Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 94 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 94 ME STIMME SKMP <St Das Jahr 5689. Von Ludwig Bato. Nach altjüdischem Brauch wollen wir jetzt am Ende des ■ Jahres, bevor noch der „Tag des Gerichtes“ heranbricht, auf die Ereignisse des letzten Jahreslaufes einen prüfenden, wägenden Blick werfen. Nicht gerade verheißungsvoll hub das Jahr in Palästina an. Ueber die Begebenheiten im Lande im Jahre 5689 bringen wir an anderer Stelle eine Uebersicht, hier soll bloß darauf hingewiesen werden, daß die Ereignisse an der Klagemauer am letzten Jom Kippur und die Stellungnahme der Regierung bei den Arabern den Boden für die jüngste barbarische Revolte vorbereitet haben. Auch sonst bewegte sich das Verhalten der Palästinaregieirung den Juden gegenüber durchaus nicht auf der Linie der im Mandate vorgeschriebenen Errichtung eines jüdischen Nationalheimes. Aber all diese Ereignisse wurden durch eine einzige Tatsache überwogen: durch unermüdlichen Fleiß und heroische Ausdauer gelang es dem jungen Jischuw, die Wirtschaftskrise zu überwinden. Die Entwicklung der Dinge weist darauf hin, daß das Land einer neuen Blüte entgegengeht. So standen die Dinge im Frühsommer des Jahres. Der wachsenden Bedeutung Palästinas wird auch allmählich Amerika gerecht. Gleich zu Beginn des Jahres, am 20. und 21. Oktober, fand in New York die erste große Konferenz der für die Jewish Agency gewonnenen Nichtzionisten unter Vorsitz von, Louis Marshall statt. Einige Tage später fand die erste Konferenz der von den Zionisten veranstalteten Palästina-Kampagne unter Teilnahme von Weizmann und Warburg statt. Aber die amerikanische Judenheit, die in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren ungezählte Millionen für Synagogen und Spitäler auf- Sewendet hat, gedenkt auch, ihre Pflicht, den Juden im Osten Europas zu helfen, weiterhin brüderlich zu erfüllen. Sie beschloß demnach, die 25-MiIlioneh-DoIlar-Kampagne, die Ende 1930 zu Ende geht und deren Erlös zum größten Teil für die' Ostjudeh bestimmt ist, nach Ablauf der Frist weiter zu führen. Polen. Die durch die Wirtschaftskrise ■ verursachte Arbeits- und Stellenlosigkeit unter den Juden wird noch dadurch erhöht, daß die Regierung jüdische Arbeiter und Angestellte aus den staatlichen Betrieben nach und nach entläßt. Hiezu kommen noch Blutbeschuldigungen um die Pessachzeit und die Aufnahmsbeschränkungen für jüdische Hörer an den Hochschulen. Erfreulich ist dagegen, daß die von der Gesellschaft zur Förderung des Handwerkes und der Landwirtschaft unter den Juden Ort ins Leben gerufenen Schulen einen großen Aufschwung genommen haben, daß die von der Joint Reconstruction Fourdation ins Leben gerufenen 411 Kreditkassen und 47 genossenschaftlichen Mittelstandsbanken großen Schichten kapitalsarmer Juden durch Gewährung billiger Kredite unter die Arme gegriffen haben und schließlich daß es gelungen ist, die in der zionistischen Organisation von Kongreßpolen eingetretene Spaltung zu beheben und alle Zionisten wieder in, einem Verbände zu vereinigen. Ini Nachbärstaate Rumänien stand die Judenheit zu Beginn des Jahres noch immer unter dem furchtbaren Eindrücke der vor einem halben Jahre von der liberalen Regierung angezettelten Ausschreitungen Die naziönalzaranistische Regierung, die sich gegenwärtig am Ruder befindet, scheint den Willen zu haben, mit der antijüdischen Praxis der früheren Regierungen aufzuräumen. Die Neuwahlen haben 2 Zionisten in. den Senat und insgesamt 8 Juden (4 Zionisten, 8 Nationalzaranisten und 1 Sozialisten) in die Kammer gebracht. Leider hat die Regierung ohne Anhörung der legitimen Vertreter der Judenheit ein neues Gemeindegesetz geschaffen, das geeignet ist, die Einheit des Judentums zu zerstören und separatistischen Bestrebungen Tür und Tor zu öffnen. Auch die von Cuza und seinen Anhängern veranstalteten Judenexzesse haben, leider noch kein Ende gefunden. Litauens Judenschaft