Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 94 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 94 Erez-Israel im Jahre 5689 Eine Uebersicht Von Dr. E. Simon, Jerusalem Politik Die politische Entwicklung dieses Jahres steht unter dem Zeichen der Aräberfrage. Gleich der Auftakt gab den leitenden Ton an: am Versöhnungstage haben sich beklagenswerte Ereignisse an der Klageniatier zugetragen. Eine leichte Verletzung des «Status quo» seitens der Juden durch Amfstellen einer spanischen. Wand zwischen den Betstätten der Männer und der Frauen, brutales Eingreifen der Polizei, jüdische Proteste und Demonstrationen in Erez-Israel und der ganzen Welt, arabische Gegendemonstrationen, Verhandlungen beider Parteien mit der englischen Regierung und schließlich Herausgabe eines «Weißbuches» durch diese, in dem gleichzeitig mit dem Besitzanspruch der Araber das Recht der'Juden anerkannt wird, jederzeit an der Klagemauer Gottesdienste abzuhalten. Späterhin fanden es dann aber die englischen Kronjuristen mit dem Status quo vereinbar, den Mohammedanern.nicht nur die Aufrichtung neuer Mauerschichten, sondern auch die Oeffnung einer Tür. von der Klagemauer zur Omarmoschee zu erlauben. Das zweite Thema der arabischen Frage war das einer Beteiligung der Landeseinwohner an der Administration und Regierung, sei es in. der Form-einer bera-; tenden Versammlung oder gar in der eines gesetzgebenden Parlaments. Die Araber wurden nicht müde, diese Forderung zu wiederholen. Die überwiegende Mehrzahl der Juden widersetzte sich dieser Forderung; der High Commissioner aber versprach, bei seinem Sommerurlaub mit der Londoner Zentralregierung Erwägungen über eventuelle konstitutionelle Aenderungen anzustellen. Während dieses Urlaubes nun ereigneten sich im Lande arabische Ueberfälle, die offenbar von langer Hand sorgfältig vorbereitet waren, jedoch, die Landesregierung völlig unvorbereitet trafen. Ohne den jüdischen Selbstschutz wäre sämtlichen Städten und Kolonien das furchtbare Schicksal bereitet worden. Die 'politische Folge dieser Vorgänge ist zunächst einmal-die Unterbrechtng der eben erwähnten Konstitutionsverhandlungen seitens des Oberkommissars, ferner eine' schwere Erschütterung des englischen Ansehens im Lande selbst und im ganzen Orient, sowie schließlich eine aktuelle Zuspitzung des latenten jüdisch-arabischen Gegensatzes. 1 - f' Ausder jüdischen Innenpolitik ist vor allem zu , erwähnen, daß nach..dreijähriger Pause die «Assefath-. Händivchanm». (Delegiertenyersammlung) des palästinischen Jischuw wieder zusammentrat, und zwar, um die sechs Delegierten der Juden Erez-Israels zur erweiterten Jewish Agency zu wählen.. Die praktische Bedeutung dieser Erweiterung wird sich für den Aufbau des Landes erst in den nächsten Jahren auswirken. Diese Delegiertenversammlung wind in dieser Zusammensetzung nicht wiederkehren, da unterdessen die politische Repräsentation der palästinensischen Juden in der — offiziell anerkannten — «Knesseth-Jisrael» eine neue Form gefunden hat, die Neuwahlen erforderlich, macht. In dieser Organisation ist fast der ganze Jischuw geeint -— mit Ausnahme von etwa 10 Prozent Austrittsorthodoxen. tung.hierzu.dienten drei liturgische Kapitel: Malchujöth, Sichronot, Schofroth. Allein die Römer argwöhnten darin, ein Signal zum Aufruhr, daher wurde das Schofarblasen mitsamt den es begleitenden Versen in das Musaph-Gebet verlegt, wo es nicht mehr verdächtig schien. Um aber mit dem Schofarblasen nicht so lange warten zu