde, Ein Ochs, in deinen Wagen eingespannt — Los mit der Peitschel In die öden Felder! Führ* mich — es sehnt sich verlassenes Land. Führ’ mich in meine Steppen, Felsenklippen/ Was ist mir schönes, wenn fremdes Geschmeide? Stroh will ich fressen aus eigenen Krippen Und will auf eigenen Wiesen mich weiden. Ich beug’ den Nacken. Fühf mich, ich will lallen, Ich will ein Kind sein und Same und Frucht .... Wie Desdemona bin ich dir verfallen, Land mein — Othello, wild in Eifersucht. UL Hochtrabend dichtet Ihr und Eure Jünger: Unsere Herzen sind Kosmos, sind All — Und ich — ich möchte, mein Herz ein Dünger, Und ich — ich möchte, mein Herz sei ein Stall. Geliebte Herzen, die im Mist versinken . . . Geliebte Schafe, seid zahlreich wie Sand, Reicht Eure Euter, denn Milch will ich trinken, Schenkt Euren Dünger meinem öden Land. Ihr dichtet: Herzen sind Sternen geweiht. Mein Herz— ein Feld, wo Schafe Nahrung klauben, Denn Sterne haV ich schon vor langer Zeit Mit Appetit verschluckt, wie reife Trauben. Aus dem Hebräischen übertragen von Sem Wolf . noch Börne, der unerschrockene Republikaner, Lassalle, der erste Sozialistenführer, Marx, der vielumstrittene Begründer der radikalsozialistischen Theorien. Und wo bleiben Berthold Auerbach, Bernstein, Toller, Landauer, Buber, Herzl, Nordau, Schnitzler, Arnold und Stefan Zweig, Hofmannsthal, Wassermann, Beer-Hofmann, Karl Kraus, Harden Joel, Kafka, Lublinski, Goll, Heimann, Emil Ludwig, Max Brod, Werfel und Einstein? Wie viele von den hier angeführten Dichtern und Denkern haben schon europäischen Ruhm? Manche könnten jeder Literatur zur Zierde gereichen. Im Pantheon der jüdischen Literatur sind sie nur als Untermieter zu Gaste. Zu Hause heimisch sind nur die hebräisch und jiddisch dichtenden Menschen wie Bialik, Tschernikovski, Agnon, Scholem Alechem, Mendele Mocher Sfarim, Imber, Rosenfeld, Asch Opatoschu und Anski; die man auch im übrigen Europa, ja sogar in Amerika als große Dichter und Schriftsteller würdigt. Abraham Schiionski Von Dr. S. Wolf Wahr und tief spiegeln sich in der zeitgenössischen palästinensischen Dichtung nationale Wiedergeburt, sozialer Aufbau, wie auch das ganze Leben und Leiden eines aufstrebenden Landes. Es gibt heute schon eine ganze Reihe junger, begabter Menschen, welche — zum ersten Male seit den Zeiten der Bibel — hebräisch-palästinensische Dichter sich stolz nennen dürfen. Und einer ist unter denen, der verdient, daß sein Werk bekannt werde auch außerhalb des kleinen Landes und außerhalb der engen Grenzen, die noch immer den hebräisch verstehenden Teil unseres Volkes umfassen. Es ist Abraham Schlionski. Er kam aus Rußland: nach Palästina brachte er seine kranke, russische Seele. Er ist Jude: es begleitete ihm ins neue Land sein leidendes jüdisches Wesen. Daher ist doppelt stark die nihilistische Note, die seinen ersten Gedichten den Stempel der Verzweiflung aufdrückt. Es sind kleine Kunstwerke («Leere» heißt der Zyklus), welche melancholischen Lyrismus mit einem Sturm- und Drang-Temperament vereinigen und geschrieben sind mit einem Schwung, der exakte Strophenform zerschlägt, um sich neue Bahnen zu sichern. Schlionski erlebte in seiner europäischen Heimat die Revolution. Er sang mit anderen den Hymnus der Menschheit, weiche sich nach Erlösung sehnt. Aber dann kam die verhängnisvolle Enttäuschung. Die neue Welt war nicht besser, der gequälte Mensch auch nicht glücklicher. Im Poem «Honolulu» rechnet er mit diesem Erlebnis ab: 'Sdkuh dom Wien. &a&owstraße 8 a j)fe Scenxe «fer XGistunttsf&tki&tkdt fiIr mundteme €Xu€mfitiits~$>«ibutke. Die Vision beginnt mit dem Bilde eines allveinichtenden Umsturzes. Das Ende der senilen Kultur. Vom Ural bis London brennt Europa. Zivilisation auf dem Scheiterhaufen. Obdachlose Menschen werden auf Riesenschiffe gebracht. Todmüde sehnen sich alle nach Regenerierung und es fällt die Lösung: Honolulu! Honolulu ist ein Symbol: große, wilde Urwälder werden gemeint, Dschungel jungfräulicher Erde. Aber — es ist wohl Ironie des Schicksals — auch in den zivilisationsfremden Ländern vollzieht sich ein Umsturz. Die Wilden sahnen sich nach Europa, verbrennen auf dem Scheiterhaufen ihre «Totems» und «Tabus» und rufen: «Nach Paris!» «Nach New York!» Wohin soll dann die ermüdete europäische Menscheit? Der neue Noah-Kolumbus muß mit seiner Riesenflotte einen anderen Kurs nehmen: in das ziellose Nichts. Im Chaos des Unterganges verschwindet der Strohhalm, mit Hilfe dessen der Dichter früher Seifenblasen bließ. Auch die Regenbogenmärchen sind tot . . . Und in Palästina besingt Schlionski nicht die duftenden Orangenhaine, sondern die unscheinbaren Dornensträucher. Er liebt das Leid und das Graue, denn er kennt den Trug der Buntheit. Doch bald beginnt er wie die Erde sich tief nach Befruchtung zu sehnen. Aus den Wüsteneien, welche in brotbringenden Acker umgewandelt werden, kommt ein frischer Hauch. Er verleiht der Seele des Künstlers ein unbekanntes Beben. Schlionski verwirft die Reflexion, die Analyse, die ästhetische Kontemplation. «Die Erde» entsteht, ein stark expressives Poem der Liebe — ein Epos, dessen Heldin Erde ist, gequält durch die Sonne, durch die Trockenheit, und träumend von ihrem Geliebten — dem Regen. Und als der Regen endlich kommt, erstrahlt sie in herlicher Pracht und wird schwanger. Der Dichter identifiziert sich mit der Natur, denn auch seine Seele ist wie eine Erdenkruste, die auf Samen und Wolken«* bruch wartet. Daher ist diese Dichtung der Sehnsucht und der Liebe zugleich der Ausdruck eines kosmischen Erlebnisses. In der Linse seines Künstlertums sammelt Schlionski die Strahlen des Lebens-