hat im verflossenen Jahre viel gelitten, was sie um so härter trifft, als sie noch vor einigen Jahren als einzige die Segnungen der jüdischen Autonomie genossen hatten. Woldemaras Regierung, die inzwischen zürttokgetreten ist, ging auch in diesem Jahre mit der frößten Rücksichtslosigkeit gegen die Juden vor, Ausschreitungen und Hetzereien gegen die Juden erfreuten sich weitgehender Straffreiheit. Bezeichnend für die Situation ist, daß die Uni- HiMil! iS Sieder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die KunerokErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg, KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSS FETT versität Kowno auf ihre medizinische Fakultät im verflossenen Jahre überhaupt keine Juden aufnahm. In Lettland, wo sich die Juden eines ruhigeren Daseins erfreuen, ist hei der Neubeschickung des Parlaments ein zionistischer - Wahlsieg zu verzeichnen. Ganz abseits von der großen Heerstraße des jüdischen Lebens ist jetzt das Land gelegen, das einst im jüdischen Osten die führende Rolle innehatte: Rußland. Nach wie vor werden Synagogen enteignet (im Jahre 1928 allein 59 an der Zahl), die hebräische Sprache, die zionistische Bewegung und die jüdische Religion als konterrevolutionäre Erscheinungen auf das heftigste verfolgt und blutig unterdrückt. In den Fabriken werden jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen von den anderen verfolgt, geschlagen und verjagt. Ja, der Antisemitismus reicht bis in die höchsten Regierungsstellen hinauf, die voll Juden allmählich gesäubert werden. Hiezu kommt noch der Umstand, daß der Jude durch die Wirtschaftsform der Sowjets am meisten getroffen wurde. Was Wunder also,' wenn die Zähl der jüdischen Arbeitslosen verhältnismäßig um 11,4 % höher ist als die der allgemeinen Bevölkerung. Um ’ der Wirtschaftskatastrophe der jüdischenMassen zu steuern, hat dieSowjetregierung vor fünf Jahren den Plan gefaßt, eine jüdische landwirtschaftliche Siedlung durchzuführen, wobei jährlich zehntausend Familien, d. i. bis heute 50.000 jüdische Familien hätten angesiedelt werden sollen. Es wurden Kolonien in der Krim und der Ukraine geschaffen, wo insgesamt 15.000 Familien angesiedelt wurden, von denen aber die Hälfte in die Stadt zurückkehrte. Da nun dieser Plan gescheitert war, kam der Plan der Judensiedlung in Bir o-Bidsehan an der sibirisch-mandschurischen Grenze auf. Nun ist aber diese Gegend sehr ungesund. Ueberdies fehlt es vollständig an. Straßen. Von 648 Familien, die nach Birobidschan gingen, sind 72% bereits zurückgekehrt. Indes glaubte die amerikanische Judenheit im Rahmen ihrer Hilfe für Osteuropa, auch hier helfend eingfeifen zu sollen und bestimmte zwei Millionen Dollar für jüdische Siedlungszwecke in Rußland. In Deutschland ist der Radauantisemitismus wohl abgeflaut, aber die planmäßig erfolgenden Friedhofsschändungen werden auch weiterhin fortgesetzt. Das innere Lebender deutschen Juden zeigt eine weitere Konsolidierung. Ein Zeichen der Zeit ist es, daß die Berliner Jüdische Gemeinde, die bisher eine Hochburg des Liberalismus war, zum Vorsitzenden des Vorstandes den Zionisten Georg Kareski gewählt hat. Von den zahlreichen Tagungen ist besonders hervorzuheben die allweltliche Jüdische Frauentagung, die anfangs Juni in Hamburg stattgefunden hat. In Oesterreich haben anfangs Dezember die Wahlen zum Vorstände der Israelitischen Kultusgeraeinde in Wien stattgefunden, die mit einem wesentlichen Rückgang der Stimmen der Union deutschösterreichischer Juden und eine Stärkung der zionistischen Position geendet hat. Die Assimilanten haben bei diesen Wahlen kein Mittel unversucht gelassen» sich in die Ungunst der Wähler einzuechmeicheln. Vor allem bekämpften sie — als einzige jüdische Organisation der Welt — mit den lächerlichsten Argumenten die Minderheitsrechte und die jüdische Schule. Die Wirtschaftskrise hat eich' im abgelaufenen Jahre noch mehr verschärft, wodurch' die Lage der jüdischen Bevölkerung