müssen, führte man das Schofarblasen zwischen Schucharith und Musaph ein, ohne die liturgische Begleitung, die jetzt in den Musaph gehörte. Mit der Zeit konzentrierte sich nun die ganze Andacht auf diese ursprünglich zum Ersatz eingeführten Posaunentöne, ihre Zahl und Reihenfolge wurde festgesetzt, sie wurden in Kapitel eingeteilt mit einem ergreifenden Psalm, mit Lob-und Segenssprüchen umrahmt, auch haben die späteren Kabbalisten viele Gottes- und Engelsnamen darin hineingeheimnist und so avancierte dieses Schofarblasen’ zum Mittelpunkt des Neujahrsgottesdienstes und ist es bis auf den ''nutigen Tag geblieben. Es verdient hervorgeboben zu werden, daß in den mittel- und südeuropäischen Weinländern im Herbst zur-Zeit der Weinlese ih den Weingärten Hornsignale erklingen/welche in Ton und Reihenfolge eine auffallende Aebnlichkeit mit den Schofartönen aufweisen. «Thek'uah, Schebarim, Theruan.» Fragt man die Wächter hach Bedeutung und Ursprung dieser' Signale, so antworten sie, das sei von uralten Zeiten so der Brauch gewesen unter Weinbauern. Der Wein ist bekanntlich aus Vorderasien nach Europa gebracht worden. Mit der Pflanze und ihrer Kultur scheint von dort auch das Hornsignal und seine Musik in unvordenklichen Zeiten nach Europa gekommen zu sein. Der Schofar ertönt übrigens in unseren Synagogen vom zweiten Neumondtage des dem Neujahrsfeste vorangehenden Monats El ul ab, nach jedem Morgengottesdienst, mit Ausnahme des Rüsttages des Neunte etvfmc UXC QJUHlnKEr Seite S Wirtschaft Das Jahr 5689 war ein Jahr nach schwere!: Krise, die aber die eigentlichen Grundlagen des Aufbauwerkes, insbesondere die Landwirtschaft und die Kleinindustrie, unerschüttert gelassen hatte, ein Jahr der Konsolidierungspolitik seitens der Zionistischen Exekutive, des langsamen, aber stetigen Vorwärtskommens der allgemeinen und privaten Wirtschaft, Dies zeigte sich an mancherlei Symptomen: am beinahe völligen Abbau der Arbeitslosigkeit, an der dauernden Steigerung des Orangenexportes, an der stark auflebenden Bäutätig* keit, an der besonders guten Touristensaison und afi der Festigung der Industrie, die heute in 600 Betriebet! etwa 6000' Arbeiter beschäftigt und —* außer den drei großen- Werken:1 Rutenberg (Elektrifizierung des Landes), Nescher (Zement) und Schemen (Oel) sowie einigen wichtigen mittleren Betrieben, vor allem der Textifurid Lebensmittelbränche, besteht. Den Hauptvorteil aus dieser Entwicklung zieht die Regierung durch Zolff, Eisenbahn- und Posteinnahmen sowie durch die landwirtschaftlichen Steuern, verwendet ihre Einnahmen aber nur teilweise wieder zur Entwicklung des Landes. Einmal treibt sie eine gewisse Thesaurierungspolitik; zweitens unterhält sie, fast ausschließlich von den Steuergeldern Palästinas, das transjordanische Grenzkorps;, und drittens hat sie ihre Uebersehiüsse dazu benützt, den Anteil Palästinas an der ottomanischen J Schuld bereits gänzlich zu tilgen,, zu einer Zeit,/wo die J anderen Schuldner . noch gar nicht mit der Tilgung anl gefangen hatten. Immerhin wurden auch in bezug auf ' die Regierungsunterstützungen gewisse Fortschritte erzielt: der Stadt Tel-Aviv wurde ihre Schuld erlassen- und dadurch, ihre Sanierung gewährleistet, gewisse palästinensische Produkte wurden durch Zöllegeschützt, ein Handelsabkommen mit Syrien wurde' unter Berücksichtigung der Wünsche palästinensischer Industrieller abgeschlossen. In der Hauptsache mußte' aber unsere Wirtschaft, natürlich mit Unterstützung der beiden nationalen Fonds, auf sich selber stehen. Daß sie dieses bereits kann, hat sie vor allem im zwei Dingen bewiesen: in dem kollektiven Arbeitsvertrag, der in diesem Jahre zwischen den zwei Hauptträgern des wirtschaftlichen Lebens in Palästina, nämder lautstarke Kassapreis S 65 — oder Anzahlung S 'BO*— und 12 Raten ä S 5 80 mit eingebaUiem Plattenbehälter für 8 bis 10 Schallplatten u. einer doppelseitigen Schlagerpiatfe. —- Große Auswahl ,in. jüdischen und hebräischen Aufnahmen. . Musikhaus Exzelsior Inhaber: Richard Herzog Wien, I., Aälergasse 5. Telephon R 23-4-90 Wien, II., Kl. Pfarrgasae 28. Telephon A 41-6-24 Gute, dabei billige bVcher jeder Literaturrichtung im Antiquariat:; Hermann Tuchner, Wien, II., Große Stadtgutgasse T (Ecke Taborstraße 52) Tel. R. 41-4-20, sehr mäßige Preise, Verzeichnis umsonst, Ankauf ganzer Bibliotheken. lieh der «Allgemeinen Arbeiterorganisation» und der «Indusiriellenvereinigung», beinahe bis zuim .endgültigen Abschluß gefördert wurde, .und in der großen Ausstellung in Tel-Aviv, .die mit ihren 120.000 Besuchern nicht nur ihre sämtlichen Unkosten deckte, sondern auch ztu zahlreichen Kaufabschlüssen geführt hat. Diese ganze Entwicklung erreichte aber ihre Krönung darin, daß die Wiederaufnahme einer.neuen ChäluzimiriWanderung inauguriert werden konnte: 240Ö Zertifikate, die nur der Anfang einer größerem'Entwicklung sind, zeugen für den Beginn der neuen Wirtscltafteenoche. Kultur ' Das geistige Leben Erez-Israels war rffclit triihder rege als das wirtschaftliche. DLe'IUniversität ist'durch die Eröffnung des mathematischen und'den Bau des physikalischen Instituts sowie durch die Errichtung neuer Professuren und Dozenturen weiter /ausgebaut worden. Der Beschluß des Kuratoriums, dem reinen Forschungsbetrieb,’ der unverkürzt erhalten bleiben''-soll, allmählich eine Lehruniversität anzugliedern,: auf welcher regelrechtes Studium mit Abschlußprüfungen und Titelvcrleihungen möglich sein soll, hat schon jetzt, äni ersten Anfang seiner Verwirklichung, die Zähl der Studentenauf 250 erhöht. Innerhalb des Mittel- und Volksschuiwerkes ist, laut Bericht des Erziehungsdepartements der Palästina-Regierung, die Zahl der jüdischen Schüler am 1804 gestiegen, während die der. Christen und der Mohammedaner abgenoimmen hat. Zum Bilde dieses Aufschwunges gehört auch', daß es dem Zionistischen Erziehungsdepartement seit Jahr ren wieder erstmalig gelungen ist, die Gehälter mit einiger Pünktlichkeit auszuzaftien und sogar den'Großteil der Schulden aus' früheren' Jahren zu .‘tilgen«. 'Auchaußerhalb der . großen Kulturorgan?sät:onen bewegtsich das geistige Leben in',den'verschiedensten -Formen.; Wir erwähnen die hebräische Bücherproduktion,!ti jfjec Palästina an der Spitze sämtlicher Länder der iWelt' steht,; da es .„täglich durchschnittfich ein Buch pr.oduZijert; die immer weitere Ausdehnung .der hebräischeft': Presse, zu( deren drei Tageszeitungen,, sechs Wochenschriften* fünf Halbmonatsschriften, , elf Monatsschriften, einer, Zweimonatsschrift und drei Vierteljahirsschriften (im ganzen 29) . im letzten Jahre noch eine, auch ,literarisch', wichtige, Zeitschrift der Rauernong'ähisation und, das* Organ der Schröftstellerorganisätion, «Mosnajim»,.'