und hiedurch auch die materielle Situation der Wiener jüdischen Gemeinde erheblich schlimmer geworden ist. Italien hat sich mit der römischen Kurie versöhnt und mit ihr ein Konkordat abgeschlossen, wodurch der Staat seine liberalen Traditionen verleugnet und seine jüdische Bevölkerung in eine ungemein schwierige Lage gebracht hat. Die Regierung verweigert vorläufig die Subventionierung der jüdischen Schulen, dagegen will sie ein einheitliches jüdisches Gemeindegesetz schaffen, wobei allerdings die Scheidung nach wie vor untersagt bleiben soll. In Ungarn hat sich weder die politische noch die wirtschaftliche Lage der Juden gebessert. Dagegen legen die ungarischen Juden noch immer sehr wenig jüdischen Gemeinschaftssinn an den Tag. Die in diesem Jahre abgehaltene Konferenz der neologen Gemeinden begrüßte den Pabst und Mussolini anläßlich der Gründung des neuen Kirchenstaates und protestierte gegen die Verfolgung der Katholiken in Mexiko, erwähnte jedoch mit keinem Worte des Palästinaproblems. Ein würdiges Gegenstück bildete die orthodoxe Konferenz, die das Verbot (Issur) des Zionismus erneuerte. Einen Lichtblick gewährt hingegen die Entsendung von zwei prominenten Juden in die Jewish Agency. Mit der traditionellen Freundschaft des Islams für die Judenheit scheint es zu Ende zu sein. In der Türkei leiden die Juden unter einer vollständigen, politischen Entrechtung und die Nachrichten aus Jemen geben von grausamen Judenverfolgungen und erzwungenen Uebertritten zum Islam Kunde. * Das Volk des Buches hat ein ausgeprägtes Kulturleben, die unter, den ungünstigen Wirtschaftsverhältnissen natürlich ungemein zu leiden hat. Darauf ist es auch zurückzuführen, daß die hebräische Tageszeitung „Hazefira“ in Warschau ihr Erscheinen einstellen mußte. Dagegen hat das hebräische Schulwerk der. Tarbut- Organisation in Polen ausgezeichnete Erfolge erzielt. Von 42.323 jüdischen Volkschülern besuchen 20.060 hebräische, 825 hebräisch-jiddische und 734 polnisch-hebräische Schulen. Im abgelaufenen Jahre ist auch in der Tschechoslovakei eine Tarbut-Organisation _ entstanden. Die Alliance geht daran, ihr Schulwerk in Palästina auszuhauen. Von den deutschen. Neuerscheinungen auf dem jüdischen Büchermärkte sind namentlich zu erwähnen: die letzten zwei Bände der Dunnowschen Weltgeschichte des jüdischen Volkes, der. zweite und dritte Band des jüdischen Lexikon, der dritte und vierte Band der Encyclopaedia Judaica (von der übrigens auch schon der erste hebräische Band erschienen ist), Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte der Juden in der Tschechoslovakei sowie von der reichhaltigen und schönen Literatur: Moses von Edmond Fleg. Die Habima hat ihren Sitz in Palästina aufgeschlagen und sich mit Gnessins Teatron Leumi vereinigt. Nicht uninteressant ist die Nachricht, daß der bekannte amerikanische Bankier Otto H. Kahn im Kreise seiner Freunde bemüht ist, das für die Erbauung einer hebräischen Oper in Tel Aviv erforderliche Geld aufzubringen. I sü 1 Die ungünstige wirtschaftliche und politische Lage der Juden im größten Teile der Diaspora hat eine rege Wanderbewegung zur Folge. Das vereinigte Komitee für jüdische Auswandererhilfe H.J.C.E.M. berechnet, daß 1928 ungefähr 40.000 bis 50.000 Juden Osteuropa verlassen haben, um sich eine neue Heimat zu suchen Nun soll auch Palästina wieder die Tore einer großen Einwanderung öffnen! Unter d$n neuen Einwanderungsländern beginnt allmählich' Südamerika eine nahmhafte Rolle zu spielen. In diesem Zusammenhänge sei erwähnt, daß die Frage der jüdischen Staatenlosen, d^ren Zahl etwa 100.000 betragen dürfte, noch immer keine Lösung gefunden hat. •s 1 Die Arbeit der zionistischen 0 r g a - nisationim Vorjahre hat sich namentlich auf die Vorbereitung der Jewish Agency konzentriert. Das Aktionskomitee hat gegen eine verschwindende Minderheit die Richtlinien für daa Abkommen mit den Nichtzionisten festgelegt,, worauf dann die Radikalen beschlossen habend