.hinzugetreten sind. Auch das hebräische Theater, befindet sich, mit der Einbürgerung der «Halbimah» im Lande, auf dem Wege einer bodenständigen Entwicklung^ Die: «Oneg-Schiabbath»-Bewegung schließlich, die letzten Endes auf eine religiös-nationale Erneuerung hinzielt, konnte sich in ihrem Entstehungsorte Tel-Äviv ein eigenes Haus bauen und hat ihren Einfluß nicht, nur äufandere Orte Erez-Israels, sondern sogar schon auf die Diaspora ausgedehnt. jahtrs. (Der Volksmund sagt, daß Satan ' an diesem | zu verrichten. Es ist dies die Thasch jich-Zere Morgen meint, der Schofar, der ihn den ganzen Monat weidlich ärgerte, sei für immer verstummt und ist am nächsten Tag doppelt verwirrt.) ln der Epoche der letzten Geonim, also etwa um das Jahr 1000, kam dieser Brauch in den babylonischen Hochschulen auf. Gleichzeitig verrichete man von diesem Tage bis zum Jom Kippur eigene Bußgebete (Selichoth). Die Sephardim fangen mit dem Selichoth am 15. Eluil, also zwei Wochen vor Rosch ha-Schanah an. In Deutschland längt man damit am; Sabbatausgang nach Mitternacht an, eine oder anderthalb Wochen vor dem Neujahrsfeste. Vom Rhein bis nach dem fernsten Ostasien, wohin Aschkenasim gekommen sind, herrscht dieser Brauch. Auch der andere Brauch, daß nämltoh d:e Jugend die Zeit, seit sich die Gemeinde am Sabbat-Ausgang versammelt, bis Mitternacht, da der Gottesdienst beginnt, dazu benützt/um allerlei (übrigens ungefährlichen) Unfug zu treiben und deswegen von den Erwachsenen verwarnt zu werden pflegt, läßt sich vom Rhein bis tief nach Polen hinein beobachten. Am. ersten Selichoth-Tage wenigstens bis Mittag zu fasten, ist npeh heutzutage üblich. In früheren, festfroheren Zeiten, fastete man. die ganze .. Selichoth-Zeit, dann besonders an den Tagen zwischen.beiden Hauptfesten, mit Ausnahme des Erew jom Kippur. Auch d.e Gräber der verstorbenen Verwandten wurden an diesen Tagen, besucht Am ersten NeujahrStage, und wenn dieser auf einen Sabbat fällt, am anderen, kurz vor Sonnenuntergang, kann man in Berlin zum Beispiel Scharen von frommen Juden sehen, die'sich, kleine Gebetbücher in der Hand, auf der Spreebrücke und unter den Kolonnaden des Kaiser-Friedrich-Museums versammeln,'um ein Gebet monie. An einem fließenden Wässer wird eine. Reihe -Mm Versen aus der Thora und den Psalmen rezitiert, deren zweiter, beginnend «Wirf all’ ihre Sünden in die Tiefen des Meeres» (Michah 7, 19), dreimal wiederholt wird. Daran schließen sich Gebete, die namentlich von den Kabbalisten eifrig ausgebaut wurden. Beim zweiten, dreimal zu wiederholenden Vers wird der Zipfej des Gewandes mit den Schaufäden oder des Obergewandes geschüttelt, um das Abschütteln der Sünden?u symbolisieren. Schon, früh ist dieser Brauch angefochten Worden, man tadelte, ihn als abergläubisch,• oder auch als geeignet, in dem einfachen Menschen die Vorstellung zu wecken, als könnte er materiell,die Sünde von sich abschütteln. Der Brauch hat sich gleichwohl bis auf dort heutigen Tag vielfach erhalten; er regt die Phantasie' des Volkes an und bringt eine frische Note in dioemste Natur des Tages. Charakteristisch für die zehn Bußtage ist die1 aqch. an allen öffentlichen Fasttagen vorgetragene Litanei: «V a t er u ns e r, Koni g u ns er», die . auf Rabbi .•Akiba zurückgeht. Dieser hat den ersten und■ dien le^teiit Vers an einem öffentlichen . Fasttag. votgetyagenY 'zu verschiedenen Zeiten wurden verschiedene Verse eingefügt, im Mittelalter und im 17. Jahrhundert, in Polen, während der Judemnetzeleien durch C hm ie 1 ni^lcl, solche, die sich auf das vergossene Märtyrerblut, beziehen. Heutzutage zählt die Litanei etwa. 40 Vera^, doch existieren verschiedene Lesarten bei Ascbkenazlm und Sefardüim,. Der erste Vers: «Wir haben gesündigt vor ,dir» wird asm Rosch-ha-Schanah nicht rezitiert,, da an diesem [Tage nk&t